Als die Polizisten auf den riesigen Mann mit den vernarbten Händen zugingen, klammerte sich das siebenjährige Mädchen an seinen Arm und flüsterte: „Nehmen sie dich jetzt auch mit?“
„Sind Sie Herr Hartmann?“, fragte der ältere der beiden Beamten.
Der Mann am Ecktisch hob langsam den Kopf. Er war ein breiter Kerl, Anfang sechzig, mit kurz geschorenen grauen Haaren, einer auffälligen Narbe an der linken Wange und Händen, die aussahen, als hätten sie ihr ganzes Leben lang schwere Dinge getragen.
Seine dunkelblaue Arbeitsjacke war an den Ärmeln ausgefranst. Unter den Fingernägeln saßen schwarze Ränder, die auch mit gründlichem Waschen nicht mehr ganz verschwanden.
Neben ihm saß ein kleines Mädchen mit zwei schief geflochtenen Zöpfen.
Vor ihnen standen zwei Kindermenüs, ein Becher Apfelschorle und ein Blatt Papier, auf dem ein Hund mit viel zu großen Ohren gemalt war.
„Kommt drauf an, was Sie von mir wollen“, antwortete der Mann.
Seine Stimme war tief und rau. Nicht unfreundlich, aber auch nicht gerade einladend.
Das Mädchen drückte sich enger an ihn.
„Onkel Bär?“
Er legte seine große Hand vorsichtig auf ihre Schulter.
„Alles gut, Mia. Iss erst mal deine Pommes, sonst werden sie kalt.“
Doch Mia rührte nichts an.
Sie sah nur die Uniformen.
„Bitte nicht“, sagte sie plötzlich. „Mein Papa ist schon weg. Ihr könnt doch nicht auch noch Onkel Bär mitnehmen.“
Der jüngere Polizist blieb stehen.
Für einen Augenblick wusste niemand, was er sagen sollte.
Hinter der Theke des kleinen Schnellrestaurants in Duisburg stand der Filialleiter mit verschränkten Armen. Er war es gewesen, der die Polizei gerufen hatte.
Und er war überzeugt gewesen, das Richtige zu tun.
Seit einem halben Jahr kam dieser unheimlich wirkende Mann jeden Samstag um kurz vor zwölf.
Immer allein.
Immer an denselben Ecktisch.
Immer bestellte er zwei Kindermenüs, obwohl er selbst eher aussah, als könnte er drei davon vertragen.
Kurz darauf erschien ein kleines Mädchen.
Manchmal brachte eine Frau sie bis zur Tür. Manchmal wartete die Frau draußen auf dem Parkplatz.
Das Mädchen rannte jedes Mal auf den großen Mann zu, rief „Onkel Bär!“ und ließ sich von ihm hochheben.
Zwei Stunden später gingen sie wieder auseinander.
So ging es seit sechs Monaten.
Anfangs hatte niemand etwas dabei gefunden.
Doch dann begannen die Bemerkungen.
Eine ältere Kundin hatte gefragt, ob der Mann überhaupt mit dem Kind verwandt sei.
Ein anderer Gast fand es merkwürdig, dass ein Mädchen so vertraut mit einem Mann umging, der wie ein ehemaliger Türsteher aussah.
Und irgendwann hatte jemand gesagt: „Bei solchen Typen weiß man doch nie.“
Der Filialleiter beobachtete die beiden daraufhin genauer.
Er sah, wie das Mädchen auf Rolfs Schoß saß, wenn sie ihm etwas auf seinem Handy zeigen wollte.
Er sah, wie Rolf ihr die Haare aus dem Gesicht strich.
Er hörte, wie Mia einmal fragte: „Hast du Papa wieder geschrieben?“
Und wie Rolf antwortete: „Ja. Aber das besprechen wir nachher in Ruhe.“
Für den Filialleiter klang das verdächtig.
Was er nicht sah, waren die anderen Dinge.
Dass Rolf jeden Samstag eine halbe Stunde früher kam, weil er Angst hatte, zu spät zu sein.
Dass er sich die Namen von Mias Klassenkameradinnen auf einen Zettel schrieb, weil er sie sonst vergaß.
Dass er vor jedem Treffen den Reißverschluss seiner alten Jacke überprüfte, weil Mia sich einmal daran die Finger geklemmt hatte.
