Fünf Biker fanden eine angekettete Hündin im Wald und entdeckten, was sie monatelang bewacht hatte

Fünf Biker hörten tief im Bayerischen Wald ein heiseres Bellen – was sie an einem Baum fanden, brachte den härtesten von ihnen zum Weinen.

Ralf stellte den Motor ab und hob die Faust.

Wir anderen vier hielten sofort an.

„Hört ihr das?“

Zuerst hörte ich nichts. Nur unsere Motoren, die einer nach dem anderen verstummten. Dann kam es wieder aus dem Wald.

Ein Bellen.

Wenn man es überhaupt noch so nennen konnte.

Es war mehr Luft als Stimme. Ein trockenes, gebrochenes Geräusch, als hätte ein Tier schon so lange gerufen, dass selbst der eigene Körper nicht mehr mitmachen wollte.

Wir waren auf einer abgelegenen, freigegebenen Forststraße nördlich von Zwiesel unterwegs. Fünf Männer zwischen Mitte vierzig und Anfang sechzig, schwere Motorräder, Lederjacken, graue Bärte.

Keiner von uns sieht besonders freundlich aus.

Ralf ist fast zwei Meter groß. Bernd hat Arme wie ein Schrank und eine alte Rose auf den Hals tätowiert. Manni muss nur die Stirn runzeln, damit Fremde automatisch einen Schritt zurückgehen.

Aber dieses Geräusch brachte uns alle zum Schweigen.

Wir gingen den Hang hinunter.

Das Bellen kam noch einmal.

Dann nichts.

„Da vorne“, sagte Ralf.

Bernd war als Erster zwischen den Bäumen durch.

Er blieb so abrupt stehen, dass Manni hinter ihm fast in ihn hineinlief.

Bernd sagte nur:

„Nein.“

Ich werde nie vergessen, wie er dieses Wort ausgesprochen hat.

Nicht wütend.

Nicht laut.

Es klang wie jemand, der etwas sieht, das sein Kopf noch nicht akzeptieren kann.

In der kleinen Lichtung stand eine alte Kiefer.

Um den Stamm war eine schwere Stahlkette gelegt.

Das andere Ende führte zu etwas Dunklem auf dem Boden.

Für einen Moment verstand ich nicht, was ich da sah.

Dann hob das Etwas den Kopf.

Eine Schäferhündin.

Oder das, was von ihr übrig geblieben war.

Sie lag auf der Seite in einem kreisrunden Stück nackter Erde. Rundherum wuchs Gras, Moos und Farn. Nur dort, wo sie gelegen und gelaufen war, war der Boden bis auf die Erde abgeschabt.

Ein Kreis.

Genau so groß wie die Kette lang war.

Ihre Rippen standen heraus. Die Flanken waren eingefallen. An vielen Stellen fehlte das Fell. Um ihren Hals lag keine richtige Halsung.

Die Kette selbst war um ihren Hals gelegt worden.

Sie hob den Kopf vielleicht fünf Zentimeter.

Mehr schaffte sie nicht.

Dann sah sie uns an.

Ich hatte erwartet, dass sie knurren würde.

Oder zurückweichen.

Aber dafür hatte sie keine Kraft mehr.

Sie sah einfach nur zu fünf fremden Männern hoch.

Und machte dieses kaputte Bellen noch einmal.

Manni drehte sich um und ging ein paar Schritte zurück zwischen die Bäume.

Niemand hielt ihn auf.

Ralf kniete sich langsam neben die Hündin.

„Ganz ruhig“, sagte er.

Sie beobachtete seine Hand.

Da sah ich die kleinen weißen Dinge im Boden neben ihrem Bauch.

Erst dachte ich, es seien Steine.

Dann erkannte ich einen winzigen Kiefer.

Knochen.

Sehr kleine Knochen.

Mehrere.

Bernd ging in die Hocke und sah sich um.

„Hier sind noch welche.“

Niemand antwortete.

Ralf streckte der Hündin die Hand hin.

Sie hätte nur den Kopf wegdrehen müssen.

Stattdessen tat sie etwas, das mir bis heute nachgeht.

Sie lehnte sich gegen ihn.

Mit allem, was ihr noch geblieben war.

Ihr Kopf sank auf seinen Handrücken. Dann atmete sie langsam aus und blieb einfach so liegen.

