Der fremde Mann im karierten Hemd half einer Kellnerin mit 400 Euro – Wochen später erfuhr sie, wer wirklich jeden Mittag an Tisch sieben saß
„Streichen Sie alle Termine.“
Sabine blieb mit ihrem Tablet in der Hand vor der Tür stehen.
„Alle?“
„Alle.“
„Auch die Sitzung am Donnerstag?“
„Auch die.“
„Und der Empfang am Freitagabend?“
Thomas Berger hob den Blick von den Zahlenkolonnen auf seinem Schreibtisch.
„Vor allem den.“
Sabine kannte ihren Chef seit zwölf Jahren. Sie hatte erlebt, wie er mit Fieber Verhandlungen führte, wie er an Heiligabend Verträge unterschrieb und einmal direkt nach der Beerdigung seines Vaters zurück ins Büro gefahren war.
Thomas Berger sagte niemals Termine ab.
Mit 52 Jahren gehörte ihm eines der erfolgreichsten deutschen Softwareunternehmen. Was vor fast drei Jahrzehnten in einem angemieteten Hinterzimmer begonnen hatte, beschäftigte inzwischen Tausende Menschen.
Sein Vermögen war so groß geworden, dass Thomas irgendwann aufgehört hatte, die genaue Zahl zu verfolgen.
Mehrere Milliarden, sagten Wirtschaftsmagazine.
Thomas selbst saß an diesem Dienstagabend in einem Büro hoch über Frankfurt und fragte sich, warum sich sein Leben trotzdem anfühlte wie eine leere Wohnung nach einem Umzug.
Sechs Monate zuvor war seine Ehe geschieden worden.
Susanne hatte irgendwann gesagt:
„Wir besitzen alles, Thomas. Nur uns besitzen wir schon lange nicht mehr.“
Sie waren 24 Jahre verheiratet gewesen.
Keine Kinder.
Früher hatten sie immer gesagt, dafür sei später noch Zeit.
Mit 32 musste Thomas erst die Firma retten.
Mit 36 wollten sie das neue Haus fertigstellen.
Mit 40 kam die Expansion.
Mit 45 war Susanne plötzlich nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch Mutter werden wollte.
Und irgendwann war „später“ einfach vorbei.
Susanne lebte inzwischen mit einem neuen Partner am Bodensee. Sie und Thomas stritten nicht einmal mehr.
Vielleicht war genau das das Traurigste.
Nachdem Sabine gegangen war, blieb Thomas noch eine Stunde allein sitzen.
Vor ihm lagen Berichte über Umsatz, Wachstum und neue Standorte.
Zahlen, für die andere Menschen vermutlich eine Flasche Champagner geöffnet hätten.
Thomas empfand nichts.
Als die Reinigungskraft an der Tür vorbeikam, wünschte sie ihm einen schönen Feierabend.
Er sah auf die Uhr.
21.43 Uhr.
Zum ersten Mal seit Jahren fragte er sich:
Wohin eigentlich?
In sein Haus mit fünf Schlafzimmern?
In die Küche, in der fast nie gekocht wurde?
In das Wohnzimmer mit dem Sofa, auf dem niemand saß?
Er fuhr heim.
Doch am nächsten Morgen zog er keinen Anzug an.
Er öffnete einen Schrank, den er kaum benutzte, und holte eine alte Jeans heraus. Dazu ein kariertes Hemd und braune Arbeitsschuhe, die er Jahre zuvor für den Besuch einer Baustelle gekauft hatte.
Vor dem Spiegel musste er beinahe lachen.
Ohne maßgeschneiderten Anzug, Fahrer und Aktentasche sah er nicht aus wie der Mann von den Titelseiten.
Nur wie ein etwas müder Mann Anfang fünfzig, dessen Haare an den Schläfen grau wurden.
Das gefiel ihm.
Er ließ das Dienstfahrzeug stehen und nahm einen alten Kombi, der normalerweise in der Garage seines Ferienhauses stand.
Dann fuhr er los.
Ohne Ziel.
Erst nach fast einer Stunde landete er in einem Viertel am Rand der Stadt, in dem die Häuser kleiner und die Autos älter wurden.
