24 alte Handwerker umringten ein weinendes Mädchen – doch niemand ahnte, warum sie es wirklich taten

Als vierundzwanzig Männer in schmutzigen Arbeitsjacken ein barfüßiges Mädchen an der Tankstelle umringten, griff der Kassierer zum Telefon. Nur ich wusste, warum.

„Die lassen das Mädchen nicht weg!“, hörte ich ihn durch die offene Tür rufen. „Schicken Sie bitte sofort die Polizei!“

Ich saß noch in meinem alten Transporter und konnte kaum glauben, was ich da hörte.

Denn das Mädchen hatte diese Männer selbst um Hilfe gebeten.

Sie war vielleicht fünfzehn. Ihr helles Sommerkleid war an einer Seite eingerissen, ihre Knie waren aufgeschürft, und an ihren Füßen klebte Straßenschmutz. Sie zitterte so stark, dass sie kaum stehen konnte.

Um sie herum standen vierundzwanzig Männer.

Breite Schultern. Graue Haare. Schwielige Hände. Dunkle Arbeitsjacken, auf denen noch Farbe, Öl und Mörtel klebten.

Von der Kasse aus musste es aussehen, als hätten sie das Mädchen eingekesselt.

Ein Kunde zog hastig sein Kind zurück. Eine Frau blieb mit ihrem Einkaufswagen stehen und starrte auf die Gruppe.

Niemand schien zu bemerken, dass die Männer mit dem Rücken zu dem Mädchen standen.

Nicht, um sie festzuhalten.

Sondern damit niemand sie anstarrte.

Ich heiße Walter Seidel, bin siebenundsechzig Jahre alt und habe dreiundvierzig Jahre als Betriebsschlosser gearbeitet. Meine Knie machen nicht mehr richtig mit, meine Hände sind voller alter Narben, und seit meine Frau vor sechs Jahren gestorben ist, ist es in meiner Wohnung oft erschreckend still.

Aber an diesem Vormittag sollte ich etwas erleben, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Unsere Männertruppe war unterwegs zu einem alten Gemeindehaus nördlich von Göttingen.

Wir nennen uns einfach „die alten Schrauber“.

Keine eingetragene Organisation, kein Verein mit Vorsitzendem und Kassenwart. Nur vierundzwanzig ehemalige Handwerker, Schlosser, Elektriker, Maurer und Kraftfahrer, die sich vor einigen Jahren zusammengefunden hatten.

Die meisten von uns waren inzwischen Rentner.

Einige hatten ihre Frauen verloren. Andere sahen ihre erwachsenen Kinder nur noch an Feiertagen. Wieder andere wussten nach vierzig Jahren Schichtarbeit plötzlich nicht mehr, wohin mit ihren Händen.

Also reparierten wir Dinge.

Spielgeräte auf Dorfplätzen. Kaputte Türen in Jugendräumen. Alte Bänke vor Seniorenhäusern. Manchmal bauten wir Regale für Familien, die sich neue Möbel nicht leisten konnten.

Keiner bekam Geld dafür.

Aber am Ende eines solchen Tages hatte wenigstens jeder das Gefühl, noch gebraucht zu werden.

Diesmal sollten wir den Gruppenraum eines Gemeindehauses renovieren.

Sechs Transporter waren dafür unterwegs, vollgeladen mit Werkzeug, Farbe, Brettern und Männern, die schon beim Frühstück darüber gestritten hatten, ob man eine alte Tür besser abschleifen oder gleich ersetzen sollte.

Ich fuhr etwas hinter den anderen.

Mein Wagen hatte seit Monaten Probleme mit dem Anlasser, und ich wollte an der Tankstelle bei Göttingen noch einmal nach dem Öl sehen.

Deshalb saß ich noch hinter dem Steuer, als der schwarze Wagen auf den Parkplatz fuhr.

Ein älterer Kombi.

Dunkle Scheiben hinten. Eine Delle am linken Kotflügel.

Er hielt nicht direkt an einer Zapfsäule, sondern etwas abseits.

Die Beifahrertür öffnete sich.

Ein Mädchen stieg aus.

Nein.

Es stieg nicht wirklich aus.

Es stolperte heraus.

Als der Wagen sofort wieder anfuhr, drehte sie sich noch einmal um. Dann machte sie zwei Schritte und sank neben der dritten Zapfsäule auf die Knie.

Ich hatte gerade meine Tür geöffnet.

