Als Dieter nachts verschwand, folgte ihm nur der alte Basko, und erfüllte seinen letzten Auftrag

Mein alter Hund legte sich auf meinen verwirrten Mann – Stunden später verstand ich, warum er diesen Weg ganz allein gegangen war.

Die Digitaluhr in unserer Küche zeigte 3:14 Uhr, als ich merkte, dass Dieters Seite im Bett leer war.

Ich legte die Hand auf sein Kissen. Kalt.

In diesem Moment schrie ich nicht. Ich konnte nicht einmal seinen Namen rufen. Ich saß einfach da und hörte mein eigenes Herz schlagen.

Dann sah ich, dass die Schlafzimmertür offen stand.

Ich zog meinen Morgenmantel über, griff nach der Taschenlampe und lief in den Flur. Die Haustür war nicht richtig geschlossen.

„Dieter?“

Keine Antwort.

Mein Mann war 72 Jahre alt. Früher hatte er unseren kleinen Hof am Rand des Allgäus praktisch allein am Laufen gehalten.

Er konnte einen kaputten Zaun reparieren, einen störrischen Anhänger rückwärts durch ein Tor setzen und wusste bei jedem Tier im Stall, ob etwas nicht stimmte.

Heute wusste er manchmal nicht mehr, wo unsere Toilette war.

Die Demenz hatte nicht alles auf einmal genommen.

Sie war höflicher gewesen.

Erst verschwanden Kleinigkeiten.

Der Haustürschlüssel im Kühlschrank. Die Milch im Küchenschrank. Eine Rechnung, die er dreimal bezahlte.

Dann vergaß er den Weg zum Bäcker, obwohl er ihn vierzig Jahre lang fast jeden Morgen gegangen war.

Später kamen Namen.

Der Nachbar.

Unsere Enkel.

Manchmal sogar meiner.

In schlechten Momenten schaute Dieter mich an wie eine freundliche Fremde, die ohne Einladung in seiner Küche stand.

In dieser Nacht wusste ich sofort, wohin er wahrscheinlich wollte.

Zum alten Stall.

Dieter lebte in seinem Kopf immer häufiger in einer Zeit, die längst vorbei war. Manchmal glaubte er, wir müssten morgens noch die Kühe versorgen, obwohl wir die letzten Tiere Jahre zuvor abgegeben hatten.

Ich zog meine Gummistiefel an und leuchtete über den Hof.

Da waren seine Spuren.

Unsicher. Schleppend.

Und daneben verlief eine zweite Spur.

Pfoten.

„Basko.“

Ich drehte mich zur alten Decke neben dem Heizkörper.

Leer.

Basko war unser vierzehnjähriger Schäferhund-Mischling. Sein Rücken war längst grau, seine Hüften steif, und morgens brauchte er manchmal mehrere Versuche, bis er aufstehen konnte.

Früher war er Dieters Schatten gewesen.

Wenn Dieter Holz holte, lief Basko mit.

Wenn Dieter am Traktor schraubte, lag Basko daneben.

Wenn Dieter auf der Bank vor dem Haus sein Feierabendbier trank, saß Basko zu seinen Füßen und beobachtete die Straße.

In den letzten Monaten schlief er fast nur noch.

Aber jetzt war auch er verschwunden.

Ich nahm die Autoschlüssel.

Ein Mann im Schlafanzug, ohne Jacke, mitten in einer eisigen Nacht – ich wollte nicht darüber nachdenken, wie schnell das gefährlich werden konnte.

Ich fuhr langsam den schmalen Weg hinter unserem Grundstück entlang.

„Bitte“, sagte ich immer wieder.

Ich weiß bis heute nicht, zu wem.

Nach vielleicht einem Kilometer sah ich etwas am Rand des Grabens.

Zuerst nur einen dunklen Fleck.

Dann erkannte ich Dieters Hausschuhe.

Ich bremste so hart, dass mein Sicherheitsgurt mich zurückriss.

„Dieter!“

Ich rutschte den kleinen Hang hinunter.

Er lag zusammengerollt auf dem Boden.

Sein Gesicht war grau.

Seine Lippen wirkten beinahe farblos.

Aber Dieter war nicht allein.

Basko lag auf ihm.

Nicht daneben.

Auf ihm.

Der alte Hund hatte seinen Körper quer über Dieters Brust gelegt. Sein Kopf lag direkt unter dem Kinn meines Mannes.

Basko zitterte am ganzen Körper.

Seine Vorderbeine waren ausgestreckt, als hätte er versucht, Dieter vollständig abzudecken.

„Oh Gott.“

Ich kniete mich hin.

Basko hob den Kopf.

Er bellte nicht.

