Die Hündin schwamm sechsmal durch die Flut doch der Grund berührte später alle

Die Hündin schwamm sechsmal durch die Flut – erst später verstanden wir, warum sie immer denselben Welpen zuerst rettete.

Nur die Nase des kleinen schwarzen Welpen ragte noch aus dem braunen Wasser, als ich ihn aus dem Maul seiner Mutter nahm.

Doch statt selbst ins Boot zu klettern, drehte die Hündin sofort wieder um.

„Nein“, sagte ich und griff nach ihrem Halsband. „Du bleibst jetzt hier.“

Sie hörte nicht auf mich.

Sie sah an mir vorbei.

Dort hinten stand ein alter Geräteschuppen, fast vollständig von der Flut verschluckt. Durch das kleine Fenster drang plötzlich ein dünnes Fiepen.

Nicht einmal zwei Sekunden lang.

Aber die Hündin hatte es gehört.

Sie riss sich los und sprang zurück ins Wasser.

Ich heiße Heike, war damals 41 Jahre alt und arbeitete als Tiermedizinische Fachangestellte in einer kleinen Praxis am Rand eines Ortes im Sauerland.

Wenn nach tagelangem Regen Bäche über die Ufer traten, half ich manchmal freiwillig bei der Rettung von Haustieren.

Wir waren keine große Organisation.

Ein kleines Aluminiumboot. Seile. Schwimmwesten. Decken. Transportboxen.

Und Menschen, die einfach nicht nach Hause gingen, solange irgendwo noch ein Tier festsaß.

An diesem Morgen hatte das Wasser bereits mehrere Straßen abgeschnitten.

Mein Kollege Torben und ich waren seit Stunden unterwegs.

Wir hatten Katzen aus Kellern geholt, Kaninchenkäfige auf Dachböden getragen und einen älteren Mann mit seinem völlig durchnässten Dackel aus einem Erdgeschossfenster übernommen.

Dann erzählte uns eine gerettete Nachbarin von einem kleinen Haus weiter unten am Bach.

„Da wohnt eine Frau mit ihrem Jungen“, sagte sie.

„Und die Hündin hat Junge bekommen.“

„Wie viele?“

Die Frau überlegte.

Dann hob sie sechs Finger.

Als wir das Grundstück erreichten, war vom Garten kaum noch etwas zu erkennen.

Ein Fahrrad hing in einem Strauch.

Mülltonnen trieben zwischen Ästen.

Das Wasser stand beinahe bis zum Fenster des Geräteschuppens.

Von den Bewohnern war niemand zu sehen.

Wir riefen.

Keine Antwort.

Dann erschien die Hündin.

Grau, mit einem weißen Fleck auf der Brust. Ein rotes Halsband hing schief um ihren Hals.

Daran baumelte eine einzelne gelbe Kunststoffperle.

Sie verschwand wieder im Schuppen.

Sekunden später kam sie zurück.

Mit einem schwarzen Welpen im Maul.

Torben versuchte, das Boot näher an den Schuppen zu bringen.

Keine Chance.

Unter der Wasseroberfläche verlief ein verbogener Gartenzaun. Holz und Metallteile verfingen sich darin.

Wenn wir mit dem Motor darüberfuhren, riskierten wir, das Boot aufzuschlitzen.

Die Hündin dagegen schwamm direkt auf uns zu.

Eine Welle traf sie seitlich.

Ihr Kopf verschwand.

Der Welpe blieb über dem Wasser.

Als sie unser Boot erreichte, beugte ich mich weit über den Rand.

Sie öffnete ihr Maul erst, als der kleine Körper sicher in meinen Händen lag.

Er war eiskalt.

Kaum Bewegung.

Aber er lebte.

Ich wickelte ihn in ein Handtuch.

Die Hündin legte eine Vorderpfote auf den Bootsrand.

„Komm“, sagte Torben.

Doch sie stieg nicht ein.

Sie berührte mit der Nase kurz das Gesicht des schwarzen Welpen.

Dann schwamm sie zurück.

Der zweite Welpe war hellbraun.

Beim dritten trieb ein großes Stück Holz zwischen uns und dem Schuppen.

Die Hündin wartete hinter einem Pfosten, bis es vorbeigeschwemmt war.

Dann änderte sie ihre Route.

Sie wirkte nicht wie ein Tier, das einfach immer denselben Weg nahm.

Sie beobachtete.

Sie passte sich an.

Und jedes Mal, wenn sie einen Welpen zu uns brachte, tat sie dasselbe.

Zuerst ging sie zum schwarzen Welpen.

Nase an Nase.

Dann zum zweiten.

Dann zum dritten.

Immer in derselben Reihenfolge.

Beim vierten Weg wurde es gefährlich.

Ein Brett drehte sich unter ihren Hinterbeinen.

