Der Hund unter dem ausgetrockneten See hätte fliehen können, doch er blieb fünf Tage im Schlamm, weil neben ihm noch jemand lebte.
Ich hätte an diesem Nachmittag einfach weiterfahren können.
Mitten auf dem freigelegten Boden eines fast ausgetrockneten Stausees sah ich zwei dunkle Spitzen aus dem harten Schlamm ragen. Erst hielt ich sie für Wurzeln.
Dann bewegte sich eine davon.
Ich stellte den Wagen ab, nahm einen Spaten und ging hinaus.
Mein Name ist Michael Kern. Ich war damals 44 und arbeitete im Außendienst für den Landkreis in Nordhessen. Nach Monaten mit ungewöhnlich niedrigem Wasserstand kontrollierten wir abgesperrte Wege, beschädigte Uferbereiche und Stellen, an denen Spaziergänger nichts zu suchen hatten.
So weit draußen sollte überhaupt kein Tier sein.
Je näher ich kam, desto weniger verstand ich, was ich sah.
Die dunklen Spitzen waren Ohren.
Unter meinen Stiefeln war der ehemalige Seeboden hart wie gebrannter Ton. Ich kniete mich hin und schob mit den Handschuhen vorsichtig Erde zur Seite.
Eine Stirn kam zum Vorschein.
Dann ein Auge.
Ein Deutscher Schäferhund.
Sein Körper steckte fast vollständig im Boden.
Nur ein Teil seines Kopfes ragte heraus. Schlamm war um ihn herum getrocknet, bis Hund und Erde aussahen, als wären sie zusammengegossen worden.
„Ganz ruhig“, sagte ich.
Das sichtbare Auge öffnete sich.
Aber der Hund sah mich nicht an.
Er starrte an mir vorbei.
Auf meinen linken Stiefel.
Dann bewegte sich sein rechtes Ohr.
Nur einmal.
Es neigte sich ebenfalls nach links.
Ich rief meine Kollegin Katrin.
Als sie kam, brachte sie Wasser, Decken und Werkzeug mit. Wir gossen vorsichtig etwas Wasser neben den Hals des Hundes.
Es zog nicht ein.
„Das ist kein Schlamm mehr“, sagte Katrin.
Sie hatte recht.
Es war fast wie Beton.
Wir konnten den Hund nicht einfach herausziehen. Niemand wusste, wie seine Beine lagen oder ob etwas gebrochen war.
Also arbeiteten wir Zentimeter für Zentimeter.
Der Hund bellte kein einziges Mal.
Er schnappte nicht.
Er lag einfach da und atmete durch einen schmalen Spalt zwischen Boden und Schnauze.
Nach einer Weile legten wir eine Vorderpfote frei.
Die Krallen waren bis weit herunter abgeschliffen.
Doch etwas daran war merkwürdig.
Die meisten Tiere graben nach oben, wenn sie feststecken.
Dieser Hund hatte seitlich gegraben.
Immer in dieselbe Richtung.
Nach links.
Als wir seinen Brustkorb endlich lösen konnten, sackte er auf die Decke.
Katrin hielt ihm Wasser hin.
Er wollte es nicht.
Stattdessen hob er plötzlich den Kopf.
Dann kroch er von der Decke.
Seine Hinterbeine trugen ihn kaum, trotzdem zog er sich über den Boden.
Direkt auf einen Riss zu.
„Hey, bleib liegen.“
Ich griff nach seinem Halsband.
Der Hund stemmte beide Vorderpfoten in die Erde.
Er begann zu kratzen.
So verzweifelt, dass die bereits verletzten Ballen wieder aufrissen.
Katrin hob die Hand.
„Michael.“
Ich sah sie an.
„Sei still.“
Wir hörten beide hin.
Zuerst nichts.
Dann kam es.
Drei leise Kratzgeräusche.
Pause.
Noch eins.
Unter dem Boden.
Der Schäferhund drückte die Nase auf den Riss und gab einen dünnen Laut von sich.
Kein Bellen.
Kein Knurren.
Es klang wie eine Antwort.
Wir sahen uns an.
Der Hund neben uns war völlig erschöpft. Eigentlich hätte er sofort medizinisch versorgt werden müssen.
Doch unter unseren Füßen lebte noch etwas.
Also gruben wir weiter.
Das erste Stück Boden, das ich löste, war mehrere Zentimeter dick und blieb wie eine Platte in meinen Händen.
Darunter war der Schlamm dunkler.
Weicher.
Der Schäferhund versuchte sofort, die Nase in die Öffnung zu schieben.
„Langsam.“
Katrin setzte sich neben ihn und hielt eine Hand vor seine Brust.
Wir erweiterten die Stelle.
Nach einigen Minuten berührte mein Handschuh Fell.
Ich erstarrte.
„Katrin.“
Sie sah mich an.
Ich schob zwei Finger tiefer.
Da war ein Puls.
Ein Schlag.
Dann nichts.
Ich wartete.
Noch ein Schlag.
Unter uns lag ein zweiter Hund.
Eine ältere Schäferhündin.
