„Entschuldigen Sie, Herr … wenn Sie das Gebäck nicht aufessen: Würden Sie es wegwerfen? Meine Mama hat heute nämlich noch nichts gegessen.“
Der Satz kam so leise über die Verkaufstheke, dass Martin Keller zuerst glaubte, er hätte sich verhört.
Neben ihm stand seine fünfjährige Tochter Emma und hielt noch immer seine Hand. Vor ihnen lagen zwei frisch eingepackte Schokoladenhörnchen und eine Zimtschnecke.
Hinter der Theke erstarrte die Verkäuferin.
„Jonas!“
Ihre Stimme war schärfer, als sie vermutlich sein sollte.
Der etwa siebenjährige Junge zuckte zusammen, wich aber nicht zurück.
„So etwas fragt man keine Kunden.“
„Aber Mama …“
„Nach hinten. Bitte.“
Jonas senkte den Blick.
Seine Jacke war an den Ärmeln zu kurz. An einem Knie seiner Jeans saß ein sauber aufgenähter Flicken, wie Martin ihn zuletzt als Kind in den Siebzigerjahren getragen hatte.
Damals hatte seine Mutter noch Kleidung ausgebessert, statt sie wegzuwerfen.
Ein Flicken bedeutete nichts.
Und doch traf ihn dieser kleine Stofffleck härter als jede Zahl, die er an diesem Tag im Büro gesehen hatte.
Martin war 47 Jahre alt und Geschäftsführer einer erfolgreichen mittelständischen Beteiligungsgesellschaft in Frankfurt. Sein Mantel war maßgeschneidert, seine Schuhe frisch geputzt, und an seinem Handgelenk trug er eine Uhr, deren Preis seine Mutter vermutlich für unanständig gehalten hätte.
Nach außen war er ein Mann, der alles erreicht hatte.
Eine Eigentumswohnung.
Ein hohes Einkommen.
Ein Büro mit Blick über die Dächer der Stadt.
Ein Fahrer, wenn er ihn brauchte.
Menschen, die seine Anrufe sofort beantworteten.
Nur eine Sache konnte ihm niemand zurückgeben.
Seine Frau Katharina war achtzehn Monate zuvor gestorben.
Seitdem war jedes Weihnachtslied zu laut.
Jeder leere Stuhl zu sichtbar.
Und jede Frage seiner Tochter, die mit „Mama hätte doch …“ begann, schnürte ihm die Kehle zu.
An diesem Heiligabend hatte Martin eigentlich nur für eine Stunde ins Büro fahren wollen.
Ein paar Verträge unterschreiben.
Zwei Telefonate.
Dann nach Hause.
Kartoffelsalat vorbereiten, Würstchen warm machen, den Baum anzünden und so tun, als wäre Weihnachten noch dasselbe.
Aus einer Stunde waren fast vier geworden.
Emma hatte irgendwann auf dem Sofa in seinem Büro geschlafen.
Als sie schließlich hinausgingen, hatte sie gesagt:
„Papa, mein Bauch knurrt.“
Martin hatte die Tasche durchsucht.
Kein Apfel.
Keine Kekse.
Nicht einmal die kleine Packung Salzbrezeln, die er sonst für Notfälle dabeihatte.
Und so waren sie in diese kleine Bäckerei an einer Seitenstraße geraten.
„Mama hat wirklich nichts gegessen“, sagte Jonas noch einmal.
Diesmal sah er Martin direkt an.
Keine Frechheit lag in seinem Blick.
Keine Bettelhaltung.
Nur diese merkwürdige Ernsthaftigkeit, die man bei Kindern manchmal sieht, wenn sie Dinge verstanden haben, die sie noch gar nicht verstehen sollten.
Die Frau hinter der Theke wurde rot.
„Es tut mir leid“, sagte sie zu Martin. „Wirklich. Er meint es nicht so.“
Martin schaute sie genauer an.
Auf ihrem Namensschild stand „Sabine“.
Vielleicht Mitte dreißig.
Dunkelblondes Haar, hastig zusammengebunden.
Keine Schminke.
Unter den Augen feine Schatten.
Ihr Pullover unter der grünen Schürze war sauber, aber an den Ellenbogen bereits dünn.
Ihre Hände zitterten leicht, als sie Martins Wechselgeld zählte.
Plötzlich bemerkte er Dinge, die ihm zwei Minuten zuvor nicht aufgefallen waren.
Die Art, wie Sabine beim Einpacken eines Brötchens unbewusst schluckte.
Die eingefallenen Wangen.
Die Thermoskanne hinter der Kasse, daneben nur ein leerer Becher.
Und Jonas, der nicht auf die bunten Plätzchen schaute.
Sondern auf das Brot.
Martin kannte Hunger nicht.
Nicht wirklich.
Aber er kannte diesen anderen Zustand.
Wenn ein Mensch so lange versucht, stark zu sein, bis Stärke nur noch bedeutet, dass niemand merkt, wie schlecht es ihm geht.
Er hatte ihn nach Katharinas Tod selbst erlebt.
Menschen hatten gesagt:
„Du schaffst das schon.“
„Du bist doch so organisiert.“
„Zum Glück hast du wenigstens keine finanziellen Sorgen.“
Als wäre Geld ein Gegenmittel gegen Trauer.
Martin hatte damals tagelang kaum gegessen.
Nicht weil kein Essen da gewesen wäre.
Sondern weil er vergessen hatte, dass sein eigener Körper noch existierte.
Emma hatte gegessen.
Emma war angezogen gewesen.
Emma war pünktlich im Kindergarten erschienen.
Das war alles, was gezählt hatte.
Martin schob das Wechselgeld zurück über die Theke.
„Wissen Sie was?“, sagte er.
Sabine blickte irritiert auf.
„Ich glaube, ich habe falsch bestellt.“
„Wie bitte?“
„Emma schafft so ein ganzes Schokoladenhörnchen sowieso nicht.“
„Doch!“, protestierte Emma.
Zum ersten Mal huschte ein Lächeln über Sabines Gesicht.
Martin sah seine Tochter an.
„Ein halbes.“
Emma dachte nach.
„Dreiviertel.“
„Abgemacht.“
Dann deutete Martin auf die Zimtschnecke.
„Und eigentlich habe ich überhaupt keinen Hunger.“
Sabine verstand sofort.
„Herr …“
„Keller.“
„Herr Keller, das müssen Sie nicht.“
„Ich weiß.“
„Wirklich. Wir kommen zurecht.“
Dieser Satz.
Wir kommen zurecht.
Martin hatte ihn selbst dutzendfach gesagt.
Beim Bestatter.
Beim Elternabend.
Bei seiner Schwester.
Bei Nachbarn.
Immer dann, wenn er kurz davor gewesen war, zusammenzubrechen.
Wir kommen zurecht.
Es war einer der stolzesten und traurigsten Sätze der deutschen Sprache.
„Dann tun Sie mir einen Gefallen“, sagte Martin. „Nehmen Sie die Zimtschnecke. Sonst müsste ich sie wegwerfen.“
Sabine schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht.“
Jonas sagte nichts mehr.
Martin blickte in die Auslage.
Es war kurz nach fünf.
Auf den Blechen lagen noch zahlreiche Brötchen, Brote, Kuchenstücke, Hefeteilchen und Weihnachtsplätzchen.
„Wann schließen Sie?“
„Um sechs.“
„Und was passiert danach mit den Sachen?“
Sabine zögerte.
„Ein Teil wird morgen noch verkauft. Was nicht mehr geht, gebe ich manchmal an eine kleine Ausgabestelle weiter.“
„Manchmal?“
Sie presste die Lippen zusammen.
„Wenn ich das Benzin dafür übrig habe.“
Martin nickte langsam.
Dann stellte er eine Frage, die er selbst fünf Sekunden zuvor noch für verrückt gehalten hätte.
„Was kostet alles zusammen?“
Sabine runzelte die Stirn.
„Wie meinen Sie das?“
„Alles, was hier noch liegt.“
„Das kann ich Ihnen nicht ausrechnen, ohne …“
„Überschlagen Sie.“
„Bestimmt dreihundert Euro. Vielleicht etwas mehr.“
Martin zog seine Karte wieder aus dem Portemonnaie.
„Dann nehme ich alles.“
Sabine starrte ihn an.
Jonas ebenfalls.
