Mit einer viel zu großen Schürze stand das Mädchen vor dem Millionär – und erinnerte ihn an das Versprechen seiner verstorbenen Frau
„Herr Adler, wir haben unten ein Problem.“
Friedrich Adler nahm die Lesebrille ab und sah auf das Telefon. Auf seinem Schreibtisch lagen drei Verträge, ein Stapel Baupläne und eine Tasse Kaffee, die seit Stunden kalt war.
„Was für ein Problem, Frau Bergmann?“
Seine Assistentin schwieg einen Moment.
„Ein Mädchen.“
Friedrich runzelte die Stirn.
„Ein Mädchen?“
„Vielleicht acht Jahre alt. Sie behauptet, sie sei wegen des Vorstellungsgesprächs für die Stelle in der Hauswirtschaft hier.“
Friedrich stand auf.
Hinter ihm glitzerten durch die hohen Fenster die Lichter Frankfurts. Achtundzwanzig Stockwerke unter seinem Büro krochen die Autos wie Spielzeug über die Straßen.
Mit neunundfünfzig Jahren hatte Friedrich fast alles erreicht, was er sich mit dreißig vorgenommen hatte.
Aus einem heruntergekommenen Mietshaus seines Vaters hatte er innerhalb von drei Jahrzehnten ein erfolgreiches Immobilienunternehmen gemacht.
Wohnhäuser. Bürogebäude. Seniorenwohnungen. Kleine Gewerbehöfe.
Sein Name stand zwar auf keinem Hochhaus, und genau das wollte er auch so. Aber in der Branche kannte man ihn.
Früher hatte ihn dieser Blick über die Stadt stolz gemacht.
Seit vier Jahren machte er ihn nur noch müde.
Damals war seine Frau Helene gestorben.
Sie hatten fast dreißig Jahre miteinander verbracht. Nicht immer harmonisch. Nicht immer romantisch. Aber ehrlich.
Helene hatte nie viel von Friedrichs Zahlen verstanden.
Oder vielleicht hatte sie sie sehr gut verstanden und nur beschlossen, dass sie ihr nicht wichtig genug waren.
„Am Ende“, hatte sie oft gesagt, „fragt dich keiner, wie viele Quadratmeter dir gehört haben.“
Friedrich hatte dann gelacht.
Heute lachte niemand mehr.
Sein Sohn Jonas lebte mit Frau und zwei Kindern in Hamburg. Sie telefonierten jeden Sonntag. Manchmal sogar mittwochs.
Aber wenn Friedrich abends die Tür seiner großen Wohnung öffnete, hörte er nur das automatische Klicken des Bewegungsmelders im Flur.
Deshalb blieb er länger im Büro.
Nicht weil es nötig war.
Sondern weil ein leerer Konferenzraum leichter auszuhalten war als ein leerer Esstisch für sechs Personen.
„Wo sind die Eltern dieses Mädchens?“, fragte Friedrich.
„Sie sagt, ihre Mutter sei krank.“
„Und sie ist alleine hier?“
„Offenbar.“
Friedrich schloss kurz die Augen.
„Schicken Sie sie hoch. Aber lassen Sie bitte jemanden vom Empfang bei ihr, bis sie hier ist.“
„Natürlich.“
Fünf Minuten später klopfte es.
Frau Bergmann öffnete die Tür.
Neben ihr stand ein kleines Mädchen mit hellbraunen Haaren, die offenbar am Morgen zu einem Zopf gebunden gewesen waren und sich inzwischen in alle Richtungen gelöst hatten.
Sie trug eine dunkelblaue Strickjacke, graue Leggings und abgewetzte rote Turnschuhe.
Um ihre Taille war eine weiße Arbeitsschürze gewickelt.
Sie war viel zu groß.
Das Mädchen hatte sie zweimal um den Körper geschlungen und vorne zu einem dicken Knoten gebunden.
In beiden Händen hielt sie ein Blatt Papier.
Zerknittert. Mehrfach gefaltet.
Sie sah Friedrich direkt an.
„Sind Sie Herr Adler?“
„Ja.“
„Gut.“
Das Mädchen atmete tief ein.
„Dann bin ich richtig.“
Friedrich wusste nicht, warum, aber plötzlich musste er schlucken.
„Und wer bist du?“
„Mia Keller.“
Sie trat einen Schritt näher.
„Ich bin wegen der Stelle zum Putzen hier.“
Friedrich sah zu Frau Bergmann.
Seine Assistentin hob nur leicht die Augenbrauen.
Er ging um seinen Schreibtisch herum und setzte sich nicht zurück in seinen schweren Bürostuhl, sondern auf einen der Besucherstühle.
„Mia, möchtest du dich setzen?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Bei einem Vorstellungsgespräch soll man zuerst stehen und die Hand geben.“
Friedrich blinzelte.
„Hat dir das jemand beigebracht?“
„Meine Mama.“
Mia streckte ihm ihre kleine Hand entgegen.
„Guten Abend, Herr Adler.“
Friedrich nahm sie.
„Guten Abend, Frau Keller.“
Für einen Sekundenbruchteil sah Mia überrascht aus.
Dann richtete sie sich noch ein wenig gerader auf.
„Meine Mama heißt Sabine Keller. Eigentlich sollte sie heute um halb sechs hier sein.“
Das Mädchen hielt ihm das Papier hin.