Und dass dieser Mann, vor dem manche Gäste ihre Kinder ein Stück näher an sich heranzogen, selbst manchmal Angst davor hatte, am nächsten Samstag allein an diesem Tisch zu sitzen.
Sein vollständiger Name war Rolf Hartmann.
Einundsechzig Jahre alt.
Fast dreißig Jahre hatte er als Schlosser und Instandhalter gearbeitet, zuletzt in einem großen Stahlbetrieb im Ruhrgebiet.
Seine Knie waren kaputt. Zwei Finger an der rechten Hand ließen sich nicht mehr vollständig strecken. Die Narbe im Gesicht stammte von einer Blechkante, die ihn vor vielen Jahren bei der Arbeit erwischt hatte.
In der Werkstatt nannten sie ihn früher nur „den Bären“.
Nicht, weil er besonders gerne Ärger machte.
Sondern weil er breit wie ein Schrank war, selten viel redete und immer dann einsprang, wenn es für andere zu schwer wurde.
Wenn nachts eine Anlage ausfiel, riefen sie Rolf.
Wenn ein junger Kollege einen Fehler gemacht hatte und sich nicht traute, zum Meister zu gehen, stand Rolf neben ihm.
Und wenn jemand nach der Spätschicht kein Geld mehr für den Bus hatte, fuhr Rolf ihn nach Hause.
Darüber sprach er allerdings nie.
Er war keiner, der gerne Dankeschön hörte.
Seit er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten konnte, waren seine Tage still geworden.
Seine Ehe war lange vorbei. Eigene Kinder hatte er nicht.
Die meisten alten Kollegen sah er nur noch gelegentlich.
Aber samstags hatte Rolf einen Termin.
Und diesen Termin ließ er niemals ausfallen.
„Herr Hartmann“, sagte der ältere Polizist nun, „wir haben einen Hinweis bekommen. Es gibt Bedenken wegen Ihrer Treffen mit dem Mädchen.“
Rolf sah an ihm vorbei zum Filialleiter.
Dann wieder zum Beamten.
„Bedenken?“
„Uns wurde gesagt, Sie treffen sich hier regelmäßig mit einem Kind, das offenbar nicht zu Ihrer Familie gehört.“
Rolf atmete langsam aus.
„Das stimmt.“
Der Filialleiter richtete sich hinter der Theke auf.
Rolf bemerkte es.
„Jeden Samstag“, fuhr er fort. „Seit sechs Monaten hier. Davor haben wir uns woanders getroffen.“
„Und in welchem Verhältnis stehen Sie zu dem Mädchen?“
Rolf öffnete den Mund.
Doch Mia kam ihm zuvor.
„Das ist mein Onkel Bär.“
Der Polizist ging leicht in die Hocke.
„Dein richtiger Onkel?“
Mia sah ihn verständnislos an.
„Was soll denn ein falscher Onkel sein?“
Rolf musste trotz allem kurz schmunzeln.
Dann griff er in die Innentasche seiner Jacke.
Der jüngere Beamte beobachtete seine Bewegung aufmerksam.
Rolf hielt inne.
„Ich hole nur meine Papiere raus.“
Langsam zog er eine durchsichtige Dokumentenhülle hervor.
Darin lagen eine Kopie seines Ausweises, eine schriftliche Besuchsvereinbarung und mehrere Seiten, die von einer Familienberatungsstelle stammten.
„Das ist mit ihrer Mutter abgesprochen“, sagte er. „Schriftlich. Sie können sie auch anrufen.“
Der ältere Beamte nahm die Unterlagen entgegen.
Er las.
Blätterte um.
Las noch einmal.
Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
„Sie kennen den Vater des Kindes?“
Rolf nickte.
„Seit fast zwanzig Jahren.“
„Hier steht, Sie seien eine wichtige Bezugsperson für das Mädchen.“
„Bin ich auch.“
„Und Sie waren mit ihrem Vater im Auslandseinsatz?“
Rolf sah kurz zu Mia.
„Können wir das vielleicht ein bisschen leiser besprechen?“
Der Polizist verstand sofort.
Er trat mit Rolf einige Schritte zur Seite, während sein Kollege beim Tisch blieb.
Mia hielt sich an ihrer Apfelschorle fest.
Rolf blickte noch einmal zurück.
„Bin gleich wieder da, Spatz.“
Sie nickte.
Aber ihre Augen waren voller Angst.
