Jeden Morgen um 4:13 Uhr weckte mich ein dicker Kater bis ich sein trauriges Geheimnis erfuhr

Jeden Morgen um 4:13 Uhr schlug mir der dicke rote Kater ins Gesicht, doch erst als seine Besitzerin ins Krankenhaus kam, begriff ich, warum er das tat.

„Verdammt noch mal, Willi! Es ist mitten in der Nacht!“

Ich fuhr hoch, weil mir gerade eine weiche, aber erstaunlich kräftige Katzenpfote auf die Wange geklatscht war.

Mein Wecker zeigte 4:13 Uhr.

Direkt vor meinem Gesicht saß ein dicker, rot getigerter Kater. Er starrte mich an, als wäre ich ein fauler Lehrling, der schon wieder verschlafen hatte.

Dann gähnte er, drehte sich um und marschierte Richtung Küche.

Ich heiße Andreas Schulz, bin 48 Jahre alt und hätte niemals gedacht, dass ausgerechnet eine Katze mein Leben verändern würde.

Damals lebte ich allein in einer kleinen Mietwohnung am Stadtrand von Hannover. Ich arbeitete als Lagerarbeiter bei einem mittelständischen Betrieb, meistens zehn Stunden am Tag, manchmal länger.

Meine Ehe war vor vier Jahren gescheitert. Meine Tochter studierte in einer anderen Stadt. Wir telefonierten gelegentlich, aber unsere Gespräche wurden immer kürzer.

Ich hatte mich daran gewöhnt, dass niemand auf mich wartete.

Abends kam ich nach Hause, zog die Arbeitsschuhe aus und setzte mich vor den Fernseher. Manchmal aß ich eine Dose Erbsensuppe, direkt aus einem großen Becher.

An manchen Tagen schlief ich auf dem Sofa ein, ohne das Licht auszuschalten.

Es war kein besonders schlimmes Leben. Aber eines, in dem jeder Tag genauso aussah wie der vorherige.

Bis Frau Hartmann vor meiner Tür stand.

Sie wohnte mir gegenüber, war 76 Jahre alt und seit dem Tod ihres Mannes allein. Eine kleine, schmale Frau mit silbergrauem Haar, einer altmodischen Brille und einer Stimme, die selbst beim Schimpfen freundlich klang.

Wir grüßten uns im Treppenhaus. Mehr nicht.

An jenem Dienstagabend klingelte sie gegen halb sieben.

Unter ihrem Arm klemmte ein gewaltiger roter Kater. Sein runder Bauch hing über ihrem Unterarm, und sein Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass er mit dieser Situation überhaupt nicht einverstanden war.

„Herr Schulz, ich müsste Sie um einen Gefallen bitten.“

Ich sah sie überrascht an.

„Natürlich, Frau Hartmann. Was gibt’s denn?“

Sie strich nervös über das Fell des Katers.

„Ich muss für ein paar Untersuchungen ins Krankenhaus. Wahrscheinlich nur drei Tage. Könnten Sie in der Zeit auf Willi aufpassen?“

Ich schaute den Kater an.

Er schaute zurück.

„Also, ehrlich gesagt, ich kenne mich mit Katzen überhaupt nicht aus.“

Frau Hartmann lächelte.

„Ach, das macht nichts. Willi kennt sich dafür sehr gut mit Menschen aus.“

Das hätte mich misstrauisch machen sollen.

Stattdessen hörte ich mich sagen: „Na gut. Drei Tage werden wir schon irgendwie schaffen.“

Sie drückte mir eine Einkaufstasche in die Hand. Darin lagen Katzenfutter, eine Bürste, eine kleine Decke und ein mehrfach gefalteter Zettel.

Auf dem Zettel standen genaue Anweisungen.

Morgens um sieben Futter. Abends um sechs noch einmal. Frisches Wasser. Das Lieblingskissen möglichst nicht verschieben.

Und eine besonders merkwürdige Bemerkung: Willi trank am liebsten aus dem leicht aufgedrehten Wasserhahn.

„Aber bitte nur ganz kurz laufen lassen“, erklärte Frau Hartmann ernst. „Sonst patscht er alles nass.“

Ich musste lachen.

Sie nicht.

Erst später verstand ich, warum ihr diese kleinen Gewohnheiten so wichtig waren.

Willi bezog meine Wohnung, als hätte er sie gerade gekauft.

Zuerst untersuchte er sämtliche Zimmer. Dann sprang er auf meinen alten Sessel, beschnupperte das Kissen und rollte sich zusammen.

Als ich ihn herunterheben wollte, knurrte er leise.

„Na, du bist mir ja einer.“

Er schloss die Augen.