„He! Alles in Ordnung?“, rief ich.

Sie hörte mich offenbar nicht.

Sie hielt beide Hände vor das Gesicht und versuchte, Luft zu bekommen.

In diesem Moment rollten unsere Transporter auf das Gelände.

Vorneweg fuhr Egon Krüger.

Egon ist einundsiebzig, ehemaliger Maurerpolier, fast einen Meter neunzig groß und hat Hände, die aussehen, als könnte er damit einen Ziegelstein zerbrechen.

Seine Stimme ist tief und rau.

Wer ihn nicht kennt, hält ihn für einen Mann, mit dem man lieber keinen Streit anfängt.

Dabei hat Egon vier Töchter großgezogen, seiner kranken Frau über Jahre die Haare gewaschen und bis heute Schwierigkeiten, einem weinenden Kind in die Augen zu sehen, ohne selbst feuchte Augen zu bekommen.

Er bemerkte das Mädchen sofort.

Noch bevor sein Motor richtig aus war, stieg er aus.

„Männer, bleibt mal hinten“, sagte er.

Dann ging er langsam auf das Mädchen zu.

„Hallo, junge Dame. Kann ich dir helfen?“

Sie zuckte zusammen.

Als sie seinen Schatten bemerkte, rutschte sie rückwärts über den Asphalt.

„Bitte nicht!“

Egon blieb sofort stehen.

„Ist gut. Ich komme nicht näher.“

„Bitte tun Sie mir nichts“, flüsterte sie.

Ihre Stimme war kaum zu hören.

„Ich sage auch niemandem etwas. Versprochen.“

Egon sah zu uns herüber.

Sein Gesicht veränderte sich.

Ich kannte diesen Ausdruck. Ich hatte ihn einmal gesehen, als seine jüngste Tochter nach einem schweren Unfall im Krankenhaus lag.

„Hier tut dir keiner etwas“, sagte er ruhig. „Du bist an einer Tankstelle. Hier sind Menschen. Wir helfen dir.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

„Ich muss zu meiner Mama.“

Jürgen, unser ehemaliger Fernfahrer, war inzwischen ausgestiegen.

Mit seinen sechsundsechzig Jahren war er immer noch ein gewaltiger Kerl. Früher hatte er schwere Maschinen durch halb Europa gefahren. Er sprach selten mehr als nötig.

Er zog seine dicke Arbeitsjacke aus.

„Hier“, sagte er und legte sie auf einen niedrigen Betonpoller.

Dann trat er zurück.

„Die kannst du nehmen. Musst aber nicht.“

Das Mädchen starrte auf die Jacke.

Sie sah von Jürgen zu Egon.

Dann griff sie danach und zog sie sich über die Schultern.

Die Jacke reichte ihr beinahe bis zu den Knien.

Jürgen drehte sich zu den anderen.

„Nicht alle glotzen. Gebt ihr ein bisschen Ruhe.“

Daraufhin stellten sich die Männer in einiger Entfernung halbkreisförmig auf.

Nicht dicht. Nicht bedrohlich.

Sie hielten einen Weg zur Tankstelle frei, schirmten das Mädchen aber vor den neugierigen Blicken ab.

Karl, unser ältester Elektriker, stellte sich vor die Zapfsäule, an der ein Kunde gerade sein Handy hob.

„Lassen Sie das Mädchen bitte in Ruhe“, sagte Karl.

Der Mann steckte das Telefon weg.

Drinnen an der Kasse begann inzwischen die Aufregung.

Der Mitarbeiter hatte nur gesehen, wie zahlreiche Männer in dunklen Arbeitsjacken aus mehreren Fahrzeugen stiegen und sich um ein weinendes Mädchen stellten.

Er griff zum Telefon.

Zwei Kunden verließen den Verkaufsraum.

Eine Frau sagte laut: „Das ist ja furchtbar. Man weiß doch, was heutzutage alles passiert.“

Ich wollte gerade hineingehen und die Sache erklären, als ich Egons Stimme hörte.

„Wie heißt du denn?“

Das Mädchen saß inzwischen auf der niedrigen Mauer neben der Zapfsäule.

„Lena.“

„Gut, Lena. Ich bin Egon. Der große Mann da ist Jürgen. Und die anderen sind ein paar alte Handwerker.“

Ein ganz kleines, unsicheres Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Sie sehen nicht aus wie Handwerker.“

Egon schaute an seiner verschmutzten Hose herunter.

