Am Dienstagmorgen legte mir ein alter Schäferhund den Schuh eines verschwundenen Mannes vor die Füße, sah mich an und ging los. Fast wäre ich nicht hinterhergegangen.
Ich heiße Martin Keller, bin achtundvierzig und arbeite als Haustechniker in Bremen.
An diesem Morgen war ich um kurz vor sieben am kleinen Einkaufszentrum in unserem Viertel. Ich wollte nur Werkzeug aus einem Lagerraum holen und anschließend zu einem defekten Türschließer in einem Mehrfamilienhaus fahren.
Ein ganz normaler Arbeitstag.
Bis Kaiser auftauchte.
Ich kannte den Hund seit fast zwei Jahren.
Ein großer Schäferhund-Mischling, inzwischen deutlich grau um die Schnauze. Seine Hinterbeine waren steif geworden, und eines seiner Ohren stand nicht mehr richtig. Trotzdem hatte er etwas Würdevolles an sich. Er lief nie hektisch herum, bellte kaum und blieb normalerweise immer dicht bei seinem Besitzer.
Konrad.
Damals wusste ich allerdings noch nicht einmal, dass der Mann so hieß.
In meinem Kopf war er einfach der alte Mann mit dem Schäferhund.
Kaiser kam allein über den Platz.
Das war schon ungewöhnlich.
Noch ungewöhnlicher war der braune Herrenschuh in seinem Maul.
Er blieb direkt vor mir stehen, ließ den Schuh fallen und sah zu mir hoch.
„Was hast du denn da?“
Kaiser drehte sich um.
Er ging vielleicht zehn Meter.
Dann blieb er stehen und sah zurück.
Ich nahm den Schuh nicht auf.
„Ich muss arbeiten.“
Der Hund kam zurück.
Er nahm den Schuh wieder ins Maul, legte ihn diesmal fast auf meine Arbeitsstiefel und ging erneut los.
Wieder blieb er stehen.
Wieder sah er zurück.
Ich weiß noch genau, was ich dachte.
Nicht mein Problem.
Dieser Satz ist mir später oft durch den Kopf gegangen.
Nicht mein Problem.
Es ist erstaunlich, wie leicht man sich damit beruhigen kann.
Konrad hatte fast zwei Jahre lang vor dem kleinen Supermarkt gesessen. Nicht direkt vor der Tür, sondern etwas abseits, neben den Fahrradständern.
Immer am selben Platz.
Er hatte eine alte dunkle Jacke, einen Rucksack und meistens eine Stofftasche bei sich. Seine Kleidung war abgetragen, aber nie völlig ungepflegt. Er rasierte sich nicht regelmäßig, doch wenn er irgendwo Zugang zu einem Waschraum hatte, merkte man es sofort.
Er bettelte nicht.
Das fand ich anfangs fast seltsam.
Er stellte keinen Becher auf.
Er hielt niemandem die Hand hin.
Manchmal sammelte er Pfandflaschen.
Manchmal saß er einfach da und beobachtete die Menschen.
Kaiser lag neben ihm.
Wenn Konrad etwas zu essen hatte, bekam der Hund zuerst etwas.
Daran erinnere ich mich besonders gut.
Einmal hatte ich gesehen, wie Konrad von seinem wenigen Geld zwei kleine Würstchen kaufte.
Beide gab er Kaiser.
Für sich selbst nahm er nur ein trockenes Brötchen.
Ich stand vielleicht fünf Meter entfernt und dachte tatsächlich:
Wenn er mit seinem Geld vernünftiger umgehen würde, wäre vielleicht manches anders.
Heute schäme ich mich für diesen Gedanken.
Damals hielt ich ihn für logisch.
Ich war nie unfreundlich zu Konrad.
Das möchte ich klar sagen.
Aber freundlich?
Wirklich freundlich?
Nein.
Ich grüßte manchmal.
Manchmal stellte ich ihm einen Kaffee hin.
Einmal gab ich ihm zwanzig Euro.
Er nahm den Schein, sah ihn an und reichte ihn mir zurück.
„Danke“, sagte er.
