Als der Schulbus von den Wassermassen gegen das Brückengeländer gedrückt wurde, sprang ausgerechnet der alte Mann hinein, vor dem im Ort sonst alle einen Bogen machten.
„Bleiben Sie zurück!“, schrie jemand vom Straßenrand. „Da kommen Sie nicht mehr lebend raus!“
Doch Gerd Winter hörte nicht auf ihn.
Der 68-Jährige zog seine schwere Arbeitsjacke aus, ließ sie neben seinem alten Transporter fallen und kletterte über die niedrige Leitplanke.
Seine Hände waren breit und voller Narben. Über seiner linken Augenbraue verlief eine alte Schnittwunde, die seinem Gesicht einen ständig grimmigen Ausdruck gab. Seit fast vierzig Jahren hatte er als Schlosser gearbeitet, zuletzt in der Werkstatt des städtischen Bauhofs.
Im Ort nannten ihn manche nur den „alten Bären“.
Nicht unbedingt liebevoll.
Gerd grüßte selten. Er redete wenig und konnte ziemlich unfreundlich werden, wenn jemand seine Zeit verschwendete. Besonders junge Leute hielten lieber Abstand von ihm.
Aber an diesem Nachmittag sah niemand mehr auf sein Gesicht.
Alle starrten auf den weißen Kleinbus, der schräg im Wasser stand.
Sieben Schulkinder saßen darin.
Und der Fahrer bekam die Tür nicht mehr auf.
„Da sind Kinder drin!“, rief eine Frau. „Mein Gott, da sind doch Kinder drin!“
Zwei Autofahrer hatten ihre Wagen bereits gewendet. Ein anderer stand neben seinem Fahrzeug und telefonierte mit der Feuerwehr.
Gerd sah, wie der Bus ein Stück weiter zur Seite rutschte.
Dann hörte er ein Mädchen schreien.
Er dachte nicht lange nach.
Er ging ins Wasser.
Der Unfall passierte auf einer schmalen Kreisstraße außerhalb einer Kleinstadt bei Kassel.
Ein normalerweise unscheinbarer Bach war innerhalb kurzer Zeit über die Ufer getreten. Das Wasser hatte einen Teil der Straße unterspült. Als der Kleinbus mit den Schulkindern die kleine Brücke erreichte, brach ein Stück der Böschung weg.
Der Fahrer hatte noch versucht, zurückzusetzen.
Zu spät.
Der hintere Teil des Busses rutschte in den Graben. Das Fahrzeug drehte sich, schlug gegen das Geländer und blieb mit der rechten Seite im Wasser hängen.
Gerd war auf dem Rückweg vom Friedhof gewesen.
Es war ein Tag, den er seit dreißig Jahren nie vergaß.
Auf dem Beifahrersitz seines Transporters lag ein kleiner Strauß weißer Blumen, den seine Frau Helga ausgesucht hatte. Sie hatte ihn gebeten, ihn am Grab ihrer Tochter niederzulegen.
Gerd hatte das getan.
Danach war er eine Weile vor dem Grab stehen geblieben, ohne ein Wort zu sagen.
Nun stand er bis zur Hüfte in einem Bach, der sich in einen reißenden Strom verwandelt hatte.
„Hören Sie mich?“, brüllte er dem Busfahrer zu.
Der Mann nickte hektisch.
„Die Kinder!“, schrie er. „Ich kriege die Tür nicht auf!“
„Dann lassen Sie die Finger von der verdammten Tür! Gibt’s hinten einen Notausstieg?“
Der Fahrer deutete auf das hintere Fenster.
Gerd kämpfte sich an der Seite des Fahrzeugs entlang. An einigen Stellen war das Wasser so stark, dass er beide Hände brauchte, um sich festzuhalten.
Er erreichte die Rückseite und sah durch die Scheibe.
Drei Kinder weinten.
Ein Junge hielt sich mit beiden Händen an einer Sitzlehne fest. Ein kleineres Mädchen saß auf dem Boden und rief nach seiner Mutter.
Gerd schlug mit der flachen Hand gegen das Glas.
„Hört zu! Ich bin Gerd. Ich hole euch da raus. Aber ihr macht genau das, was ich sage, verstanden?“
Die Kinder starrten ihn an.
„Verstanden?“
Ein Junge nickte.
Der Fahrer hatte inzwischen den Notausstieg entriegelt. Das Fenster ließ sich aufdrücken.