„Na, dann weiß ich auch nicht mehr.“

Das Lächeln verschwand wieder.

„Wo wohnst du?“, fragte er vorsichtig.

„Bei Bad Oeynhausen. Mit meiner Mama.“

„Weiß deine Mutter, wo du bist?“

Lena schüttelte den Kopf.

Ihre Unterlippe begann zu zittern.

„Sie denkt, ich bin bei einer Freundin.“

Egon setzte sich auf die andere Seite der Mauer, mit gut zwei Metern Abstand.

„Magst du uns erzählen, was passiert ist?“

Lena zog Jürgens Jacke enger um ihren Körper.

Lange antwortete sie nicht.

Dann sagte sie einen Satz, der mir noch heute durch den Kopf geht.

„Ich glaube, ich habe etwas ganz Schlimmes gemacht.“

Egon schüttelte langsam den Kopf.

„Du musst jetzt erst einmal nichts erklären. Aber wenn dir jemand etwas angetan hat, dann ist das nicht deine Schuld.“

Da brach es aus ihr heraus.

Sie hatte vor einigen Wochen jemanden im Internet kennengelernt.

Er hatte geschrieben, er sei siebzehn.

Er hatte ihr zugehört, wenn sie Streit mit ihrer Mutter hatte. Er hatte ihr Komplimente gemacht. Er hatte behauptet, sie besser zu verstehen als ihre Mitschüler.

Am Abend zuvor sollte er sie zu einem Kinobesuch abholen.

„Ich dachte, er ist nett“, flüsterte Lena.

Ihre Finger klammerten sich um den Ärmel der viel zu großen Jacke.

„Aber als er vor mir stand, war er viel älter.“

„Wie alt ungefähr?“, fragte Egon.

„Vielleicht dreißig. Ich weiß nicht.“

Sie erzählte, dass sie trotzdem eingestiegen war.

Er hatte erklärt, sein Profilbild sei alt und es gebe keinen Grund, gleich misstrauisch zu sein.

Doch statt zum Kino zu fahren, brachte er sie zu einem Haus außerhalb eines Dorfes.

Dort warteten weitere Männer.

Lena verstummte.

Ihre Augen waren auf einen dunklen Fleck auf dem Asphalt gerichtet.

Niemand drängte sie.

Schließlich sagte sie: „Da waren noch andere Mädchen.“

Egon hob langsam den Kopf.

„Hast du sie gesehen?“

„Nicht richtig. Ich habe Stimmen gehört. Oben im Haus.“

Ihre Hände zitterten wieder.

„Ich wollte gehen. Aber sie haben mich nicht gelassen.“

Dann erzählte sie, wie plötzlich jemand an der Haustür geklingelt hatte.

Ein Lieferfahrer hatte sich in der Adresse geirrt.

Einer der Männer war zur Tür gegangen, ein anderer hatte mit ihm gestritten.

Lena hatte ihre Gelegenheit gesehen.

Ein Autoschlüssel lag auf einer Kommode.

Sie nahm ihn, lief hinaus und fuhr mit dem Wagen davon, obwohl sie kaum Fahrpraxis hatte.

Nach einigen Kilometern ging der Motor aus.

Der Tank war leer.

Sie stieg aus und lief weiter.

Irgendwann hatte derselbe Mann sie auf der Straße gefunden.

„Er hat gesagt, er bringt mich nach Hause“, flüsterte sie. „Ich wollte ihm nicht glauben. Aber ich wusste nicht, wohin.“

Sie hatte sich während der Fahrt immer wieder geweigert, weiter mit ihm zu einem anderen Haus zu fahren.

Als sie sagte, sie werde an der nächsten Tankstelle um Hilfe schreien, hatte er sie dort hinausgelassen.

Dann war er verschwunden.

„Ich dachte, er kommt zurück“, sagte sie.

Egon antwortete nicht sofort.

Er nahm sein Telefon aus der Tasche.

„Lena, ich möchte jemanden anrufen. Meine Frau heißt Hildegard. Und unsere Tochter Steffi arbeitet mit jungen Menschen, denen schlimme Dinge passiert sind.“

Lena nickte kaum sichtbar.

„Sie weiß besser als wir, was jetzt wichtig ist.“

Er wählte.

„Hilde? Ich bin’s.“

Eine kurze Pause.

