Als die Pflegeeltern den neunjährigen Jungen im Dinosaurier-Schlafanzug vor einer Motorradwerkstatt zurückließen, ahnte niemand, dass ausgerechnet ein alter Schlosser sein Leben verändern würde.
Ich stand gerade am Ersatzteiltresen und wollte neue Bremsbeläge bezahlen, als draußen ein Kind zu schreien begann.
Nicht laut vor Wut.
Es war dieser verzweifelte, abgehackte Laut, den man manchmal hört, wenn ein Mensch solche Angst hat, dass ihm die Worte fehlen.
Durch das Werkstattfenster sah ich einen dunkelblauen Kombi vom Hof fahren. Auf dem Beifahrersitz drehte sich eine Frau noch einmal um.
Dann verschwand das Auto hinter der Ausfahrt.
Zurück blieb ein kleiner Junge.
Er trug einen grünen Schlafanzug mit Dinosauriern, darüber eine viel zu große Strickjacke. An seinen Füßen steckten Hausschuhe, einer davon war an der Ferse aufgeplatzt.
In seinen Armen hielt er einen abgewetzten Stoffdrachen.
Der Junge stand mitten auf dem Hof, wippte auf den Fußballen und starrte auf die Stelle, an der das Auto verschwunden war.
Niemand wusste, was er dort wollte.
Ein Kunde ging vorsichtig an ihm vorbei. Ein anderer schüttelte den Kopf.
Der Werkstattmeister, Herr Krüger, kam aus der Halle und fragte: „Na, Kleiner? Wo sind denn deine Eltern?“
Keine Antwort.
„Hörst du mich?“
Der Junge presste seinen Drachen fester an die Brust und begann schneller zu wippen.
Herr Krüger sah zu mir herüber.
„Rolf, da stimmt doch was nicht.“
Ich legte die Bremsbeläge auf den Tresen und ging hinaus.
Damals war ich 64 Jahre alt, seit zwei Jahren Rentner und seit fast vier Jahren Witwer. Mein ganzes Berufsleben hatte ich in Bielefeld als Schlosser und später als Werkstattmeister gearbeitet.
Ich war einer von diesen Männern, denen man nicht unbedingt ansieht, dass sie Kinder mögen.
Breite Schultern, ein zerfurchtes Gesicht, grauer Vollbart, zwei krumme Finger an der linken Hand. Die Nase hatte ich mir mit zwanzig bei einem Arbeitsunfall gebrochen.
Mein alter Arbeitsanzug hing meistens noch in der Garage, obwohl ich längst nicht mehr arbeiten musste.
Nach dem Tod meiner Frau Anke war ich still geworden.
Meine Tochter Miriam behauptete manchmal, ich würde inzwischen mehr mit meinem Motorrad reden als mit Menschen.
Ganz unrecht hatte sie nicht.
An jenem Vormittag stand meine alte dunkelgrüne Maschine direkt neben dem Werkstatttor.
Und genau dorthin ging der Junge.
Er blieb vor dem Motorrad stehen, als hätte er etwas gefunden, nach dem er schon lange gesucht hatte.
Sein Wippen wurde langsamer.
Vorsichtig streckte er eine Hand aus und legte die Fingerspitzen auf den Tank.
Dann strich er über die dunkelgrüne Lackierung.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
„Schöne Flügel“, flüsterte er.
Ich blieb stehen.
„Was hast du gesagt?“
Er antwortete nicht.
Stattdessen hob er seinen Stoffdrachen an den Tank.
„Fünkchen“, sagte er leise. „Guck. Ein großer Drache.“
Das waren die ersten Worte, die ich von ihm hörte.
Er wusste nicht, dass sie mein Leben verändern würden.
Herr Krüger hatte inzwischen die Polizei verständigt.
„Das Kind ist hier ausgesetzt worden“, erklärte er mir. „Einfach aus dem Auto raus und weg. Die Beamten sind unterwegs.“
Dann zeigte er auf einen zusammengefalteten Zettel.
Jemand hatte ihn mit Klebeband an der Strickjacke des Jungen befestigt.