Gerd packte den Rahmen.
„Immer nur einer! Und keiner springt einfach los!“
Der erste Junge kletterte hinaus.
Gerd führte ihn zu einem Stück Geländer, an dem sich der Junge festhalten konnte. Dort übernahm ein Mann vom Straßenrand, der sich mit einem Sicherungsseil vorgearbeitet hatte.
Dann kam das zweite Kind.
Und das dritte.
Gerd arbeitete langsam genug, um keinen Fehler zu machen, und schnell genug, um den steigenden Wassermassen zuvorzukommen.
Beim vierten Kind bemerkte er, dass seine rechte Hand blutete.
Irgendwo hatte er sich an einer scharfen Metallkante verletzt.
Er sah kaum hin.
„Weiter!“, rief er. „Das nächste!“
Der Bus bewegte sich.
Nur wenige Zentimeter.
Aber Gerd spürte sofort, dass die Strömung stärker geworden war.
„Beeilt euch!“
Ein Mädchen mit einer roten Schultasche begann zu weinen, als sie am Fenster ankam.
„Ich kann nicht!“
„Doch, kannst du.“
„Ich hab Angst!“
Gerd sah sie fest an.
„Wie heißt du?“
„Sophie.“
„Gut, Sophie. Ich bin der Gerd. Und weißt du was? Ich hab auch Angst.“
Das Mädchen hörte auf zu weinen.
„Wirklich?“
„Natürlich. Ich bin doch nicht bescheuert.“
Sie musste trotz allem kurz lachen.
Gerd streckte seine Arme aus.
„Und jetzt komm. Wir machen das zusammen.“
Sie ließ sich in seine Hände fallen.
Er brachte sie zum Geländer.
Als das sechste Kind in Sicherheit war, hörte er hinter sich ein lautes Krachen.
Ein Teil der Böschung gab nach.
Der Bus rutschte tiefer.
„Da ist noch ein Mädchen drin!“, rief der Fahrer.
Gerd drehte sich um.
Am hinteren Fenster erschien ein schmales Gesicht.
Ein Mädchen mit dunklen Haaren und einer grauen Kapuzenjacke.
Vierzehn Jahre alt.
Emma Hoffmann.
Sie hatte den jüngeren Kindern geholfen, ihre Gurte zu lösen. Deshalb war sie als Letzte im Fahrzeug geblieben.
„Komm her!“, rief Gerd.
Emma kletterte zum Fenster.
Sie streckte einen Arm nach ihm aus.
In diesem Moment löste sich der Bus vom Geländer.
Alles geschah gleichzeitig.
Der Fahrer sprang auf der anderen Seite ins Wasser und wurde von Helfern an einem Seil erreicht.
Emma verlor den Halt.
Gerd sah nur noch ihre Hand.
Er packte zu.
Für einen Augenblick bekam er ihre Finger zu fassen.
Dann riss die Strömung das Mädchen mit.
„Emma!“
Er wusste nicht, woher er ihren Namen kannte. Vielleicht hatte eines der anderen Kinder ihn gerufen.
Er stolperte hinterher.
Das Wasser schlug ihm gegen die Brust.
Ein mitgerissener Ast traf sein linkes Bein. Dann prallte etwas Schweres gegen seinen Oberkörper.
Gerd verlor den Boden unter den Füßen.
Er schlug mit der Schulter gegen einen Betonpfeiler.
Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen linken Arm.
Er schrie auf.
Dann tauchte er wieder auf und sah Emma.
Sie klammerte sich an einen Ast, der zwischen Treibholz und einem alten Brückenpfeiler festhing.
Ihr Kopf war gerade noch über Wasser.
„Hilfe!“, schrie sie. „Bitte!“
Gerd wusste, dass er sie nicht erreichen konnte, wenn er jetzt versuchte, gegen die ganze Strömung anzuschwimmen.
Er tastete mit den Füßen nach einem Halt.
Da spürte er unter Wasser die Kante eines alten Betonfundaments.
Er drückte sich dagegen ab.
Einmal.
Noch einmal.
Dann bekam er einen rostigen Metallbügel zu fassen, der seitlich aus dem Pfeiler ragte.
Sein linker Arm hing kraftlos herunter.
Gerd biss die Zähne zusammen.
„Emma! Schau mich an!“
Das Mädchen schüttelte weinend den Kopf.
