Am nächsten Morgen sollte die alte Katze eingeschläfert werden, weil sie seit Tagen ununterbrochen weinte. Erst als ich ihre Akte öffnete, begriff ich den erschütternden Grund.
„Wenn sie morgen immer noch nichts frisst, müssen wir eine Entscheidung treffen.“
Marlene sagte das ganz ruhig. Sie war die Leiterin unseres kleinen Tierheims am Stadtrand von Kassel. Seit fast zwanzig Jahren arbeitete sie mit Tieren, und ich hatte sie selten so erschöpft gesehen.
Ich stand vor dem Käfig einer grau getigerten Katze und brachte kein Wort heraus.
Die Katze lag zusammengerollt in der hintersten Ecke. Ihr Fell war stumpf, an einem Ohr fehlten kleine Haarbüschel, und ihre Augen wirkten müde.
Sie fauchte nicht. Sie kratzte nicht. Sie versuchte nicht einmal, wegzulaufen.
Sie weinte nur.
Es war ein leises, heiseres Miauen, das alle paar Sekunden wiederkam. Kein gewöhnliches Betteln nach Futter. Es klang, als würde sie jemanden rufen, der einfach nicht antwortete.
„Wir können nicht unbegrenzt warten, Sabine“, sagte Marlene.
Ich nickte. Aber innerlich weigerte ich mich, das hinzunehmen.
Ich heiße Sabine Krüger, bin 54 Jahre alt und arbeite seit acht Jahren in diesem Tierheim. Ich kümmere mich um Neuankömmlinge, versorge die Tiere und übernehme häufig die Spätschicht.
Ich habe viel gesehen.
Alte Hunde, deren Besitzer gestorben waren. Katzen, die nach einem Umzug nicht mehr behalten werden konnten. Kaninchen, die jahrelang in einem viel zu kleinen Käfig gelebt hatten.
Aber diese Katze ging mir besonders nahe.
Seit vier Tagen saß sie an derselben Stelle.
Wir hatten ihr verschiedene Futtersorten angeboten, ihre Decke gewechselt und versucht, sie vorsichtig anzusprechen. Unsere Tierärztin hatte sie untersucht und die notwendige Versorgung eingeleitet.
Trotzdem blieb sie zurückgezogen.
In ihrer Karte stand inzwischen: „Stark verängstigt. Nimmt kaum Nahrung auf. Vermittlung derzeit schwierig.“
An diesem Abend blieb ich länger.
Die anderen waren bereits gegangen. Aus dem hinteren Bereich hörte ich gelegentlich einen Hund bellen.
Und dann wieder dieses Miauen.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und holte ihre Aufnahmeunterlagen hervor.
Eigentlich wollte ich nur nachsehen, ob wir etwas übersehen hatten.
Dann entdeckte ich eine Zeile, die mich erstarren ließ.
Die Katze war nicht allein ins Tierheim gekommen.
Am selben Tag war ein zweites Tier aufgenommen worden. Ebenfalls eine grau getigerte Katze, ungefähr im selben Alter.
Unter „Besondere Hinweise“ stand: „Geschwistertiere. Seit Geburt zusammen.“
Ich blätterte weiter.
Die zweite Katze war weniger als 24 Stunden nach der Aufnahme gestorben. Sie war bereits schwer krank gewesen.
Ich starrte auf den Eintrag.
Dann sah ich zu dem kleinen grauen Bündel hinüber.
Plötzlich verstand ich zumindest einen Teil dessen, was wir bisher nicht erklären konnten.
Sie hatte nicht nur ihr Zuhause verloren.
Sie hatte auch ihre Schwester verloren.
Das Tier, mit dem sie vermutlich ihr ganzes Leben verbracht hatte. Mit dem sie geschlafen, gefressen und sich geputzt hatte.
Und wir hatten erwartet, dass sie sich innerhalb weniger Tage an eine völlig fremde Umgebung gewöhnte.
Ich ging zu ihrem Käfig und setzte mich auf den Boden.
„Ach, du armes Mädchen“, flüsterte ich.
Sie hob kurz den Kopf.
Dann kam wieder dieses leise Miauen.
Ich weiß nicht, ob Katzen Trauer genauso empfinden wie wir Menschen. Aber sie können enge Bindungen entwickeln und auf den Verlust vertrauter Gefährten mit deutlichen Verhaltensänderungen reagieren.
Und bei dieser Katze hatte niemand den Verlust ihrer Schwester berücksichtigt.
Am nächsten Morgen bat ich Marlene um mehr Zeit.
„Sabine, du weißt, wie voll wir sind.“
„Ja.“
„Und du weißt, dass sie gesundheitlich nicht stabil ist.“
„Das weiß ich auch.“
Ich legte die Akte auf ihren Schreibtisch.
„Aber hast du gesehen, dass ihre Schwester gestorben ist?“
Marlene nahm die Unterlagen.
Sie las den Eintrag zweimal.
Dann legte sie die Brille ab.
„Das wusste ich nicht.“
„Vielleicht hat sie nicht einfach Angst vor Menschen“, sagte ich. „Vielleicht sucht sie immer noch ihre Schwester.“
Marlene schwieg.
Schließlich nickte sie.
„Wir beobachten sie weiter. Aber wir müssen auch darauf achten, dass sie nicht noch schwächer wird.“
Ich versprach, mich besonders um sie zu kümmern.
Von diesem Tag an setzte ich mich nach jeder Schicht vor ihren Käfig.
Ich versuchte nicht, sie herauszuziehen. Ich zwang sie nicht zum Streicheln.
Ich saß einfach da.
Manchmal erzählte ich ihr, was ich eingekauft hatte. Manchmal sprach ich über meinen Sohn, der inzwischen in einer anderen Stadt lebte.
Und manchmal erzählte ich ihr von meiner eigenen Wohnung.
Seit meiner Scheidung wohnte ich allein.
An manchen Abenden schaltete ich den Fernseher ein, obwohl mich das Programm überhaupt nicht interessierte.
Ich wollte einfach nicht immer nur die Stille hören.
„Weißt du“, sagte ich eines Abends, „man kann sich an vieles gewöhnen. Aber manche Menschen fehlen einem trotzdem jeden Tag.“
Die Katze sah mich an.
Zum ersten Mal hörte sie für einige Sekunden auf zu miauen.
Am dritten Tag nahm sie etwas Futter von einem kleinen Löffel.
Am fünften Tag trank sie, während ich neben ihr saß.
Am siebten Tag geschah etwas, das ich nicht vergessen werde.
Als ich den Raum betrat, lag sie nicht mehr hinten in ihrem Käfig.
Sie saß direkt an der Tür.
Und als sie meine Schritte hörte, hob sie den Kopf.
Ich musste mich auf einen Stuhl setzen.
So sehr hatte mich diese winzige Veränderung getroffen.
Sie war nicht plötzlich gesund. Sie war auch nicht wieder eine fröhliche Katze.
Aber sie begann, vorsichtig Vertrauen zu fassen.
Eine Woche später kam eine ältere Frau ins Tierheim.
Sie hieß Ingrid Seifert, war 71 Jahre alt und lebte allein in einer kleinen Wohnung in Baunatal.
Sie trug eine schlichte dunkelblaue Jacke, hatte kurz geschnittenes graues Haar und hielt ihre Handtasche fest vor dem Bauch.
„Ich möchte mir die Katzen ansehen“, sagte sie.
Ich führte sie durch den Raum.
Mehrere junge Katzen drängten sich neugierig an die Gitter. Eine rot-weiße streckte sogar ihre Pfote nach Ingrids Ärmel aus.
Ingrid lächelte.
Aber sie ging weiter.
Vor dem Käfig unserer grauen Katze blieb sie stehen.
Lange sagte sie nichts.
Dann fragte sie: „Warum sitzt diese hier so allein?“
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