Ich nahm ihn vorsichtig ab.
Die wenigen Zeilen waren mit einem Kugelschreiber geschrieben.
Lukas, 9 Jahre. Autistisch. Spricht kaum. Wir schaffen das nicht mehr. Seine Ausbrüche sind nicht mehr zu kontrollieren. Bitte Jugendamt verständigen.
Keine Telefonnummer.
Keine Unterschrift.
Nur dieser Satz am Ende:
Wir können ihn nicht behalten.
Ich habe in meinem Leben viele Dinge gesehen, die mich wütend gemacht haben.
Junge Männer, die nach einem Arbeitsunfall ihren Beruf aufgeben mussten. Kollegen, denen kurz vor der Rente gekündigt wurde. Familien, die sich wegen einer Erbschaft zerstritten.
Aber dieser Zettel traf mich anders.
Da stand ein neunjähriger Junge in Hausschuhen auf einem Werkstatthof.
Und irgendwo war jemand der Meinung gewesen, dass ein Stück Papier als Abschied reichen würde.
„Lukas?“, fragte ich.
Er sah mich nicht an.
„Ich heiße Rolf.“
Seine Hand blieb auf meinem Motorrad liegen.
„Ist das dein Drache?“
Er nickte kaum sichtbar.
„Hat er auch einen Namen?“
„Fünkchen.“
„Schöner Name.“
„Er spuckt kein Feuer.“
„Das muss er ja auch nicht.“
Zum ersten Mal hob Lukas den Kopf ein wenig.
„Er kann trotzdem fliegen.“
Ich setzte mich auf die niedrige Betonkante neben meinem Motorrad.
Nicht direkt neben ihn. Ein gutes Stück entfernt.
Ich hatte keine Ahnung von Autismus.
Wirklich nicht.
Aber ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man etwas sagen möchte und die Worte einfach nicht herausbekommt.
Nach Ankes Beerdigung hatte ich wochenlang kaum gesprochen.
Miriam kam damals jeden zweiten Tag vorbei, stellte mir Essen auf den Tisch und versuchte, mit mir zu reden.
Irgendwann hatte sie aufgehört, Fragen zu stellen.
Sie setzte sich einfach neben mich.
Vielleicht hatte ich genau deshalb das Bedürfnis, jetzt ebenfalls sitzen zu bleiben.
„Weißt du, Lukas“, sagte ich, „das Motorrad ist schon ziemlich alt. Aber der Motor läuft noch sauber.“
Lukas bewegte die Lippen.
„Wie alt?“
„Fast dreißig Jahre.“
Er drehte sich ein wenig zu mir.
„Dreißig?“
„Ja.“
„Fünkchen ist neun.“
„Dann hat mein Drache schon etwas mehr erlebt.“
Lukas betrachtete den Tank.
„Hat er Angst?“
Ich dachte einen Moment nach.
„Vielleicht manchmal.“
„Große Drachen haben keine Angst.“
„Doch“, sagte ich. „Ich glaube schon. Sie zeigen sie nur nicht jedem.“
Seine Finger blieben stehen.
Dann fragte er:
„Darf ich ihn anfassen?“
„Natürlich. Du tust es doch schon.“
Für einen Augenblick verzog sich sein Mund zu etwas, das fast ein Lächeln war.
Als die Polizei eintraf, wurde Lukas sofort wieder unruhig.
Zwei Beamte stiegen aus. Einer von ihnen sprach ruhig mit Herrn Krüger, während seine Kollegin einige Schritte entfernt stehen blieb.
Lukas zog die Schultern hoch.
„Nein“, sagte er.
Dann noch einmal.
„Nein. Nein. Nein.“
Er presste Fünkchen gegen sein Gesicht.
Sein Atem ging schneller.
Die Beamtin wollte sich vorstellen, doch ich hob vorsichtig die Hand.
„Geben Sie ihm bitte einen Moment.“
Sie nickte.
Ich wandte mich wieder Lukas zu.
„Hör mal, der Drache bleibt hier stehen. Keiner fasst ihn an.“
Er schüttelte heftig den Kopf.