„Ich kann nicht mehr!“
„Doch. Du kannst.“
„Der Ast bricht!“
Gerd sah es selbst.
Das Holz bog sich unter der Strömung.
Er hielt sich mit der rechten Hand am Metallbügel fest und streckte seinen verletzten Arm so weit aus, wie er konnte.
Der Schmerz war kaum auszuhalten.
„Du musst zu mir kommen!“
„Ich schaff das nicht!“
„Emma! Hör mir zu! Wenn ich drei sage, lässt du los und greifst nach meiner Jacke.“
„Nein!“
„Doch, Mädchen. Sonst nimmt dich das Wasser mit.“
Sie sah ihn an.
Gerd dachte in diesem Moment an ein anderes Mädchen.
An braune Augen.
An zwei geflochtene Zöpfe.
An eine Stimme, die er seit dreißig Jahren nicht mehr gehört hatte.
„Eins“, sagte er.
Emma weinte.
„Zwei.“
Ein lautes Knacken.
Der Ast brach.
Gerd packte zu, bevor er überhaupt „drei“ sagen konnte.
Seine rechte Hand erwischte Emmas Kapuze.
Mit aller Kraft zog er sie zu sich.
Das Mädchen prallte gegen seinen Brustkorb.
Beide verschwanden für einen Moment unter Wasser.
Als Gerd wieder Luft bekam, hielt Emma sich an seinem Hals fest.
„Nicht würgen“, keuchte er. „Ich brauch noch ein bisschen Luft.“
Sie lockerte ihren Griff.
Gerd tastete nach dem Pfeiler und bekam den Metallbügel erneut zu fassen.
Hinter ihnen trieb der zerbrochene Ast davon.
Emma begann zu zittern.
„Sind wir jetzt gerettet?“
Gerd blickte zur Straße.
Er sah Menschen, die winkten.
Er sah Blaulicht hinter den Bäumen.
Aber zwischen ihm und dem Ufer lagen mehr als zwanzig Meter tiefes, schnell fließendes Wasser.
„Noch nicht ganz“, sagte er.
Die ersten Einsatzkräfte waren inzwischen angekommen.
Doch der Zugang zum alten Brückenpfeiler war schwierig. Große Baumstämme und Trümmerteile trieben durch die Strömung. Das Ufer war an mehreren Stellen weggebrochen.
Ein Feuerwehrmann versuchte, Gerd eine Leine zuzuwerfen.
Sie landete zu weit entfernt.
Beim zweiten Versuch verfing sich das Seil in Treibholz.
„Bleiben Sie, wo Sie sind!“, rief der Mann. „Wir holen Sie raus!“
Gerd hob kurz die rechte Hand.
Mehr konnte er nicht tun.
Er hatte Emma inzwischen auf einen schmalen Vorsprung am Pfeiler geschoben. Ihre Beine hingen noch im Wasser, aber wenigstens konnte sie ihren Kopf und einen Teil ihres Oberkörpers über der Strömung halten.
Gerd selbst stand auf einer kaum handbreiten Betonkante.
Seine rechte Schulter presste er gegen den Pfeiler.
Mit dem verletzten linken Arm stützte er Emma so gut es ging.
Das Mädchen klammerte sich an ihn.
„Mir ist kalt.“
„Mir auch.“
„Meine Beine tun weh.“
„Das geht wieder vorbei.“
„Wo sind die anderen?“
„Die sind draußen.“
„Alle?“
„Alle sechs. Und euer Fahrer auch.“
Emma schloss die Augen.
Gerd schüttelte sie vorsichtig.
„He. Nicht einschlafen.“
„Ich bin so müde.“
„Dann erzähl mir was.“
„Was denn?“
„Irgendwas. Deine Schule. Deine Freunde. Was du eben erzählen willst.“
Emma schwieg einen Moment.
„Ich wollte morgen zum Handballtraining.“
„Handball?“
„Ja.“
„Na, das ist doch was.“
„Ich weiß aber nicht, ob ich in der Mannschaft bleiben darf.“
„Warum nicht?“
„Weil ich dauernd Angst hab, was falsch zu machen.“
Gerd musste gegen einen neuen Schmerz in seiner Seite ankämpfen.
„Dann machst du halt mal was falsch.“
„Mein Trainer sagt, ich soll mutiger sein.“
„Dann hat er vermutlich recht.“
Emma hob den Kopf.
