Jeden Morgen legte unser junger Hund sein liebstes Spielzeug zur sterbenden Hündin, doch was er nach ihrem Tod damit tat, brachte meinen Mann zum Weinen.
Am dritten Morgen stand ich im Wohnzimmer und sah Kalle dabei zu.
Er nahm den alten blauen Stoffhasen aus seinem Körbchen, trug ihn quer durch den Raum und blieb vor Neles Schlafplatz stehen.
Normalerweise machte Kalle nichts langsam.
Er war zweieinhalb Jahre alt, ein heller Labrador-Mischling mit viel zu großen Pfoten, einem ständig wedelnden Schwanz und einer erstaunlichen Begabung dafür, Dinge umzuwerfen.
Aber an diesem Morgen bewegte er sich vorsichtig.
Fast feierlich.
Er legte den Stoffhasen direkt neben Neles Vorderpfoten.
Dann ging er zwei Schritte zurück.
Er stupste sie nicht an.
Er bellte nicht.
Er versuchte nicht, sie zum Spielen zu bringen.
Er legte sich einfach auf den Teppich und sah sie an.
Ich stand mit meiner Kaffeetasse in der Hand in der Küchentür und verstand überhaupt nichts.
Wir wohnen in einem kleinen Ort bei Kassel. Mein Mann Ralf und ich haben zwei Kinder, ein Reihenhaus mit einem überschaubaren Garten und bis zu diesem Frühjahr zwei Hunde.
Nele war zuerst da.
Sie war neun Jahre alt, eine gestromte Boxer-Mischlingshündin mit grauer Schnauze und diesen ruhigen braunen Augen, bei denen man immer das Gefühl hatte, sie würde mehr verstehen, als einem lieb war.
Ralf hatte sie schon lange vor unserer Beziehung.
Sie war bei ihm gewesen, als seine erste Ehe zerbrach.
Sie war bei ihm gewesen, als er anschließend fast ein Jahr allein in einer kleinen Wohnung lebte und kaum jemanden sehen wollte.
Wenn Ralf von dieser Zeit sprach, sagte er manchmal nur:
„Ohne Nele wäre ich damals ziemlich verloren gewesen.“
Mehr musste er nicht erklären.
Als ich ihn kennenlernte, gehörte Nele einfach dazu.
Später kamen unsere Kinder.
Nele ließ sich von ihnen Decken über den Kopf legen, ertrug unbeholfene Kinderhände und lag abends vor ihren Zimmertüren, wenn jemand krank war.
Sie war kein Hund, der ständig Aufmerksamkeit verlangte.
Sie war einfach da.
Zuverlässig.
Kalle kam sieben Jahre später zu uns.
Und Kalle war das genaue Gegenteil.
Er raste durch den Flur, wenn es klingelte. Er klaute Socken. Er erschrak vor Luftballons und vor dem Staubsauger, obwohl er dreimal so groß tat, sobald draußen ein Spatz auf dem Zaun saß.
In seinem ersten Winter bei uns rannte er mit einer Lichterkette durchs Wohnzimmer und zog beinahe unseren kleinen Weihnachtsbaum hinter sich her.
Ralf nannte ihn manchmal liebevoll „unseren Vollpfosten“.
Kalle nahm es als Kompliment.
Aber von seinem ersten Tag an hatte er nur Augen für Nele.
Wo Nele lag, legte Kalle sich dazu.
Wenn Nele in den Garten ging, lief Kalle hinterher.
Wenn sie abends im Flur einschlief, quetschte er sich so dicht neben sie, dass irgendwann irgendein Bein unter ihrem Bauch oder seinem Kopf lag.
Am Anfang tolerierte Nele ihn eher.
Sie seufzte viel.
Manchmal stand sie demonstrativ auf und wechselte den Platz, wenn Kalle zu aufdringlich wurde.
Doch irgendwann änderte sich etwas.
Sie wartete auf ihn.
Sie putzte ihm die Ohren.
Und wenn er sich nachts erschreckte, weil draußen irgendwo eine Mülltonne umkippte, suchte er Nele und legte sich an ihren Rücken.
Kalle hatte außerdem diesen Stoffhasen.
Blau.
Oder zumindest war er irgendwann einmal blau gewesen.
Er hatte keine Ohren mehr, nur noch ein halbes Bein und an mehreren Stellen war das Innenfutter zu sehen.
Meine Mutter fragte einmal, warum wir dieses „schmutzige Ding“ nicht wegwarfen.
Weil Kalle durchgedreht wäre.
Das war die Antwort.
Er hatte den Hasen schon als Welpe bekommen.
Er schlief damit.
Er trug ihn zur Haustür, wenn Ralf nach Hause kam.
Er schleppte ihn von oben nach unten und wieder zurück.