Ihre Pfote klemmte kurz zwischen zwei Holzstücken fest.

Torben warf ein Seil daneben und zog das Brett in eine andere Richtung.

Die Hündin kam frei.

Als sie das Boot erreichte, sah ich Blut an zwei Krallen.

„Jetzt reicht es“, sagte ich.

Ich zog sie zu uns hinein.

Sie lag völlig erschöpft zwischen den Handtüchern.

Ihre Flanken arbeiteten schnell.

Die Beine zitterten.

Ich war sicher, dass sie endlich liegen bleiben würde.

Stattdessen stand sie wieder auf.

Schwarzer Welpe.

Hellbrauner Welpe.

Braun-weißer Welpe.

Grauweißer Welpe.

Vier.

Danach schaute sie zum Schuppen.

„Da sind noch welche“, sagte Torben leise.

Die Hündin sprang erneut ins Wasser.

Beim fünften Mal brauchte sie deutlich länger.

Das Wasser war inzwischen weiter gestiegen.

Das Fenster des Schuppens war fast vollständig überflutet.

Sie fand eine Kunststoffkiste, die zwischen Wand und Dachkante klemmte, stützte sich darauf und zog sich hinein.

Dann sahen wir nichts mehr.

Zehn Sekunden.

Dreißig.

Fast eine Minute.

Ich befestigte bereits eine Sicherungsleine an meiner Weste.

Dann erschien ihre Schnauze.

Im Maul trug sie einen blassen Welpen mit einem weißen Fleck auf der Stirn.

Der Schuppen bewegte sich.

Eine Seitenwand hatte sich gelöst.

„Beeil dich“, murmelte Torben.

Die Hündin sprang.

Ein großes Stück Treibgut drehte sich direkt vor ihr.

Sie wich aus.

Der Welpe geriet dabei so tief, dass seine Pfoten das Wasser berührten.

Die Hündin hob den Kopf höher.

So hoch, dass ihre eigenen Augen unter die Wasseroberfläche gerieten.

Drei Schwimmzüge lang konnte sie nichts sehen.

Ich werde dieses Bild nie vergessen.

Als sie bei uns ankam, nahm ich den Welpen.

Diesmal ließ sie sich ins Boot ziehen.

Sie lag auf der Seite.

Fünf Welpen lagen neben ihr.

„Vielleicht waren es doch nur fünf“, sagte Torben.

Die Hündin hob den Kopf.

Sie begann wieder zu prüfen.

Schwarz.

Hellbraun.

Braun-weiß.

Grauweiß.

Blass.

Dann blieb sie stehen.

Ihre Ohren richteten sich auf.

Aus dem Schuppen kam ein Kratzen.

Mein Magen zog sich zusammen.

„Nein“, sagte ich.

Ich hielt sie am Halsband fest.

Sie hatte kaum noch Kraft.

Ihre Hinterbeine zitterten.

Sie war kalt.

Ihre Pfoten waren verletzt.

Und trotzdem versuchte sie an mir vorbeizukommen.

Torben sah mich an.

„Wenn da wirklich noch einer drin ist …“

Ich wusste, was er meinte.

Ich ließ los.

Sie ging zum sechsten Mal.

Das Dach des Schuppens hatte sich bereits abgesenkt.

Die Hündin schaffte es erst beim zweiten Versuch durch das Fenster.

Dann verschwand sie.

Die Wand bog sich nach außen.

Ein Stück Dach löste sich.

Ich sah eine rote Kinderlampe aus dem Schuppen treiben.

Dann krachte die Konstruktion teilweise zusammen.

„Da!“

Die Hündin tauchte auf.

Sie hatte einen kleinen grauen Welpen im Maul.

Eine Welle ging über beide hinweg.

Ich sprang ins Wasser.

Die Sicherungsleine riss sich straff.

Das Wasser war voller Schlamm und kleiner Äste.

Ich tastete vor mir herum.

Dann spürte ich Fell.

Die Hündin tauchte wieder auf.

Und noch immer hielt sie den Welpen fest.

Ich schob einen Arm unter ihre Brust.

Sie wehrte sich.

Erst als meine andere Hand unter dem Welpen lag, hörte sie auf.

Als hätte sie verstanden:

Jetzt trägt jemand anderes ihn.

Wir kamen gemeinsam zum Boot.

Torben hob zuerst den Welpen hinein.

Dann die Hündin.

Sechs kleine Körper lagen dort.

Sie stand mitten zwischen ihnen.

Ihre Beine schwankten.

Wasser tropfte von ihrem Bauch.

Doch bevor sie zusammenbrach, begann sie wieder.

Sie ging zum schwarzen Welpen.

Berührte seine Nase.

Dann die nächste.

Die nächste.

Die nächste.

Die nächste.

Und die sechste.

Danach begann sie noch einmal von vorn.

Langsamer.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Fünf.

Sechs.

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