„Hör zu. Wir haben hier ein Mädchen gefunden. Fünfzehn. Sie braucht Hilfe.“

Er sah Lena an.

„Kannst du Steffi erreichen? Sag ihr, sie soll mich sofort zurückrufen.“

Ich stand einige Schritte entfernt.

In meinem Berufsleben hatte ich Männer erlebt, die bei einem Arbeitsunfall mit ruhiger Hand Erste Hilfe leisteten, obwohl andere schon in Panik gerieten.

Aber ich hatte Egon noch nie so vorsichtig sprechen hören.

Er behandelte jedes Wort, als könnte es zerbrechen.

Dann kamen die Polizeiwagen.

Zuerst nur einer.

Der junge Beamte, der ausstieg, konnte kaum älter als fünfundzwanzig sein.

Seine Kollegin blieb zunächst am Fahrzeug und sprach ins Funkgerät.

Er sah die vielen Männer, das Mädchen in der Mitte und den aufgeregten Tankstellenmitarbeiter, der aus der Tür gelaufen kam.

„Da!“, rief der Mitarbeiter. „Das sind sie!“

Der Beamte griff an seinen Gürtel.

„Alle mal Abstand von dem Mädchen! Sofort!“

Egon stand langsam auf.

„Herr Wachtmeister, wir haben sie gerade hier gefunden. Sie braucht medizinische Hilfe.“

„Zurücktreten! Hände sichtbar lassen!“

Die anderen Männer sahen einander an.

Niemand verstand, was los war.

„Wir tun doch gar nichts“, sagte Jürgen.

„Dann gehen Sie jetzt auseinander.“

Ein paar unserer Leute traten sofort zurück.

Aber Egon blieb in Lenas Nähe stehen.

Nicht, weil er den Beamten herausfordern wollte.

Sondern weil Lena seinen Ärmel gepackt hatte.

„Bitte gehen Sie nicht weg“, flüsterte sie.

Der Polizist sah nur, dass Egon sich nicht sofort entfernte.

„Haben Sie mich verstanden?“

„Ja“, antwortete Egon. „Aber das Mädchen hat Angst.“

„Das entscheiden nicht Sie.“

Lena stand auf.

„Die haben mir geholfen!“

Der Beamte war bereits damit beschäftigt, weitere Kräfte anzufordern.

„Bitte“, rief Lena lauter. „Die Männer haben nichts gemacht!“

Doch die Situation wurde unübersichtlicher.

Karl begann mit dem jungen Beamten zu diskutieren.

Jürgen stellte sich dazwischen und bat beide, ruhig zu bleiben.

Zwei weitere Polizeiwagen fuhren auf den Parkplatz.

Plötzlich redeten alle gleichzeitig.

„Sie müssen uns nur zuhören!“, rief einer unserer Männer.

„Zurück hinter die Fahrzeuge!“, befahl eine Beamtin.

Lena stand mitten in diesem Durcheinander.

Ihre Lippen wurden ganz weiß.

Dann fing sie wieder an zu weinen.

Egon machte einen Schritt zu ihr.

„Bleib stehen!“, rief der junge Polizist.

Ein zweiter Beamter hielt ihn am Arm fest.

„Sie kommen jetzt mit.“

Egon riss sich nicht los.

Er hob nur die Hände.

„Ich gehe mit Ihnen. Aber bitte kümmern Sie sich um das Mädchen.“

Man führte ihn und Jürgen zu einem Polizeiwagen.

Weil die Beamten die Lage zunächst nicht einschätzen konnten und beide Männer den Anweisungen nicht schnell genug gefolgt waren, bekamen sie vorübergehend Handschellen angelegt.

Die anderen mussten sich getrennt aufstellen und ihre Ausweise vorzeigen.

Vierundzwanzig Handwerker, die eigentlich einen Gemeinderaum renovieren wollten, wurden plötzlich behandelt, als hätten sie gemeinsam etwas angestellt.

Und Lena?

Sie saß auf der Rückbank eines Polizeiwagens.

Noch immer in Jürgens Jacke.

Ich werde nie vergessen, wie sie durch die Scheibe zu Egon hinübersah.

Sie hatte endlich Menschen gefunden, denen sie vertraute.

Und nun glaubte sie, diese Menschen würden wegen ihr bestraft.

Da konnte ich nicht länger still bleiben.

Ich ging auf den jungen Beamten zu.

