Schließlich fragte meine Mutter:
„Warum hast du mich nicht einfach gefragt?“
Ich schluckte.
„Das habe ich.“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Du hast gefragt, ob ich einen Hund will.“
„Und du hast Nein gesagt.“
„Natürlich habe ich Nein gesagt.“
Sie strich Bruno über den Kopf.
„Ich habe zu allem Nein gesagt.“
Dann sah sie mich an.
„Weißt du warum?“
Ich antwortete nicht.
„Weil Nein einfach war.“
Sie schaute wieder auf den Tisch.
„Wenn ich Nein gesagt habe, musste ich keine Entscheidung treffen. Ich musste nirgendwohin. Ich musste nichts anfangen. Ich musste nichts verlieren.“
Ich sagte leise:
„Ich dachte, du wolltest einfach allein sein.“
„Das dachte ich auch.“
Dann kam ein Satz, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
„Ich wusste damals nicht, ob es mir wichtig ist, morgen aufzustehen.“
Ich sah sie an.
Sie hob sofort die Hand.
„Nein. Ich wollte mir nichts antun.“
Ihre Stimme war ruhig.
„So war es nicht.“
Sie suchte nach Worten.
„Es war eher … als hätte ich aufgehört, mich darum zu kümmern, ob der nächste Tag etwas mit mir macht.“
Sie deutete in die Küche.
„Warum sollte ich einkaufen?“
„Warum die Blumen neu machen?“
„Warum die Uhr reparieren?“
„Warum irgendetwas planen?“
Ich konnte kaum etwas sagen.
Meine Mutter legte eine Hand auf Bruno.
„Dann saß der da.“
Sie lächelte kurz.
„Und ich wollte ihn wirklich nicht.“
Ich musste trotz allem lachen.
„Das habe ich gemerkt.“
„Ich habe die Tür dreimal zugemacht.“
„Das wusste ich nicht.“
„Doch.“
Sie nickte.
„Ich habe ihn angesehen und gedacht: Bitte geh einfach.“
Bruno schlief weiter.
Meine Mutter strich mit dem Daumen über sein Ohr.
„Aber er ging nicht.“
Dann wurde sie still.
„Irgendwann dachte ich nur: Wenn ich die Tür nicht wieder öffne, wer gibt ihm Wasser?“
Sie sah mich an.
„Verstehst du das, Matthias?“
Ich nickte.
„Das war das erste Mal seit Monaten, dass ich über etwas nachgedacht habe, das fünf Minuten später passieren musste.“
Sie zählte langsam an den Fingern ab.
„Wasser.“
„Futter.“
„Rausgehen.“
„Abends noch einmal.“
„Am nächsten Morgen wieder.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Plötzlich gab es wieder ein nächstes Mal.“
Ich merkte, wie mir die Augen brannten.
Meine Mutter auch.
Aber sie weinte nicht.
Noch nicht.
„Bruno hat deinen Vater nicht ersetzt“, sagte ich.
Sie sah mich fast streng an.
„Das könnte er auch gar nicht.“
Dann wurde ihr Gesicht weicher.
„Aber er hat mir etwas beigebracht.“
„Was?“
Sie legte beide Hände um ihre Tasse.
„Dass ich jemanden vermissen darf, ohne selbst mit ihm verschwinden zu müssen.“
Da musste ich wegsehen.
Meine Mutter stand auf.
Sie ging zu einer Schublade.
Dann kam sie mit etwas zurück.
Die kleine Karte.
Die Karte, die ich damals an Brunos Geschirr befestigt hatte.
Ich hatte nicht gewusst, dass sie sie aufgehoben hatte.
Vorne stand immer noch:
Ich heiße Bruno.
Ich bin ein bisschen unsicher.
Bitte bleib kurz bei mir.
Meine Mutter drehte sie um.
Auf die Rückseite hatte sie etwas geschrieben.
Sie schob die Karte zu mir.
Ich las:
Ich dachte lange, dieser Zettel sei für den Hund gewesen.
Heute glaube ich, er war für mich.
Da konnte ich nicht mehr.
Ich legte meine Hand vors Gesicht.
