Sechs Familien gingen an dem alten Bernhardiner vorbei, dann kam ein 79-Jähriger mit einem umgebauten Kinderwagen und kannte seine geheime Uhrzeit.
„Läuft er immer so?“
Die Frau sagte es leise, aber Rumo hörte ihre Stimme. Der alte Bernhardiner stand mitten in seinem Zwinger und versuchte, seine Hinterbeine unter den Körper zu bekommen.
Vorne war er schon aufgestanden.
Hinten dauerte es drei lange Sekunden länger.
„Seine Arthrose ist weit fortgeschritten“, sagte ich. „Mit Medikamenten geht es besser. Aber lange Spaziergänge wird er nicht mehr schaffen.“
Die Frau sah ihren Mann an.
Zehn Minuten später verließ die Familie unser Tierheim mit einem jungen Mischling.
Rumo beobachtete sie durch die Gitterstäbe.
Dann legte er seinen grauen Kopf auf seine alte grüne Stoffente.
Es war die sechste Familie an diesem Tag.
Ich heiße Bettina, war damals 42 und arbeitete seit zwölf Jahren in der Vermittlung eines Tierheims außerhalb von Kassel.
Ich hatte viele alte Hunde kommen und gehen sehen.
Aber keinen wie Rumo.
Er war elf Jahre alt, wog über siebzig Kilo und bewegte sich, als müsste er mit jedem Schritt erst seinen eigenen Körper überzeugen.
Trotzdem hatte er eine merkwürdige Gewohnheit.
Jeden Nachmittag um genau 16:12 Uhr öffnete er die Augen.
Er stand auf.
Er nahm die grüne Stoffente ins Maul und ging zur westlichen Tür unseres Gebäudes.
Dort wartete er.
Bis 16:38 Uhr.
Dann schleppte er sich zurück zu seinem Bett.
Jeden Tag.
Immer dieselbe Uhrzeit.
Immer dieselbe Tür.
Immer dieselbe Ente.
Wir dachten zuerst, er warte auf das Auto seiner früheren Besitzerin.
Wir lagen falsch.
Rumos Besitzerin Monika war wenige Wochen zuvor gestorben. Ihre Tochter hatte den Hund zu uns gebracht, weil sie weit entfernt wohnte und Rumo kaum noch ins Auto bekam.
Sie wusste erstaunlich wenig über seinen Alltag.
Nur eine Sache hatte sie auf unserem Formular eingetragen.
Lieblingsbeschäftigung: Enten beobachten.
In der Tasche mit Rumos Sachen lagen zwei Decken, Medikamente, seine grüne Stoffente, eine alte Leine und eine rote Thermoskanne.
Um den Griff der Thermoskanne war ein verblichenes gelbes Band geknotet.
Monikas Tochter wollte es wegwerfen.
Rumo stellte sich davor.
Also behielten wir es.
Fast einen Monat später kam an einem Samstag ein älterer Mann durch unsere Eingangstür.
Er schob einen alten Doppel-Kinderwagen vor sich her.
Nur dass darin längst keine Kinder mehr sitzen konnten.
Die Sitze waren entfernt worden. Stattdessen hatte der Wagen eine breite gepolsterte Fläche, verstärkte Räder, eine kleine Rampe und stabile Seitenwände.
Der Mann hieß Volker Rademann.
79 Jahre.
Fast vier Jahrzehnte hatte er Fahrzeuge in einer städtischen Werkstatt repariert.
„Wie weit ist es von hier bis zu dem See westlich der Stadt?“, fragte er.
Ich nannte ihm ungefähr die Entfernung.
Dann fragte er:
„Und vom Parkplatz bis zur siebten Bank?“
Ich sah ihn an.
Er sagte selbst:
„Knapp zweihundert Meter. Das letzte Stück ist Schotter.“
Da wusste ich, dass er nicht zufällig hier war.
„Wen möchten Sie kennenlernen?“
Volker zeigte Richtung Rumos Zwinger.
„Ihn.“
Ich erklärte ihm alles.
Rumos Gewicht.
Seine Gelenke.
Die Medikamente.
Dass er vielleicht nur noch Monate hatte.
Dass ein so großer alter Hund Hilfe brauchte, wenn er stürzte.
Volker hörte zu, ohne mich einmal zu unterbrechen.
Dann klopfte er auf den Kinderwagen.
„Der hält mehr aus als Rumo.“
„Sie haben den Wagen für ihn umgebaut?“
Volker sah mich kurz an.
„Ich habe ihn für ihn fertiggemacht.“
Diesen Satz verstand ich damals noch nicht.
Als wir zu Rumo gingen, reagierte der Hund zunächst überhaupt nicht auf Volker.
Er nahm nicht einmal das Stück Fleisch, das der alte Mann vor das Gitter legte.
Dann drehte sich eines der großen Räder des Kinderwagens.
Klick.
Rumos Kopf schnellte hoch.
Volker hatte das gelbe Band an den Griff gebunden.
Rumo starrte darauf.
Dann zog Volker die rote Thermoskanne aus seiner Tasche.
Rumo stand auf.
Langsam.
Mühsam.
Er ging an dem Futter vorbei, berührte mit der Nase den Deckel der Thermoskanne und drückte anschließend seine Stirn gegen die gepolsterte Seite des Kinderwagens.
Volker legte ihm die Hand auf den Kopf.
„Du hast länger gewartet als ich“, murmelte er.
Ich fragte ihn, was er damit meinte.
„Später“, sagte er.
Um 16:12 Uhr nahm Rumo seine Stoffente.
Volker stellte den Kinderwagen vor die Tür und klopfte zweimal auf den Rahmen.
Rumo ging zur Rampe.
Eine Vorderpfote.
Dann die andere.
Seine Hinterbeine zitterten.
Aber er stieg ein.
Niemand von uns hatte ihm beigebracht, auf zwei Klopfzeichen zu reagieren.
Volker behauptete ebenfalls, es nicht getan zu haben.
Trotzdem wartete Rumo darauf.
Ein Klopfen reichte nicht.
Drei Klopfzeichen ließen ihn nur den Kopf schieflegen.
Zwei bedeuteten offenbar:
Einsteigen.
Wir genehmigten zunächst eine Probezeit.
Volker baute sein Esszimmer für Rumo um, weil sein Schlafzimmer im Obergeschoss lag.
Er legte rutschfeste Läufer durch den Flur.
An der Hintertür baute er eine flache Rampe.
Die erste Woche schlief er auf dem Sofa, damit er Rumo nachts hören konnte.
Jeden Nachmittag geschah dasselbe.
16:12 Uhr.
Rumo nahm die Ente und ging zur Tür.
Volker öffnete sie.
Rumo stellte sich am Gartentor auf und schaute nach Westen.
Bis 16:38 Uhr.
Volker rief ihn nicht zurück.
Er stellte einen Klappstuhl neben ihn und wartete einfach mit.
Nach einigen Tagen begann er, Rumo kurze Strecken mit dem umgebauten Wagen zu fahren.
Bevor es losging, kontrollierte er jedes Rad.
Dann die Bremsen.
Dann zweimal:
Klopf. Klopf.
Rumo stieg ein.
Später erzählte mir Volkers Tochter, dass ihr Vater seit dem Tod seiner Frau Elke kaum noch etwas unternommen hatte.
Er sagte Treffen mit früheren Kollegen ab.
Das Telefon ließ er oft klingeln.
Manchmal verging ein ganzer Tag, ohne dass er mit jemandem sprach.
Nun plante er plötzlich alles um einen alten Bernhardiner herum.
Sie fragte mich:
„Und was passiert mit meinem Vater, wenn Rumo stirbt?“
Ich wusste darauf keine Antwort.
Also fragte ich:
„Was passiert gerade mit ihm, solange Rumo lebt?“
Sie sagte nichts mehr.
Zwei Wochen später unterschrieb Volker die Adoptionspapiere.
Danach fragte er nur:
„Können Sie ein Foto machen? Aber mich bitte nicht richtig drauf.“
Wir machten eines von hinten.
Ein kleiner älterer Mann schob einen riesigen Bernhardiner in einem umgebauten Kinderwagen über den Hof.
Zwischen Rumos Pfoten lag die grüne Ente.
Am Griff flatterte das gelbe Band.
Drei Tage später fuhr Volker mit Rumo zum See.
Seine Tochter kam mit.
Ich ebenfalls.
Denn inzwischen wollte ich verstehen, was dort um 16:12 Uhr auf uns wartete.
Der Kinderwagen kam problemlos über den festen Weg.
Dann begann das letzte Stück mit dem Schotter.
Volker hielt an.
Vor uns lag die siebte Bank.
Noch 27 Meter.
Rumo richtete sich auf.
Volker öffnete die Rampe.
„Nicht die ganze Strecke“, sagte seine Tochter.
„Nein“, antwortete er. „Nur so weit, wie er will.“
Rumo stieg aus.
Seine ersten Schritte waren steif.
Dann wurden sie länger.
Er ging an der dritten Bank vorbei.
An der fünften ebenfalls.
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