„Entschuldigung. Ich habe alles gesehen.“

Er drehte sich zu mir.

„Bitte bleiben Sie hinter der Absperrung.“

„Ich saß dort im Transporter, als der schwarze Wagen angehalten hat. Das Mädchen ist herausgestolpert. Die Männer kamen erst danach.“

„Wir nehmen Ihre Aussage gleich auf.“

„Dann hören Sie mir wenigstens jetzt zu. Sie haben die Falschen im Verdacht.“

Sein Gesicht wurde angespannt.

„Wir müssen die Situation erst klären.“

„Das verstehe ich. Aber das Mädchen sitzt da drin und denkt, es sei schon wieder gefangen.“

Dieser Satz brachte ihn für einen Moment zum Schweigen.

Bevor er antworten konnte, öffnete seine Kollegin die hintere Wagentür.

Lena hatte gegen die Scheibe geklopft.

„Ich muss Ihnen etwas sagen!“, rief sie.

Die Beamtin kniete sich neben die Tür.

„Ich höre zu.“

Lena zeigte auf Egon.

„Der Mann hat seine Frau angerufen. Seine Tochter hilft Mädchen wie mir. Er wollte nur, dass jemand kommt.“

„Wie heißt der Mann?“

„Egon.“

„Und Sie kennen ihn nicht?“

„Nein. Ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen.“

Die Polizistin sah lange zu den Männern hinüber.

Dann ging sie zu ihrem Kollegen.

Ich hörte nur einen Teil ihres Gesprächs.

„Wir sollten uns das noch einmal genauer ansehen.“

„Die Leitstelle hat eine mögliche Entführung gemeldet.“

„Ja. Aber das Mädchen sagt etwas anderes.“

Inzwischen war eine ältere Beamtin eingetroffen.

Sie hieß Frau Neumann und hatte diese ruhige Art, die Menschen manchmal erst nach vielen Berufsjahren entwickeln.

Sie stellte keine lauten Fragen.

Sie hörte zu.

Zuerst dem Mädchen.

Dann mir.

Dann dem Tankstellenmitarbeiter.

Schließlich ging sie zu Egon.

„Herr Krüger, können Sie mir sagen, wen Sie angerufen haben?“

„Meine Frau. Hildegard Krüger.“

„Warum?“

„Weil ich vier Töchter habe und weiß, dass ich in so einer Lage nicht einfach irgendetwas machen sollte.“

Er schluckte.

„Unsere Steffi arbeitet in einer Beratungsstelle. Ich wollte, dass jemand kommt, der sich auskennt.“

Frau Neumann bat darum, den Anruf zu überprüfen.

Wenig später sprach sie mit Hildegard.

Ich stand nahe genug, um ihre Stimme aus dem Telefon zu hören.

„Ist Egon etwas passiert?“, fragte sie aufgeregt. „Er hat gesagt, da ist ein Mädchen. Steffi hat sich schon gemeldet. Wir versuchen gerade herauszufinden, wie wir helfen können.“

Die Beamtin erklärte kurz die Situation.

Hildegard wurde still.

Dann fragte sie:

„Ist das Kind wenigstens in Sicherheit?“

Frau Neumann sah durch die Scheibe des Polizeiwagens zu Lena.

„Ja“, sagte sie. „Wir kümmern uns jetzt darum.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, ging sie zu den beiden festgehaltenen Männern.

„Nehmen Sie ihnen bitte die Handschellen ab.“

Der junge Beamte zögerte.

„Aber wir haben doch noch nicht alle Personalien …“

„Die Personalien nehmen wir ganz normal auf. Für die Handschellen gibt es nach dem, was wir jetzt wissen, keinen Grund mehr.“

Jürgen rieb sich die Handgelenke.

Egon stand einen Moment reglos da.

Dann fragte er:

„Darf ich jetzt wieder zu dem Mädchen?“

Frau Neumann nickte langsam.

„Wenn sie das möchte. Aber wir sorgen zuerst dafür, dass sie medizinisch versorgt wird.“

Lena sah ihn kommen.

Sie sprang nicht auf.

Sie schrie auch nicht vor Freude.

Sie streckte einfach eine Hand aus.

Egon nahm sie.

Und zum ersten Mal, seit ich das Mädchen an der Tankstelle gesehen hatte, atmete es einigermaßen ruhig.

Ich dachte, damit wäre das Schlimmste vorbei.

Ich irrte mich.

