Der Nachbar rief die Polizei wegen der verschwundenen Katzen meines 72-jährigen Vaters, doch im Wagen entdeckte der Beamte etwas völlig anderes.
„Herr Seidel! Bitte öffnen Sie die Garage.“
Der junge Polizist sprach ruhig, aber bestimmt.
Auf dem Gehweg stand unsere Nachbarin Frau Mertens mit ihrem Handy in der Hand. Sie filmte bereits. Hinter ihr hatten sich drei weitere Leute aus der Straße versammelt.
Mein Vater Wilhelm sagte nichts.
Er war 72, hatte ein kaputtes Knie, einen alten Gehstock und diesen sturen Gesichtsausdruck, den ich seit meiner Kindheit kannte.
„Es gab mehrere Hinweise“, erklärte der Beamte. „Es geht um Katzen, die Sie regelmäßig aus dem Tierheim holen. Nach einigen Monaten sind die Tiere jedes Mal verschwunden.“
Frau Mertens rief dazwischen:
„Und keiner weiß, wohin!“
Ich wollte etwas sagen.
Doch mein Magen zog sich zusammen.
Denn dieser Teil stimmte.
Seit fast drei Jahren fuhr mein Vater immer wieder zum örtlichen Tierheim.
Er interessierte sich nie für die jungen Katzen, die sofort an das Gitter kamen. Auch nicht für die ruhigen Tiere, bei denen bereits mehrere Familien warteten.
Wilhelm ging immer nach hinten.
Zu denen, vor deren Boxen die Leute stehen blieben und dann weitergingen.
Ältere Kater.
Verängstigte Tiere.
Katzen, die nach schlechten Erfahrungen niemanden mehr an sich heranließen.
Mein Vater brachte jeweils nur eine mit nach Hause.
Dann begann seine merkwürdige Geduldsarbeit.
Er kaufte Decken, obwohl er selbst jeden Euro zweimal umdrehte. Er stellte Wassernäpfe auf. Er saß stundenlang auf dem Boden, ohne die Katze anzufassen.
Manchmal las er einfach die Zeitung vor.
Nicht weil die Katze etwas davon verstand.
Sondern weil sie sich an seine Stimme gewöhnen sollte.
„Du musst nichts machen“, sagte er oft.
„Du musst nur merken, dass hier nichts passiert.“
Nach Wochen kamen die ersten Veränderungen.
Ein Tier fraß, während Wilhelm noch im Zimmer war.
Ein anderes schlief nicht mehr hinter dem Schrank.
Manchmal dauerte es Monate, bis eine Katze freiwillig seine Hand berührte.
Und dann plötzlich war sie weg.
Keine Fotos.
Keine Abschiedsfeier.
Nur ein leerer Schlafplatz.
Ein gespülter Napf.
Und mein Vater fuhr morgens mit seinem alten Kombi davon.
Ich hatte ihn oft gefragt.
„Papa, wo bringst du sie hin?“
Seine Antwort war immer dieselbe.
„Dahin, wo sie gebraucht werden.“
Mehr bekam ich nicht aus ihm heraus.
Der Polizist deutete zur Garage.
„Ich möchte Ihren Wagen sehen.“
Mein Vater sah einen Moment auf den Boden.
Dann zog er seinen Schlüssel heraus.
Seine Hand zitterte leicht.
Frau Mertens hob ihr Handy höher.
Wilhelm öffnete die Heckklappe.
Ich hatte keine Ahnung, was ich erwartete.
Doch dort war nichts Unheimliches.
Im Kofferraum lag eine dicke Matte. Daneben eine saubere Decke, eine gesicherte Transportbox, ein Wassernapf und mehrere ordentlich befestigte Taschen.
Auf der Matte saß ein großer grauer Kater.
Ruhig.
Aufmerksam.
Mit gelben Augen.
Ich erkannte ihn sofort.
Piet.
Als Wilhelm ihn Monate zuvor nach Hause gebracht hatte, konnte kein Mann näher als zwei Meter an ihn heran.
Piet hatte gefaucht, geschlagen und sich beim kleinsten Geräusch versteckt.
Jetzt saß er mitten im Wagen und sah meinen Vater an.
„Steigt ein“, sagte Wilhelm.
Der Polizist runzelte die Stirn.
„Wohin fahren wir?“
„Wenn Sie wissen wollen, wohin meine Katzen verschwinden, dann zeige ich es Ihnen.“
Vierzig Minuten später hielten wir vor einem schlichten Wohnblock am Stadtrand von Kassel.
Ein Mann wartete vor dem Eingang.
Vielleicht Ende zwanzig.
Schmale Schultern.
Tiefe Augenringe.
Seine Hände bewegten sich unruhig, als wüssten sie nicht, wohin sie gehörten.
Mein Vater öffnete die Transportbox.