„Ihr Vater heißt Matthias Vogel“, begann Rolf leise. „Matze. So nennen ihn seine Freunde.“
Er rieb mit dem Daumen über eine alte Schwiele in seiner Handfläche.
„Wir waren zusammen Soldaten. Mehrmals in Afghanistan. Ich war damals schon der Ältere in unserer Gruppe. Matze war einer von den Jungen, die noch glaubten, man könnte jedes Problem lösen, wenn man nur lange genug daran arbeitet.“
Rolf lächelte kurz.
„Ein anständiger Kerl. Hat immer zuerst gefragt, ob die anderen genug hatten, bevor er selbst etwas genommen hat.“
Der Polizist hörte zu.
„Bei einem Einsatz gab es eine Explosion. Matze wurde schwer verletzt. Er hatte eine Kopfverletzung, lag lange im Krankenhaus.“
Rolf stockte.
„Körperlich hat er sich einigermaßen erholt. Aber vieles war danach nicht mehr wie vorher.“
Der Beamte sagte nichts.
„Er konnte kaum schlafen. War ständig angespannt. Manchmal erschrak er so heftig, dass er selbst nicht wusste, was mit ihm los war. Er bekam Hilfe, aber es ging auf und ab.“
Rolf schob die Hände in die Jackentaschen.
„Kennen Sie das, wenn einer immer derjenige war, der andere auffängt? Und dann kommt der Tag, an dem er selbst nicht mehr weiß, wie er morgens aufstehen soll?“
Der Polizist nickte langsam.
„Seine Frau hat lange versucht, mit ihm durchzuhalten“, sagte Rolf. „Aber irgendwann ging es nicht mehr. Die beiden trennten sich, als Mia noch klein war.“
Er sah durch die Scheibe zum Ecktisch.
Mia malte wieder.
Zumindest tat sie so.
„Dann hat Matze eine furchtbare Entscheidung getroffen.“
Rolf schwieg einen Moment.
„Er hat eine Bank überfallen.“
Der Beamte blickte auf.
„Mit einer Waffe?“
„Mit einer täuschend echten Attrappe. Die Angestellte konnte das nicht wissen. Die Frau hatte Todesangst.“
Rolf schüttelte den Kopf.
„Dafür gibt es keine Entschuldigung. Auch nicht für Matze. Ich habe ihm das oft genug gesagt.“
„Er sitzt im Gefängnis?“
„Ja.“
Rolf presste die Lippen zusammen.
„Und seine Tochter glaubt seitdem, dass jeder Mensch, den sie liebhat, eines Tages einfach abgeholt wird.“
Er sah den Polizisten direkt an.
„Verstehen Sie jetzt, warum sie vorhin so reagiert hat?“
Der Beamte senkte den Blick auf die Unterlagen.
„Ja“, sagte er leise. „Das verstehe ich.“
Rolf wollte sich schon umdrehen.
Doch der Polizist hielt ihn mit einer Frage zurück.
„Warum kümmern gerade Sie sich um das Mädchen?“
Rolf musste nicht lange überlegen.
„Weil ich es versprochen habe.“
Und dann erzählte er von einem Nachmittag, den er niemals vergessen würde.
Es war kurz vor Matthias‘ Haftantritt gewesen.
Die beiden Männer hatten in Rolfs kleiner Küche gesessen.
Auf dem Tisch standen zwei Tassen Kaffee, die längst kalt geworden waren.
Matthias hatte damals fast zehn Kilo weniger gewogen als früher. Seine Hände zitterten, und er konnte Rolf kaum ansehen.
„Bär“, hatte er irgendwann gesagt, „ich muss dich um etwas bitten.“
Rolf hatte nur genickt.
„Es geht um Mia.“
„Was ist mit ihr?“
Matthias hatte den Kopf geschüttelt.
„Sie ist noch so klein. Irgendwann wird ihr jemand erzählen, was ich gemacht habe. Vielleicht in der Schule. Vielleicht hört sie es von anderen Erwachsenen.“
Er hatte sich beide Hände vors Gesicht gelegt.
„Ich habe solche Angst, dass sie glaubt, ich hätte sie nicht lieb.“
Rolf erinnerte sich noch genau daran, wie hilflos ihm sein alter Kamerad in diesem Moment vorkam.
Derselbe Mann, der ihn vor vielen Jahren nach einer Verletzung über eine schwierige Strecke in Sicherheit gebracht hatte.
