Sechsmal zurückgegeben: Dann fand Bella ausgerechnet bei einem gehörlosen Mann ihr Zuhause

Als Bella zum sechsten Mal zurückkam, wusste ich schon am Geräusch der Eingangstür, dass wieder jemand an ihr gescheitert war.

Sie trug noch das rote Geschirr, das ich ihr drei Wochen zuvor angezogen hatte. Die Leine lag sauber zusammengerollt auf ihrem Rücken. Daneben stand eine Papiertüte mit ihrem Napf, einer Decke und zwei ungeöffneten Packungen Leckerlis.

Bella sah mich nicht an.

Sie ging direkt den Flur hinunter, bog links ab und blieb vor ihrem alten Zwinger stehen.

Genau vor der Tür.

Als hätte sie nie geglaubt, dass sie wirklich fortbleiben durfte.

Ich hieß Jana, war zweiundfünfzig und arbeitete seit elf Jahren in einem kleinen Tierheim am Rand von Lübeck. Ich hatte Hunde gesehen, die vor jeder Hand zurückwichen. Katzen, die wochenlang niemanden an sich heranließen. Alte Tiere, die am Eingang saßen und bei jedem Auto glaubten, ihr Mensch käme zurück.

Aber Bella war anders.

Am Tag war sie beinahe unkompliziert. Sie lief ordentlich an der Leine, sprang niemanden an und ließ sich sogar geduldig die Pfoten abtrocknen.

Nur nachts begann sie zu heulen.

Nicht zu bellen.

Zu heulen.

Lang, tief und so traurig, dass die ersten Familien glaubten, sie müsse Schmerzen haben.

Die sechste Familie hatte vier Nächte durchgehalten. Sie hatten neben ihrem Körbchen geschlafen, ein Licht angelassen und sie abwechselnd beruhigt.

Dann kam Bella zurück.

Ich machte niemandem Vorwürfe.

Menschen mussten schlafen, früh aufstehen und ihren Alltag schaffen. Viele wollten wirklich helfen. Sie waren nicht herzlos. Sie waren einfach irgendwann erschöpft.

Trotzdem war es immer Bella, die wieder im Zwinger landete.

Ich öffnete die Tür.

Sie trat hinein, drehte sich zweimal auf ihrer alten Decke und legte den Kopf auf ihre weiße Vorderpfote. Diese Pfote sah aus, als hätte jemand ihr einen einzelnen Strumpf angezogen.

„Es tut mir leid“, sagte ich.

Bella schloss die Augen.

Ich weiß nicht, ob sie mich verstand.

Vielleicht verstand sie nur, dass sie wieder am Anfang war.

An diesem Abend nahm ich ihre Karte aus dem Ordner. Sechs Rückgaben in zehn Monaten. Sechs verschiedene Haushalte. Sechs Mal derselbe Satz.

Sie hört erst auf, wenn jemand zu ihr kommt.

Ich las ihn immer wieder.

Und irgendwann begriff ich, dass darin vielleicht nicht nur das Problem lag.

Vielleicht war es der Grund.

Bella heulte.

Jemand kam.

Bella heulte länger.

Jemand blieb länger.

Bella heulte lauter.

Jemand nahm die Leine, packte die Decke ein und brachte sie zurück.

Für Bella musste sich das angefühlt haben wie ein Gesetz.

Wenn ich heule, beginnt mein Zuhause zu verschwinden.

In den Tagen danach beobachtete ich sie genauer. Tagsüber lag sie ruhig. Sobald abends alles still wurde, stand sie auf, lief zur Tür und begann zu heulen.

Beim ersten Ton zog sich in mir alles zusammen. Mein Körper kannte die Bewegung schon: aufstehen, zu ihr gehen, die Tür öffnen.

In der ersten Nacht nach ihrer Rückkehr tat ich genau das. Bella hörte sofort auf und drückte sich gegen mein Bein. Als ich später ging, begann sie erneut.

In der zweiten Nacht setzte ich mich nur vor die Tür. Auch da wurde sie still.

In der dritten Nacht blieb ich in meinem kleinen Büro.

Sie heulte lange.

Ich saß auf meinem Stuhl und hielt beide Hände um eine kalte Tasse. Jeder Laut ging mir durch den Körper. Ich redete mir ein, dass ich grausam sei. Dann redete ich mir ein, dass ich es schlimmer machte, wenn ich wieder zu ihr ging.

Nach einer halben Stunde stand ich doch auf.

Meine Hand lag schon auf der Klinke.

Da hörte Bella plötzlich von selbst auf.

Nicht, weil ich bei ihr war.

Nicht, weil ich sie beruhigt hatte.

Sie hörte auf, weil nichts geschah.

Ich blieb noch lange im Flur stehen, ohne die Tür zu öffnen.

Am nächsten Morgen nahm ich das Schild „Zur Vermittlung“ von ihrem Zwinger.

Ich konnte sie nicht noch einmal in irgendein Zuhause geben und hoffen, dass Liebe allein reichen würde.

Unser Tierheim war voll. Fast jede Woche kamen neue Anfragen. Manche konnten die Kosten nicht mehr tragen, andere fanden keine Wohnung mit Tier oder arbeiteten plötzlich länger.

