Der alte Bernhardiner wollte zurückbleiben doch eine einzige Leine enthüllte das Geheimnis zwischen zwei Hunden

Elf Minuten vor Feierabend schob ein fast blinder Bernhardiner seine beste Freundin zur Tür, und stellte sich danach mit dem Gesicht zur Wand.

Ich sah alles durch die zerkratzte Scheibe unseres Besucherzimmers.

Marga war 78 und hatte nur eine Leine mitgebracht.

Mehr brauchte sie nicht, dachte sie.

Ihr Sohn Thilo hatte ihr schließlich deutlich gesagt: „Mama, bitte nur einen kleinen Hund. Einen, den du wirklich halten kannst.“

Nach einem Sturz lief Marga noch immer mit einem Stock. Sie wohnte allein in einem kleinen Bungalow am Rand von Kassel. Ihr Mann Heinz war seit anderthalb Jahren tot.

„Ich brauche keinen Wachhund“, hatte sie mir gesagt.

„Ich brauche nur jemanden, der merkt, wenn ich nach Hause komme.“

Deshalb hatte ich ihr Nela vorgestellt.

Nela war eine vierjährige, gestromte Mischlingshündin. Nicht groß. Ruhig. Vorsichtig.

Als Margas Hand beim Streicheln leicht zitterte, sprang Nela nicht hoch. Sie schob einfach ihren Kopf unter die Hand und blieb stehen.

Perfekt, dachte ich.

Baldo dachte offenbar etwas anderes.

Der alte Bernhardiner stand ein paar Meter entfernt an der Wand. Fast zehn Jahre alt, schwer, steif in der Hinterhand und mit milchigen Augen.

Er beobachtete jede Bewegung.

Oder besser gesagt: Er versuchte es.

Als Marga die blaue Leine an Nelas Halsband befestigte, hörte man das Metall einrasten.

Baldo hob sofort den Kopf.

Dann ging er zu Nela.

Er drückte seine Schnauze gegen ihre Schulter und schob sie in Richtung Marga.

Nela drehte sich zu ihm um.

Baldo schob noch einmal.

Beim dritten Mal brachte er sie direkt bis vor Margas Knie.

Dann ging er zurück.

Langsam.

Vorsichtig.

Bis er die hintere Ecke des Raumes erreichte.

Seine Schulter berührte die eine Wand. Seine Nase suchte die andere.

Er blieb stehen.

Und drehte uns den Rücken zu.

Sein Gesicht zeigte direkt auf die Wand.

„Was macht er da?“, fragte Marga.

Ich wusste es nicht.

Nela zog an der Leine zu ihm zurück.

Baldo hob eine schwere Pfote und legte sie quer vor den kleinen Durchgang zur Ecke.

Nicht aggressiv.

Nur bestimmt.

Als würde er sagen:

Du gehst.

Ich bleibe.

Marga sah mich an.

„Er will, dass ich sie nehme.“

Ich wollte widersprechen.

Wir Menschen lesen schnell Dinge in Tiere hinein. Das wusste ich nach zwölf Jahren im Tierschutz sehr genau.

Aber dann hörte Baldo Margas Stimme.

Er drehte den Kopf.

Fand Nela mit der Schnauze.

Und schob sie noch einmal sanft in Richtung Tür.

Danach stellte er sich wieder zur Wand.

Marga nahm ihre Brille ab und putzte sie mit dem Ärmel.

„Sagen Sie mir bitte die Wahrheit.“

Ich schwieg.

„Was passiert mit ihm, wenn ich nur Nela mitnehme?“

Ich erklärte ihr, dass alte, große Hunde oft lange warteten.

Baldo brauchte Untersuchungen für seine Hüfte. Seine Zähne waren schlecht. Mit seinen Augen stimmte etwas nicht.

Mehrere Besucher hatten ihn gesehen.

Niemand hatte nach ihm gefragt.

Für Nela dagegen lagen bereits mehrere Anfragen vor.

Marga blickte auf ihre einzelne blaue Leine.

„Thilo hat gesagt, nur ein kleiner Hund.“

Dann versuchte sie, mit Nela zur Tür zu gehen.

Nela bewegte sich nicht.

Baldo stand auf.

Er stellte sich hinter sie und drückte seinen Brustkorb gegen ihren Rücken.

Schritt für Schritt schob er sie bis hinaus auf den Flur.

Dann blieb er selbst drinnen.

Die Tür zwischen ihnen war noch offen.

Nela drehte sich zu ihm.

Baldo drehte sich weg.

Marga stand lange da.

Dann löste sie die Leine.

Sie ging zurück zu Nela, nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und streichelte danach Baldo über die graue Schnauze.

„Ich habe nur eine Leine mitgebracht“, flüsterte sie.

„Das war wohl mein Fehler.“

Sie ging ohne Hund nach Hause.