„Das ist ihre Bewerbung.“
Friedrich nahm das Blatt vorsichtig.
„Und warum ist deine Mama nicht gekommen?“
Mias entschlossener Gesichtsausdruck bekam einen Riss.
„Sie ist krank.“
„Seit wann?“
„Seit gestern Abend. Erst hat sie gesagt, es geht schon. Meine Mama sagt immer, es geht schon.“
Friedrich kannte diesen Satz.
Seine Mutter hatte ihn früher ebenfalls ständig benutzt.
Wenn das Geld knapp gewesen war.
Wenn sein Vater monatelang Rückenschmerzen gehabt hatte.
Wenn die Waschmaschine kaputtging.
Es geht schon.
Ein Satz aus einer Zeit, in der viele Menschen lieber improvisierten, als andere um Hilfe zu bitten.
„Heute Mittag hatte Mama immer noch Fieber“, sagte Mia. „Sie hat trotzdem ihre Bluse gebügelt.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Dann ist sie im Flur umgekippt.“
Friedrich richtete sich sofort auf.
„Ist jemand bei ihr?“
Mia nickte schnell.
„Unsere Nachbarin Frau Nowak. Sie wohnt gegenüber. Sie hat früher im Krankenhaus gearbeitet. Sie passt auf Mama auf.“
Friedrich atmete wieder aus.
„Gut.“
Mia sah auf ihre Turnschuhe.
„Mama hat geweint.“
„Weil sie krank war?“
„Nein.“
Jetzt brach Mias Stimme fast.
„Wegen der Arbeit.“
Sie zeigte auf das Papier.
„Sie hat gesagt, diesmal hätte sie die Stelle wirklich gebraucht.“
Friedrich schwieg.
Mia rieb mit dem Daumen über einen kleinen Fleck auf ihrer Schürze.
„Unsere Vermieterin hat angerufen.“
„Was wollte sie?“
„Geld.“
Kinder konnten manchmal Dinge mit einer Klarheit sagen, für die Erwachsene zwanzig Sätze brauchten.
Mia hob den Kopf.
„Wir sind mit der Miete hinten.“
Friedrich spürte, wie Frau Bergmann hinter ihm ganz still wurde.
„Wie lange?“
„Ich weiß nicht.“
Mia versuchte nachzudenken.
„Mama sagte zwei Monate. Vielleicht sind es zwei.“
Dann fügte sie schnell hinzu:
„Aber sie bezahlt immer. Normalerweise.“
Als müsse sie ihre Mutter vor einem Richter verteidigen.
„Meine Mama arbeitet nämlich.“
„Was macht sie?“
„Nachts putzt sie in einer Klinik. Und montags und donnerstags bei einer alten Dame. Früher hatte sie noch zwei Wohnungen zum Saubermachen.“
„Früher?“
„Eine Familie ist weggezogen. Bei der anderen braucht man sie nicht mehr.“
Mia zog die Schürze glatt.
„Deshalb wollte sie Ihre Stelle.“
Friedrich faltete die Bewerbung auseinander.
Sabine Keller, 42 Jahre.
Erfahrung in Reinigung und Hauswirtschaft: siebzehn Jahre.
Mehrere private Referenzen.
Vier Jahre Tätigkeit in einer Klinik.
Kenntnisse in Dienstplanung, Materialbestellung und Einarbeitung neuer Mitarbeiter.
Friedrich las den letzten Punkt noch einmal.
„Deine Mutter hat schon andere Leute eingearbeitet?“
Mia nickte.
„Mama sagt immer, neue Leute muss man ordentlich behandeln. Sonst bleiben sie nicht.“
Friedrich sah kurz zu seiner Assistentin.
Frau Bergmann lächelte.
„Das klingt vernünftig“, sagte Friedrich.
„Meine Mama ist vernünftig.“
Mia hob das Kinn.
„Nur manchmal zu vernünftig.“
„Was bedeutet das?“
„Sie kauft für sich keine neuen Schuhe.“
Friedrich musste gegen seinen Willen lächeln.
„Und die Schürze?“
Mia schaute hinunter.
„Die gehört Mama.“
„Warum hast du sie angezogen?“
„Damit Sie sehen, dass wir die Arbeit ernst nehmen.“
Dieser Satz traf ihn härter, als er erwartet hatte.
Nicht weil er besonders dramatisch war.
Sondern weil Friedrich plötzlich Helene vor sich sah.
Seine Frau hatte einmal eine Frau eingestellt, die bei ihnen zu Hause zweimal pro Woche geholfen hatte.
Friedrich hatte sich damals beschwert.
Die Frau sei zehn Minuten zu spät gekommen.
Helene hatte ihn angesehen, als hätte er gerade etwas ausgesprochen, das sie nicht verstehen konnte.
„Ihr Sohn hatte Fieber.“
„Dann hätte sie anrufen können.“
„Hat sie.“
„Zu spät.“
Helene hatte den Kopf geschüttelt.
„Friedrich, du besitzt Häuser. Deshalb besitzt du noch lange nicht die Zeit anderer Menschen.“
Damals hatte er sich geärgert.
Heute hätte er viel dafür gegeben, diesen Streit noch einmal führen zu können.
„Wie bist du eigentlich hierhergekommen?“, fragte er.
„Mit Frau Nowak bis zur Straßenbahn.“
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