Hinter einer Abgabe steckte nicht immer Gleichgültigkeit. Manchmal war das Leben enger geworden als die guten Absichten.

Trotzdem brauchte Bella keinen beliebigen siebten Versuch.

Sie brauchte den richtigen.

Eine Woche später kam Dominik.

Er war siebenundvierzig und trug eine dunkle Arbeitsjacke, deren Ärmel sauber ausgebessert waren. Auf dem Formular hatte er „Tischler“ angegeben.

Er sprach leise und etwas anders betont. Dominik war fast vollständig gehörlos. Bei der Arbeit trug er ein Hörgerät, zu Hause nahm er es meistens ab. Er las von den Lippen und benutzte die Deutsche Gebärdensprache.

Er hatte seinen Antrag mit der Hand ausgefüllt.

Unter „Warum möchten Sie ein Tier aufnehmen?“ stand:

Meine Werkstatt ist voller Geräusche. Mein Zuhause ist voller Stille.

Unter „Welche Eigenschaften wünschen Sie sich?“ hatte er geschrieben:

Nicht zu klein. Menschenbezogen. Muss nicht perfekt sein.

Ich las den letzten Satz zweimal.

„Hatten Sie schon einmal einen Hund?“, fragte ich langsam und deutlich.

Dominik nickte.

„Vierzehn Jahre lang. Seit einem Jahr bin ich allein.“

Er sagte nicht mehr.

Es klang trotzdem, als hätte er viel gesagt.

Ich zeigte ihm zuerst zwei andere Hunde. Er blieb freundlich, doch sein Blick wanderte immer wieder zum hinteren Flur.

Dort lag Bella.

Ohne Schild.

„Warum hat sie keine Karte?“, fragte er.

Ich zögerte.

„Weil ich nicht weiß, wem ich sie noch anvertrauen kann.“

Dominik sah mich an.

Nicht gekränkt. Nicht herausgefordert.

Nur aufmerksam.

„Darf ich sie sehen?“

Ich hätte Nein sagen können.

Vielleicht hätte ich es sogar sagen sollen.

Stattdessen führte ich ihn zu ihrem Zwinger.

Bella lag mit dem Rücken zu uns. Sie hob nur den Kopf, als Dominik sich vor die Tür kniete.

Er rief sie nicht.

Er pfiff nicht.

Er klopfte nicht gegen das Gitter.

Er hob nur die rechte Hand und machte eine ruhige Bewegung mit den Fingern.

Bella drehte den Kopf.

Dominik gebärdete noch einmal.

Später erklärte er mir, was er gesagt hatte.

Hallo. Ich sehe dich.

Bella stand auf.

Langsam.

Sie kam nach vorn und schob ihre Nase zwischen zwei Gitterstäbe.

Dominik hielt ihr zwei Finger hin. Er berührte sie nicht. Er wartete.

Bella legte die Nase an seine Hand und schloss die Augen.

Dieser kleine Moment machte mir mehr Angst als Hoffnung. Ich hatte Bella schon sechsmal Vertrauen fassen sehen und wusste, wie schnell ein schöner Anfang in einer Papiertüte enden konnte.

Also erzählte ich Dominik alles.

Von den sechs Rückgaben.

Von den Nächten.

Vom Heulen.

Von den Stunden, in denen sie nicht aufhörte.

Davon, dass niemand garantieren konnte, dass es jemals besser würde.

Dominik sah beim Zuhören genau auf meinen Mund. Als ich fertig war, fragte er: „Sie haben Angst, dass ich ihr Heulen nicht höre.“

„Ja“, sagte ich. „Aber nicht nur das. Ich möchte nicht, dass Ihre Gehörlosigkeit als Lösung für ein Problem benutzt wird. Bella leidet. Nur weil Sie den Laut nicht hören, verschwindet ihre Angst nicht.“

Er nickte.

„Das stimmt.“

Ich war erleichtert, weil ich glaubte, damit sei das Gespräch beendet.

Dann sagte er: „Vielleicht bekommt sie bei mir zum ersten Mal die Möglichkeit, Angst zu haben, ohne dafür ihr Zuhause zu verlieren.“

Ich schaute zu Bella.

Sie saß noch immer direkt vor ihm.

„Das ist kein Versuch“, sagte ich. „Sie ist kein Experiment.“

„Für mich auch nicht.“

„Sie kennen sie seit zehn Minuten.“

„Sie kennen sie seit Monaten“, sagte er ruhig. „Und trotzdem wissen Sie nicht, wie sie sich in einem Haus verhält, in dem niemand auf das Heulen reagiert.“

Der Satz traf mich, weil er stimmte.

Trotzdem lehnte ich den Antrag an diesem Tag ab.

Ich sagte Dominik, ich brauche Zeit.

Er diskutierte nicht. Er fragte nur, ob er noch eine Stunde bei Bella sitzen dürfe.

Ich ließ ihn in den kleinen Besuchsraum.

Dominik setzte sich auf einen Stuhl und nahm ein Buch aus seiner Tasche. Bella lag zuerst am anderen Ende des Raumes.

Er lockte sie nicht.

Er schaute nicht ständig zu ihr.

Er ließ sie einfach da sein.

Nach zwanzig Minuten rückte Bella näher.

Nach vierzig Minuten legte sie sich neben seinen Schuh.

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