Am nächsten Morgen war sie um kurz nach acht wieder da.

Thilo kam mit.

In seiner Hand waren zwei blaue Leinen.

Baldo stand schon auf, bevor sie die Tür zum Zwinger erreichten.

Damals wusste ich noch nicht, dass die beiden Hunde sich nicht einfach nur mochten.

Sie brauchten einander.

Baldo und Nela waren elf Tage zuvor zu uns gekommen.

Ihre Besitzerin, eine ältere Frau namens Edeltraud, war plötzlich gestorben. Eine Nachbarin hatte Hilfe geholt, nachdem sie mehrere Tage nichts von ihr gehört hatte.

Nela hatte neben dem Bett gelegen.

Baldo stand zwischen ihr und der Schlafzimmertür.

Nicht knurrend.

Nicht bellend.

Er ging nur jedes Mal einen Schritt zur Seite, wenn jemand versuchte, sich Nela zu nähern.

Im Tierheim wollten wir die Hunde zunächst in getrennten Boxen unterbringen.

Das funktionierte keine Stunde.

Nela kratzte an der Trennwand.

Baldo stieß mehrfach gegen seinen Wassernapf und stellte sich schließlich mit der Nase direkt an das Gitter zwischen ihnen.

Unser Nachtdienst gab auf und setzte beide zusammen.

Vier Minuten später schliefen sie.

Baldo mit dem Rücken an der Wand.

Nela an seiner Brust.

Am nächsten Morgen fiel mir etwas auf.

Nela lief fast immer links neben Baldo.

Wenn sie abbog, berührte ihre Schulter seine.

Wenn irgendwo ein Eimer oder eine Bank im Weg stand, wurde sie langsamer.

Baldo folgte.

Ich hielt das für Gewohnheit.

Dann gab es noch diese andere Sache.

Mehrmals am Tag drückte Baldo seine Nase für zwei oder drei Sekunden gegen Nelas Rippen.

Manchmal ging er danach weiter.

Manchmal stellte er sich dicht neben sie.

Auch das hielt ich für Zuneigung.

Wir lagen mit beidem nur halb richtig.

Als Marga wiederkam, legte Thilo die zwei Leinen auf meinen Schreibtisch.

„Zeigen Sie mir alles, was die beiden brauchen“, sagte er.

Er klang nicht begeistert.

Er klang wie ein Mann, der die ganze Nacht Listen geschrieben hatte.

Später erfuhr ich, dass er tatsächlich kaum geschlafen hatte.

Marga hatte ihn am Abend angerufen.

„Ich kann den kleinen Hund nicht nehmen“, hatte sie gesagt.

„Warum nicht?“

„Weil der große ihn mir gegeben hat.“

Thilo hatte gedacht, seine Mutter übertreibe.

Dann schickte sie ihm ein Foto.

Baldo in der Ecke.

Das Gesicht zur Wand.

Nela am Ende der einzelnen Leine.

„Was soll ich damit anfangen?“, fragte Thilo.

„Hinschauen.“

„Ich schaue doch.“

„Nein“, sagte Marga. „Du rechnest.“

Das traf ihn.

Seit dem Tod seines Vaters versuchte Thilo, jede Gefahr aus Margas Leben zu entfernen.

Er hatte Haltegriffe im Bad montiert.

Bewegungsmelder angebracht.

Teppichkanten befestigt.

Er wollte sogar, dass sie ihr Haus verkaufte und näher zu ihm zog.

Marga weigerte sich.

Je mehr er versuchte, sie zu beschützen, desto weniger erzählte sie ihm.

Ein riesiger alter Hund war für Thilo deshalb zunächst nur ein weiteres Risiko.

Trotzdem stand er in dieser Nacht in seiner Werkstatt.

Und baute eine Rampe.

Am nächsten Morgen erklärten wir ihm, was wir inzwischen herausgefunden hatten.

Baldo war nicht einfach sehschwach.

Er war fast blind.

Auf dem linken Auge erkannte er praktisch nichts mehr. Rechts nahm er noch Licht und große Bewegungen wahr.

Ich hatte am frühen Morgen einen Ball über den Boden rollen lassen.

Nela folgte ihm sofort mit den Augen.

Baldo reagierte überhaupt nicht.

Als ich aber eine Tüte mit Leckerchen öffnete, drehte er sich sofort zu mir.

Dann ließ ich Nela neben ihn.

Sie stellte sich links an seine Schulter.

Ging los.

Baldo folgte.

Sie führte ihn um einen Stuhl, an einer Tür vorbei und direkt zurück zu seinem Platz.

Ohne dass er irgendwo dagegenlief.

„Sie ist sein Auge“, sagte Marga.

Thilo verschränkte die Arme.

„Und was ist er für sie?“

Diese Antwort bekamen wir schneller, als uns lieb war.

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