Wenn Kalle sein Spielzeug suchen musste, suchte er zuerst diesen Hasen.
Es war völlig offensichtlich:
Von allem, was dieser Hund besaß, war der blaue Hase sein größter Schatz.
Dann wurde Nele krank.
Zuerst fraß sie schlechter.
Danach wollte sie nicht mehr die ganze Runde mitgehen.
Wir schoben es auf das Alter.
Neun ist für einen größeren Hund schließlich nicht mehr jung.
Doch eines Abends stand sie vor ihrer Futterschüssel, nahm zwei Bissen und legte sich plötzlich hin.
Am nächsten Morgen fuhren wir zur Tierarztpraxis.
Es folgten Untersuchungen.
Dann weitere Untersuchungen.
Am Ende saßen Ralf und ich in diesem kleinen Behandlungsraum und wussten schon, dass etwas nicht stimmte, bevor die Tierärztin überhaupt anfing zu sprechen.
Krebs.
Spät erkannt.
Bereits gestreut.
Vielleicht noch einige Wochen.
Mit Glück etwas länger.
Man könne ihr die Zeit so angenehm wie möglich machen.
Heilen könne man sie nicht.
Auf der Heimfahrt sagte Ralf fast nichts.
Er hatte eine Hand am Lenkrad und die andere auf Neles Rücken.
Ich sah, wie sich seine Finger immer wieder in ihr Fell gruben.
Als müsste er prüfen, ob sie wirklich noch da war.
Zu Hause bauten wir ihr einen ruhigen Platz im Wohnzimmer.
Wir nahmen ihre große Transportbox, ließen die Tür offen und legten mehrere Decken hinein.
So konnte sie mitten bei uns liegen, ohne dass Kalle oder die Kinder sie versehentlich bedrängten.
In den ersten Tagen ging es noch.
Nele fraß kleine Portionen.
Sie ging langsam bis zum Gartentor.
Einmal brachte sie Ralf sogar noch seine Hausschuhe aus dem Flur, wie sie es früher manchmal gemacht hatte.
Wir feierten solche kleinen Dinge viel zu sehr.
Vielleicht, weil wir uns einreden wollten, die Tierärztin könnte sich getäuscht haben.
Aber sie hatte sich nicht getäuscht.
Nele wurde schwächer.
Und Kalle begann mit dem blauen Hasen.
Am ersten Morgen dachte ich, er hätte ihn einfach dort fallen lassen.
Ich nahm ihn aus Neles Box und legte ihn zurück in sein Körbchen.
Am zweiten Morgen lag der Hase wieder neben Nele.
Ich räumte ihn erneut weg.
Am dritten Morgen beobachtete ich Kalle.
Und danach hörte ich auf, den Hasen wegzunehmen.
Jeden Morgen dieselbe Szene.
Kalle wachte auf.
Er suchte seinen Hasen.
Er nahm ihn vorsichtig ins Maul.
Er ging zu Nele.
Dann legte er ihn zu ihr.
Nie auf sie.
Nie grob.
Immer daneben.
Und danach legte Kalle sich in die Nähe.
Anfangs dachte ich, er wollte spielen.
Vielleicht verstand er einfach nicht, warum Nele nicht mehr aufstand.
Ich sagte sogar zu meiner Tochter Greta:
„Er denkt bestimmt, wenn er ihr den Hasen bringt, spielt sie wieder mit ihm.“
Greta war elf.
Sie sah mich an, als hätte ich etwas sehr Dummes gesagt.
„Mama“, sagte sie, „er will gar nicht spielen.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil er sie doch nicht auffordert.“
Ich sah zu Kalle.
Er lag da.
Kopf auf den Pfoten.
Blick auf Nele.
Greta sagte:
„Er gibt ihr seinen Hasen, weil es ihr schlecht geht.“
Ich musste fast lächeln.
„Hunde denken nicht so wie wir.“
Greta zuckte nur mit den Schultern.
„Vielleicht denkst du nur nicht wie Kalle.“
Damals hielt ich das für einen typischen Satz eines Kindes.
Heute denke ich oft daran.
Denn der blaue Hase blieb nicht das einzige Geschenk.
Nach einigen Wochen brachte Kalle einen Tennisball.
Am nächsten Tag sein dickes Tau.
Später ein quietschendes Stoffwürstchen, das eigentlich zu Weihnachten unter dem Baum gelegen hatte.
Ein Spielzeug nach dem anderen.
Aber immer zuerst der Hase.
Der Hase war jeden Morgen da.
Irgendwann lagen fünf oder sechs von Kalles Sachen in Neles Box.
Ich räumte sie nicht mehr weg.
Nele konnte längst nicht mehr damit spielen.
Sie hatte an manchen Tagen nicht einmal die Kraft, allein aufzustehen.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






