Gestern verließ ich den Geburtstag meines Enkels mitten in der Feier mit meinem alten Hund auf dem Beifahrersitz und fünf Jahren geschluckter Demütigung im Rücken.
Ich heiße Wolfram, bin 72 Jahre alt und habe fast mein ganzes Leben auf einem kleinen Hof in Nordhessen gearbeitet.
Meine Hände sind breit, rissig und voller alter Narben. Die Knie melden sich morgens früher als ich selbst, und meine Rente reicht, wenn ich vernünftig bin, für ein einfaches Leben.
Seit fünf Jahren wohne ich in der Einliegerwohnung im Haus meiner Tochter Frauke am Rand von Kassel.
Wenn die Nachbarn mich sehen, sagen sie manchmal: „Du hast es doch gut, Wolfram. Familie direkt über dir.“
Dann lächle ich meistens.
Was soll ich auch sagen?
Dass ich morgens um halb sechs die Mülltonnen rausstellte, bevor irgendjemand im Haus aufstand?
Dass ich den Rasen mähte, die Hecke schnitt, Fahrräder reparierte, Lampen aufhing, Pakete annahm und meinen Enkel Henning dreimal die Woche zum Fußball fuhr?
Dass ich im Winter den Gehweg freimachte und im Sommer die Terrasse abschliff?
Es war ja Familie.
Diesen Satz habe ich mir jahrelang gesagt.
Familie hilft sich.
Familie zählt keine Stunden.
Familie schreibt keine Rechnung.
Nur irgendwann merkte ich, dass offenbar nur einer von uns nach diesen Regeln lebte.
Frauke arbeitete viel. Ihr Lebensgefährte Martin ebenfalls. Beide hatten Termine, Besprechungen und ständig irgendetwas Wichtiges auf dem Handy.
Und ich hatte Zeit.
So nannten sie es.
„Papa hat doch Zeit.“
Dieser Satz wurde irgendwann zu meinem zweiten Namen.
Zum Glück war da Jasko.
Jasko ist ein dreizehn Jahre alter Australian-Cattle-Dog-Mischling. Graues, drahtiges Fell, eine etwas trübe linke Augenlinse und Hüften, die beim Aufstehen länger brauchen als früher.
Er ist kein schöner Hund im klassischen Sinn.
Seine Schnauze ist fast weiß geworden. An einer Schulter wächst das Fell seit einer alten Verletzung etwas schief. Wenn er länger gelegen hat, humpelt er die ersten zehn Schritte.
Aber Jasko ist der treueste Kerl, den ich je gekannt habe.
Als ich noch meinen Hof hatte, lief er jeden Morgen mit mir hinaus.
Wenn ich Holz sägte, lag er daneben.
Wenn ich einen Zaun reparierte, bewachte er meinen Werkzeugkasten, als wären darin Goldbarren.
Als ich den Hof schließlich verkaufen musste und zu Frauke zog, saß Jasko während der letzten Fahrt auf dem Beifahrersitz meines alten Pick-ups.
Er schaute nicht zurück.
Ich schon.
Vielleicht verband uns genau das.
Wir hatten beide verstanden, dass manches irgendwann vorbei ist, obwohl man noch nicht bereit dafür ist.
In Fraukes Haus bekam Jasko einen Platz im kleinen Flur neben der Hintertür.
Anfangs störte mich das nicht.
Er lag gern dort. Er konnte durch die Glastür in den Garten schauen und wusste immer, wenn ich kam.
Dann zog vor einem halben Jahr Bosse ein.
Ein sechs Monate alter, goldfarbener Pudel-Mischling mit weichem Fell, langen Beinen und mehr Energie als Verstand.
Frauke hatte wochenlang von ihm gesprochen.
„So einen Hund wollten wir schon immer.“
Bosse bekam ein neues Körbchen.
Neue Näpfe.
Mehrere Spielzeuge.
Eine weiche Decke für das Wohnzimmer.
Er durfte auf das helle Sofa, obwohl Frauke früher bei jedem einzelnen Haar von Jasko die Augen verdreht hatte.
Jasko blieb auf seiner Matte im Flur.
Ich sagte nichts.
Jasko auch nicht.
Wir waren beide gut darin geworden.
Gestern wurde Henning zwölf.
Seit fast drei Monaten hatte ich an seinem Geschenk gearbeitet.
Nicht gekauft.
Gebaut.
In der kleinen Garage hinterm Haus stand noch etwas Eichenholz aus meiner alten Scheune. Dunkles, hartes Holz, voller kleiner Macken und Spuren aus einem anderen Leben.
Daraus baute ich Henning eine Angelkiste.
Ich sägte jedes Brett selbst zu.
Schliff die Kanten von Hand.
Setzte kleine Messingscharniere ein.
Oben in den Deckel schnitzte ich seine Initialen: H. K.
Nicht perfekt.
Meine Hände zittern inzwischen ein wenig bei feinen Arbeiten.
Aber man konnte sehen, dass jemand sich Mühe gegeben hatte.
In die Kiste legte ich einige meiner alten Blinker, Schwimmer und Hakenkästchen.
Darunter waren auch zwei Köder, mit denen Hennings Vater früher gern geangelt hatte.
Jens, Fraukes erster Mann, war gestorben, als Henning noch klein war.
Der Junge erinnerte sich nur an einzelne Dinge.
Eine Stimme.
Eine rote Jacke.
Ein bestimmtes Lied im Auto.
Ich erinnerte mich an mehr.
Vor allem daran, wie Jens am Wasser sitzen konnte, ohne fünf Minuten später auf sein Telefon zu schauen.
Ich wollte Henning im Herbst mitnehmen.
Nur wir beide.
Vielleicht würde er die Angelkiste öffnen und fragen, welcher Köder seinem Vater gehört hatte.
Vielleicht könnte ich ihm dann etwas erzählen.
Darauf hatte ich mich gefreut.
Die Geburtstagsfeier fand im Garten statt.
Frauke hatte ungefähr zwanzig Leute eingeladen. Verwandte, Nachbarn, einige Eltern von Hennings Freunden.
Martin schleppte Getränkekisten.
Frauke lief zwischen Küche und Terrasse hin und her und fragte alle paar Minuten, ob noch Servietten da seien.
Ich stand am Grill.
Natürlich.
Dreißig Frikadellen und Würstchen lagen vor mir, und jedes Mal, wenn ich mich zwei Schritte entfernte, rief jemand:
„Wolfram, ist das hier schon fertig?“
Jasko lag im Schatten meines Grillwagens.
Er hechelte stärker als sonst.
Der Boden auf der Terrasse war hart, und seine Hüften taten ihm sichtbar weh. Zweimal versuchte er, sich anders hinzulegen, gab aber nach ein paar Sekunden wieder auf.
Ich beugte mich zu ihm.
„Gleich holen wir dir Wasser, Alter.“
Er hob kurz den Kopf.
Mehr brauchte es zwischen uns nicht.
Dann kam Sven.
Sven ist Martins Bruder und taucht vielleicht zweimal im Jahr auf.
Er spricht so laut, als müsse jedes Gespräch bis ins Nachbarhaus reichen, und erzählt gern von Dingen, die er gekauft hat.
Gestern fuhr er mit einem glänzenden Cabrio vor.
Er stieg mit Sonnenbrille aus und rief schon vom Gartentor:
„Wo ist das Geburtstagskind?“
In der Hand trug er einen riesigen Karton.
Henning kam angerannt.
„Alles Gute, Großer!“
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