Sie lag auf der Seite, tiefer als der erste Hund. Ihr Kopf befand sich in einer kleinen Lufttasche unter einer alten Wurzel.
Ihr Brustkorb war teilweise verschüttet.
Und plötzlich verstand ich etwas.
Der Rüde hatte neben ihr gestanden.
Sein Körper hatte verhindert, dass weitere Erde direkt auf sie drückte.
Weitere Helfer kamen.
Wir schoben flache Bretter unter den schweren Boden, lösten den Schlamm mit kleinen Werkzeugen und arbeiteten schließlich nur noch mit den Händen.
Der gerettete Rüde beobachtete jede Bewegung.
Wenn wir aufhörten, kratzte er einmal.
Wenn wir weiterarbeiteten, blieb er liegen.
Dann brach ein Stück Erde über der Schulter der Hündin weg.
Der Rüde sprang auf.
Oder versuchte es.
Seine Hinterbeine klappten sofort zusammen.
Katrin hielt ihn fest.
„Wir haben sie“, sagte ich.
Natürlich konnte er die Worte nicht verstehen.
Aber als ich meine Hand auf die Rippen der Hündin legte und sie ihm hinhalten ließ, roch er daran.
Dann legte er sich wieder hin.
Als wir die Hündin endlich vollständig befreit hatten, atmete sie nicht.
Eine Tierärztin, die inzwischen angekommen war, entfernte Schlamm aus ihrem Maul.
Jemand begann mit Wiederbelebungsmaßnahmen.
Der Rüde kroch näher.
Er legte eine Pfote auf die Decke neben ihr.
Dann hustete die Hündin.
Eine braune Masse kam aus ihrem Maul.
Sie zog Luft ein.
Der Rüde roch an ihrer Schnauze.
Und legte sich hin.
Er hatte nichts mehr zu tun.
Er hatte uns hingebracht.
Wir transportierten beide Tiere gemeinsam in eine Tierklinik.
Der Rüde weigerte sich zunächst, in die Transportbox zu gehen.
Er drehte sich ständig zur Hündin um.
Erst als seine Box neben ihre gestellt wurde, ließ er sich tragen.
Und erst dann trank er.
In der Klinik bekam der Rüde eine Nummer.
Die Hündin auch.
Namen hatten wir noch keine.
Er war ungefähr sechs Jahre alt, stark untergewichtig und schwer dehydriert.
Die Ballen seiner Vorderpfoten waren offen.
Die Hündin war vermutlich zehn oder elf. Sie hatte Probleme mit der Lunge, eine alte Arthrose und war deutlich schwächer.
Die Tierärztin stellte die beiden Boxen so auf, dass sie sich sehen konnten.
Der Rüde legte sich sofort hin.
Am nächsten Morgen gingen Katrin und ich zurück zum See.
Wir wollten verstehen, wie zwei Hunde überhaupt dorthin gekommen waren.
Die Spuren waren erstaunlich deutlich.
Zwei Tiere waren nebeneinander über den weichen Boden gelaufen.
Nach einigen Metern begann die ältere Hündin mit den Hinterpfoten zu schleifen.
Dann brach sie durch die dünne Oberfläche.
Der Rüde sprang hinterher.
Seine Spuren zeigten, dass er vorne an ihr gegraben hatte.
Dann hinten.
Dann seitlich.
Und dann sahen wir etwas, das mich lange nicht losließ.
Der Rüde hatte es herausgeschafft.
Seine Pfotenabdrücke führten fast sechs Meter weg vom Loch.
Bis auf festen Boden.
Dort hätte er bleiben können.
Er hätte weglaufen können.
Hilfe suchen können.
Stattdessen drehten die Spuren um.
Zurück in den Schlamm.
Zur Hündin.
Wir fanden Stellen, an denen er gelegen hatte.
Wir fanden eine kleine Wasserstelle, zu der seine Spuren mehrfach führten.
Und jedes Mal führten sie wieder zurück.
Offenbar hatte er Wasser gefunden.
Aber er war nie verschwunden.
Er kam immer wieder zu ihr.
Tag für Tag.
Irgendwann wurde die Oberfläche härter.
Seine Bewegungen wurden kürzer.
Schließlich sank auch er ein.
Bis nur noch seine Ohren zu sehen waren.
In einem Gebüsch am Rand fanden wir zwei beschädigte Hundemarken.
Darauf standen ihre Namen.
Der Rüde hieß Rex.
Die Hündin hieß Lotte.
Beide Marken trugen dieselbe alte Adresse in einer Kleinstadt etwa zwanzig Kilometer entfernt.
Der Besitzer hieß Heinz Vollmer.
Ich rief die Nummer an.
Ein Anrufbeantworter meldete sich.
Eine ältere Männerstimme sagte:
„Hier ist Heinz. Wahrscheinlich bin ich gerade mit Rex und Lotte unterwegs. Sprecht nach dem Ton.“
Ich hörte die Nachricht zweimal.
Dann fuhren Katrin und ich zur Adresse.
Das Haus war leer.
An den Fenstern fehlten die Gardinen.
Im Vorgarten stand ein kleines Verkaufsschild.
Eine Nachbarin kam heraus.
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