„Sie kennen mich doch gar nicht.“
„Muss ich auch nicht. Wer gerade aus einem Schulbus im Hochwasser geklettert ist, kann sich beim Handball ruhig ein bisschen mehr zutrauen.“
Sie lächelte schwach.
Dann sah sie seinen linken Arm.
„Warum halten Sie den so komisch?“
Gerd schaute kurz hinunter.
Sein Unterarm war angeschwollen.
Er wusste ziemlich genau, was das bedeutete.
Vierzig Jahre Arbeit mit Stahl, schweren Maschinen und Werkzeugen hatten ihm genug Erfahrung mit Verletzungen gegeben.
„Hab mich gestoßen.“
„Ist er gebrochen?“
„Kann sein.“
Emma wurde blass.
„Sie müssen ihn bewegen? Wegen mir?“
„Du kümmerst dich jetzt mal um deine eigenen Knochen.“
„Aber es tut Ihnen weh.“
Gerd sah sie an.
„Natürlich tut das weh.“
Emma schluckte.
„Warum lassen Sie mich dann nicht los?“
Er antwortete nicht sofort.
Seine Frau Helga hatte ihm diese Frage vor vielen Jahren in anderer Form gestellt.
Warum ließ er nicht endlich los?
Warum fuhr er immer wieder zu diesem Grab?
Warum gab er sich noch immer die Schuld?
Gerd sah auf Emmas Hände, die sich an seiner Jacke festhielten.
„Weil du nach Hause musst“, sagte er schließlich.
Die Zeit verging unglaublich langsam.
Am Ufer arbeiteten inzwischen Feuerwehrleute und Wasserretter. Ein Rettungsboot war auf dem Weg, musste aber von einem weiter entfernten Zugang aus ins Wasser gebracht werden.
Ein großer umgestürzter Baum versperrte die direkte Zufahrt.
Die Strömung machte jeden Versuch gefährlich.
Gerd verstand genug von Wasser und schweren Konstruktionen, um zu wissen, dass niemand einfach mit einem Boot auf sie zufahren konnte.
Jahrelang hatte er beim Bauhof mitgeholfen, wenn Hochwassersperren aufgebaut oder beschädigte Brücken gesichert werden mussten.
Er wusste, welche Kräfte Wasser entwickeln konnte.
Und er wusste, dass er langsam schwächer wurde.
Seine linke Seite brannte.
Unter seiner Kleidung fühlte er eine tiefe Wunde, die er sich an einem Stück Metall zugezogen haben musste.
Bei jedem Atemzug zog ein stechender Schmerz durch seinen Brustkorb.
Er sagte Emma nichts davon.
Stattdessen redete er.
Über seine Werkstatt.
Über seinen alten Transporter, der schon seit Jahren beim Starten Geräusche machte, die eigentlich kein Motor machen sollte.
Über seinen Nachbarn, der sich jeden Samstag seinen Rasenmäher auslieh und ihn regelmäßig kaputt zurückbrachte.
Emma lachte einmal.
Es war ein leises, erschöpftes Lachen.
Aber Gerd war froh, es zu hören.
„Haben Sie Kinder?“, fragte sie irgendwann.
Sein Gesicht veränderte sich.
Nur ganz kurz.
„Ich hatte eine Tochter.“
Emma bemerkte das Wort.
„Hatte?“
„Ja.“
„Ist sie gestorben?“
Gerd nickte.
Lange sagte keiner etwas.
Dann fragte Emma vorsichtig: „Wie hieß sie?“
„Nora.“
„Schöner Name.“
„Ja.“
„Wie alt war sie?“
Gerd schluckte.
„Zwölf.“
Emma blickte auf das Wasser.
„Das tut mir leid.“
Er antwortete nicht.
Er konnte nicht.
Stattdessen fragte er nach ihrer Familie.
Emma erzählte von ihrer Mutter, die immer zu viele Brote in ihre Schultasche packte. Von ihrem Vater, der zwar ständig beruflich telefonierte, aber jeden Sonntag mit ihr frühstückte.
Und von ihrem kleinen Bruder Jonas, der ihre Sachen klaute und grundsätzlich behauptete, nichts damit zu tun zu haben.
„Der ist neun“, sagte sie. „Total nervig.“
„Klingt nach einem ordentlichen kleinen Bruder.“
„Manchmal kann ich ihn echt nicht leiden.“
„Doch, kannst du.“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil du gerade schon zum dritten Mal von ihm erzählst.“
Emma musste wieder lächeln.
