Zwei Tage lag ich hilflos auf dem Badezimmerboden – gerettet wurde ich nicht von meiner Familie, sondern von einem alten Hund und einer leeren Parkbank.
Als ich wieder zu mir kam, hörte ich zuerst das Kratzen von Krallen auf den Fliesen.
Dann dieses leise Winseln.
„Balu“, brachte ich hervor.
Mehr kam nicht.
Mein Mund war trocken. Meine Hüfte fühlte sich an, als hätte jemand einen glühenden Nagel hineingeschlagen. Ich lag seitlich zwischen Badewanne und Waschbecken und konnte mein rechtes Bein kaum bewegen.
Balu stand wenige Zentimeter vor meinem Gesicht.
Zwölf Jahre alt.
Ein großer Golden-Retriever-Mischling mit fast weißer Schnauze, steifen Hinterbeinen und diesem traurigen Blick, den alte Hunde manchmal bekommen.
In seinem Maul hing Ente.
So nannten wir sein kaputtes Stofftier.
Eine gelbe Plüschente, längst grau geworden, ein Flügel halb abgerissen, ständig nass vom Speichel.
Balu legte sie auf meine Brust.
Dann sah er mich an.
Als könnte dieses Ding alles reparieren.
So wie sonst.
Mein Name ist Werner Falk. Ich bin 72 und war fast vierzig Jahre Tischler. Seit meine Frau Ingrid vor fünf Jahren gestorben war, lebte ich allein in einem kleinen Reihenhaus am Rand von Kassel.
Allein ist allerdings nicht ganz richtig.
Ich hatte Balu.
Und Balu hatte mich.
Jeden Morgen gingen wir in einen kleinen Hundepark, ungefähr zehn Minuten von meinem Haus entfernt.
Früher schaffte ich die Strecke schneller.
Inzwischen brauchten wir beide unsere Zeit.
Ich wegen meiner Hüfte, meiner steifen Knie und dem Zittern in den Händen.
Balu, weil jeder zweite Laternenpfahl offenbar eine wissenschaftliche Untersuchung verlangte.
Im Park gab es eine Bank.
Unsere Bank.
Ich saß dort, während Balu langsam seine Runde drehte.
Die meisten Menschen grüßten höchstens kurz.
Viele schauten auf ihre Handys.
Andere hatten Kopfhörer auf.
Ich nahm ihnen das nicht übel.
So ist das eben geworden.
Aber manchmal saß man mit zwanzig Menschen im selben Park und hatte trotzdem das Gefühl, ganz allein dort zu sein.
Bis Balu eines Morgens etwas tat, das alles veränderte.
Auf der Bank gegenüber saß eine junge Frau.
Vielleicht Mitte dreißig.
Dunkle Haare, Arbeitskleidung, die Hände zwischen den Knien.
Sie weinte.
Nicht laut.
Diese stille Art von Weinen, bei der jemand hofft, niemand möge es bemerken.
Ich bemerkte es.
Und tat trotzdem nichts.
Ich dachte: Werner, misch dich nicht ein.
Vielleicht möchte sie ihre Ruhe.
Vielleicht wirkst du wie ein neugieriger alter Mann.
Balu kannte solche Gedanken nicht.
Er nahm Ente ins Maul, trottete quer über den Platz und setzte sich vor sie.
Dann legte er dieses widerliche, nasse Stofftier direkt auf ihren Schoß.
Die Frau starrte erst auf die Ente.
Dann auf Balu.
Und plötzlich lachte sie mitten durch ihre Tränen.
Sie legte beide Arme um seinen Hals.
Balu stand einfach da.
Ganz ruhig.
Als wäre das sein Beruf.
Später erfuhr ich, dass sie Nadine hieß und in der Pflege arbeitete.
Damals wusste ich nur, dass mein Hund etwas getan hatte, wofür ich zu feige gewesen war.
Er hatte gesehen, dass jemand traurig war.
Und war hingegangen.
Am selben Nachmittag ging ich in meine Werkstatt.
Meine Hände waren nicht mehr so sicher wie früher, aber Holz verstand ich noch.
Ich nahm ein paar Bretter, baute eine kleine Kiste mit Deckel, schliff die Kanten rund und strich sie wetterfest.
Am nächsten Morgen befestigte ich sie am Zaun beim Parkeingang.
Ich legte Tennisbälle hinein.
Ein paar Hundebeutel.
Zwei einfache Leinen, die ich noch im Keller hatte.
Vorne schnitzte ich:
BALUS KISTE
Darunter:
Nimm etwas, wenn du es brauchst. Leg etwas hinein, wenn du etwas übrig hast.
Mehr nicht.
Ich rechnete damit, dass die Kiste nach drei Tagen kaputt sein würde.
Oder leer.
Oder dass sich jemand beschwert.
Am nächsten Morgen war sie voller als vorher.
Zwischen den Bällen lagen kleine Zettel.
Einer lautete:
„Danke an den Menschen, der die Ersatzleine hingelegt hat. Meine ist gestern gerissen.“
Ein anderer:
„Neu in der Gegend. Kenne noch niemanden. Mein Hund schon.“
Und noch einer:
„Heute war ein schlechter Tag. Ballwerfen hat geholfen.“
Ich setzte mich auf meine Bank und las diese Zettel wahrscheinlich fünfmal.
In den nächsten Wochen wurde aus Balus Kiste etwas Seltsames.
Etwas Gutes.
Menschen blieben stehen.
Sie redeten miteinander.
Der kräftige Mann mit Lederjacke, vor dem ich mich vorher immer etwas unwohl gefühlt hatte, hieß Ralf.
Es stellte sich heraus, dass er zu Hause Brot backte und seinem kleinen Mischling jeden Morgen Möhrenstücke mitbrachte.
Die Frau mit dem Terrier hieß Helga und war vor einem Jahr Witwe geworden.
Der stille Mann mit Mütze hieß Jürgen.
Nadine kam fast täglich nach ihrer Schicht.
Und plötzlich war ich nicht mehr einfach „der alte Mann auf der Bank“.
Ich war Werners Balu.
Oder besser gesagt:
Werner, der zu Balu gehörte.
Sechs Monate lang dachte ich, das wäre die ganze Geschichte.
Dann kam der Dienstag, an dem unsere Bank leer blieb.
Ich war am Morgen im Bad.
Nichts Besonderes.
Ich hatte geduscht, stieg heraus und trat auf die Matte.
Sie rutschte.
Ich fiel.
Es ging so schnell, dass ich nicht einmal die Hände richtig vorbekam.
Meine Hüfte schlug auf den Boden.
Ich hörte ein Geräusch.
Nicht laut.
Aber ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte.
Ich versuchte aufzustehen.
Keine Chance.
Mein Telefon lag in der Küche.
Balu kam sofort.
Er leckte meine Hände.
Dann bellte er.
Immer wieder.
Ich redete auf ihn ein, obwohl ich kaum Luft bekam.
„Ist gut, Junge.“
Natürlich war gar nichts gut.
Stunden vergingen.
Der Boden wurde kalt.
Balu lief zwischen mir und der Haustür hin und her.
Irgendwann brachte er Ente.
Legte sie mir hin.
Wartete.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