Vor einem Getränkemarkt standen zwei Männer und diskutierten über einen kaputten Rasenmäher.
Eine Frau schob einen Rollator zur Bäckerei.
Auf Balkonen hingen Handtücher und Bettwäsche.
Nichts hier war elegant.
Aber alles wirkte benutzt.
Bewohnt.
Echt.
Thomas parkte vor einem kleinen Lokal.
Über der Tür hing ein verblichenes Schild:
Kaffeestube Zur Linde.
Drinnen standen sechs Tische und vier rote Kunstlederbänke.
Auf der Theke lagen Käsekuchen und Streuselkuchen unter Glasglocken.
Es roch nach Filterkaffee, gebratenen Zwiebeln und Bohnerwachs.
Thomas setzte sich an Tisch sieben.
Eine Frau kam zu ihm.
Vielleicht Mitte dreißig.
Blonde Haare, schnell zu einem Zopf gebunden. Schwarze Hose. Weiße Bluse. Auf dem Ärmel ein kleiner Kaffeefleck.
Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten.
Trotzdem lächelte sie.
„Guten Morgen. Kaffee?“
Thomas nickte.
„Schwarz.“
„Groß oder klein?“
„Groß.“
Sie stellte die Tasse vor ihn.
„Frühstück gibt es noch zehn Minuten. Danach muss ich Ihnen leider die Mittagskarte aufzwingen.“
Thomas betrachtete die handgeschriebene Karte.
Kartoffelsuppe.
Frikadellen mit Kartoffelpüree.
Gulasch.
Rührei mit Bratkartoffeln.
„Was würden Sie nehmen?“
Sie überlegte.
„Die Frikadellen. Aber nur, wenn Sie nichts gegen Zwiebeln haben. Frau Lindner ist der Meinung, Zwiebeln müssten überall rein.“
Von der Küche kam eine Stimme.
„Weil Zwiebeln Geschmack haben, Jana!“
Jana grinste.
„Sehen Sie? Widerstand zwecklos.“
Thomas bestellte die Frikadellen.
Während er wartete, beobachtete er das Lokal.
Jana kannte offenbar fast jeden.
Einem älteren Herrn brachte sie den Kaffee, ohne zu fragen.
„Herr Krüger, heute nur eine Zeitung. Gestern haben Sie wieder drei mitgenommen.“
„Bildung hält jung.“
„Dann müssten Sie inzwischen zwölf sein.“
Herr Krüger lachte so laut, dass seine Schultern wackelten.
Zwei Handwerker bekamen zusätzliche Soße.
Eine ältere Dame hatte ihre Geldbörse vergessen.
Jana winkte ab.
„Bringen Sie es morgen, Frau Scholz.“
Niemand führte sich auf.
Niemand telefonierte über Lautsprecher.
Niemand fragte Thomas, wer er war.
Zum ersten Mal seit Monaten saß er irgendwo, ohne dass jemand etwas von ihm wollte.
Dann stand plötzlich ein Mädchen neben seinem Tisch.
Etwa acht Jahre alt.
Blonde Haare.
Große blaue Brille.
In den Händen hielt sie ein Matheheft.
„Du sitzt auf meinem Platz.“
Thomas sah sich um.
„Deinem Platz?“
Das Mädchen nickte ernst.
„Normalerweise mache ich hier Hausaufgaben.“
„Oh.“
Thomas rückte zur Seite.
„Dann können wir teilen.“
Sie musterte ihn.
„Bist du neu?“
„Sieht man das?“
„Alle anderen kenne ich.“
„Dann bin ich wohl neu.“
„Ich heiße Mia.“
„Thomas.“
„Meine Mama arbeitet hier.“
Sie zeigte auf Jana.
„Sie arbeitet sehr viel.“
„Das habe ich schon gemerkt.“
Mia setzte sich ihm gegenüber.
„Weil wir Geld sparen.“
Jana bemerkte sie und kam sofort herüber.
„Mia! Du solltest hinten sitzen.“
„Hinten ist langweilig.“
„Das ist kein Argument.“
Jana sah Thomas entschuldigend an.