„Nehmen Sie ruhig.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich brauche manchmal etwas zu essen. Aber ich möchte nicht, dass Sie mich bezahlen, damit Sie sich besser fühlen.“
Das traf mich.
Vor allem, weil etwas Wahres darin steckte.
Ich steckte das Geld zurück und ärgerte mich den restlichen Vormittag über ihn.
Nicht über mich.
Über ihn.
Danach redete ich seltener mit ihm.
Und trotzdem sah ich ihn fast jeden Tag.
Zwei Jahre lang.
Ich wusste, welchen Kaffee er mochte.
Ich wusste, dass Kaiser Angst vor Einkaufswagen hatte, wenn sie laut ineinandergeschoben wurden.
Ich wusste, dass Konrad meistens kurz vor acht kam.
Aber seinen Namen wusste ich nicht.
Drei Tage bevor Kaiser mit dem Schuh vor mir stand, war der Platz plötzlich leer gewesen.
Am ersten Tag dachte ich mir nichts dabei.
Vielleicht war Konrad irgendwo untergekommen.
Vielleicht hatte er einen Termin.
Vielleicht war er krank.
Kaiser lag allerdings allein neben den Fahrradständern.
Als ich am Nachmittag wieder vorbeikam, lag er noch immer dort.
Am zweiten Tag war Konrad ebenfalls nicht da.
Kaiser verschwand zwischendurch und kam wieder zurück.
Am dritten Morgen sah ich den Hund erneut allein.
Ich stellte ihm eine Schale Wasser hin.
Er trank kaum.
Dann ging er.
Und am nächsten Morgen kam er mit dem Schuh.
Ich startete meinen Wagen.
Kaiser stand am Rand des Platzes.
Der Schuh lag vor meinen Füßen.
Der Hund wartete.
Ich stieg ein.
Motor an.
Ich fuhr los.
Nach vielleicht zweihundert Metern sah ich in den Rückspiegel.
Natürlich konnte ich Kaiser längst nicht mehr sehen.
Trotzdem fühlte ich mich plötzlich miserabel.
Ich hielt an.
Ich sagte etwas laut, obwohl niemand im Auto war.
„Verdammt, Martin.“
Dann drehte ich um.
Kaiser stand noch genau dort.
Als ich ausstieg, nahm er sofort den Schuh ins Maul.
„Na gut.“
Er ging los.
Ich folgte ihm.
Nicht weit.
Vielleicht sieben oder acht Minuten.
Kaiser führte mich hinter mehrere ältere Wohnhäuser, vorbei an Müllcontainern und Fahrradkellern, zu einer Reihe kleiner Garagen.
Vor einer Garage blieb er stehen.
Das Tor war nicht abgeschlossen, sondern nur angelehnt.
Kaiser schob seine Schnauze dagegen.
Ich öffnete es vorsichtig.
Drinnen war niemand.
Aber ich verstand sofort.
Hier hatte Konrad geschlafen.
Auf dem Betonboden lag eine dünne Isomatte. Daneben standen ein Wassernapf und eine kleine Plastikkiste mit Konserven.
An der Wand hing eine zweite Jacke.
In einer Ecke lag eine sauber gefaltete Decke.
Alles war ordentlich.
Fast peinlich ordentlich.
Als hätte jemand versucht, selbst in einem Raum, der eigentlich kein Zuhause war, nicht die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.
Kaiser legte den Schuh auf die Matte.
Dann setzte er sich.
Ich stand einfach da.
Auf einmal fühlte es sich falsch an, mich umzusehen.
Als wäre ich in jemandes Schlafzimmer gegangen.
Auf einer kleinen Holzkiste lag eine Blechdose.
Der Deckel war nicht geschlossen.
Ich sah hinein.
Ein paar Papiere.
Ein alter Schraubendreher.
Ein Foto.
Ich nahm nur das Foto heraus.
Darauf war Konrad vielleicht Anfang vierzig.
Kräftiger als heute.
Kurze Haare.
Saubere Arbeitskleidung.
Neben ihm stand eine Frau.
Beide grinsten in die Kamera.
Nicht dieses gezwungene Lächeln, das man für Fotos macht.
Sie sahen aus wie Menschen, die gerade wirklich glücklich waren.