„Nicht weg.“
„Nein. Nicht weg.“
„Nicht ins Auto.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Denn ich konnte ihm nicht versprechen, dass er nicht mitfahren musste.
Und einem Kind, das offenbar schon oft enttäuscht worden war, wollte ich nicht noch eine Lüge erzählen.
„Ich weiß noch nicht, was jetzt passiert“, sagte ich deshalb. „Aber ich bleibe erst einmal hier.“
Nach einer Weile setzte sich Lukas neben mich auf die Betonkante.
Er hielt Fünkchen so fest, dass dessen Stoffflügel völlig zerknitterten.
Die Beamtin fragte aus einigen Metern Entfernung, ob er etwas trinken wolle.
Keine Antwort.
Ich holte eine ungeöffnete Wasserflasche aus meiner Tasche und stellte sie auf den Boden zwischen uns.
„Falls du Durst bekommst.“
Fünf Minuten später nahm er sie.
Mehr brauchte es zunächst nicht.
Als schließlich eine Mitarbeiterin des Jugendamts kam, hatte Lukas aufgehört zu schreien.
Die Frau stellte sich als Frau Seidel vor.
Sie wirkte müde, vielleicht Mitte fünfzig, mit einer Brille an einer Kette und einer großen Ledermappe unter dem Arm.
„Lukas? Ich bin Frau Seidel. Wir kümmern uns jetzt darum, dass du an einen sicheren Ort kommst.“
Der Junge sprang auf.
„Nein!“
Sein ganzer Körper begann zu zittern.
„Nicht schon wieder!“
Frau Seidel blieb stehen.
„Ich verstehe, dass du Angst hast.“
„Nicht weg!“
Er klammerte sich an meinen Ärmel.
Ich spürte seine kleinen Finger durch den Stoff.
Und in diesem Moment geschah etwas, das ich nicht geplant hatte.
Ich sagte:
„Vielleicht könnte er ja zu mir.“
Frau Seidel sah mich überrascht an.
„Wie bitte?“
„Der Junge. Vielleicht könnte er erst einmal bei mir bleiben.“
„Herr …?“
„Brandt. Rolf Brandt.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Herr Brandt, das ist sehr freundlich von Ihnen, aber so einfach ist das nicht.“
„Ich habe ein Haus. Genug Platz. Ich bin Rentner und den ganzen Tag da.“
„Sie kennen das Kind seit nicht einmal einer Stunde.“
„Stimmt.“
„Und wir müssen prüfen, was genau passiert ist und was Lukas braucht.“
Ich sah zu dem Jungen hinunter.
Er hatte noch immer meinen Ärmel in der Hand.
„Dann prüfen Sie es“, sagte ich. „Ich meine es ernst.“
Frau Seidel antwortete nicht sofort.
Dann wurde ihre Stimme etwas weicher.
„Es ist gut, dass Sie ihm gerade helfen. Wirklich. Aber zunächst liegt die Verantwortung bei uns.“
Ich wollte etwas Scharfes erwidern.
Früher hätte ich das vermutlich getan.
Doch Lukas stand direkt neben mir.
Also schluckte ich meinen Ärger hinunter.
„Gut“, sagte ich. „Dann sagen Sie mir bitte, was ich tun kann.“
Frau Seidel betrachtete mich einen Augenblick.
„Geben Sie mir Ihre Telefonnummer.“
Ich rief noch am selben Nachmittag meine Tochter an.
Miriam war 39, verheiratet und hatte zwei Kinder. Sie arbeitete als Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Familienrecht.
Als sie hörte, was geschehen war, wurde es am anderen Ende der Leitung still.
„Papa, du willst ein Pflegekind aufnehmen?“
„Ich will, dass dieser Junge irgendwo bleiben kann, ohne Angst haben zu müssen.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Weiß ich.“
„Papa, das ist eine riesige Verantwortung.“
„Weiß ich auch.“
Sie seufzte.
„Du bist vierundsechzig.“
„Danke für die Erinnerung.“
„Und du hast seit Mamas Tod kaum jemanden bei dir wohnen lassen.“
Das traf.