„Tut mir leid. Die Nachmittagsbetreuung fällt heute aus.“
„Sie stört mich nicht.“
„Sie kann ziemlich viele Fragen stellen.“
Mia hob einen Finger.
„Das stimmt.“
Thomas musste lachen.
Wann hatte er zuletzt so ungezwungen gelacht?
Er wusste es nicht.
Am nächsten Tag fuhr er wieder hin.
Er redete sich ein, es sei wegen der Frikadellen.
Am dritten Tag bestellte er Kartoffelsuppe.
Am vierten kannte Frau Lindner bereits seinen Namen.
„Thomas, Sie sehen zu dünn aus.“
Thomas dachte an den Ernährungsberater, den ihm sein Arzt empfohlen hatte.
„Das hat noch niemand zu mir gesagt.“
Frau Lindner stellte ihm ungefragt ein Stück Käsekuchen hin.
„Dann verkehren Sie mit den falschen Leuten.“
Thomas blieb.
Immer öfter.
Nach wenigen Tagen kannte er ihre Gewohnheiten.
Herr Krüger war 76, ehemaliger Busfahrer und seit zwei Jahren Witwer.
Frau Scholz hatte 43 Jahre in einer Wäscherei gearbeitet.
Die beiden Handwerker waren Brüder.
Und Jana hatte Mia allein großgezogen, seit das Mädchen knapp zwei Jahre alt gewesen war.
Der Vater war verschwunden.
Keine dramatische Erklärung.
Kein Unfall.
Keine große Tragödie.
Er hatte einfach beschlossen, dass ihm Verantwortung zu viel wurde.
Jana sprach selten darüber.
Wenn doch, sagte sie nur:
„Manche Menschen gehen. Dann muss der andere eben bleiben.“
Thomas verstand diesen Satz besser, als sie ahnte.
Mia gewöhnte sich schnell an ihn.
Sie saß inzwischen fast jeden Nachmittag an Tisch sieben.
„Kannst du Brüche?“
„Ein bisschen.“
„Mama sagt, Erwachsene brauchen Brüche später nie wieder.“
Jana rief von der Theke:
„Ich habe gesagt, ICH brauche sie nie wieder!“
Thomas nahm den Bleistift.
„Deine Mutter irrt sich.“
„Sag ihr das.“
„Ich bin doch nicht lebensmüde.“
Mia kicherte.
Später fragte sie plötzlich:
„Hast du Kinder?“
Thomas hielt inne.
Jana war sofort da.
„Mia!“
„Was denn?“
„So etwas fragt man nicht einfach.“
Thomas sah auf das Matheheft.
„Schon gut.“
Dann schaute er Mia an.
„Nein. Ich habe keine Kinder.“
„Warum nicht?“
Diesmal öffnete Jana bereits den Mund.
Doch Thomas antwortete.
„Weil ich immer dachte, dafür hätte ich später noch Zeit.“
Mia runzelte die Stirn.
„Und jetzt?“
Thomas schwieg einen Moment.
„Jetzt glaube ich, dass Erwachsene manchmal merken, dass später schneller kommt, als man denkt.“
Jana stellte seinen Kaffee hin.
Ihre Augen trafen seine.
„Man kann trotzdem noch die Richtung ändern.“
Thomas sah sie an.
„Glauben Sie das wirklich?“
„Muss ich.“
Sie lächelte.
„Sonst würde ich morgens nicht aufstehen.“
In der zweiten Woche kam Thomas an einem Donnerstag herein und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Jana lief hektischer als sonst durch den Raum.
Ihre Wangen waren gerötet.
Zweimal vergaß sie Bestellungen.
Mia lag hinten auf einer Bank, zugedeckt mit Janas Strickjacke.
Thomas stand auf.
„Was hat sie?“
Jana versuchte zu lächeln.
„Nichts Schlimmes.“
„Jana.“
Sie seufzte.
„Fieber.“
„Seit wann?“
„Seit gestern.“
„Warum sind Sie hier?“
Jana sah ihn an, als hätte er eine ausgesprochen naive Frage gestellt.
„Weil Donnerstag ist.“
„Und?“
„Weil am Montag die Miete abgeht.“
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