Gerd merkte, dass seine Lippen langsam taub wurden.
Er versuchte, die Finger seiner rechten Hand zu bewegen.
Sie gehorchten kaum noch.
Am Ufer waren zusätzliche Fahrzeuge angekommen.
Jemand rief durch ein Megafon.
Gerd verstand nur einzelne Wörter.
„Rettungsboot.“
„Noch etwas Geduld.“
„Halten Sie durch.“
Er dachte daran, wie absurd diese Aufforderung war.
Halten Sie durch.
Als würde er hier gerade auf einen verspäteten Bus warten.
Emma rutschte ein Stück vom Vorsprung.
Gerd packte sie fester.
Ein Schmerzenslaut entfuhr ihm.
„Entschuldigung!“, flüsterte sie sofort.
„Du hast nichts gemacht.“
„Doch. Sie müssen mich halten.“
„Das ist im Moment meine Aufgabe.“
„Und wenn Sie nicht mehr können?“
Gerd sah zum Ufer.
Dann wieder zu ihr.
„Dann müssen wir beide ein bisschen sturer sein.“
Nach fast zwei Stunden begann Emma wieder zu weinen.
Nicht laut.
Sie hatte keine Kraft mehr dafür.
Ihre Tränen liefen einfach über die Wangen.
„Ich will zu meiner Mama.“
Gerd nickte.
„Versteh ich.“
„Ich hab ihr heute Morgen nicht mal Tschüss gesagt.“
„Dann machst du das nachher.“
„Ich war sauer auf sie.“
„Weswegen?“
„Weil sie mir verboten hat, bei einer Freundin zu übernachten.“
Gerd atmete vorsichtig ein.
„Das ist natürlich ein schweres Verbrechen.“
Emma lachte unter Tränen.
„Sie machen sich über mich lustig.“
„Ein bisschen.“
„Sie sind komisch.“
„Das sagen die Leute öfter.“
Sie legte ihren Kopf an seine Schulter.
„Gerd?“
Es war das erste Mal, dass sie ihn beim Vornamen nannte.
„Ja?“
„Versprechen Sie mir, dass wir hier rauskommen?“
Er spürte, wie schwer diese Frage war.
Er hätte gern Ja gesagt.
Er hätte gern behauptet, dass alles gut würde.
Aber er konnte das nicht wissen.
„Ich verspreche dir, dass ich nicht aufgebe“, antwortete er.
Emma schloss die Augen.
„Dann geb ich auch nicht auf.“
Gerd drückte ihren Arm.
„So machen wir das.“
Ein paar Minuten später begann sie wieder zu sprechen.
„Wenn wir hier rauskommen, müssen Sie mir mal Ihre Werkstatt zeigen.“
„Meine Werkstatt?“
„Ja. Mein Fahrrad ist seit Wochen kaputt. Mein Vater sagt immer, wir bringen es irgendwann weg.“
„Was ist denn kaputt?“
„Die Kette springt ständig runter.“
„Das kriegen wir hin.“
„Wirklich?“
„Wenn du dabei mithilfst.“
„Ich kann aber nichts reparieren.“
Gerd sah sie an.
„Noch nicht.“
Emma lächelte.
„Versprochen?“
„Versprochen.“
Als endlich das Rettungsboot sichtbar wurde, waren fast drei Stunden vergangen.
Zwei Wasserretter näherten sich vorsichtig von der weniger stark durchströmten Seite des Pfeilers.
Eine Sicherungsleine verband das Boot mit einem Punkt am Ufer.
„Wir sind gleich bei Ihnen!“, rief einer der Männer.
Emma begann zu schluchzen.
„Gerd! Die sind da!“
„Hab ich gesehen.“
Er wollte erleichtert lachen.
Doch er bekam kaum noch Luft.
Seine Beine zitterten so stark, dass er sich nur mit Mühe auf dem schmalen Vorsprung halten konnte.
Der erste Retter griff nach Emma.
„Wir nehmen jetzt das Mädchen!“
Gerd nickte.
„Vorsichtig. Die Beine sind ganz kalt.“
Emma weigerte sich zunächst, ihn loszulassen.
„Nein! Er muss mit!“
„Emma“, sagte Gerd.
Sie sah ihn an.
„Du steigst jetzt ins Boot.“
„Aber Sie kommen mit!“
„Natürlich.“
„Versprochen?“
Gerd wollte antworten.
