An Heiligabend saß Anna barfuß vor der alten Kirche – doch ein einziger Satz der kleinen Emma veränderte drei Leben für immer
„Papa, warum hat die Frau keine Schuhe an?“
Thomas Berger blieb mitten auf dem gepflasterten Kirchplatz stehen.
Seine vierjährige Tochter Emma hatte sich aus seiner Hand gelöst und zeigte auf die breite Seitentreppe der alten Stadtkirche.
Dort saß eine junge Frau.
Zusammengesunken.
Die Arme um die Knie geschlungen.
An den nackten Füßen klebte schmutziger Schneematsch.
„Emma“, sagte Thomas leise. „Man zeigt nicht mit dem Finger auf Menschen.“
„Aber sie friert.“
Thomas schwieg.
Aus der Kirche drangen noch gedämpfte Orgelklänge. Hinter ihnen verabschiedeten sich Familien, zogen Handschuhe an, schoben Kinderwagen über den Platz und sprachen darüber, ob die Gans schon im Ofen sei.
Es war Heiligabend.
Für viele bedeutete dieser Abend Kerzenlicht, Kartoffelsalat, Braten, Geschenkpapier und dieselben Geschichten, die jedes Jahr erzählt wurden.
Für die Frau auf der Treppe bedeutete er vor allem eines:
Noch eine Nacht überstehen.
Sie hieß Anna Keller und war 24 Jahre alt.
Vor acht Monaten hätte niemand vermutet, dass sie einmal hier sitzen würde.
Damals hatte sie noch eine kleine Wohnung, einen Job in einem Büro und eine Mutter, die jeden Sonntag anrief und sich beschwerte, wenn Anna nicht genügend Gemüse aß.
Dann war ihre Mutter gestorben.
Plötzlich.
Ein Schlaganfall.
Danach war alles schneller auseinandergebrochen, als Anna es für möglich gehalten hätte.
Sie fehlte immer häufiger bei der Arbeit.
Erst wegen Behördengängen.
Dann, weil sie morgens nicht mehr aus dem Bett kam.
Irgendwann folgte die Kündigung.
Die Miete blieb liegen.
Mahnung.
Zweite Mahnung.
Kündigung der Wohnung.
Anna hatte geglaubt, sie würde schon irgendwie wieder auf die Beine kommen.
Man sagte das schließlich so.
„Du bist jung.“
„Du findest etwas Neues.“
„Es geht immer weiter.“
Doch manchmal ging es eben nicht einfach weiter.
Manchmal verlor man erst einen Menschen, dann den Halt und schließlich die Adresse, unter der man noch gefunden werden konnte.
Anna hatte bei einer Bekannten auf dem Sofa geschlafen.
Danach in einer Notunterkunft.
Später in einem Mehrbettzimmer.
Als dort über Weihnachten jeder Platz belegt war, blieb nur die Straße.
Ihre alten Schuhe waren vor zwei Wochen endgültig auseinandergefallen.
Seitdem wickelte sie tagsüber Stofffetzen um die Füße.
Heute waren sie durchnässt gewesen.
Sie hatte sie weggeworfen.
Die Kirchentreppe bot wenigstens etwas Schutz vor dem Wind.
Und durch die hohen Fenster fiel warmes Licht nach draußen.
Anna konnte nicht hineinsehen.
Aber sie konnte sich vorstellen, wie Familien nebeneinandersaßen.
Ältere Männer in ihren guten Mänteln.
Frauen mit sorgfältig frisierten grauen Haaren.
Kinder, die kaum stillhalten konnten.
Menschen, die nach dem Gottesdienst nach Hause gingen und sich darüber stritten, wer den Nachtisch vergessen hatte.
Anna beneidete sie nicht einmal.
Das war das Schlimmste.
Sie hatte aufgehört, neidisch zu sein.
Sie war nur noch müde.
Dann hörte sie die Kinderstimme.
„Papa, warum sitzt die Frau alleine da?“
Anna hob den Kopf.
Das Mädchen trug einen roten Wintermantel und zwei schief gebundene Zöpfe.
Neben ihr stand ein Mann Anfang vierzig.
Dunkler Wollmantel.
Saubere Lederschuhe.
Ein Gesicht, das so aussah, als wäre er gewohnt, Entscheidungen zu treffen und pünktlich zu Terminen zu erscheinen.
„Wir müssen weiter, Schatz“, sagte er.
„Oma wartet.“
„Aber die Frau wartet auch.“
Thomas sah seine Tochter an.
„Worauf denn?“
Emma blickte zu Anna.
„Vielleicht darauf, dass jemand sie mitnimmt.“
Dieser Satz traf Thomas unangenehm genau.
Er sah auf die Uhr.
Seine Mutter hatte bereits zweimal angerufen.
Sein Bruder würde wieder einen Kommentar machen, wenn sie zu spät kamen.
Der Braten stand wahrscheinlich auf dem Tisch.
Seine Familie wartete.
Alles war geregelt.
Alles war warm.
Alles war so, wie Weihnachten bei den Bergers seit Jahrzehnten ablief.
Nur diese junge Frau passte nicht in den Ablauf.
Thomas nickte Anna kurz zu.
Ein höfliches, fast entschuldigendes Nicken.
Dann sagte er:
„Komm, Emma.“
Doch Emma ging nicht mit.
Sie zog ihre Hand aus seiner.
„Nein.“
„Emma.“
Das Mädchen lief über die wenigen Meter zur Treppe.
Thomas fluchte leise und folgte ihr.
Anna wollte aufspringen.