Als hätte sie monatelang auf genau diesen Moment gewartet.

Wir wussten noch nicht, wie lange sie dort gewesen war.

Wir wussten nicht, was mit den kleinen Knochen passiert war.

Wir wussten nur, dass sie sofort wegmusste.

Die Kette konnten wir nicht lösen.

Sie war an zwei Stellen tief in die Haut am Hals eingewachsen. Ralf wollte nichts daran ziehen.

Bernd schüttelte den Kopf.

„Nicht hier.“

Dann schob Ralf einen Arm vorsichtig unter ihre Brust und den anderen unter ihre Hinterbeine.

Er hob sie hoch.

Ich habe schon schwere Hunde getragen.

Diese Hündin fühlte sich nicht schwer an.

Sie fühlte sich erschreckend leicht an.

Später sagte die Tierärztin, sie habe knapp fünfzehn Kilo gewogen.

Für ihren Körperbau hätte sie fast das Doppelte haben müssen.

Als Ralf sie hochhob, legte sie den Kopf direkt an seine Brust.

Und ließ ihn dort.

Wir brauchten fast zwanzig Minuten zurück zur Straße.

Keiner sprach.

Oben angekommen setzten wir sie nicht auf ein Motorrad.

Das wäre in ihrem Zustand unverantwortlich gewesen.

Manni fuhr bis zu einer Stelle mit Empfang und verständigte eine Tierklinik. Gleichzeitig organisierte die Klinik einen kleinen Transportwagen, der uns an der nächsten befestigten Straße entgegenkommen konnte.

Bis er kam, setzte sich Ralf auf den Boden neben sein Motorrad.

Die Hündin lag in seinem Schoß.

Vierzig Minuten lang.

Seine Hand lag flach auf ihren Rippen.

Nicht um sie festzuhalten.

Nur damit er fühlen konnte, ob sie noch atmete.

Immer wieder sagte er leise:

„Ich hab dich.“

Dann, einige Minuten später:

„Du musst nicht mehr.“

Wir verstanden damals nicht, warum gerade diese Worte.

Vielleicht verstand Ralf es selbst nicht.

Es gab etwas über ihn, das man wissen musste.

Elf Jahre zuvor hatte er seinen Sohn verloren.

Jonas war neunzehn gewesen.

Ein Verkehrsunfall.

Ralf sprach fast nie darüber.

Ich kannte ihn damals seit vier Jahren und hatte den Namen seines Sohnes vielleicht zweimal gehört.

Unter seinem T-Shirt trug er an einer dünnen Kette einen kleinen Anhänger, der Jonas gehört hatte.

Das war alles, was er davon nach außen zeigte.

Als der Transportwagen endlich kam, legten wir die Hündin auf mehrere Decken.

Ralf stieg mit ein.

Er hielt ihren Kopf während der gesamten Fahrt auf seinem Schoß.

Wir vier folgten mit den Motorrädern bis zur Klinik.

Als die Mitarbeiterin dort die Hintertür öffnete und die Hündin sah, veränderte sich ihr Gesicht sofort.

Innerhalb von Sekunden waren zwei weitere Leute da.

Dann verschwand sie durch eine Tür.

Wir blieben zurück.

Fünf Männer in Motorradkleidung in einem viel zu hellen Flur.

Ralf sah die ganze Zeit auf dieselbe Tür.

Zwei Stunden später kam die Tierärztin zu uns.

Dr. Neumann.

Sie wirkte müde.

„Sie lebt“, sagte sie.

Niemand bewegte sich.

„Wir haben sie stabilisiert. Die Kette ist entfernt. Ein Teil davon war tatsächlich schon in das Gewebe eingewachsen. Wir mussten die Stellen reinigen und versorgen.“

Ralf schluckte.

„Schafft sie es?“

Dr. Neumann atmete langsam aus.

„Sie hat eine Chance.“

Manni setzte sich einfach auf einen Stuhl.

Ich merkte erst da, wie lange er gestanden hatte.

Dann fragte Dr. Neumann nach der Lichtung.

Nach der Kette.

Nach den kleinen Knochen.

Bernd sah sie an.

„Waren das Welpen?“

Sie nickte.

Vier.

Vier kleine Welpen.

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