Doch plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen.
„Gerd?“
Er schaffte noch ein Wort.
„Los.“
Dann nahm der Retter Emma in die Arme.
Sie wurde ins Boot gehoben und in eine Rettungsdecke gewickelt.
Als sie sich umdrehte, sah sie, wie Gerd langsam am Pfeiler zusammensank.
Seine rechte Hand glitt vom Metallbügel.
„GERD!“
Einer der Retter sprang sofort zu ihm und bekam ihn zu fassen.
Der zweite half dabei, den schweren Mann ins Boot zu ziehen.
Gerds Kopf fiel nach hinten.
Seine Augen waren geschlossen.
„Er reagiert nicht!“
Emma versuchte aufzustehen.
„Gerd! Bitte!“
Der Rettungssanitäter überprüfte Atmung und Kreislauf.
Dann rief er nach Unterstützung.
„Wir brauchen sofort den Notarzt!“
Emma erinnerte sich später nur noch an Bruchstücke.
An die Männer, die Gerd auf einer Trage aus dem Boot brachten.
An die Sanitäterin, die ihr eine Decke um die Schultern legte.
An die Stimme ihres Vaters, der irgendwo ihren Namen rief.
Und an einen Satz, den sie nie vergessen würde.
„Kein normaler Puls mehr. Wir beginnen sofort mit der Wiederbelebung.“
Emma stand wie erstarrt.
„Nein“, flüsterte sie.
Niemand hörte sie.
Die Sanitäter begannen mit der Herzdruckmassage. Ein Gerät wurde angeschlossen. Medikamente und Beatmungsgeräte wurden vorbereitet.
Eine junge Rettungssanitäterin namens Jana kniete neben Gerd.
„Komm schon“, sagte sie leise. „Du hast die ganze Zeit durchgehalten. Jetzt machen wir weiter.“
Emma wollte zu ihm.
Ihre Mutter hielt sie zurück.
„Schatz, lass die Leute arbeiten.“
„Aber er hat es versprochen!“
„Emma …“
„Er hat gesagt, er kommt mit!“
Ihre Mutter zog sie fest an sich.
Emma weinte gegen ihre Schulter.
Sie dachte an Gerds grimmiges Gesicht.
An seine rauen Hände.
An seine dumme Bemerkung über ihren kleinen Bruder.
Und daran, wie er sie drei Stunden lang festgehalten hatte, obwohl er selbst kaum noch stehen konnte.
Die Wiederbelebung ging weiter.
Minuten vergingen.
Ein Arzt gab weitere Anweisungen.
Emma hörte kaum etwas davon.
Dann veränderte sich plötzlich der Tonfall der Sanitäterin.
„Moment. Wir haben wieder einen Rhythmus.“
Der Arzt beugte sich über Gerd.
Jemand überprüfte seinen Puls.
„Kreislauf kommt zurück.“
Emma hob den Kopf.
„Lebt er?“
Ihre Mutter wusste keine Antwort.
Erst als der Arzt kurz aufsah und sagte, dass Gerd wieder einen eigenen Herzschlag hatte, begann Emma zu begreifen, was gerade geschehen war.
Er war noch da.
Aber sein Zustand war lebensgefährlich.
Im Krankenhaus stellte sich heraus, wie schwer Gerd verletzt war.
Sein linker Arm war gebrochen.
Vier Rippen waren angebrochen oder vollständig gebrochen. Eine tiefe Wunde an seiner Seite hatte erheblichen Blutverlust verursacht.
Außerdem hatte er eine schwere Unterkühlung erlitten, und ein Teil seiner Lunge war durch den Aufprall verletzt worden.
Er musste intensivmedizinisch behandelt werden.
Die Ärzte konnten zunächst nicht sagen, ob er bleibende Schäden davontragen würde.
Emma erfuhr davon erst am nächsten Morgen.
Sie selbst hatte die Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus verbracht.
Ihre Mutter saß an ihrem Bett.
„Und Gerd?“, fragte Emma sofort.
Ihre Mutter strich ihr über die Haare.
„Er lebt.“
Emma atmete aus.
„Kann ich zu ihm?“
„Noch nicht, Schatz.“
„Warum nicht?“
„Weil er sehr schwer verletzt ist.“
Emma starrte ihre Mutter an.
„Aber er hat die ganze Zeit mit mir geredet.“
„Ich weiß.“
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