Piet kam nicht sofort heraus.
Wilhelm wartete.
Dann sagte er leise:
„Komm, Großer.“
Der Kater sprang heraus.
Er lief nicht weg.
Er ging langsam zu dem jungen Mann.
Blieb vor seinen Schuhen stehen.
Der Mann ging in die Hocke.
Piet schnupperte an seiner Hand.
Dann drückte der Kater seinen Kopf dagegen.
Der junge Mann schloss die Augen.
Seine Schultern sanken.
Keine große Szene.
Kein Wunder.
Nur ein Mensch, der plötzlich ruhiger atmete.
„Hallo, Piet“, flüsterte er.
Mein Vater nahm einen dicken Umschlag aus dem Wagen.
Darin waren keine Geldscheine.
Es waren Unterlagen.
Futterplan.
Tierarztberichte.
Gewohnheiten.
Dinge, vor denen Piet Angst hatte.
Dinge, die ihm Sicherheit gaben.
Zeiten, zu denen er gewöhnlich fraß.
Hinweise für die langsame Eingewöhnung.
Der junge Mann nahm die Unterlagen mit beiden Händen.
„Danke“, sagte er.
Mehr brachte er zunächst nicht heraus.
Der Polizist stand neben mir.
Plötzlich räusperte er sich und sah zur Seite.
Da begriff ich langsam.
„Papa“, sagte ich. „Machst du das mit allen?“
Wilhelm lehnte sich an den Wagen.
„Nicht allein.“
Er zeigte auf das Gebäude.
Dort arbeitete eine kleine Beratungsstelle mit Menschen, die nach schweren persönlichen Krisen wieder Struktur in ihren Alltag bringen mussten.
Einige lebten allein.
Manche hatten den Kontakt zu fast allen anderen Menschen verloren.
Die Mitarbeiter kannten zugleich Menschen, die sich verantwortungsvoll um ein Tier kümmern konnten und wollten.
Das Tierheim prüfte jede Vermittlung.
Der neue Halter musste zustimmen.
Die Katze musste passen.
Und mein Vater?
Mein Vater machte das, wofür im Alltag oft die Zeit fehlte.
Er gab den schwierigen Katzen die Monate dazwischen.
„Ich bringe ihnen nicht irgendwelche Kunststücke bei“, sagte Wilhelm.
„Ich zeige ihnen nur, dass nicht jeder Mensch gefährlich ist.“
Er sah zu Piet.
Der Kater saß inzwischen direkt neben dem jungen Mann.
„Und manchmal“, fügte er hinzu, „braucht ein Mensch genau dasselbe.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Warum hast du mir das nie erzählt?“
Mein Vater zuckte mit den Schultern.
„Weil es nicht um mich geht.“
„Aber die ganze Straße hält dich für einen Tierhändler.“
Jetzt sah er mich an.
Seine Augen waren müde.
„Dann hält sie mich eben dafür.“
Der Polizist trat näher.
„Herr Seidel, warum erklären Sie das nicht einfach?“
Mein Vater schwieg.
Dann sagte er:
„Sobald man über solche Sachen groß redet, kommen Leute wegen der Geschichte. Nicht wegen der Arbeit.“
Er nickte in Richtung Wohnblock.
„Die Menschen hier brauchen keine Zuschauer.“
Auf der Rückfahrt sagte niemand viel.
Frau Mertens stand noch immer vor ihrem Haus, als wir zurückkamen.
Sie sah den leeren Kofferraum.
Dann den Polizisten.
„Und?“, fragte sie.
Der Beamte steckte sein Notizbuch weg.
„Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Herr Seidel Katzen verkauft.“
Frau Mertens öffnete den Mund.
„Aber die Tiere verschwinden doch!“
„Sie werden regulär vermittelt.“
Mehr sagte er nicht.
Mein Vater ging an ihr vorbei.
Kein Triumph.
Kein „Ich hab’s doch gesagt“.
Nichts.
Er stellte seinen Stock neben die Garderobe, wusch sich die Hände und nahm seine Jacke wieder.
„Wo willst du hin?“, fragte ich.
Er sah mich an.
„Tierheim.“
Ich musste lachen.
„Nach diesem Tag?“
„Gerade deswegen.“
Also fuhr ich mit.
Im Tierheim liefen wir an zwei jungen Katzen vorbei, die sofort ihre Pfoten durchs Gitter streckten.
Wilhelm blieb nicht stehen.
Weiter hinten saß ein schwarzer Kater in einer Ecke.
Er hatte den Körper so eng zusammengezogen, als wollte er möglichst wenig Platz in dieser Welt einnehmen.
Als jemand am Gang vorbeiging, fauchte er.
Eine Mitarbeiterin schüttelte den Kopf.
„Der braucht sehr viel Zeit.“
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