Als Romy zurückkam, wusste ich nicht mehr, wem meine Katze wirklich gehörte

Meine Katze war sechs Monate verschwunden, dann kam sie mit einem Krankenhausarmband zurück und führte mich zu einer Frau, die niemand vermisst hatte.

Das Kratzen an meiner Wohnungstür war so leise, dass ich es beinahe überhört hätte.

Drei kurze Kratzer.

Eine Pause.

Dann noch einer.

Ich saß sofort aufrecht.

Sechs Monate lang hatte ich mir eingebildet, genau dieses Geräusch zu hören. Im Treppenhaus. Am Fenster. Manchmal sogar nachts, wenn die Wohnung vollkommen still war.

Aber diesmal kam es wieder.

Drei Kratzer. Pause. Einer.

Ich riss die Tür auf.

Und dort saß Romy.

Meine Katze.

Dünner als früher. Das Fell stumpf und schmutzig. Die Pfoten grau vom Straßendreck. Aber diese bernsteinfarbenen Augen waren dieselben.

Ich sank auf die Knie.

„Romy.“

Mehr brachte ich nicht heraus.

Sie machte einen Schritt auf mich zu, drückte den Kopf gegen meine Hand und gab einen heiseren Laut von sich.

Meine Augen brannten.

Sechs Monate hatte ich Zettel aufgehängt, Nachbarn gefragt, Hinterhöfe abgesucht und abends ihren Namen gerufen.

Irgendwann hatte ich aufgehört.

Nicht weil ich sie vergessen hatte.

Sondern weil Hoffnung irgendwann weh tut.

Dann bemerkte ich das weiße Plastikband an ihrem Halsband.

Es hing an dem kleinen Metallring, an dem früher ihre Marke befestigt gewesen war.

Ich löste es vorsichtig.

Darauf standen nur zwei Dinge:

GERLINDE W.

ZIMMER 214

Ich starrte auf das Band.

Romy ging währenddessen direkt zu ihrem Futternapf und fraß, als hätte sie seit Tagen nichts bekommen.

Danach trank sie.

Und dann setzte sie sich vor meine Wohnungstür.

Nicht ans Fenster.

Nicht auf ihr altes Kissen.

Vor die Tür.

Sie blickte mich an.

Als wäre sie nur kurz vorbeigekommen.

Am nächsten Morgen ließ mir dieses Armband keine Ruhe.

Zimmer 214.

Das klang nicht nach einer Privatadresse.

In unserem Viertel gab es eine Seniorenwohnanlage, vielleicht zehn Minuten entfernt. Ein unscheinbares Gebäude, an dem ich schon hundertmal vorbeigefahren war.

Ich nahm das Armband mit und ging hin.

Im zweiten Stock fand ich Zimmer 214.

Ich klopfte.

Es dauerte lange.

Dann wurde eine Kette vorgeschoben, und die Tür öffnete sich einen Spalt.

Eine kleine Frau mit kurzem grauem Haar sah mich an. Vielleicht Mitte siebzig. Ihr Gesicht wirkte müde, aber aufmerksam.

„Ja bitte?“

Ich hielt das Plastikband hoch.

„Meine Katze ist gestern nach sechs Monaten zurückgekommen. Das hier hing an ihrem Halsband.“

Die Frau wurde vollkommen still.

Ihre Lippen öffneten sich.

„Sie ist wieder bei Ihnen?“

Ich bekam eine Gänsehaut.

„Sie kennen Romy?“

Die Frau öffnete die Tür weiter.

„Romy“, wiederholte sie leise. „So heißt sie also.“

Dann stellte sie sich vor.

Gerlinde, 76 Jahre.

Romy war sechs Monate zuvor durch ein angekipptes Fenster in ihre Wohnung gekommen.

Völlig erschöpft.

Gerlinde hatte ihr Wasser gegeben, etwas Futter hingestellt und versucht herauszufinden, wem sie gehörte.

Sie hatte unten im Eingangsbereich einen Zettel aufgehängt und einige Nachbarn gefragt.

Dann blieb Romy.

„Ich wollte sie nicht behalten“, sagte Gerlinde. „Ehrlich nicht.“

Sie sah zu dem Sessel neben ihrem Fenster.

Darauf lag eine gefaltete Decke.

„Aber sie fing an, dort zu schlafen.“

Gerlindes Mann war vor drei Jahren gestorben.

Ihre Tochter wohnte mehrere Stunden entfernt und arbeitete viel.

„Sie ruft an“, sagte Gerlinde schnell, als müsste sie ihre Tochter verteidigen. „So oft sie kann.“

Dann lächelte sie schwach.

„Aber ein Telefonat ist eben kein Mensch im Zimmer.“

Romy hatte begonnen, nachts neben ihrem Bett zu schlafen.

