Juna kämpfte sechs Stunden mit einem Glas um den Kopf für vier hungrige Welpen

Sechs Stunden schlug die Hündin ein Glas gegen Bäume, doch nach ihrer Rettung kroch sie zurück zu den Scherben.

Klopf.

Stille.

Klopf.

Ich hob die linke Hand, und fünf Motorräder hinter mir wurden langsamer.

„Motoren aus“, sagte ich.

Wir standen auf einem schmalen Forstweg im Thüringer Wald, weit genug von der nächsten Ortschaft entfernt, dass dort eigentlich nur Vögel, Insekten und unsere Maschinen zu hören sein sollten.

Doch irgendwo zwischen den Bäumen klopfte etwas gegen Holz.

Klopf.

Pause.

Klopf.

Maren nahm ihren Helm ab.

Sie war 44, klein, drahtig und arbeitete seit über zwanzig Jahren in einer freien Motorradwerkstatt. Wenn irgendwo etwas klapperte, quietschte oder schliff, hörte sie meistens als Erste, was nicht stimmte.

„Das ist kein Specht“, sagte sie.

Wir stellten die Motorräder ab und gingen zu Fuß weiter.

Vielleicht achtzig Meter vom Weg entfernt sahen wir sie.

Eine abgemagerte Hündin kam zwischen zwei Fichten hervor.

Ihr Kopf steckte vollständig in einem großen Glas.

Sie taumelte.

Bei jedem zweiten Schritt schlug das Glas gegen einen Stamm oder eine Wurzel. Der schwere Behälter zog ihren Kopf nach unten. Auf der Innenseite war das Glas beschlagen.

Die Hündin konnte kaum noch sehen.

Als sie unsere Schritte hörte, versuchte sie zu fliehen.

Das Glas prallte gegen eine Fichte.

Sie stürzte auf die Seite.

Dann stand sie wieder auf.

Was mich sofort wunderte: Sie lief nicht einfach weg von uns.

Sie wollte immer in dieselbe Richtung.

Nach Nordwesten.

„Nicht hinterherjagen“, sagte Jörg.

Jörg war früher Rettungssanitäter gewesen. Mit seinen 58 Jahren war er der ruhigste Mann unserer Gruppe.

Wir bildeten langsam einen Halbkreis.

Die Hündin schaffte vielleicht noch zehn Meter, dann brachen ihre Beine weg.

Ich kniete mich hinter sie und hielt das Glas fest.

Durch die milchige Scheibe konnte ich ihre Augen sehen.

Halb geschlossen.

Ihre Zunge war dunkel.

Speichel klebte überall an der Innenseite.

Jörg legte zwei Finger an ihren Brustkorb.

„Viel zu schnell.“

Maren holte unsere Verbandstasche.

Wir versuchten zuerst alles, was keinen zusätzlichen Schaden verursachen würde.

Etwas Öl am Rand.

Vorsichtig drehen.

Die Ohren zurücklegen.

Keine Chance.

Das Glas war vermutlich problemlos über ihren Kopf gerutscht. Aber inzwischen waren ihre Ohren und der Hals so stark angeschwollen, dass es nicht mehr zurückging.

Dann setzte ihre Atmung für einen Moment aus.

Jörg sah mich an.

„Wir müssen das Glas zerbrechen.“

Ich hatte schon Scheiben eingeschlagen, um nach Unfällen an Menschen heranzukommen.

Aber diesmal befanden sich direkt hinter dem Glas zwei Augen, zwei Ohren und ein Hals, der ohnehin schon verletzt war.

Wir wickelten das Glas in mehrere Lagen Stoff.

Maren hielt den Kopf der Hündin ruhig.

Ich setzte den Glasbrecher am Boden des Behälters an.

Ein kurzer Druck.

Knack.

Die Hündin zuckte.

Wir entfernten die großen Stücke langsam und einzeln.

Als das letzte Stück vom Hals gelöst war, riss sie ihr Maul auf und sog die Luft ein.

Ein raues, nasses Geräusch.

Dann sackte sie über meinen Schuhen zusammen.

Jörg hielt ihr Wasser hin.

Sie drehte den Kopf weg.

Maren öffnete eine Packung mit Hundefutter, die sie für ihren eigenen Hund im Begleitwagen hatte.

Keine Reaktion.

Stattdessen sah die Hündin auf die eingewickelten Glasscherben.

Dann begann sie zu kriechen.

„Was macht sie denn?“

Ich hielt sie zurück.

Sie winselte.

Nicht laut.

Nicht ängstlich.

Ungeduldig.

Ihre rechte Pfote scharrte über den Stoff, unter dem die Scherben lagen.