Denn als Frau Neumann Lena vorsichtig nach dem Haus fragte, in dem sie festgehalten worden war, erzählte sie etwas, das uns allen das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Da waren noch Mädchen“, sagte sie.

„Wie viele?“

„Ich weiß nicht. Ich habe drei verschiedene Stimmen gehört. Vielleicht mehr.“

„Kannst du das Haus beschreiben?“

Lena schloss die Augen.

„Die Wand war blau. Nicht ganz blau. Eher hellblau. Und vorne war so eine kaputte Lampe.“

Sie versuchte sich zu erinnern.

„Es gab eine schmale Straße und einen Zaun aus Holz.“

Die Beamtin machte sich Notizen.

„Weißt du noch irgendetwas?“

„Ein Schild. Ich glaube, da stand Mühlenweg.“

Ich sah, wie Egon und Jürgen gleichzeitig aufblickten.

Jürgen hatte früher fast fünfunddreißig Jahre Lastwagen gefahren.

Es gab kaum eine Nebenstraße zwischen Kassel und Hannover, die er nicht wenigstens einmal benutzt hatte.

„Mühlenweg?“, wiederholte er leise.

Dann sah er zu mir.

„Walter, könnte das bei Niederfelde sein?“

„Welches Niederfelde?“

„Das kleine Dorf hinter der alten Ziegelei. Da stehen ein paar Häuser abseits der Straße.“

Frau Neumann hörte aufmerksam zu.

„Kennen Sie dort jemanden?“

„Nicht persönlich“, antwortete Jürgen. „Aber ich kenne die Strecke. Da gibt es tatsächlich ein blau gestrichenes Haus. Ist mir vor ein paar Wochen aufgefallen.“

Er nahm einen Kugelschreiber aus der Tasche und zeichnete eine grobe Skizze auf die Rückseite eines alten Tankbelegs.

Eine Landstraße.

Eine schmale Abzweigung.

Ein ehemaliges Lagergebäude.

Dann ein einzelnes Haus.

„Hier müsste es sein.“

Frau Neumann betrachtete die Zeichnung.

„Das geben wir sofort weiter.“

Egon trat näher.

„Unsere Leute kennen die Gegend ebenfalls. Wir könnten Ihnen sagen, welche Wege dorthin führen.“

Die Beamtin schüttelte den Kopf.

„Ich möchte nicht, dass Sie selbst nach diesen Leuten suchen. Das wäre zu gefährlich. Und wir müssen mögliche Beweise sichern.“

„Natürlich“, sagte Egon.

Er sah zu Lena.

„Wir wollen nur, dass die anderen Mädchen auch nach Hause kommen.“

Frau Neumann versprach, alle Hinweise an die zuständigen Ermittler weiterzugeben.

Kurz darauf hörten wir sie über Funk sprechen.

Von diesem Moment an veränderte sich die ganze Stimmung auf dem Parkplatz.

Die Männer, die eben noch im Mittelpunkt eines Missverständnisses gestanden hatten, wurden einzeln nach ihren Beobachtungen gefragt.

Karl konnte beschreiben, in welche Richtung der schwarze Wagen gefahren war.

Ich erinnerte mich an das beschädigte linke Schutzblech.

Einer unserer jüngeren Helfer hatte sogar einen Teil des Kennzeichens gesehen.

Aber das Wichtigste war etwas, woran ich selbst zunächst nicht gedacht hatte.

In meinem Transporter hing seit zwei Jahren eine kleine Kamera.

Ich hatte sie nach einem Unfall auf einer Landstraße gekauft, bei dem mir niemand hatte glauben wollen, dass der andere Fahrer über die Mittellinie geraten war.

Normalerweise dachte ich kaum noch daran.

Doch an diesem Vormittag stand mein Wagen so, dass die Kamera direkt auf den Bereich neben der dritten Zapfsäule zeigte.

„Moment mal“, sagte ich.

Frau Neumann blickte auf.

„Was ist?“

„Vielleicht habe ich den schwarzen Wagen aufgenommen.“

Sie kam sofort mit mir zum Transporter.

Wir sahen uns die Aufzeichnung gemeinsam an.

Da war er.

Der schwarze Kombi.

Die Delle am Kotflügel.

Das Mädchen, das ausstieg.

Der Wagen, der hastig wegfuhr.

Und für wenige Sekunden war auch das Kennzeichen zu erkennen.

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