Rumo wartete jeden Tag um 16:12 Uhr bis ein alter Mann endlich seinen Platz einnahm

Er sah die Enten am Wasser.

Aber er ging nicht zu ihnen.

Er ging weiter.

Plötzlich knickte sein rechtes Hinterbein ein.

Volkers Tochter fing ihn am Tragegeschirr auf.

Volker schob den Wagen neben Rumo.

„Genug, alter Junge.“

Rumo drehte den Kopf weg.

Er wollte nicht einsteigen.

Fünf Schritte.

Pause.

Vier Schritte.

Pause.

Volker ging neben seinem Kopf.

„Ganz langsam.“

Um 16:19 Uhr erreichte Rumo die siebte Bank.

Und da verstand ich zum ersten Mal, dass es ihm nie hauptsächlich um die Enten gegangen war.

Rumo ging zur rechten Seite der Bank.

Er legte die grüne Stoffente auf den leeren Sitzplatz.

Dann setzte er sich davor.

Und blickte zurück auf den Weg.

Volker blieb stehen.

Seine Tochter hielt sich eine Hand vor den Mund.

In das Holz der Bank waren zwei alte Initialen geritzt.

E + V.

Volker setzte sich auf die linke Seite.

Dann holte er die rote Thermoskanne heraus.

Dazu zwei Metallbecher.

Einen stellte er vor sich.

Den zweiten auf den freien Platz neben Rumo.

Um 16:38 Uhr nahm Rumo die Stoffente wieder ins Maul.

Volker starrte auf den leeren Becher.

Dann sagte er:

„Sie kommt nicht zu spät, Rumo.“

Der Hund sah weiter auf den Weg.

Volker berührte das gelbe Band.

„Sie kommt nicht mehr.“

Rumo bewegte sich nicht.

„Ich weiß“, flüsterte Volker. „Ich bin auch nicht gekommen.“

Zwei Tage später stand Monikas Tochter wieder im Tierheim.

Sie hatte beim Ausräumen der Wohnung ihrer Mutter einen Umschlag gefunden.

Darauf stand Volkers vollständiger Name.

Außerdem brachte sie alte Fotos mit.

Auf einem davon erkannte ich sofort Rumo.

Neben ihm saßen zwei Frauen auf der siebten Bank.

Die eine war Monika.

Die andere war Elke.

Volkers verstorbene Frau.

Vor ihnen stand derselbe Kinderwagen.

Das gelbe Band hing am rechten Griff.

Die rote Thermoskanne stand unten im Korb.

Und Rumo lag mit dem Kopf auf Elkes Schuhen.

Volker kannte Rumo seit fast sechs Jahren.

Elke und Monika hatten sich bei ihren Spaziergängen am See kennengelernt.

Monika hatte ihren Mann verloren.

Elke hatte zunehmend Probleme mit Gleichgewicht und Beweglichkeit.

Sie wollte aber nicht zu Hause sitzen.

Also trafen sich die beiden Frauen.

Jeden Nachmittag.

Um 16:12 Uhr.

Volker brachte Elke häufig zum See und holte sie später wieder ab.

Den alten Kinderwagen hatten er und Elke Jahrzehnte zuvor für ihre beiden Töchter gekauft.

Später transportierte Elke damit Bücher, Decken, Getränke und schließlich alles, was sie für ihre Spaziergänge brauchte.

Wenn ihre Beine unsicher wurden, hielt sie sich am Griff fest.

Rumo ging immer rechts neben ihr.

Deshalb hing das gelbe Band rechts.

Deshalb ließ Rumo im umgebauten Wagen dort immer Platz.

Und deshalb wartete er auf zwei Klopfzeichen.

Volker hatte früher zweimal gegen den Rahmen geklopft, nachdem er die Bremsen festgestellt hatte.

Er hatte Rumo nichts beigebracht.

Rumo hatte einfach zugesehen.

Jahrelang.

Elke starb zehn Monate bevor Rumo zu uns kam.

Am nächsten Nachmittag fuhr Volker nicht zum See.

Auch am übernächsten nicht.

Monika ging weiterhin mit Rumo zur siebten Bank.

Rumo legte dort seine Stoffente auf Elkes Platz.

Dann wartete er auf Volker.

Aber Volker kam nicht.

Monika schrieb ihm mehrere Briefe.

Er öffnete sie nicht.

Der Schmerz war für ihn zu groß.