Maren kniete sich hin.

„Da ist etwas drin.“

Zwischen zwei Glasstücken lag ein trockener Brotrest.

Nur das harte Ende einer Scheibe.

Ich nahm es heraus.

Die Hündin hob sofort den Kopf.

Ich hielt ihr das Brot hin.

Sie nahm es ganz vorsichtig zwischen die Vorderzähne.

Aber sie fraß es nicht.

Sie drehte sich um.

Wieder nach Nordwesten.

Nach vielleicht sechs Schritten brach sie zusammen.

Ich hob sie hoch.

Sie wog erschreckend wenig.

Unter dem Fell konnte ich jede Rippe fühlen.

„Wir müssen sofort zur Tierklinik“, sagte Jörg.

Natürlich hatte er recht.

Doch als ich mich Richtung Forstweg drehte, begann die Hündin plötzlich zu kämpfen.

Mit einer Kraft, die ich ihr nicht mehr zugetraut hatte.

Sie stemmte die Vorderpfoten gegen meine Brust.

Das Brot hielt sie weiter fest.

Ich drehte mich wieder in Richtung Wald.

Sofort wurde sie ruhig.

Maren sah mich an.

„Noch mal.“

Ich drehte mich zum Weg.

Die Hündin wehrte sich.

Ich drehte mich nach Nordwesten.

Ruhe.

Jörg sah zwischen den Bäumen hindurch.

„Da draußen ist etwas.“

Wir entschieden, nur ein kurzes Stück zu folgen. Gleichzeitig sollte unser Begleitfahrer einen örtlichen Förster verständigen und mit dem Wagen näherkommen.

Ich trug die Hündin.

Maren ging neben mir.

Und das Tier zeigte uns den Weg.

Wenn ich an einer falschen Stelle zwischen den Bäumen hindurchwollte, hob sie den Kopf.

Wenn ich richtig lief, entspannte sie sich.

Nach einigen Minuten fanden wir im feuchten Boden eine breite Schleifspur.

Darin glitzerten winzige Glassplitter.

Daneben lag ein Pfotenabdruck.

In der Mitte war Blut.

An mehreren Baumstämmen sahen wir halbkreisförmige Kratzer in genau der Höhe, in der das Glas gehangen hatte.

Und dann entdeckten wir etwas anderes.

Kleine Abdrücke.

Viel kleiner.

„Welpe“, sagte Jörg.

Keiner von uns antwortete.

Wir gingen schneller.

Die Hündin hatte das Brot noch immer nicht angerührt.

Etwas weiter lag unter einem Baum eine alte, eingedrückte Blechschüssel.

Leer.

Es sah aus, als hätte hier irgendwann jemand Hunde gefüttert.

Oder zurückgelassen.

Die Hündin machte plötzlich ein leises Geräusch.

Drei kurze Töne.

Dann noch einen.

Aus dem Dickicht kam eine Antwort.

So schwach, dass ich zuerst dachte, ich hätte mich verhört.

Dann wieder.

Vier dünne Stimmen.

Die Hündin sprang fast aus meinen Armen.

Wir schoben uns durch junge Fichten und Brombeerranken.

Unter einem umgestürzten Baum hatte das Wurzelwerk eine kleine Höhle freigelegt.

Alte Säcke und ein Stück verblichenes Handtuch lagen davor.

Die Hündin begann am ganzen Körper zu zittern.

Ich setzte sie ab.

Sie konnte nicht mehr stehen.

Also kroch sie.

Vier Meter.

Drei.

Zwei.

Noch immer das Stück Brot im Maul.

Unter den Wurzeln bewegte sich etwas.

Dann sah ich ein kleines Gesicht.

Ein zweites.

Ein drittes.

Ein viertes.

Vier Welpen lagen dort eng aneinander.

Vielleicht fünf oder sechs Wochen alt.

Zwei gestromt wie ihre Mutter.

Einer schwarz mit weißer Brust.

Der kleinste war hellbraun und so dünn, dass sein Kopf viel zu groß für seinen Körper wirkte.

Die Hündin kroch zu ihnen.

Dann legte sie das Brot auf die alten Blätter.

Der kleinste Welpe versuchte hineinzubeißen.

Es war zu hart.

Also nahm die Mutter eine Seite zwischen die Zähne, leckte die andere weich und schob den feuchten Teil zum Welpen.

Danach zum nächsten.

Und zum nächsten.

Sie selbst nahm keinen Bissen.

Maren wandte den Kopf ab.

Jörg setzte sich einfach auf den Boden.

Ich hatte gedacht, ich hätte verstanden, warum diese Hündin sich beinahe umgebracht hatte.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen