Als mein Vater seinen alten Hund weggeben wollte, bewies Otto, dass niemand allein bleiben muss

Drei Jahre lang schickte mein Vater mir jeden Morgen um 7.15 Uhr ein Foto seiner Kaffeetasse. An diesem Dienstag blieb mein Handy dunkel.

Ich bemerkte es sofort.

Natürlich bemerkte ich es.

Ich saß bereits in der kleinen Praxis in Hamburg, hatte meinen Mantel über den Stuhl gehängt und die Unterlagen für meinen ersten Termin geöffnet. Neben meinem Computer lag das Telefon mit dem Display nach oben.

7.15 Uhr.

Nichts.

Normalerweise erschien um diese Zeit ein Foto. Immer dieselbe Tasse mit dem dünnen blauen Rand. Manchmal stand sie auf dem Küchentisch, manchmal auf der Fensterbank. Darunter schrieb mein Vater meistens nur zwei Worte:

„Noch da.“

Es war sein trockener Humor.

Ich antwortete fast immer mit einem Daumen nach oben.

An diesem Morgen wartete ich bis 7.20 Uhr. Dann bis 7.30 Uhr.

Ich rief ihn an.

Es klingelte lange, aber niemand ging ran.

Ich sagte mir, dass er verschlafen hatte. Oder dass sein Telefon oben im Schlafzimmer lag. Vielleicht war der Akku leer. Vielleicht saß er gerade im Bad und ärgerte sich darüber, dass ich schon wieder kontrollierte, ob er noch lebte.

Genau darüber hatten wir am Abend zuvor gestritten.

„Du brauchst mich nicht jeden Morgen zu überprüfen“, hatte er gesagt.

„Dann trag wenigstens den Notrufknopf, den ich dir gekauft habe.“

„Ich brauche keinen Knopf.“

„Du bist einundachtzig und wohnst allein in einem Haus mit einer steilen Treppe.“

„Ich wohne nicht allein.“

„Papa, Otto ist ein Hund.“

Danach war es still geworden.

Mein Vater hatte aufgelegt, ohne sich zu verabschieden.

Ich legte mein Telefon neben die Tastatur und begann zu arbeiten.

Das war der Moment, den ich mir später immer wieder vorwarf.

Nicht den Streit.

Nicht den Daumen nach oben, den ich ihm monatelang geschickt hatte, statt anzurufen.

Sondern diese eine Entscheidung am Dienstagmorgen: Ich sah, dass etwas anders war, und machte trotzdem weiter.

Mein Vater hieß Wilhelm Hartmann.

Er hatte mehr als vierzig Jahre an einer Berufsschule unterrichtet. Werkstoffkunde, technisches Zeichnen und alles, was junge Menschen lernen mussten, bevor sie an Maschinen arbeiten durften. Er war ein Mann, der eine schiefe Schranktür nicht ertragen konnte, aber sieben Jahre lang mit einem knarrenden Knie herumlief, weil er keinen Termin machen wollte.

Er lebte noch immer in dem Haus, in dem ich aufgewachsen war.

Es stand am Rand eines kleinen Ortes in Niedersachsen, nicht weit von Lüneburg. Früher hatte es dort einen Bäcker, einen Fleischer, eine Poststelle und zwei Gaststätten gegeben. Als Kind konnte ich jeden Einkauf zu Fuß erledigen.

Heute musste mein Vater für fast alles fahren.

Viele jüngere Leute waren weggezogen. Nach Hamburg, Hannover oder noch weiter. Zurück blieben ruhige Straßen, alte Häuser und Menschen, die sich gegenseitig versicherten, dass sie noch gut allein klarkamen.

Mein Vater war einer von ihnen.

Seit meine Mutter gestorben war, lebte er mit Otto zusammen.

Otto war ein großer Golden-Retriever-Mischling mit breiten Pfoten, einer grauen Schnauze und dem Blick eines Tieres, das mehr verstand, als man ihm zutraute. Meine Mutter hatte ihn damals aus einer privaten Pflegestelle geholt. Er war noch jung gewesen, aber schon zweimal weitergegeben worden.

Mein Vater hatte ihn anfangs nicht gewollt.

„Der verliert Haare“, hatte er gesagt.

Drei Wochen später schlief Otto neben seinem Sessel.

Drei Monate später kaufte mein Vater einen Kombi, weil Otto im alten Wagen zu wenig Platz hatte.

