Viermal wurde Rex zurückgebracht – beim fünften Abschied setzte er sich auf meine Füße und tat etwas, das mir das Herz brach.
Rex setzte sich einfach auf meine Füße.
Ich versuchte einen Schritt nach links. Er rutschte mit.
Ich ging nach rechts. Wieder stellte er sich vor mich.
„Rex“, sagte ich leise. „Komm schon.“
Er bewegte sich keinen Zentimeter.
Hinter mir stand Rike mit der geöffneten Tür zu seinem Zwinger. Sie hielt die Leine in der Hand und sagte nichts.
Ich beugte mich zu Rex hinunter, um sein Halsband zu lösen.
Da drückte er plötzlich seinen ganzen Körper gegen meine Beine.
Fast dreißig Kilo Hund, die auf einmal so taten, als könnten sie verschwinden, wenn sie sich nur eng genug an mich pressten.
Dann ging ich in die Hocke.
Das war mein Fehler.
Rex schob sich halb auf meinen Schoß, steckte den Kopf unter mein Kinn und blieb dort.
Ich spürte seinen Atem an meinem Hals.
Sein Körper zitterte.
Nicht stark.
Nur gerade genug, dass ich es bemerkte.
„Macht er das immer?“, fragte ich.
Rike sah mich lange an.
„Nein.“
„Was ist dann los mit ihm?“
Sie schaute auf Rex.
„Er weiß, was jetzt kommt.“
Ich verstand nicht.
„Was soll kommen?“
Rike zeigte mit dem Kinn auf die offene Tür.
„Dass Sie gehen.“
Zwei Stunden vorher hatte ich noch geglaubt, ich würde nur kurz im Tierheim vorbeischauen.
Mehr nicht.
Ich war 54, lebte allein in einer Mietwohnung in Essen und hatte mir über Jahre eingeredet, dass mir genau das gefiel.
Ich konnte essen, wann ich wollte.
Fernsehen, was ich wollte.
Niemand ließ Socken im Flur liegen oder stellte die leere Milchpackung zurück in den Kühlschrank.
Ich nannte es Freiheit.
Aber in den letzten Monaten war mir etwas aufgefallen.
Wenn ich nach der Arbeit meine Wohnungstür öffnete, schaltete ich oft zuerst das Radio ein.
Noch bevor ich die Schuhe auszog.
Noch bevor ich meine Tasche abstellte.
Nicht, weil ich die Sendung hören wollte.
Ich wollte einfach eine Stimme im Raum.
An manchen Sonntagen merkte ich gegen Nachmittag, dass ich seit dem Aufstehen noch kein einziges Wort laut gesagt hatte.
Das erzählte ich niemandem.
Man sagt nicht gern: Ich bin einsam.
Man sagt: Ich genieße meine Ruhe.
Also fuhr ich an diesem Samstag zu einem Tierheim am Stadtrand.
Ich wollte einen älteren Hund sehen.
Keinen Welpen.
Kein großes Abenteuer.
Einfach ein Tier, das vielleicht genauso froh über eine ruhige Wohnung wäre wie ich über ein bisschen Gesellschaft.
Rike führte mich durch den Gang.
Einige Hunde kamen sofort ans Gitter.
Einer bellte so laut, dass wir unser eigenes Wort kaum verstanden.
Ein anderer sprang mit beiden Vorderpfoten an die Tür und wedelte, als hätte er seit Jahren nur auf mich gewartet.
Ganz hinten lag Rex.
Er hatte den Rücken zu uns.
Ein Schäferhund-Mischling, vielleicht sechs Jahre alt.
Braunes Fell, dunkler Rücken, eine Spur Grau um die Schnauze.
Ein Ohr stand aufrecht.
Das andere knickte ein wenig zur Seite.
„Und der?“, fragte ich.
Rike blieb stehen.
„Rex.“
Ich wartete.
„Was ist mit ihm?“
„Er stellt sich nicht mehr vor.“
Ich musste lachen, weil ich dachte, sie mache einen Witz.
Tat sie nicht.
Rike öffnete die Tür.
Rex hob kurz den Kopf.
Er sah mich an.
Nur einen Moment.
Dann legte er ihn wieder auf seine Pfoten.
„Ist er krank?“
„Nein.“
„Alt?“
„Auch nicht.“
Rike verschränkte die Arme.
„Er wurde viermal vermittelt.“
Ich sah Rex wieder an.
„Viermal?“
„Viermal.“
„Und viermal zurückgebracht?“
Rike nickte.
Ich wartete auf den Rest.
Ich erwartete etwas wie: Er beißt. Er zerstört Möbel. Er kann nicht mit Menschen umgehen.
Stattdessen sagte sie:
„Er hängt sich sehr schnell an jemanden.“
„Das klingt nicht besonders schlimm.“
„Solange man da ist.“
Sie erklärte mir, dass Rex Schwierigkeiten hatte, allein zu bleiben.
Er wurde unruhig.
Lief zur Tür.
