Jeden Abend trug Reinhard seinen sterbenden Hund zum Sonnenuntergang bis die ganze Straße plötzlich verstand, warum

Zwei Monate lang trug unser 76-jähriger Nachbar seinen gelähmten Hund jeden Abend zum Sonnenuntergang, bis wir eines Abends verstanden, warum er nicht mehr aufstand.

„Er will ihn noch sehen.“

Das sagte Reinhard, als mein Mann ihn eines Abends fragte, warum er sich diese Mühe überhaupt noch antat.

Reinhard saß auf seiner Veranda, einen alten Golden Retriever in eine blaue Decke gewickelt auf dem Schoß. Der Hund konnte seit Wochen nicht mehr laufen. Trotzdem lag sein Kopf aufrecht da, die Nase nach Westen gerichtet.

„Jeden Abend“, sagte Reinhard leise. „Solange er ihn sehen will, bringe ich ihn raus.“

Der Hund hieß Hanno.

Und damals wusste keiner von uns, dass wir gerade die letzten Wochen einer sechzehnjährigen Freundschaft miterlebten.

Ich wohne in einer kleinen Straße am Rand von Kassel. Keine besondere Gegend. Einfamilienhäuser, ein paar alte Doppelhaushälften, Vorgärten, Garagen, Fahrräder an den Zäunen.

Man kennt sich.

Nicht so, dass jeder ständig beim anderen in der Küche sitzt. Aber man weiß, wer morgens früh zur Arbeit fährt, wer mittwochs die Enkel abholt und bei wem abends normalerweise Licht im Wohnzimmer brennt.

Reinhard wohnte schon dort, bevor mein Mann und ich eingezogen waren.

Er war 76, pensioniert und seit einigen Jahren Witwer. Ein stiller Mann. Höflich, ordentlich, zurückhaltend.

Sein Garten war immer gepflegt. Seine Mülltonnen standen nie länger draußen als nötig. Wenn man ihn grüßte, hob er kurz die Hand.

Und fast immer war Hanno bei ihm.

Hanno war ein Golden Retriever, etwas größer als durchschnittlich, mit hellem Fell, das im Alter fast weiß geworden war.

Er hatte diesen typischen freundlichen Blick, bei dem man sofort das Gefühl hatte, der Hund kenne einen schon ewig.

Reinhard hatte ihn als Welpen bekommen.

Sechzehn Jahre waren die beiden zusammen.

Und jeder in unserer Straße wusste eine Sache über Hanno:

Dieser Hund liebte Sonnenuntergänge.

Das klingt vielleicht seltsam.

Aber es war tatsächlich so.

Schon als junger Hund hatte Hanno am Abend angefangen, sich an die Grundstücksgrenze oder auf die Veranda zu legen und nach Westen zu schauen.

Nicht für zwei Minuten.

Er blieb dort, bis das letzte Licht verschwunden war.

Reinhard scherzte früher darüber.

„Andere Hunde wollen einen Ball“, sagte er einmal. „Meiner will Abendprogramm.“

Im Sommer lag Hanno im Gras.

Später, als seine Gelenke schlechter wurden, saß er neben Reinhard auf der Veranda.

Und selbst nachdem Reinhards Frau Elke gestorben war, blieb dieses Ritual bestehen.

Elke war vier Jahre zuvor nach langer Krankheit gestorben.

Reinhard und sie waren mehr als fünfzig Jahre verheiratet gewesen.

Wir waren damals fast alle bei der Beerdigung gewesen.

Danach veränderte Reinhard sich.

Nicht dramatisch. Er verschwand nicht völlig. Er wurde nur stiller.

Die Rollläden gingen später hoch.

Der Garten blieb manchmal mehrere Tage liegen.

Man sah ihn weniger.

Aber Hanno brauchte ihn.

Hanno musste morgens raus.

Hanno wollte Futter.

Hanno stand gegen Abend an der Tür.

Und Hanno wollte seinen Sonnenuntergang.

Später sagte eine Nachbarin einmal zu mir: „Vielleicht hat der Hund Reinhard damals durchgebracht.“

Ich glaube, sie hatte recht.

Reinhard hatte nach Elkes Tod einen Grund, morgens aufzustehen.

Und jeden Abend hatte er einen Grund, noch einmal vor die Tür zu gehen.

Hanno.

Dann wurde Hanno alt.

Richtig alt.

Er hörte schlechter. Seine Schnauze wurde grau. Die Treppen wurden langsam zu einem Problem.

Irgendwann hob Reinhard ihn ins Auto, weil Hanno nicht mehr hineinspringen konnte.

Dann wurden die Spaziergänge kürzer.

Erst eine Runde um den Block.

Dann nur noch bis zur Ecke.

Dann bis zum Gartentor.

Und schließlich passierte das, wovor Reinhard sich vermutlich lange gefürchtet hatte.

Hannos Hinterbeine machten nicht mehr mit.

Innerhalb weniger Wochen konnte er kaum noch stehen.

Reinhard brachte ihn zu einer Tierarztpraxis.

Was dort genau gesagt wurde, hat Reinhard nie erzählt.

Er sagte nur zu meinem Mann:

„Wir schauen jetzt jeden Tag.“

Mehr nicht.