Derselbe Mann, der früher über jeden schlechten Witz lachen konnte.
Nun saß er an einem Küchentisch in Duisburg und hatte Angst, dass seine kleine Tochter ihn eines Tages vergessen würde.
„Sag ihr, dass ich sie liebe“, hatte Matthias geflüstert. „Nicht, damit sie irgendwann gut über mich denkt. Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe.“
Er hatte Rolf angesehen.
„Ich will nur, dass sie weiß, dass sie daran keine Schuld trägt.“
Rolf hatte damals lange geschwiegen.
Dann hatte er die Hand ausgestreckt.
Matthias hatte sie ergriffen.
„Ich kümmere mich um die Kleine“, sagte Rolf. „Solange sie mich braucht.“
„Versprichst du das?“
„Du kennst mich doch.“
„Bitte, Bär.“
Rolf hatte ihm fest in die Augen gesehen.
„Ich verspreche es.“
Einige Wochen später trat Matthias seine Haftstrafe an.
Und plötzlich war Mia ohne ihren Vater.
Ihre Mutter Katrin versuchte, den Alltag so normal wie möglich zu gestalten.
Sie arbeitete, kümmerte sich um die Schule, organisierte Kindergeburtstage und versuchte, die vielen Fragen ihrer Tochter zu beantworten.
Aber wenn Mia abends fragte, wann Papa wieder nach Hause komme, wusste Katrin manchmal selbst nicht, was sie sagen sollte.
Sie hatte ihre eigenen Verletzungen aus dieser Ehe mitgenommen.
Rolf verstand das.
Er machte ihr keine Vorwürfe.
Doch er wollte auch nicht hinnehmen, dass Mia den Menschen vergessen sollte, der sie als Baby stundenlang im Arm herumgetragen hatte.
Also fragte er Katrin, ob er das Mädchen regelmäßig sehen dürfe.
Zuerst sagte sie Nein.
Dann überlegte sie es sich.
Schließlich vereinbarten sie mit Unterstützung einer Beratungsstelle feste Treffen.
Zwei Stunden am Samstag.
An einem öffentlichen Ort.
Keine unangekündigten Besuche.
Keine Gespräche, in denen Rolf schlecht über Katrin oder ihren neuen Partner sprach.
Und kein Druck auf Mia.
Rolf hatte jeder Bedingung zugestimmt.
„Ich will euch nichts wegnehmen“, hatte er zu Katrin gesagt. „Ich will nur, dass die Kleine noch jemanden hat, der ihren Vater von früher kennt.“
Katrin hatte ihn lange angesehen.
Dann hatte sie leise geantwortet:
„Rolf, manchmal weiß ich selbst nicht mehr, wer dieser Mann von früher war.“
Das hatte ihn mehr getroffen, als er zugeben wollte.
Aber er verstand sie.
Und genau deshalb war er jeden Samstag gekommen.
Pünktlich.
Zuverlässig.
Ohne Forderungen.
Am Anfang hatte Mia kaum gesprochen.
Sie saß gegenüber von ihm und schob ihre Pommes über den Teller.
Dann hatte Rolf eines Tages ein Foto mitgebracht.
Darauf war Matthias zu sehen, wie er mit einem viel zu kleinen rosa Kinderwagen durch Rolfs Garten lief.
Er trug eine alberne Papierkrone.
Und grinste über das ganze Gesicht.
„Warum hat Papa eine Krone auf?“, hatte Mia gefragt.
„Weil du ihn dazu verdonnert hast.“
„Ich?“
„Du warst zwei Jahre alt. Du hast damals ziemlich klare Ansagen gemacht.“
Mia hatte zum ersten Mal gelacht.
Von da an wollte sie jede Woche ein neues Foto sehen.
Manchmal erzählte Rolf Geschichten aus der Zeit, als Matthias noch in der Werkstatt an seinem alten Fahrrad herumgeschraubt hatte.
Manchmal berichtete er davon, wie der junge Vater nachts vor Mias Kinderbett saß, weil sie nicht schlafen konnte.
Und manchmal sagte er einfach:
„Dein Papa hat Fehler gemacht, Mia. Schlimme Fehler. Aber dass er dich liebhat, war nie einer davon.“
Das war der Satz, den sie am häufigsten hören wollte.
Inzwischen stand Rolf wieder neben dem Ecktisch.
Der Polizist hatte seine Unterlagen zurückgegeben.