Jammerte.
Manchmal minutenlang.
Manchmal länger.
Nicht aus Trotz.
Nicht, weil er „schlecht erzogen“ war.
Er geriet einfach in Panik.
„Die erste Familie dachte, das legt sich“, sagte Rike.
Es legte sich nicht.
Die zweite Person glaubte, mehr Geduld zu haben.
Nach einigen Wochen kam Rex zurück.
Beim dritten Mal hielt es etwas länger.
Beim vierten Mal glaubten sogar die Leute im Tierheim, dass er endlich angekommen war.
„Was ist beim vierten Mal passiert?“, fragte ich.
Rike sah kurz in den Gang.
„Später.“
„Warum später?“
„Gehen Sie erst mal mit ihm raus.“
Sie reichte mir eine Leine.
Rex stand erst auf, als Rike ihn ansprach.
Er kam zu mir, ohne mich wirklich anzusehen.
Ich hatte früher Hunde gekannt, die einen sofort beschnupperten.
Die Hände.
Die Jackentaschen.
Die Schuhe.
Rex tat nichts davon.
Er lief einfach los.
Mit Abstand.
Nicht weit.
Aber auch nicht nah genug, dass sein Fell mein Bein berührte.
Ich redete trotzdem mit ihm.
Nicht in dieser übertriebenen Stimme, die Erwachsene manchmal bei Tieren benutzen.
Einfach normal.
„Wir gehen hier lang.“
Ein paar Minuten später:
„Du kannst ruhig schnuppern.“
Und irgendwann:
„Wir haben Zeit.“
Er reagierte nicht.
Wir gingen vielleicht zwanzig Minuten, bevor Rex zum ersten Mal zu mir hochsah.
Ganz kurz.
Seine Augen trafen meine.
Dann sah er wieder auf den Weg.
Fünf Minuten später lief er näher.
An einer Ecke berührte seine Schulter mein Knie.
Ich dachte, es sei Zufall.
An der nächsten Ecke tat er es wieder.
Und danach noch einmal.
Ich weiß nicht, warum mich das so berührte.
Vielleicht weil es keine große Geste war.
Kein Schwanzwedeln.
Kein Anspringen.
Keine Begeisterung.
Nur dieses vorsichtige kleine Anlehnen.
Als würde jemand prüfen, ob eine Wand wirklich trägt, bevor er sein Gewicht dagegenlegt.
Ich fing an, über meine Wohnung nachzudenken.
Über den Platz neben meinem Sofa.
Über die Ecke im Schlafzimmer, in die ein Hundekorb passen würde.
Über die Schale, die auf den Fliesen in der Küche stehen könnte.
Sofort erschrak ich über mich selbst.
Ich war doch nur zum Schauen gekommen.
Also erinnerte ich mich an all die vernünftigen Gründe dagegen.
Meine Arbeit.
Meine festen Abläufe.
Meine Verantwortung.
Rex war kein unkomplizierter Hund.
Ich wollte nichts versprechen, was ich nicht halten konnte.
Auf dem Rückweg fragte ich Rike noch einmal nach der vierten Vermittlung.
Diesmal antwortete sie.
„Er war mehrere Monate dort.“
„So lange?“
„Ja.“
Rex hatte einen Schlafplatz.
Seinen Napf.
Seine Spazierwege.
Seinen Platz neben einem bestimmten Sessel.
Die ersten Rückmeldungen waren gut gewesen.
Zum ersten Mal hatte er sich entspannt.
„Und dann?“
Rike strich sich über die Stirn.
„Dann stand eines Tages das Auto wieder hier.“
Rex war ausgestiegen.
Er hatte gewedelt.
Er kannte den Ort ja.
Die Gerüche.
Die Türen.
Die Menschen.
Rike sagte, er habe anfangs vermutlich gedacht, es sei nur ein Besuch.
Als die Person ging, blieb Rex am Eingang sitzen.
„Wie lange?“
„Lange.“
Er wartete.
Immer wieder schaute er zur Tür.
Bei jedem Geräusch hob er den Kopf.
Bei jedem Auto draußen stand er auf.
Aber niemand kam zurück.
„Am Abend hat er kaum gefressen“, sagte Rike.
Am nächsten Morgen kam eine Familie, um Hunde anzuschauen.
Rex stand nicht mehr auf.
Noch eine Familie kam.
Wieder nichts.
Seit diesem Tag drehte er sich meistens zur Wand, wenn Besucher vor seinem Zwinger standen.
„Er hat irgendwann verstanden“, sagte Rike.
„Was?“
„Dass Hoffen wehtut.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Also sagte ich gar nichts.
Rex lief neben mir.
Diesmal so nah, dass sein Fell meine Hose streifte.
Als wir das Gebäude wieder erreichten, wurde er langsamer.
Nur ein wenig.
Dann noch langsamer.
Ich hielt die Tür auf.
Er blieb stehen.
„Komm, Rex.“
Er kam.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