Auf der Rückseite stand:
„Unser erster gemeinsamer Urlaub, 1989.“
Ich setzte mich auf einen umgedrehten Eimer.
Das war der Moment, in dem sich etwas in meinem Kopf verschob.
Bis dahin hatte ich Konrad unbewusst in eine Schublade gesteckt.
Obdachlos.
Alt.
Schwierig.
Selbst schuld vielleicht ein bisschen.
Man denkt solche Dinge nicht immer in ganzen Sätzen.
Sie sind einfach da.
Aber dieser Mann auf dem Foto war kein „Obdachloser“.
Er war Elektriker gewesen.
Das erfuhr ich später.
Er hatte eine Frau gehabt.
Urlaub gemacht.
Rechnungen bezahlt.
Werkzeug gekauft.
Montagmorgens vermutlich genauso wenig Lust auf Arbeit gehabt wie ich.
Er hatte einmal einen Wohnungsschlüssel in der Tasche getragen.
Einen Briefkasten gehabt.
Einen Küchentisch.
Dann war irgendetwas passiert.
Nicht an einem einzigen Tag.
Wahrscheinlich Stück für Stück.
Kaiser stand plötzlich wieder auf.
Er ging in eine Ecke, nahm einen alten Arbeitshandschuh ins Maul und kam damit zu mir.
„Was denn noch?“
Er legte ihn vor mir ab.
Dann ging er zum Garagentor.
„Konrad ist nicht hier.“
Kaiser sah mich an.
Da begriff ich.
Die Garage war nicht das Ziel.
Sie war nur der Anfang.
Ich steckte mein Werkzeugtelefon ein, zog das Garagentor zu und folgte ihm weiter.
Kaiser ging langsam.
Sehr langsam.
Seine Hinterläufe wirkten unsicher.
Nach einigen hundert Metern blieb er stehen.
Nicht weil er die Spur verloren hatte.
Weil er nicht mehr konnte.
Er setzte sich.
Atmete.
Dann stand er wieder auf.
Ich wollte ihn anfassen.
Er wich meiner Hand aus.
„Schon gut.“
Wir gingen weiter.
Unterwegs musste ich an das längste Gespräch denken, das ich jemals mit Konrad geführt hatte.
Es war einige Monate zuvor gewesen.
Ich hatte an einer defekten Außenlampe gearbeitet.
Konrad saß in der Nähe.
Plötzlich fragte er:
„Herr Keller, darf ich Sie etwas fragen?“
Ich war überrascht, dass er meinen Namen kannte.
„Ja.“
„Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Menschen aufhören, Sie anzusehen?“
Ich lachte kurz.
Nicht aus Bosheit.
Ich wusste einfach nicht, was ich antworten sollte.
„Wie meinen Sie das?“
„Wenn man älter wird.“
Ich dachte, er rede über seine Situation.
Doch er meinte etwas anderes.
„Früher“, sagte er, „wenn ich irgendwo reinkam, war ich Konrad. Elektriker. Ehemann. Kollege. Nachbar. Irgendwann war ich nur noch der alte Mann.“
Das war übrigens das erste Mal, dass ich seinen Vornamen hörte.
Und ich hatte ihn trotzdem vergessen.
Er erzählte mir damals ein bisschen von seiner Frau.
Nicht viel.
Sie war gestorben.
Danach hatte er schlechter geschlafen.
Er machte auf der Arbeit Fehler.
Er zog sich zurück.
Er verlor erst Kontakte, dann seine Stelle und irgendwann auch seine Wohnung.
Nicht alles auf einmal.
Das war ihm wichtig.
„Die Leute glauben immer, man fällt plötzlich tief“, sagte er.
Dann tippte er mit dem Finger auf den Boden.
„Aber meistens geht es Stufe für Stufe.“
Ich hatte auf die Uhr gesehen.
Das weiß ich noch.
Ich hatte einen Termin in einem anderen Haus.
Also sagte ich:
„Ich muss weiter.“
Konrad nickte.
„Natürlich.“
Und ich ging.
Jetzt lief ich hinter seinem alten Hund her und erinnerte mich an jedes Wort.
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