Nach dem Tod meiner Mutter wurde Otto zum Mittelpunkt seines Tages.

Morgens gingen sie dieselbe Runde. Danach bekam Otto sein Futter und mein Vater seinen Kaffee. Mittags lag Otto unter dem Küchentisch. Abends schlief er auf einer alten Wolldecke am Fußende des Bettes.

Diese Decke hatte meiner Mutter gehört.

Sie war braun, schwer und an den Rändern schon mehrfach geflickt worden. Ich hatte meinem Vater zweimal eine neue geschenkt. Beide lagen unbenutzt im Schrank.

Otto schlief nur auf der alten.

Mein Vater sagte immer, das Tier sei eben stur.

Heute glaube ich, Otto wusste genau, warum er dort lag.

Drei Tage vor dem Dienstag war ich bei meinem Vater gewesen.

Ich fuhr etwa alle zwei Wochen zu ihm. Meist brachte ich Lebensmittel mit, wechselte eine Glühbirne, sortierte seine Post und versuchte, unauffällig zu prüfen, ob er noch zurechtkam.

Er hasste das.

„Du gehst durch mein Haus wie eine Sachverständige“, sagte er einmal.

„Ich sehe nur nach dem Rechten.“

„Genau das sagen Sachverständige.“

An jenem Samstag fand ich auf seinem Schreibtisch einen dicken Umschlag.

Darauf stand in seiner ordentlichen Handschrift nur ein Name:

OTTO.

Ich öffnete ihn.

Darin lagen der Impfpass, eine Liste mit Futterzeiten, die Nummer der Tierarztpraxis und mehrere handgeschriebene Seiten.

Otto mochte keine Staubsauger.

Er fraß Tabletten nur, wenn man sie in Leberwurst steckte.

Nach längeren Spaziergängen sollte man seine rechte Hinterpfote kontrollieren.

Er durfte keine großen Mengen Käse bekommen, obwohl er so tat, als würde er ohne Käse sterben.

Zwischen den Papieren lag ein Ausdruck mit Fotos einer älteren Frau, die einen Hund suchte.

Mein Vater stand in der Tür, als ich das Blatt hochhielt.

„Was ist das?“

Er antwortete nicht sofort.

„Papa, was ist das?“

„Eine Möglichkeit.“

„Du willst Otto weggeben?“

Er ging zum Tisch, setzte sich langsam und legte beide Hände auf die Knie.

„Ich kann die große Runde kaum noch laufen.“

„Dann läuft jemand anderes mit ihm.“

„Wer?“

„Ich finde jemanden.“

„Du findest immer jemanden. Oder etwas. Einen Dienst, einen Termin, ein Gerät.“

„Weil du alles ablehnst, was dir helfen könnte.“

Otto lag unter dem Tisch. Bei jedem lauteren Satz hob er den Kopf.

Mein Vater sah zu ihm hinunter.

„Er braucht jemanden, der noch ein paar Jahre mit ihm hat.“

„Du hast noch ein paar Jahre.“

„Das weißt du nicht.“

Diese Worte trafen mich härter, als ich zeigen wollte.

„Dann komm nach Hamburg.“

„Nein.“

„In meiner Nähe gibt es Wohnungen ohne Treppen.“

„Nein.“

„Du könntest wenigstens in einen kleineren Ortsteil ziehen, näher zu Ärzten und Geschäften.“

„Ich ziehe nicht weg.“

„Aber Otto soll weg?“

Mein Vater presste die Lippen zusammen.

„Wenn ich eines Morgens nicht aufstehe, sitzt er hier. Vielleicht einen Tag. Vielleicht zwei. Er kann die Tür nicht öffnen. Er kann niemanden anrufen.“

„Deshalb schickst du mir doch jeden Morgen das Foto.“

„Und wenn du beschäftigt bist?“

Ich sagte nichts.

Er sah mich lange an.

„Du hast dein eigenes Leben, Julia.“

„Du bist Teil meines Lebens.“

„Ich will aber nicht der Teil sein, der nur aus Aufgaben besteht.“

Das machte mich wütend.

Vielleicht, weil ich wusste, dass etwas daran stimmte.

Ich organisierte viel für ihn. Ich bestellte Medikamente, vereinbarte Termine und erinnerte ihn an Rechnungen. Aber wenn er mir ein Foto von Otto schickte, schrieb ich selten mehr als „süß“ oder schickte ein Symbol.

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