Danach begann das Tragen.

Jeden Abend ungefähr zur gleichen Zeit öffnete sich Reinhards Haustür.

Zuerst erschien die blaue Decke.

Dann Reinhard.

Und darin lag Hanno.

Selbst abgemagert war der Hund noch schwer.

Reinhard war kein kräftiger Mann mehr. Man konnte sehen, was es ihn kostete.

Er stellte erst einen Fuß auf die Schwelle.

Dann den anderen.

Manchmal lehnte er kurz die Schulter gegen den Türrahmen.

Dann zog er Hanno etwas höher in seinen Armen und ging die wenigen Schritte bis zu seinem Stuhl.

Sehr langsam.

Sehr vorsichtig.

Dort setzte er sich.

Hanno lag auf seinem Schoß.

Beide schauten nach Westen.

Am Anfang beobachteten wir das sehr bewusst.

Meine Nachbarin Brigitte blieb einmal mit ihren Einkaufstaschen mitten auf dem Gehweg stehen.

Ein Junge vom Ende der Straße schob sein Fahrrad, statt daran vorbeizurasen.

Ich selbst stand öfter am Küchenfenster und sah hinüber.

Man konnte kaum wegsehen.

Dieser 76-jährige Mann trug jeden Abend einen großen, gelähmten Hund nach draußen, nur damit dieser noch einmal das sehen konnte, was er sein ganzes Leben geliebt hatte.

Und dann geschah etwas, für das ich mich heute ein bisschen schäme.

Wir gewöhnten uns daran.

Nach zwei Wochen gehörte Reinhard mit Hanno auf dem Schoß einfach zum Abend.

Nach vier Wochen war es fast so selbstverständlich wie das Licht der Straßenlaternen.

Nach sechs Wochen sah man nur noch kurz hin.

„Da sind sie wieder“, sagte mein Mann manchmal.

Mehr nicht.

Dabei war es vielleicht das Traurigste und gleichzeitig Liebevollste, was ich je direkt vor meiner Haustür gesehen habe.

Reinhard beschwerte sich nie.

Nie hörte ich ihn sagen, wie schwer Hanno geworden war.

Nie sagte er, dass sein Rücken wehtat.

Nie fragte er jemanden um Hilfe.

Nur einmal blieb mein Mann unten an der Veranda stehen.

„Wie geht es ihm heute?“

Reinhard schaute auf Hanno.

Dann strich er ihm über den Kopf.

„Nicht besonders.“

Mein Mann wusste nicht, was er darauf sagen sollte.

Reinhard schwieg einen Moment.

Dann sagte er diesen Satz:

„Aber er will ihn noch sehen. Jeden Abend will er ihn noch sehen. Also gehen wir ihn anschauen.“

Den Sonnenuntergang.

Reinhard musste gar nicht erklären, was er meinte.

Von da an achtete ich wieder genauer hin.

Es passierte auch etwas Merkwürdiges mit unserer Straße.

Die Leute richteten ihre Abende plötzlich ein bisschen danach aus.

Niemand sprach darüber.

Es gab keine Absprache.

Aber Brigitte und ihr Mann saßen häufiger vor ihrem Haus.

Eine ältere Dame von gegenüber machte ihre kleine Runde plötzlich zu einer Zeit, in der sie an Reinhard vorbeikam.

Die Kinder fuhren langsamer, wenn Hanno draußen lag.

Manchmal grüßte jemand.

Reinhard hob die Hand.

Mehr brauchte es nicht.

Niemand ging zu ihm hin und machte großes Gerede.

Vielleicht spürten wir alle, dass diese Minuten ihm und Hanno gehörten.

Trotzdem waren wir irgendwie dabei.

Ich stand oft am Fenster, während ich die Küche aufräumte.

Ich schaute zuerst auf das Licht.

Dann auf Reinhards Haus.

Und wenn dort zwei Silhouetten nebeneinander saßen, wusste ich:

Noch ein Abend.

Hanno hatte noch einen geschafft.

Natürlich wussten wir, wie diese Geschichte enden würde.

Man kann keinen sechzehnjährigen Hund sehen, der nicht mehr laufen kann, und sich einreden, dass plötzlich alles wieder gut wird.

Wir wussten es.

Reinhard wusste es.

Vielleicht wusste Hanno es auf seine Art ebenfalls.

Aber zu wissen, dass etwas kommt, ist nicht dasselbe, wie es tatsächlich zu erleben.

Der letzte Abend war ein Donnerstag Ende September.

Reinhard kam wie immer aus der Haustür.

Hanno lag in der blauen Decke.

Reinhard blieb an der Schwelle stehen.

Diesmal länger als sonst.

Ich sah, wie er tief Luft holte.

Dann trug er Hanno bis zum Stuhl.

Er setzte sich.

Rückte die Decke zurecht.

Legte einen Arm um den Hund.

Hannos Kopf hob sich.

Ich konnte es von meinem Küchenfenster aus deutlich sehen.

Dieser alte Hund, der kaum noch seinen eigenen Körper kontrollieren konnte, hob noch einmal den Kopf.

Nach Westen.

Zum Licht.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen