Zwei Welpen bewegten sich nicht mehr, doch die erschöpfte Hündin vor dem Karton weigerte sich zu trinken und führte uns zu einem dunklen Geheimnis.
„Nicht anfassen.“
Matthias sagte es so leise, dass ich ihn kaum verstand.
Meine Hand schwebte bereits über dem kleinsten Welpen. Er lag auf der Seite, kaum größer als meine Handfläche. Kein Winseln. Keine Bewegung.
Da stellte sich die Mutterhündin vor mich.
Oder besser gesagt: Sie versuchte es.
Ihre Hinterbeine zitterten. Unter dem staubigen, sandfarbenen Fell konnte ich jede Rippe sehen. Ein Ohr stand aufrecht, das andere knickte zur Seite. An einer Hinterpfote klebte Blut.
Trotzdem schob sie ihren Körper zwischen meine Hand und ihre Jungen.
„Schon gut, Mädchen“, murmelte ich.
Sie knurrte nicht.
Sie sah nur auf die Wasserflasche in meiner linken Hand.
Wir waren sechs Motorradfahrer, alle zwischen Ende vierzig und Anfang sechzig. Männer mit grauen Bärten, alten Tätowierungen, Rückenproblemen und der festen Überzeugung, dass uns nach vielen Jahren auf der Straße nicht mehr viel überraschen konnte.
Diese Hündin belehrte uns innerhalb von zehn Minuten eines Besseren.
Wir waren auf einer kleinen Landstraße in Brandenburg unterwegs gewesen, weit entfernt von größeren Orten. Zwischen trockenen Kiefernflächen und alten Feldwegen war die Hündin plötzlich aus einem Graben gekommen.
Sie lief mitten auf die Straße.
Rainer bremste zuerst.
Ich dachte, sie würde erschrocken wegrennen.
Tat sie nicht.
Sie stand da, sah uns an und rannte dann etwa hundert Meter vor uns her.
Dann blieb sie stehen.
Drehte sich um.
Wartete.
Als wir langsamer wurden, kam sie zurück.
Dann lief sie wieder los.
„Die will, dass wir mitkommen“, sagte Matthias.
Ich lachte noch.
Zehn Minuten später lachte keiner mehr.
Die Hündin hatte uns über einen sandigen Waldweg zu einem alten Pappkarton unter einer Kiefer geführt.
Fünf Welpen lagen darin.
Drei bewegten sich schwach.
Zwei nicht.
Der Karton war feucht und weich geworden. Die Luft darin stand. Die kleinen Körper lagen dicht aneinander, obwohl kaum Schatten vorhanden war.
Ich schraubte die Wasserflasche auf.
Die Hündin kam sofort näher.
„Du zuerst“, sagte ich.
Ich stellte den Deckel mit Wasser vor sie.
Ihre Nase berührte fast die Oberfläche.
Aber sie trank nicht.
Stattdessen sah sie zum Karton.
Also nahm ich einen Tropfen Wasser auf den Finger und strich ihn über das Zahnfleisch des kleinsten Welpen.
Nichts.
Noch ein Tropfen.
Matthias hielt seine Motorradjacke über uns, um mehr Schatten zu schaffen. Kurt holte Handtücher aus dem Gepäck. Rainer kniete schweigend hinter mir.
Ich rieb den kleinen Körper vorsichtig trocken.
Dann bewegte sich eine Vorderpfote.
Nur ganz leicht.
„Da!“, sagte Rainer.
Ich gab ihm einen weiteren Tropfen.
Diesmal schluckte der Welpe.
Die Mutter sah es.
Und brach zusammen.
Ihre Vorderbeine knickten einfach weg.
Ich konnte sie gerade noch an der Schulter auffangen.
Ihr Herz raste. Das Zahnfleisch war trocken. Ihre Pfoten waren wund gelaufen.
Jetzt verstand ich.
Sie war nicht zu uns gekommen, weil sie selbst Hilfe wollte.
Sie hatte uns geholt.
Kurt telefonierte mit einer Tierarztpraxis mit Notdienst. Matthias benetzte vorsichtig ihre Ohren und Pfoten. Wir schoben die Welpen an ihren Bauch.
Da fiel mir das schwarze Teil an ihrem Halsband auf.
Zuerst hielt ich es für eine Hundemarke.
Es war ein GPS-Sender.
Das Gehäuse war zerkratzt. Eine Nummer auf der Rückseite war offenbar absichtlich unkenntlich gemacht worden. Das Halsband selbst war einmal durchtrennt und anschließend mit einer blauen Schnur zusammengebunden worden.
Darunter war ihre Haut wund gescheuert.
Eine kleine grüne Lampe blinkte noch.
Irgendjemand hatte also zumindest theoretisch wissen können, wo diese Hündin war.