Weil es stimmte.
Ich stand in meiner Küche und betrachtete die beiden Tassen, die noch immer nebeneinander im Schrank standen.
Ankes Tasse hatte einen kleinen Sprung im Henkel.
Ich hatte sie nie weggeworfen.
„Miriam“, sagte ich schließlich, „er hatte einen Zettel auf dem Rücken.“
„Was?“
„Seine Pflegeeltern haben ihm einen Zettel angeklebt. Wie einem Paket, das man nicht mehr haben will.“
Meine Tochter sagte lange nichts.
Dann fragte sie:
„Was brauchst du von mir?“
„Ich weiß nicht, wie man so etwas anfängt.“
„Dann finden wir es heraus.“
Noch am Abend kam sie vorbei.
Wir saßen am Küchentisch, und sie erklärte mir, dass man nicht einfach ein Kind mitnehmen konnte, nur weil man es gern bei sich hätte.
Es musste Gespräche geben, eine Eignungsprüfung, Hausbesuche, Unterlagen, Absprachen mit dem Jugendamt und mit den Personen, die rechtlich für Lukas verantwortlich waren.
Vielleicht würde man mich überhaupt nicht als Pflegevater in Betracht ziehen.
Wegen meines Alters.
Wegen meiner fehlenden Erfahrung.
Oder weil Lukas besondere Unterstützung brauchte.
„Papa“, sagte Miriam, „du darfst ihm nichts versprechen, was du vielleicht nicht halten kannst.“
Ich nickte.
„Dann verspreche ich erst einmal gar nichts.“
Sie schob ihre Hand über den Tisch.
„Außer, dass du dich nicht einfach wieder verdrückst.“
Ich sah sie an.
„Das kann ich versprechen.“
In den nächsten Tagen dachte ich ständig an Lukas.
Ich ging in die Garage und sah mein Motorrad an.
Auf dem Tank befand sich noch ein kleiner fettiger Fingerabdruck.
Normalerweise hätte ich ihn sofort weggewischt.
Diesmal ließ ich ihn stehen.
Am dritten Tag rief Frau Seidel an.
Lukas war vorläufig in einer betreuten Einrichtung untergebracht worden. Die bisherigen Pflegeeltern hatten bestätigt, dass sie ihn nicht weiter versorgen wollten.
Mehr durfte sie mir zunächst nicht erzählen.
Dann sagte sie etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
„Lukas hat wiederholt nach dem grünen Motorrad gefragt.“
Ich setzte mich auf meinen Werkstatthocker.
„Tatsächlich?“
„Er nennt es den großen Drachen.“
Mir wurde eng im Hals.
„Kann ich ihn besuchen?“
„Wir können ein begleitetes Treffen prüfen.“
Es dauerte weitere Tage, bis ich Lukas wiedersah.
Wir trafen uns in einem ruhigen Raum der Einrichtung. Auf dem Tisch lagen Bauklötze, Papier und Buntstifte.
Lukas saß auf einem Stuhl und drehte Fünkchen immer wieder zwischen den Händen.
Als ich hereinkam, blickte er kurz auf.
„Rolf.“
Nur dieses eine Wort.
Ich glaube, ich habe mich selten so über meinen eigenen Namen gefreut.
Ich setzte mich ihm gegenüber.
„Hallo, Lukas.“
Er zeigte auf meine Hände.
„Schwarze Finger.“
Ich betrachtete meine Fingernägel.
Tatsächlich.
Ich hatte kurz vorher noch einen Vergaser auseinandergenommen.
„Das geht bei mir nicht mehr richtig raus.“
Lukas nahm meine Hand nicht.
Aber er beugte sich ein wenig vor.
„Motor?“
„Ja.“
„Kaputt?“
„Noch nicht. Nur schmutzig.“
Er überlegte.
„Kannst du kaputte Motoren reparieren?“
„Manche.“
„Alle?“
„Nein. Manche sind zu sehr beschädigt. Und manchmal braucht man Teile, die es nicht mehr gibt.“
Lukas strich über Fünkchens Flügel.