Doch ihre Füße waren so kalt, dass sie bei der ersten Bewegung zusammenzuckte.
Emma blieb vor ihr stehen.
„Hallo.“
Anna starrte sie an.
„Hallo.“
„Ich bin Emma.“
„Ich bin Anna.“
Emma legte den Kopf schief.
„Wartest du auf deine Mama?“
Anna spürte sofort diesen alten Schmerz.
Nicht wie ein Messer.
Eher wie eine Tür, die sich plötzlich öffnete und einen kalten Raum dahinter zeigte.
„Nein“, sagte sie.
„Meine Mama kommt nicht mehr.“
Emma dachte nach.
„Ist sie tot?“
Thomas erreichte seine Tochter.
„Emma!“
„Ist schon gut“, sagte Anna.
Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Ja. Sie ist tot.“
Emma sah Anna lange an.
Dann fragte sie:
„Und dein Papa?“
„Auch nicht da.“
„Geschwister?“
Anna musste trotz allem beinahe lächeln.
„Nein.“
Emma runzelte die Stirn.
Für ein vierjähriges Kind schien das ein organisatorisches Problem zu sein, das sich eigentlich lösen lassen musste.
„Dann bist du heute ganz alleine?“
Anna nickte.
Emma blickte zu ihrem Vater.
Dann wieder zu Anna.
Und schließlich sagte sie:
„Dann brauchst du eine Umarmung.“
Bevor Thomas reagieren konnte, stieg sie die zwei Stufen hinauf und legte ihre kleinen Arme um Annas Hals.
Anna erstarrte.
Der rote Mantel roch nach Kinderseife, warmer Wohnung und etwas Süßem.
Vielleicht Vanillekipferl.
Emma drückte fest zu.
Ohne Angst.
Ohne Ekel.
Ohne diese vorsichtige Distanz, die Erwachsene annahmen, wenn sie Anna auf der Straße sahen.
Da brach etwas in ihr.
Seit Monaten hatte Anna gelernt, nicht zu weinen.
Auf der Straße war Weinen gefährlich.
Es machte einen langsam.
Es machte einen sichtbar.
Es machte einen verletzlich.
Also hatte sie geschluckt.
Bei der Kündigung.
Beim Auszug.
Als sie ihre letzten Sachen in zwei Taschen packte.
Als sie das Foto ihrer Mutter verkaufen wollte und es am Ende doch nicht konnte.
Doch jetzt saß dieses kleine Mädchen in ihrem Arm.
Und Anna weinte.
Nicht leise.
Nicht hübsch.
Ihr ganzer Körper zitterte.
„Entschuldigung“, stammelte sie.
Emma klopfte unbeholfen auf ihren Rücken.
„Du musst dich nicht entschuldigen.“
Thomas stand daneben.
Und plötzlich dachte er an seine Frau.
Sabine hatte genau so etwas immer gesagt.
Du musst dich nicht entschuldigen, wenn du traurig bist.
Sabine war seit drei Jahren tot.
Ein Verkehrsunfall auf dem Heimweg von der Arbeit.
Ein anderer Wagen war bei Rot in die Kreuzung gefahren.
Thomas hatte danach funktioniert.
Das war sein großes Talent.
Er konnte funktionieren.
Er führte seinen kleinen Handwerksbetrieb weiter.
Er brachte Emma morgens in die Kita.
Er zahlte Rechnungen.
Er erledigte Einkäufe.
Er ging zu Elternabenden.
Er lächelte an Geburtstagen.
Er sagte seiner Mutter, dass alles in Ordnung sei.
Doch innerlich hatte er sich in einen Mann verwandelt, der möglichst wenig fühlte.
Das war einfacher.
Nun sah er seine Tochter vor dieser fremden Frau knien.
Und er schämte sich.
Nicht, weil Emma etwas Falsches getan hatte.
Sondern weil sie gesehen hatte, was er übersehen wollte.
Thomas zog seinen Mantel aus.
„Hier.“
Anna schüttelte sofort den Kopf.
„Nein, bitte.“
„Nehmen Sie ihn.“
„Dann frieren Sie.“
„Ich habe Schuhe.“
Er legte ihr den Mantel um die Schultern.
Er war noch warm.
Anna schloss für einen Moment die Augen.
„Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“, fragte Thomas.
„Gestern.“
„Was?“
„Eine Suppe.“
Thomas blickte weg.
Dann zog er sein Telefon aus der Tasche.
„Mama?“
Am anderen Ende meldete sich eine ältere Frauenstimme.
„Wir kommen später.“
Pause.
„Nein, es ist nichts passiert.“
Thomas schaute Anna an.
„Ich bringe jemanden mit.“
Noch eine Pause.
Dann lächelte er zum ersten Mal.
„Ja. Ich weiß, dass du wieder viel zu viel gekocht hast.“
Er steckte das Telefon ein.
„Kommen Sie mit.“
Anna starrte ihn an.
„Wohin?“
„Zu meiner Mutter.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Anna zeigte auf sich.
„Sehen Sie mich doch an.“
Thomas tat es.
Zum ersten Mal wirklich.
Ihre verfilzten Haare.
Die aufgesprungenen Lippen.
Die roten Hände.
Das zu dünne Kleid unter seinem Mantel.
„Ich sehe Sie.“
Anna schluckte.
„Dann verstehen Sie doch, dass ich nicht zu einer fremden Familie an den Weihnachtstisch kann.“
„Warum?“
„Weil ich da nicht hingehöre.“
Emma griff nach Annas Hand.
„Oma hat immer einen Platz frei.“
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