Aber niemand war gekommen.
Als sie kurz die Augen öffnete, sah sie nicht zu uns.
Sie sah zurück in Richtung Norden.
Damals glaubten wir, sie denke an Wasser.
Später erfuhren wir, dass dort etwas lag, vor dem sie mehr Angst hatte als vor sechs fremden Männern auf Motorrädern.
Ich heiße Rolf Mertens. Die meisten meiner Freunde nennen mich seit Jahren Bär.
Ich war damals 53.
Den Erste-Hilfe-Koffer in meiner Seitenbox hatte ich wegen meiner Frau behalten.
Sabine hatte früher in einer Tierarztpraxis gearbeitet. Nach ihrem Tod brachte ich es nicht übers Herz, ihre Sachen vollständig wegzuräumen. Verbände, Kochsalzlösung, Einmalhandschuhe, kleine Spritzen ohne Nadeln, Traubenzuckergel – alles lag noch dort.
An diesem Nachmittag war ich zum ersten Mal dankbar dafür.
Wir schafften die Hündin und ihre fünf Jungen mit Hilfe zweier Autofahrer in eine nahegelegene Tierklinik.
Unterwegs hörte der kleinste Welpe plötzlich auf zu atmen.
Wir hielten sofort an.
Ich rieb seinen Brustkorb mit einem Handtuch. Matthias kniete neben mir. Rainer stand dahinter und sah aus, als würde er lieber einen gebrochenen Arm versorgen als dieses winzige Tier.
Zehn Sekunden.
Zwanzig.
Dann kam ein dünner Atemzug.
Rainer drehte den Kopf weg.
„Mach weiter“, sagte er nur.
In der Klinik nahm man uns die Tiere sofort ab.
Eine Tierärztin namens Katrin Seidel kam später zu uns.
Die Mutter war schwer dehydriert. Ihre Ballen waren wund und teilweise verbrannt. Die Nierenwerte machten Sorgen.
Drei Welpen waren schwach, aber stabil.
Die beiden kleinsten lagen in Wärmeboxen.
„Sie haben eine Chance“, sagte Frau Seidel.
Dann legte sie den GPS-Sender auf den Tisch.
Eine Mitarbeiterin hatte im Inneren des Geräts eine zweite Kennnummer gefunden.
Der Sender gehörte zu einer privat finanzierten Forschungsanlage, etwa dreißig Kilometer von der Fundstelle entfernt.
Die Hündin war dort nicht mit einem Namen registriert.
Nur mit einer Nummer.
C-17.
Ich weiß noch, wie Rainer mich ansah.
„Nicht mal einen Namen?“
Nein.
In den Unterlagen stand, dass sie für Tests zur Geruchsorientierung und Navigation eingesetzt worden war.
Außerdem stand dort, sie sei neun Tage zuvor ausgebrochen.
Die Welpen waren ungefähr neun Tage alt.
Das machte uns stutzig.
Noch seltsamer war, dass offenbar keine öffentliche Suchmeldung erfolgt war.
Frau Seidel rief bei der Anlage an.
Ein Mann meldete sich.
Sie erklärte, wo sich die Hündin befand und dass sie fünf Welpen bei sich hatte.
Am anderen Ende blieb es kurz still.
Dann sagte der Mann, die Tiere müssten zurückgebracht werden.
Nicht: Geht es ihnen gut?
Nicht: Haben die Welpen überlebt?
Nur: zurückbringen.
Frau Seidel fragte, warum die Hündin nirgendwo als vermisst gemeldet worden war.
Das Gespräch wurde beendet.
Etwa eine halbe Stunde später erschienen zwei Männer in Arbeitskleidung in der Klinik.
Einer trug eine Fangstange.
Als die Hündin ihn durch die Glasscheibe sah, passierte etwas, das ich nie vergessen werde.
Sie lag vorher völlig erschöpft neben ihren Welpen.
Plötzlich versuchte sie aufzustehen.
Der Infusionsschlauch spannte sich.
Sie schob ihren Körper vor die Wärmebox.
Ihre Lippen gingen zurück.
Kein Bellen.
Nur Angst.
Der Mann zeigte auf sie.
„Das ist C-17.“
Frau Seidel stellte sich in den Flur.
„Warum brauchen Sie dafür eine Fangstange?“
„Sie kann schwierig sein.“
Schwierig.
Diese Hündin konnte kaum vier Sekunden stehen.
Aber für ihre Jungen stand sie trotzdem auf.
Ich stellte mich neben Frau Seidel.
Dann Rainer.
Dann Matthias.
Nach wenigen Sekunden standen wir sechs Männer im Flur.
Niemand drohte.
Niemand schrie.
Wir standen einfach da.
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