„Und wenn einer anders ist?“
„Dann schaut man, was er braucht.“
Er schwieg.
Ich hatte keine Ahnung, ob meine Antwort richtig gewesen war.
Aber irgendwann schob er mir ein Blatt Papier hin.
Darauf hatte er einen grünen Drachen gezeichnet.
Daneben stand ein kleiner Junge.
Und auf der anderen Seite ein Mann mit einem riesigen grauen Bart.
Ich musste schlucken.
„Bin ich das?“
Lukas nickte.
„Du hast aber einen ziemlich großen Bart gemalt.“
„Großer Drache braucht großen Bart.“
Ich lachte.
Zum ersten Mal seit vielen Monaten lachte ich so, dass es nicht nur höflich klang.
Was dann folgte, war weder einfach noch schnell.
Frau Seidel organisierte weitere Gespräche.
Eine Fachkraft erklärte mir, dass Lukas nicht einfach ein Kind war, das einen netten Großvater brauchte.
Er hatte besondere Bedürfnisse.
Er reagierte empfindlich auf plötzliche Geräusche, wechselnde Abläufe und unerwartete Berührungen. Wenn er sich überfordert fühlte, konnte er schreien, sich zurückziehen oder völlig verstummen.
Er brauchte feste Strukturen und Erwachsene, die seine Signale ernst nahmen.
Auch seine bisherigen Erfahrungen spielten eine Rolle.
„Sie müssen verstehen“, sagte Frau Seidel, „dass Zuneigung allein nicht ausreicht.“
„Das habe ich bei meiner Ehe auch gelernt“, antwortete ich.
Sie lächelte kurz.
Dann wurde sie wieder ernst.
„Sie werden Unterstützung annehmen müssen.“
„Mache ich.“
„Und Lukas wird nicht jeden Tag so ruhig sein wie bei Ihren Treffen.“
„Bin ich auch nicht.“
Sie sah mich an.
„Herr Brandt, ich versuche Ihnen gerade etwas Wichtiges zu erklären.“
„Ich weiß.“
Ich legte die Hände auf den Tisch.
„Und ich höre zu. Aber ich möchte, dass Sie auch etwas verstehen.“
Sie wartete.
„Ich will keinen Jungen aufnehmen, weil er mir dankbar sein soll. Ich will wissen, ob ich ihm ein verlässliches Zuhause geben kann.“
Frau Seidel nickte langsam.
„Das ist zumindest ein guter Anfang.“
Einige Wochen später durfte Lukas mich zum ersten Mal zu Hause besuchen.
Frau Seidel und eine pädagogische Fachkraft begleiteten ihn.
Ich hatte das Wohnzimmer aufgeräumt.
Sehr gründlich sogar.
Die Zeitungen waren vom Sessel verschwunden. Die Werkzeugkiste stand nicht mehr neben dem Fernseher. In der Küche hatte ich die alten Lebensmittel aussortiert.
Miriam hatte mir geholfen, das ehemalige Gästezimmer vorzubereiten.
Ein Bett.
Ein Schrank.
Ein kleiner Schreibtisch.
Keine bunten Tapeten, keine grellen Bilder.
Nur ein schlichtes Zimmer mit einer Lampe, deren Licht sich dimmen ließ.
Als Lukas eintrat, blieb er an der Tür stehen.
„Wessen Zimmer?“
Ich antwortete vorsichtig.
„Ein Gästezimmer.“
„Wer schläft da?“
„Im Moment niemand.“
Er betrachtete das Bett.
„Muss Lukas da schlafen?“
„Nein. Heute besuchen wir uns nur.“
Seine Schultern sanken ein wenig.
Dann ging er durch den Flur.
Langsam.
Mit Fünkchen unter dem Arm.
Vor der Tür zur Garage blieb er stehen.
„Drachen?“
„Ja“, sagte ich. „Die sind da drin.“
Er sah mich an.
„Alle?“
Ich öffnete die Tür.
Neben meiner grünen Maschine stand ein altes rotes Motorrad, das ich seit Jahren restaurieren wollte. Daneben befand sich eine kleine, zerlegte Maschine auf einer Werkbank.
