Ich wünschte meinem alten Nachbarn den Tod – drei Tage später war er tot, und sein streunender Kater zeigte mir, wie falsch ich lag.
„Verschwinde endlich! Los! Weg mit dir!“
Heinz schlug mit seinem Gehstock gegen die unterste Stufe seiner Veranda. Der alte Kater sprang erschrocken zurück, fauchte und verschwand unter einem Busch.
Ich stand hinter meinem Wohnzimmerfenster und sah alles.
In meiner Hand hielt ich einen viel zu teuren Hafermilchkaffee. Und in meinem Kopf entstand ein Gedanke, für den ich mich heute noch schäme.
Hoffentlich ist dieser Mann irgendwann einfach weg.
Vielleicht wäre unsere Straße dann endlich friedlicher.
Heinz Albrecht war 78 und wohnte direkt neben mir am Rand von Kassel. Unsere Siedlung hatte sich in den vergangenen Jahren stark verändert.
Alte Häuser verschwanden. Neue Einfamilienhäuser entstanden. Vorgärten wurden ordentlich angelegt, Fassaden frisch gestrichen, Zäune erneuert.
Nur Heinz machte nicht mit.
Sein kleines graues Haus stand zwischen zwei modernen Neubauten wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit.
Die Farbe blätterte von den Fensterrahmen. Eine Dachrinne hing schief. Auf der Veranda stand ein alter Schaukelstuhl, dessen Holz längst grau geworden war.
Die private Verwaltung unserer Siedlung hatte Heinz mehrfach angeschrieben.
Er reagierte kaum.
Ein Bauunternehmer hatte ihm sogar angeboten, sein Grundstück zu kaufen.
Heinz lehnte ab.
„Ich gehe hier nicht weg“, hatte ich ihn einmal durch den Gartenzaun sagen hören.
Mehr erklärte er nicht.
Besuch bekam er fast nie.
Manchmal saß er stundenlang allein auf seiner Veranda. Alte Arbeitsjacke, graue Haare, der Stock neben dem Stuhl.
Und dann war da dieser Kater.
Wir nannten ihn Fleck.
Niemand wusste, wem er einmal gehört hatte. Er war ein großer getigerter Streuner mit einer vernarbten Nase, zerzaustem Fell und einem vorsichtigen Blick.
Er bewegte sich wie ein Tier, das schon oft gelernt hatte, dass eine ausgestreckte Hand nicht automatisch etwas Gutes bedeutete.
Trotzdem kam Fleck immer wieder zu Heinz.
Und Heinz jagte ihn jedes Mal fort.
Er stampfte mit dem Schuh auf.
Er klopfte mit dem Stock gegen das Geländer.
Manchmal warf er eine leere Plastikflasche in seine Richtung.
„Hau ab!“
„Such dir einen anderen Platz!“
„Du gehörst hier nicht her!“
Ich hasste diese Szenen.
In meinem Kopf hatte ich längst entschieden, wer Heinz war.
Ein verbitterter alter Mann.
Einer, der mit niemandem klarkam.
Einer, der sogar ein hungriges Tier verjagte.
Einmal traf ich meine Nachbarin am Zaun. Sie sagte nur: „Der war schon immer schwierig.“
Damit war das Urteil für mich abgeschlossen.
Schwierig.
Unfreundlich.
Rücksichtslos.
Ich fragte nie nach.
Ich klingelte nie bei ihm.
Ich wusste nicht einmal, ob er Familie hatte.
Dann kam jene Woche, in der es nachts ungewöhnlich kalt wurde.
Drei Tage nachdem ich diesen hässlichen Gedanken am Fenster gehabt hatte, bemerkte ich morgens einen Rettungswagen vor Heinz’ Haus.
Kein hektisches Geschrei.
Keine Menschenmenge.
Nur zwei Einsatzkräfte, die irgendwann eine Trage aus dem Haus schoben.
Sie war vollständig abgedeckt.
Ich wusste sofort, was das bedeutete.
Heinz war tot.
Ich stand in meiner Einfahrt und fühlte plötzlich gar nichts von der Erleichterung, die ich mir eingebildet hatte.
Stattdessen war da nur Leere.
Dieser Mann hatte mich genervt.
Ich hatte mich über sein Haus aufgeregt.
Über seinen Garten.
Über seine Art.
Und nun war er weg.
Einfach so.
Als der Rettungswagen davonfuhr, hörte ich ein Geräusch.
Ein langgezogenes, raues Jaulen.
Ich sah zur Veranda.
Dort saß Fleck.
Direkt vor Heinz’ Haustür.
Der Kater zitterte. Er starrte auf den leeren Schaukelstuhl und gab wieder diesen seltsamen Laut von sich.
Nicht wie ein hungriges Tier.
Eher wie jemand, der auf eine Antwort wartete.
Ich ging hinüber.
Eigentlich wollte ich Fleck nur mitnehmen, damit er nicht dort sitzen blieb.
Auf dem kleinen Tisch neben dem Schaukelstuhl lag ein gefaltetes Blatt Papier unter einer alten Tasse.
Oben stand:
Für denjenigen, der mich findet.
Ich zögerte.
Dann las ich weiter.
Der Ersatzschlüssel liegt unter der Matte. Bitte lasst den Kater vorerst nicht ins Haus.
Ich spürte sofort wieder Ärger.
Natürlich.
Selbst jetzt wollte Heinz dieses Tier draußen halten.
Ich hob die Matte an.
Der Schlüssel lag tatsächlich darunter.
„Na komm“, sagte ich zu Fleck. „Jetzt wird dir wenigstens niemand mehr die Tür vor der Nase zuschlagen.“
Ich schloss auf.
Fleck blieb draußen.
Ich ging zuerst hinein.
Und nach zwei Schritten blieb ich stehen.
Im kleinen Flur lag ein beheizbares Tierkissen.
Daneben standen mehrere Futternäpfe.
Auf einem Regal lagen Dosen mit hochwertigem Katzenfutter, sauber gestapelt.
Eine Packung Katzenstreu.
Zwei Spielmäuse.
Eine Bürste.
Eine Decke.
Alles neu.
Alles vorbereitet.
An der Wand klebte ein zweiter Zettel.
Meine Hände wurden kalt.
Ich weiß, was ihr über mich denkt.
So begann er.
Ich höre mehr, als ihr glaubt.
Ich setzte mich auf die kleine Bank neben der Tür.
Dann las ich.
Ich bin schwer krank. Die Ärzte haben mir vor Monaten gesagt, dass ich wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit habe.
Ich schluckte.
Davon hatte niemand etwas gewusst.
Fleck kommt seit fast drei Jahren zu mir. Früher nur nachts. Später morgens und abends.
Fleck.
Heinz hatte ihm denselben Namen gegeben wie wir.
Ich habe ihn gefüttert. Erst heimlich im Schuppen. Danach jeden Tag.
Ich sah zu den Dosen.
Er ist kein junger Kater mehr. Aber draußen kommt er zurecht. Er kennt Verstecke. Er weiß, wo er Wasser findet. Er lässt sich von Fremden nicht einfach anfassen.
Dann kam der Satz, der mir den Boden unter den Füßen wegzog.
Ich hätte ihn gern hereingeholt. Mehr als alles andere.
Ich las weiter.
Aber wenn ich ihn an mein Sofa gewöhne, an meine Heizung und daran, jede Nacht neben mir zu schlafen, was passiert dann, wenn ich plötzlich nicht mehr da bin?
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