„Wir haben mit der Mutter telefoniert“, sagte er. „Sie hat die Vereinbarung bestätigt. Es gibt keinen Grund, Sie hier weiter aufzuhalten.“
Rolf nickte.
„Gut.“
Doch damit war die Sache für Mia noch lange nicht erledigt.
Sie sah zu den Beamten hinauf.
„Muss Onkel Bär jetzt mit?“
„Nein“, antwortete der ältere Polizist freundlich. „Er darf bei dir bleiben.“
„Ganz sicher?“
„Ganz sicher.“
Mia schaute Rolf an.
„Auch nächsten Samstag?“
Rolf ging vor ihr in die Hocke.
Seine Knie knackten hörbar.
„Auch nächsten Samstag, Spatz.“
Da fiel sie ihm um den Hals.
So fest, dass ihm für einen Moment die Luft wegblieb.
Er hielt sie vorsichtig, als wäre sie etwas sehr Zerbrechliches.
Und obwohl er das Gesicht abwandte, sah der ältere Polizist, dass seine Augen feucht geworden waren.
Hinter ihnen war es ungewöhnlich still.
Mehrere Gäste hatten Teile des Gesprächs mitbekommen.
Eine Frau am Nachbartisch hielt ihre Kaffeetasse in beiden Händen.
Der Filialleiter starrte auf den Boden.
Rolf stand langsam auf.
Er sah sich um.
„Jetzt wissen Sie also Bescheid“, sagte er.
Niemand antwortete.
„Ein kleines Mädchen trifft sich samstags mit einem alten Schlosser, weil ihr Vater gerade nicht bei ihr sein kann.“
Seine Stimme war ruhig.
Aber jeder im Raum hörte, wie sehr er sich beherrschen musste.
„Und jetzt weiß wahrscheinlich auch jeder, warum ihr Vater nicht da ist.“
Der Filialleiter kam hinter der Theke hervor.
„Herr Hartmann, ich wollte nur sichergehen, dass dem Kind nichts passiert.“
Rolf sah ihn lange an.
„Dagegen habe ich nichts.“
Er machte eine kurze Pause.
„Wenn Sie wirklich Sorge um ein Kind haben, sollen Sie hinschauen. Unbedingt. Aber Sie hätten mich auch erst einmal ansprechen können.“
„Es gab Beschwerden.“
„Über was?“
Der Filialleiter antwortete nicht sofort.
„Über mein Gesicht? Über meine Jacke? Weil ich groß bin und nicht viel lächle?“
„Es wirkte eben ungewöhnlich.“
Rolf nickte.
„Ja. Das ist es wahrscheinlich.“
Er sah zu Mia, die still an ihrem Papierbecher saß.
„Aber Sie haben heute nicht nur mich vor allen Leuten bloßgestellt. Sie haben einem siebenjährigen Mädchen wieder Angst gemacht, dass jemand, den sie liebt, plötzlich verschwindet.“
Der Filialleiter schluckte.
„Das wollte ich nicht.“
„Glaube ich Ihnen sogar.“
Rolf zog einen Stuhl heran.
„Aber manchmal reicht es nicht, etwas nicht gewollt zu haben.“
Eine ältere Frau am Nachbartisch senkte den Kopf.
Sie hieß Marianne Kruse und war zweiundsiebzig Jahre alt.
Noch in der Vorwoche hatte sie sich beim Personal über Rolf beschwert.
Sie hatte gesagt, ein Mann mit solchen Narben und diesem finsteren Blick gehöre nicht unbeobachtet an einen Tisch mit einem kleinen Mädchen.
Jetzt saß sie da und konnte Rolf nicht mehr ansehen.
Sie erinnerte sich plötzlich an einen anderen Mann.
An ihren eigenen Sohn.
Und an Dinge, die sie seit Jahren zu verdrängen versuchte.
Der ältere Polizist wandte sich noch einmal an den Filialleiter.
„Sie dürfen sich bei ernsthaften Sorgen selbstverständlich an uns wenden“, sagte er. „Aber eine auffällige Erscheinung allein sagt nichts darüber aus, wie jemand mit einem Kind umgeht.“
Dann nickte er Rolf zu.
„Ich wünsche Ihnen beiden noch einen ruhigen Samstag.“
Rolf erwiderte den Gruß.
Als die Beamten gegangen waren, setzte er sich wieder.