In dem Umschlag, den ihre Tochter gefunden hatte, stand nur wenig.

Sinngemäß schrieb Monika:

Falls ich vor Rumo gehe, lass ihn bitte nicht auch noch den See verlieren. Seine Hüften werden schlechter. Elke hat immer gesagt, dass du diesen alten Kinderwagen noch für alles gebrauchen kannst.

Und darunter:

Er hält Elkes Platz noch immer frei. Vielleicht hält er auch deinen frei.

Volker las den Brief zweimal.

Dann setzte er sich hin.

Plötzlich ergab alles einen Sinn.

16:12 Uhr war keine zufällige Uhrzeit.

Die Stoffente war kein beliebiges Spielzeug.

Die rote Thermoskanne war nicht irgendeine alte Kanne.

Das gelbe Band war nicht bloß ein Stück Stoff.

Und Rumo hatte im Tierheim nicht auf Monikas Auto gewartet.

Er hatte versucht, einen Ablauf zusammenzuhalten.

Klickendes Rad.

Gelbes Band.

Zwei Schläge auf den Rahmen.

Rote Thermoskanne.

Grüne Ente.

Der Weg nach Westen.

16:12 Uhr.

Wenn all diese Dinge zusammenkamen, waren früher alle da gewesen.

Elke.

Monika.

Volker.

Und Rumo.

Nach Elkes Tod fehlte einer.

Nach Monikas Tod fehlten plötzlich drei.

Nur Rumo war noch da.

Und er erschien weiter jeden Nachmittag zu seinem Termin.

Von da an ging Volker mit ihm so oft wie möglich zur siebten Bank.

Manchmal schaffte Rumo die letzten 27 Meter.

Später zwölf.

Dann drei.

An manchen Tagen keinen einzigen.

Volker stellte trotzdem die Rampe hin.

„Er darf selbst entscheiden“, sagte er.

Am ersten Todestag von Elke geschah etwas, das Volker nie vergaß.

Er legte die grüne Stoffente wie immer auf Elkes Seite der Bank.

Rumo nahm sie.

Aber diesmal legte er sie nicht zurück.

Er brachte sie zu Volker.

Danach legte er sich quer über dessen Schuhe.

Um 16:38 Uhr goss Volker den Kaffee aus dem zweiten Becher zurück in die Thermoskanne.

Am nächsten Tag nahm er nur noch einen Becher mit.

Der freie Platz blieb.

Aber das Warten hatte sich verändert.

Rumo lebte noch siebzehn Monate bei Volker.

Mit der Zeit wurden seine Beine schwächer.

Der Kinderwagen blieb neben der Haustür.

Jeden Nachmittag kontrollierte Volker die Räder.

Er füllte die Thermoskanne.

Er befestigte Rumos Geschirr.

Dann klopfte er zweimal gegen den Rahmen.

Wenn Rumo konnte, stieg er selbst ein.

Wenn er es nicht mehr konnte, half man ihm.

In seiner letzten Woche trug Rumo die grüne Ente nicht mehr.

Volker legte sie trotzdem neben ihn.

Bei ihrem letzten Besuch am See hob Rumo noch einmal den Kopf.

Er sah kurz zu der Kurve des Weges, an der früher Elke und Monika erschienen waren.

Dann drehte er sich weg.

Er legte seinen Kopf auf Volkers Knie.

Und schaute nicht mehr zurück.

Drei Tage später starb Rumo zu Hause.

Volker saß bei ihm.

Der alte Kinderwagen stand neben seinem Bett.

Das gelbe Band hing am Griff.

Die grüne Ente lag darin.

Volker behielt den Wagen.

Heute hilft er regelmäßig bei den alten Hunden unseres Tierheims.

Wenn einer von ihnen kaum noch laufen kann, bringt er den umgebauten Kinderwagen mit.

Er zwingt keinen Hund hinein.

Er stellt die Rampe hin.

Dann wartet er.

Manche drehen sich weg.

Manche steigen ein.

Und wenn einer einsteigt, zieht Volker die Bremsen fest.

Dann klopft er zweimal gegen den Rahmen.

Klopf.

Klopf.

Manchmal fährt er mit ihnen zu dem kleinen See.

An der siebten Bank setzt er sich immer links.

Der Hund bekommt die rechte Seite.

Rumos grüne Stoffente steckt noch heute in der Tasche des Wagens.

Und auf der Bank ist immer noch Platz.

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