Wenn Gerlinde aufstand, folgte sie ihr.

Wenn Gerlinde im Sessel saß, lag Romy am Fenster.

Wenn draußen Schritte zu hören waren, hob sie den Kopf.

„Als würde sie auf mich aufpassen“, sagte Gerlinde.

Ich wollte wütend sein.

Ein Teil von mir war es auch.

Sechs Monate.

Sechs verdammte Monate.

Doch dann erklärte Gerlinde das Krankenhausarmband.

Eine Woche zuvor war sie in ihrer Wohnung gestürzt.

Sie musste zur Untersuchung in eine Klinik. Als sie zurückkam, hatte sie noch das Patientenarmband am Handgelenk.

Romy war während ihrer Abwesenheit unruhig gewesen.

„Ich hatte Angst, dass sie hinausläuft“, sagte Gerlinde. „Also habe ich das Band an ihrem Halsband befestigt. Falls sie weggeht, sollte wenigstens jemand wissen, wo sie hingehört.“

Wo sie hingehört.

Diese Worte trafen mich.

„Sie gehört zu mir“, sagte ich.

Gerlinde nickte sofort.

„Das weiß ich.“

Keine Diskussion.

Keine Ausrede.

Nur dieser Satz.

Dann fragte sie leise:

„Darf ich sie noch einmal sehen?“

Am Nachmittag brachte ich Romy zu ihr.

Kaum öffnete sich die Tür, sprang Romy aus meinen Armen.

Sie lief direkt zu Gerlinde.

Drückte ihre Stirn gegen Gerlindes Hand.

Gerlinde lachte.

Dann begann sie gleichzeitig zu weinen.

Ich stand daneben und fühlte etwas, für das ich mich schämte.

Eifersucht.

Meine Katze war zurück.

Aber ein Teil von ihr war offenbar hier geblieben.

Am Abend nahm ich Romy wieder mit nach Hause.

Um 21.17 Uhr setzte sie sich vor meine Tür.

Sie kratzte dreimal.

Pause.

Noch einmal.

Ich ignorierte sie.

Sie wiederholte es.

Schließlich zog ich meine Schuhe an.

Romy lief voraus.

Direkt zu Gerlindes Wohnanlage.

Von diesem Abend an hatten wir eine Routine.

Romy war bei mir.

Aber fast jeden Abend wollte sie zu Gerlinde.

Anfangs störte mich das mehr, als ich zugeben wollte.

Ich kaufte neues Spielzeug.

Besonders gutes Futter.

Katzenminze.

Alles, was sie früher geliebt hatte.

Romy sah sich meine Bemühungen an und setzte sich anschließend wieder vor die Tür.

Als wolle sie sagen:

Bist du fertig?

Also ging ich mit.

Manchmal tranken Gerlinde und ich Tee.

Manchmal saßen wir einfach schweigend dort.

Romy lag auf dem Sessel am Fenster und beobachtete den Flur.

Nach einigen Tagen sagte Gerlinde plötzlich:

„Ich wollte Ihnen nie wehtun.“

Ich sah in meine Tasse.

„Ich weiß.“

Und zum ersten Mal meinte ich es wirklich.

Dann fragte sie:

„Glauben Sie, ich habe sie Ihnen weggenommen?“

Ich antwortete nicht sofort.

Das war Antwort genug.

Gerlinde nickte.

„Verstehe.“

„Nein“, sagte ich schließlich. „Ich glaube nicht, dass Sie sie genommen haben.“

Ich sah zu Romy.

„Ich glaube, sie ist geblieben.“

Gerlindes Augen wurden feucht.

„Ja“, sagte sie. „Genau so war es.“

Eine Woche später änderte sich alles.

Im Flur sprach mich ein Bewohner an.

Er hatte Romy mehrfach gesehen.

„Tiere sind hier nicht einfach erlaubt“, sagte er.

Sein Ton war sachlich, aber kalt.

„Sie besucht nur jemanden.“

„Heute besucht sie. Morgen wohnt sie hier.“

Ich wollte widersprechen.

Doch Gerlinde hatte die Tür einen Spalt offen.

Sie konnte jedes Wort hören.

Also nahm ich Romy und ging.

Am nächsten Abend öffnete Gerlinde erst nach mehrmaligem Klopfen.

Ihre Augen waren rot.

In der Hand hielt sie einen Brief.

Die Hausverwaltung hatte sie darauf hingewiesen, dass regelmäßige Tierhaltung beziehungsweise unbeaufsichtigte Tieraufenthalte nicht vorgesehen seien.

Keine Drohung.

Keine dramatischen Worte.

Nur nüchterne Sätze.

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