Er wedelte nicht.

Er sah mich einfach an.

Diese trüben alten Augen vergesse ich nie.

Es war, als würde er sagen: Da bist du endlich.

Ich fasste Dieter an.

Er atmete.

Flach, aber er atmete.

Ich weiß nicht, wie ich ihn in das Auto bekommen habe. Dieter war immer noch ein großer Mann, schwerer als ich. Aber Angst gibt einem manchmal Kräfte, von denen man nichts wusste.

Basko konnte kaum noch stehen.

Ich wickelte ihn in eine Wolldecke und hob ihn auf den Beifahrersitz.

In der Notaufnahme kümmerten sich mehrere Menschen sofort um Dieter. Irgendwann kam eine Ärztin zu mir.

„Er hatte großes Glück“, sagte sie.

Seine Körpertemperatur war stark abgesunken, aber sein Kreislauf hatte sich stabilisiert.

Noch etwas länger dort draußen hätte alles anders enden können.

„Da lag etwas auf ihm“, sagte sie. „Das dürfte geholfen haben, seine Körperwärme zu halten.“

Ich schaute zur Tür.

„Nicht etwas“, sagte ich.

„Jemand.“

Während Dieter zur Beobachtung bleiben musste, fuhr ich mit Basko zu einer Tierarztpraxis.

Er lag auf der Rückbank und bewegte sich kaum.

Normalerweise hasste er Autofahrten zum Tierarzt. Schon beim Abbiegen in die Straße begann er früher zu jammern.

Diesmal machte er keinen Laut.

Die Tierärztin hörte lange sein Herz ab.

Dann untersuchte sie seine Gelenke und seine Atmung.

Als sie mich ansah, wusste ich schon, was sie sagen würde.

Baskos Herz war schwach gewesen.

Sein Körper war alt.

Die Anstrengung dieser Nacht hatte ihm alles genommen, was noch übrig gewesen war.

„Können Sie etwas tun?“, fragte ich.

Sie schwieg einen Moment.

Dann setzte sie sich neben mich.

Basko lag zwischen uns.

Ich vergrub mein Gesicht in seinem Hals.

Er roch nach unserem Haus.

Nach alter Decke.

Nach Holzschuppen.

Nach diesem Hundegeruch, über den ich mich so oft beschwert hatte.

„Du Idiot“, flüsterte ich.

Meine Hände zitterten.

„Warum bist du mitgegangen?“

Basko öffnete noch einmal die Augen.

Dann leckte er langsam über meine Finger.

Am selben Morgen ließen wir ihn gehen.

Vierzehn Jahre passen erstaunlich schlecht in eine kleine Pappschachtel mit einem Halsband darin.

Zwei Tage später kam Dieter nach Hause.

Wir hatten inzwischen ein Pflegebett im Wohnzimmer.

Er schlief viel.

Immer wieder blickte ich automatisch zur alten Decke neben dem Heizkörper.

Sie blieb leer.

Ich konnte das Halsband nicht weglegen.

Es hing über der Lehne eines Küchenstuhls.

Jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging, klirrten die Marken leise gegeneinander.

Am dritten Tag suchte ich Unterlagen für Dieters Krankenkasse.

In einer Schublade im ehemaligen Arbeitszimmer fand ich ein altes kariertes Notizbuch.

Dieter hatte darin früher alles aufgeschrieben.

Wann Holz geliefert wurde.

Welche Maschine repariert werden musste.

Wie viel Heizöl wir bestellt hatten.

Ich setzte mich an seinen alten Schreibtisch und blätterte.

Seine Schrift war früher kräftig gewesen.

Gerade.

Fast ein bisschen zu ordentlich.

Je weiter ich nach hinten kam, desto zittriger wurden die Buchstaben.

Dann fand ich eine Seite von vor fast fünf Jahren.

Kurz nachdem ein Arzt zum ersten Mal ernsthaft mit uns über Demenz gesprochen hatte.

Oben stand ein Datum.

Darunter hatte Dieter geschrieben:

Der Arzt meint, dass mein Kopf irgendwann nicht mehr richtig mitmacht.

Ich musste aufhören zu lesen.

Ich strich mit dem Finger über seine Schrift.

Dann las ich weiter.

Ich habe keine große Angst davor, selbst etwas zu vergessen. Ich habe Angst um Karin.

Sie tut immer so, als könnte sie alles schaffen. Konnte sie schon immer.

Aber irgendwann werde ich vielleicht aus dem Haus gehen und nicht mehr wissen, warum.

Darunter stand:

Heute habe ich mit Basko gesprochen.

Trotz meiner Tränen musste ich lachen.

Natürlich hatte er mit dem Hund gesprochen.

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