Lukas machte zwei Schritte hinein.
Dann blieb er wie angewurzelt stehen.
„Drachenfamilie“, flüsterte er.
Ich schaltete das Licht ein.
„So könnte man es nennen.“
Er ging zur grünen Maschine, strich über den Tank und begann zu summen.
Frau Seidel beobachtete uns von der Tür aus.
Später erzählte sie mir, dass Lukas in den vergangenen Wochen kaum freiwillig einen neuen Raum betreten hatte.
Meine Garage war der erste Ort gewesen, den er unbedingt hatte sehen wollen.
Der nächste Schritt war schwieriger, als ich erwartet hatte.
Lukas durfte zunächst nur stundenweise kommen.
Dann einen ganzen Nachmittag.
Schließlich wurde ein erster Besuch mit Übernachtung vereinbart.
Ich hatte mir vorgestellt, dass ich ihm einfach etwas zu essen machen, mit ihm in die Garage gehen und ihm abends eine Geschichte vorlesen würde.
So hatte ich es früher mit Miriam gemacht.
Aber Lukas war nicht Miriam.
Und ich musste lernen, dass gute Absichten manchmal nicht genügen.
Schon beim Abendessen ging alles schief.
Ich hatte Kartoffelpüree, Erbsen und Frikadellen gekocht.
Lukas betrachtete den Teller.
Dann schob er ihn weg.
„Erbsen berühren Kartoffeln.“
„Ja“, sagte ich. „Das passiert nun mal.“
Er presste die Lippen zusammen.
„Erbsen berühren Kartoffeln.“
„Du kannst sie doch einfach zur Seite schieben.“
Ein Fehler.
Er begann zu wippen.
Dann stieß er den Teller von sich.
Die Frikadelle fiel auf den Boden.
Ich zuckte zusammen.
Mein erster Impuls war der alte Satz, den ich früher in jeder Werkstatt gehört hatte:
Jetzt reiß dich mal zusammen.
Er lag mir schon auf der Zunge.
Aber ich sah Lukas an.
Seine Hände zitterten.
Er wirkte nicht trotzig.
Er wirkte, als wäre etwas völlig außer Kontrolle geraten.
Also holte ich einen zweiten Teller.
Ich legte die Erbsen in eine kleine Schüssel.
Das Kartoffelpüree kam auf einen eigenen Teller.
Die Frikadelle auf einen dritten.
Dann stellte ich alles mit etwas Abstand vor ihn.
„So besser?“
Er nickte.
Nach einer Weile begann er zu essen.
Ich setzte mich hin und betrachtete meine Küche.
Drei Teller für ein Abendessen.
Früher hätte ich darüber geschimpft.
Jetzt dachte ich nur:
Wenn drei Teller reichen, damit ein Kind in Ruhe essen kann, dann nehme ich eben drei Teller.
Später erzählte ich Frau Seidel davon.
Sie erklärte mir einiges über sensorische Empfindlichkeiten und darüber, wie wichtig es sei, Auslöser zu erkennen, statt jedes Verhalten als Ungehorsam zu betrachten.
Ich lernte.
Langsam.
Aber ich lernte.
Gegen zwei Uhr nachts hörte ich ein Geräusch.
Erst ein leises Schluchzen.
Dann einen Schrei.
Ich sprang aus meinem Sessel.
Lukas saß auf dem Sofa.
Er hatte sich trotz des vorbereiteten Gästezimmers entschieden, im Wohnzimmer zu schlafen. Wir hatten das vorher besprochen und es für diese erste Nacht so eingerichtet, dass er sich dort wohlfühlen konnte.
Fünkchen lag auf dem Boden.
Lukas hielt sich beide Hände an die Ohren.
„Nicht weg!“
Ich blieb in der Tür stehen.
„Lukas? Ich bin’s. Rolf.“
Er reagierte nicht.
„Ich bin hier.“
Langsam nahm er die Hände herunter.
Sein Gesicht war nass.
„Die kommen wieder.“
„Wer?“
„Die sagen, Lukas muss gehen.“
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