Meine Mutter stand auf, ging um den Tisch und legte mir die Hand auf die Schulter.
„Jetzt hör auf“, sagte sie.
Das war typisch für sie.
Sie selbst hatte Tränen in den Augen.
„Du hast doch angefangen“, sagte ich.
Sie setzte sich wieder.
Bruno wachte auf und sah uns beide an, als wären wir peinlich.
Dann legte er den Kopf wieder hin.
Einige Monate später fiel mir etwas auf.
Ich saß wieder in der Küche meiner Mutter.
Die Uhr an der Wand tickte.
Ich sah hoch.
Die Zeiger bewegten sich.
„Mama.“
„Was?“
„Die Uhr.“
Sie schaute hin.
„Was ist damit?“
„Sie läuft.“
„Uhren machen das meistens.“
„Du hast die Batterie gewechselt.“
„Irgendwann.“
„Wann?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Ist schon länger her.“
Ich sagte nichts mehr.
Ich hörte nur dieses leise Ticken.
Ein Jahr zuvor hatte sie mich gebeten, die Uhr stehen zu lassen.
Jetzt war sie ihr nicht einmal mehr wichtig genug, um sich daran zu erinnern, wann sie sie wieder in Gang gesetzt hatte.
Heute geht meine Mutter jeden Morgen mit Bruno ihre Runde.
Nicht weit.
Sie ist inzwischen 78.
Bruno bestimmt meistens das Tempo.
An manchen Tagen ist sie gut drauf.
An anderen nicht.
Manchmal spricht sie viel über meinen Vater.
Manchmal gar nicht.
Sein Mantel hängt nicht mehr an der Garderobe.
Aber seine alte Tasse steht noch im Schrank.
Meine Mutter sagt, manche Dinge darf man behalten.
Andere muss man irgendwann loslassen.
Und wieder andere entscheiden selbst, dass sie bleiben.
Wie Bruno.
Vor ein paar Wochen wollte ich nach einem Besuch gerade gehen.
Bruno stand schon an der Haustür.
Meine Mutter sah auf die Uhr.
„Nicht jetzt.“
Er wedelte.
„Du warst vorhin draußen.“
Bruno setzte sich.
„Vergiss es.“
Er legte den Kopf schief.
Meine Mutter seufzte.
Dann nahm sie die Leine.
Ich grinste.
„Du hast doch gesagt, du willst keinen Hund.“
Sie zog ihre Schuhe an.
„Ich wollte auch keine Zimmerpflanzen mehr.“
Sie zeigte Richtung Fenster.
Dort standen wieder fünf.
„Menschen ändern ihre Meinung.“
Ich öffnete die Tür.
Bruno wollte sofort los.
Meine Mutter hielt ihn zurück.
Dann sah sie zu mir.
„Kommst du Sonntag?“
Früher hatte immer ich gefragt.
Jetzt fragte sie mich.
„Ja.“
„Gegen drei?“
„Passt.“
Sie nickte.
Dann ging sie mit Bruno die Straße hinunter.
Ich blieb noch einen Moment vor dem Haus stehen.
Durch das Küchenfenster konnte ich die Uhr sehen.
Der Sekundenzeiger bewegte sich weiter.
Meine Mutter vermisst meinen Vater immer noch.
Das wird vermutlich nie ganz aufhören.
Aber inzwischen spricht sie wieder über nächste Woche.
Über Sonntag.
Über den nächsten Einkauf.
Über Brunos nächste Untersuchung.
Über Pflanzen, die sie im Frühjahr setzen will.
Und manchmal über Dinge, die erst in einem Jahr passieren.
Das Wort, das mich am meisten berührt, ist deshalb kein großes Wort.
Nicht Hoffnung.
Nicht Heilung.
Nicht Neuanfang.
Es ist ein ganz gewöhnliches Wort, das wir meistens benutzen, ohne darüber nachzudenken.
Morgen.
Denn manchmal rettet uns nicht die Antwort auf die große Frage, warum wir weiterleben sollen.
Manchmal reicht zunächst ein kleines Wesen, das morgens vor uns steht und darauf wartet, dass wir aufstehen, die Leine nehmen und mit ihm zur Tür gehen.






