Unser Hund sprang in den reißenden Fluss, bevor wir begriffen, dass unser siebenjähriger Sohn verschwunden war, und er ließ ihn nicht mehr los
Fiete war schon im Wasser, bevor ich überhaupt begriff, dass Jannik nicht mehr neben uns stand.
Ich sah nur noch den gelben Kopf unseres Hundes zwischen braunen Wellen. Weiter vorne tauchte für einen Augenblick ein kleiner Arm auf. Dann verschwand er wieder.
„Jannik!“
Mein Mann Matthias rannte zur Böschung. Ich hinterher. Unsere vierjährige Tochter Lina stand neben der Picknickdecke und schrie.
Sekunden vorher war alles noch völlig normal gewesen.
Wir hatten an einem kleinen Fluss im Sauerland gesessen, nicht weit von unserem Zuhause. Matthias hatte Brote ausgepackt, Lina spielte mit einem roten Plastikbecher, und Jannik warf kleine Äste ins Wasser.
Der Fluss führte nach den starken Regenfällen der vergangenen Tage deutlich mehr Wasser als sonst.
Wir hatten den Kindern gesagt, dass sie Abstand halten sollten.
Mehrmals.
Dann rollte Linas Becher über das Gras.
Jannik sprang auf.
„Ich hol ihn!“
Mehr sagte er nicht.
Er lief zwei Schritte Richtung Ufer, streckte die Hand aus und rutschte auf dem nassen Boden weg.
Ich sah noch, wie seine Arme hochgingen.
Dann war er weg.
Matthias erreichte als Erster die Böschung.
„Jannik! Halt dich fest!“
Aber woran sollte sich ein siebenjähriges Kind mitten in dieser Strömung festhalten?
Jannik tauchte wieder auf. Sein Gesicht war kreidebleich. Er schlug mit den Händen aufs Wasser, während die Strömung ihn immer weiter von uns wegzog.
Und dann sah ich Fiete.
Unser fünfjähriger Labrador-Schäferhund-Mischling hatte nicht gebellt.
Er hatte nicht auf ein Kommando gewartet.
Er war einfach gesprungen.
Fiete war groß, kräftig und eigentlich ein ziemlich gemütlicher Hund. Er klaute Socken, schnarchte unter dem Küchentisch und stellte sich jeden Abend vor Janniks Kinderzimmer, bis der Junge eingeschlafen war.
Wir hatten oft gesagt, Fiete gehöre zur Familie.
An diesem Tag begriff ich zum ersten Mal, was diese Worte wirklich bedeuteten.
Die Strömung traf ihn hart.
Ein Ast schlug gegen seine Seite. Wasser schwappte über seinen Kopf. Für einen Moment sah ich nichts mehr von ihm.
Dann tauchte Fiete wieder auf.
Er schwamm direkt auf Jannik zu.
„Fiete!“, rief Matthias.
Der Hund reagierte nicht.
Seine Augen waren nur auf unseren Sohn gerichtet.
Jannik versuchte, nach ihm zu greifen, verfehlte sein Fell aber. Fiete kam näher, wurde von der Strömung wieder weggedrückt und kämpfte sich erneut heran.
Beim zweiten Versuch packte er Jannik hinten am Kragen seines blauen T-Shirts.
Mein Sohn schrie auf.
Dann klammerte er sich in Fietes Fell.
Ich weiß noch, dass ich dachte: Jetzt zieht es beide weg.
Fiete drehte seinen Körper schräg zur Strömung.
Er schwamm nicht direkt gegen das Wasser an. Er versuchte, seitlich Richtung Ufer zu kommen.
Woher er wusste, dass das die einzige Chance war, weiß ich bis heute nicht.
Matthias war inzwischen bis zur Hüfte im Wasser.
Bei jedem Schritt rutschten ihm die Steine unter den Schuhen weg. Zweimal wäre er beinahe selbst gestürzt.
„Jannik, halt Fiete fest!“
Ob Jannik ihn hörte, weiß ich nicht.
Sein Gesicht tauchte immer wieder unter.