Sogar Emma hörte auf, an ihrer Mütze herumzuzupfen.
„Alles?“
„Alles.“
„Herr Keller, das ist doch Unsinn.“
„Möglich.“
„Was wollen Sie mit dreißig Broten und einem ganzen Blech Streuselkuchen?“
„Keine Ahnung.“
Emma hob die Hand.
„Ich mag Streuselkuchen.“
Martin musste lachen.
Es war ein echtes Lachen.
Das erste an diesem Tag.
Vielleicht das erste seit mehreren Tagen.
„Dann behalten wir ein Stück Streuselkuchen“, sagte er. „Den Rest bringen wir irgendwohin, wo Menschen ihn brauchen.“
Sabine stand immer noch regungslos da.
„Warum machen Sie das?“
Martin wollte zuerst irgendeinen unverfänglichen Satz sagen.
Weil Weihnachten ist.
Weil es mir nicht wehtut.
Weil Ihr Sohn gefragt hat.
Stattdessen hörte er sich sagen:
„Weil meine Frau letztes Jahr gestorben ist.“
Sabines Gesicht veränderte sich.
Martin schaute zu Emma.
Sie stand jetzt vor der Glasscheibe und zeigte Jonas die Zuckerglasur auf einem Lebkuchen.
„Danach“, fuhr Martin leise fort, „war ich völlig neben mir.“
Er strich mit einem Finger über die Kante der Verkaufstheke.
„Ich hatte Geld. Einen guten Beruf. Eine schöne Wohnung. Aber ich konnte manchmal morgens nicht einmal entscheiden, ob ich zuerst duschen oder Kaffee kochen sollte.“
Sabine sagte nichts.
„Und dann gab es eine Nachbarin bei uns im Haus.“
Martin lächelte schwach.
„Frau Bergmann. Sie ist 74.“
Siebzig, hatte sie damals behauptet.
Martin hatte später zufällig erfahren, dass sie bereits 74 war.
Eitelkeit verschwand offenbar auch im Alter nicht völlig.
„Ich kannte sie kaum“, erzählte er. „Wir hatten vielleicht dreimal im Treppenhaus miteinander gesprochen.“
Eines Abends hatte es geklingelt.
Frau Bergmann stand vor der Tür.
In beiden Händen hielt sie einen alten Emailletopf mit Deckel.
„Linsensuppe“, hatte sie gesagt.
Nicht „Mein Beileid“.
Nicht „Wie geht es Ihnen?“
Nur:
„Linsensuppe.“
Martin hatte protestiert.
Sie hatte ihn ignoriert.
„Das Kind braucht etwas Warmes. Und Sie auch.“
Am nächsten Tag brachte sie Rinderrouladen.
Danach Kartoffelsuppe.
Dann Milchreis.
Sonntags einen Braten, der für drei Tage reichte.
Martin versuchte irgendwann, ihr Geld zuzustecken.
Frau Bergmann wurde richtig böse.
„Junger Mann“, hatte sie gesagt, obwohl Martin damals 45 war, „wenn Sie mir noch einmal Geld anbieten, kippe ich Ihnen die Suppe über die Schuhe.“
Sabine lachte leise.
Martin ebenfalls.
„Irgendwann fragte ich sie, warum sie das machte.“
Er schwieg einen Moment.
Draußen zogen Menschen mit Einkaufstaschen vorbei. Man hörte gedämpfte Schritte, irgendwo eine Straßenbahn, irgendwo Glocken.
„Frau Bergmann erzählte mir, dass ihr Mann Anfang der Achtziger plötzlich gestorben war. Sie war damals noch jung, zwei Kinder, Teilzeitstelle, kaum Ersparnisse.“
Sabines Augen wurden feucht.
„Sie sagte, eines Monats habe sie nicht gewusst, wie sie Miete und Heizung gleichzeitig bezahlen sollte.“
Jemand hatte ihre Rechnung beglichen.
Bis heute wusste sie nicht, wer.
Wochenlang standen Lebensmittel vor ihrer Wohnungstür.
Eine Tüte Kartoffeln.
Mehl.
Äpfel.
Butter.
Einmal sogar ein Stück Sonntagsbraten in einer alten Porzellanschüssel.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