Mia schob ihm ihren Teller hin.
„Magst du meine letzten Pommes?“
„Du hast doch fast nichts gegessen.“
„Hab keinen Hunger mehr.“
Rolf nahm eine Pommes.
Nicht, weil er Hunger hatte.
Sondern weil Mia ihn ansah, als müsse wenigstens irgendetwas an diesem Samstag wieder so sein wie immer.
Eine junge Mitarbeiterin brachte ihnen zwei frische Getränke.
„Die gehen aufs Haus“, sagte sie.
Rolf schüttelte den Kopf.
„Ist nett gemeint. Aber das brauchen wir nicht.“
„Bitte“, sagte die junge Frau. „Ich möchte einfach.“
Er schaute sie an.
Dann nickte er.
„Danke, Jule.“
Sie lächelte überrascht.
„Sie wissen meinen Namen?“
„Steht auf deinem Schild. Und du bist doch diejenige, die Mia immer die roten Buntstifte zurücklegt.“
Jule wurde rot.
„Stimmt.“
Als sie ging, fragte Mia leise:
„Onkel Bär, warum haben die Leute Angst vor dir?“
Rolf überlegte.
Er hätte eine Menge sagen können.
Über Vorurteile.
Über Menschen, die andere vorschnell verurteilten.
Über die vielen Jahre, in denen ihn schon Fremde angestarrt hatten.
Aber Mia war sieben.
Also sagte er nur:
„Vielleicht, weil ich aussehe wie jemand, der schnell schimpft.“
Sie musterte ihn ernsthaft.
„Du schimpfst doch manchmal.“
„Na ja. Wenn du die ganze Schokolade auf einmal essen willst.“
„Oder wenn dein Knie wehtut.“
„Da schimpfe ich eher mit meinem Knie.“
Mia kicherte.
Dann wurde sie wieder ernst.
„Ich hab keine Angst vor dir.“
Rolf nickte.
„Weiß ich doch.“
„Bei dir kann ich nämlich alles fragen.“
Er sah sie an.
„Das soll auch so bleiben.“
Eine Viertelstunde später kam Katrin, um Mia abzuholen.
Sie hatte bereits telefonisch von dem Polizeieinsatz erfahren.
Ihr Gesicht war angespannt, als sie das Restaurant betrat.
Mia lief sofort zu ihr.
„Mama, die Polizei war da!“
Katrin ging in die Hocke.
„Ich weiß, Schatz.“
„Die wollten Onkel Bär mitnehmen.“
„Nein, das wollten sie nicht. Sie haben nur nachgefragt.“
Mia verschränkte die Arme.
„Aber ich dachte das.“
Katrin zog sie an sich.
Über den Kopf ihrer Tochter hinweg sah sie Rolf an.
Er stand neben dem Tisch, die Hände in den Jackentaschen.
„Tut mir leid“, sagte er.
Katrin runzelte die Stirn.
„Wofür entschuldigst du dich?“
„Dass es so einen Ärger gegeben hat.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Du hast nichts falsch gemacht.“
Rolf schwieg.
Katrin schaute zu Mia.
„Aber wir müssen reden, Rolf. Nicht jetzt. Später.“
Sein Magen zog sich zusammen.
Er kannte diesen Ton.
Noch am selben Abend saß er allein in seiner Küche.
Vor ihm lag eine alte Fotografie.
Zwei Männer in staubiger Kleidung, müde und unrasiert, mit den Armen um die Schultern des anderen.
Links Matthias.
Rechts Rolf.
Matthias hatte auf der Rückseite etwas geschrieben:
Für den Bären. Ohne dich hätte ich manches nicht geschafft. Dein Matze.
Rolf hatte das Foto schon so oft angesehen, dass die Ecken weich geworden waren.
An diesem Abend drehte er es immer wieder zwischen den Fingern.
Er dachte an Mia.
An ihren erschrockenen Blick.
Und daran, dass Katrin die Treffen vielleicht beenden würde.
Um halb acht klingelte sein Telefon.
Katrin.
Rolf nahm sofort ab.
„Ja?“
„Rolf, hast du kurz Zeit?“
„Natürlich.“
Sie schwieg einen Moment.
„Mia hat heute Abend geweint.“
Rolf schloss die Augen.
„Ich weiß.“
„Sie hat gefragt, ob du jetzt Ärger bekommst. Und ob sie schuld daran ist.“
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