Aber Fiete ließ den Kragen nicht los.
Dann prallte er gegen einen Felsen.
Sein Jaulen hörte ich sogar durch das Rauschen.
Sein rechtes Vorderbein knickte weg.
Ich dachte, jetzt würde er loslassen.
Er tat es nicht.
Fiete schwamm mit drei Beinen weiter.
In diesem Moment kam unser Nachbar Rolf angerannt. Er war Anfang sechzig und hatte früher bei der Feuerwehr gearbeitet. Er hatte unsere Schreie von seinem Grundstück gehört.
In der Hand hielt er ein langes Seil.
„Bleibt am Ufer!“, rief er.
Er band ein Ende um einen dicken Baum und warf Matthias das andere zu.
Beim zweiten Versuch fing Matthias es.
Fiete war jetzt nur noch wenige Meter entfernt.
Aber diese wenigen Meter sahen aus wie hundert.
Ein weiterer Ast traf ihn an der Schulter. Sein Kopf verschwand kurz im Wasser.
Als er wieder auftauchte, hatte er Jannik noch immer am Kragen.
„Komm, Fiete!“, schrie ich.
Sein Ohr zuckte.
Dann trat er noch einmal kräftig mit den Hinterbeinen.
Matthias bekam Jannik am Arm zu fassen.
Rolf und ich zogen am Seil.
Die Strömung zog zurück.
Für einige Sekunden hingen dort mein Mann, mein Sohn und unser Hund zwischen Ufer und Fluss, als wollte das Wasser keinen von ihnen hergeben.
Dann rutschte Matthias auf die Knie.
Er zog Jannik in den Schlamm.
Ich kroch zu meinem Sohn.
Jannik lag regungslos da.
„Jannik!“
Ich packte sein Gesicht.
„Bitte. Bitte, schau mich an.“
Dann hustete er.
Wasser lief aus seinem Mund.
Er hustete noch einmal und fing an zu weinen.
Noch nie in meinem Leben war ein Weinen so schön.
Ich drückte ihn an mich.
„Mama“, brachte er hervor.
Mehr brauchte ich nicht.
Rolf kontrollierte seine Atmung und sagte, Hilfe sei unterwegs.
Erst da bemerkte ich Fiete.
Er lag noch halb im Wasser.
Sobald Jannik aus seinem Maul gewesen war, schien die Kraft aus seinem Körper verschwunden zu sein.
Matthias zog ihn vorsichtig ans Ufer.
Fiete lag auf der Seite und zitterte.
Sein Vorderbein war geschwollen. An der Schulter und am Bein hatte er kleinere blutige Stellen. Seine Brust hob und senkte sich viel zu schnell.
Doch seine Augen suchten nur einen.
Jannik.
Mein Sohn lag in meinen Armen, in eine Jacke gewickelt.
Als er Fiete sah, streckte er die Hand aus.
„Fiete.“
Der Hund versuchte, den Kopf zu heben.
Er schaffte es nicht.
Also bewegte er einmal den Schwanz im Schlamm.
Nur einmal.
Ich fing wieder an zu weinen.
Jannik wurde ins Krankenhaus gebracht. Matthias fuhr mit ihm, während Rolf Fiete gemeinsam mit mir in eine tierärztliche Notfallpraxis brachte.
Diese Fahrt werde ich nie vergessen.
Fiete lag auf einer Decke im Kofferraum unseres Kombis. Ich saß daneben und hielt meine Hand auf seinem Rücken.
„Du musst jetzt auch durchhalten“, sagte ich immer wieder.
In der Praxis wurde er sofort untersucht.
Sein Vorderbein war stark geprellt und verstaucht. Dazu kamen kleinere Schnittverletzungen und eine schmerzhafte Schulter.
Aber nichts war gebrochen.
Seine Lunge war frei.
„Er ist völlig erschöpft“, sagte die Tierärztin. „Aber er wird sich wahrscheinlich vollständig erholen.“
Ich musste mich setzen.
Kurz danach rief Matthias an.
Auch Jannik war stabil.
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