Damit war offenbar geklärt, wem der Sessel gehörte.

In der ersten Nacht blieb alles ruhig.

In der zweiten begann mein Umerziehungsprogramm.

Um exakt 4:13 Uhr bekam ich die erste Ohrfeige.

Nicht mit ausgefahrenen Krallen. Einfach ein bestimmter Schlag mit der Pfote.

Als ich mich auf die andere Seite drehte, folgte der zweite.

„Willi!“

Er miaute einmal, sprang vom Bett und wartete an der Schlafzimmertür.

Ich stand schließlich auf, weil ich ohnehin zur Toilette musste.

Kaum war ich in der Küche, führte er mich zu seinem Napf.

Der war halb voll.

„Du hast doch noch Futter!“

Willi setzte sich hin und sah mich an, als hätte ich gerade etwas ausgesprochen Dummes gesagt.

Ich schüttelte den Kopf und ging zurück ins Bett.

Fünf Minuten später saß er wieder neben mir.

Am nächsten Morgen verschlief ich beinahe die Arbeit.

Als ich nach Hause kam, saß Willi direkt hinter der Wohnungstür.

Nicht etwa, weil er mich vermisst hatte. Jedenfalls redete ich mir das ein.

Er begleitete mich in die Küche, beobachtete, wie ich eine Fertigsuppe aufwärmte, und gab ein derart missbilligendes Miauen von sich, dass ich mich tatsächlich rechtfertigte.

„Was denn? Ich habe eben keine Lust zu kochen.“

Willi blinzelte.

„Ja, ich weiß. Ist nicht gesund.“

Wieder dieses Blinzeln.

„Mensch, du bist schlimmer als meine Mutter früher.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich in meiner eigenen Küche laut lachen.

Am dritten Tag hatte Willi meinen Alltag vollständig übernommen.

Wenn ich morgens die Vorhänge geschlossen ließ, sprang er auf die Fensterbank und schob sie mit seinem dicken Körper auseinander.

Wenn ich meinen Kaffeebecher vom Vortag wieder benutzen wollte, schnupperte er daran und verzog das Gesicht.

Wenn ich abends auf dem Sofa versackte, setzte er sich auf meine Brust.

Sieben Kilo lebendiger Vorwurf.

Und wenn ich ihn wegschob, kam er einfach wieder.

Irgendwann begann ich, Dinge zu tun, die ich seit Monaten vernachlässigt hatte.

Ich räumte die Küche auf. Wechselte die Bettwäsche. Kaufte frische Äpfel und Gemüse.

Nicht, weil eine Katze mich dazu zwang.

Sondern weil es plötzlich unangenehm war, in einer unordentlichen Wohnung zu sitzen, während mich jemand ununterbrochen beobachtete.

Eines Abends stand ich am Küchentisch und schnitt ein kleines Stück gekochtes Hähnchenfleisch für Willi klein.

„Na, zufrieden, Herr Aufpasser?“, murmelte ich. „Die Wohnung ist sauber, ich habe richtig gegessen, und morgen ziehe ich sogar ein gebügeltes Hemd an.“

Willi saß auf seinem Stuhl und schaute zu.

„Du benimmst dich ja, als müsste man sich um mich kümmern.“

Ich hielt plötzlich inne.

Dieser Satz blieb im Raum hängen.

Denn eigentlich war es genau so.

Seit meiner Scheidung hatte kaum jemand gefragt, ob ich ordentlich aß, gut schlief oder überhaupt noch Freude an irgendetwas hatte.

Und ich selbst hatte irgendwann aufgehört, danach zu fragen.

Willi sprang vom Stuhl, rieb seinen Kopf an meinem Bein und schnurrte.

Ich schluckte.

„Du bist schon ein komischer Kerl“, sagte ich leise.

Am nächsten Tag kam Frau Hartmann nicht zurück.

Stattdessen klingelte am Nachmittag mein Telefon.

„Herr Schulz? Hier ist Hartmann.“

Ihre Stimme klang schwach.

„Ich muss leider noch ein bisschen im Krankenhaus bleiben. Die Ärzte möchten weitere Untersuchungen machen.“

„Ist alles in Ordnung?“

Es entstand eine Pause.

„Das wird sich zeigen.“

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.

Dann fragte sie vorsichtig: „Könnten Sie vielleicht noch etwas Katzenfutter aus meiner Wohnung holen? Der Ersatzschlüssel liegt unter dem blauen Blumentopf vor meiner Tür.“

„Natürlich. Und machen Sie sich um Willi keine Sorgen.“

Sie atmete hörbar aus.

„Danke, Herr Schulz. Das bedeutet mir viel.“

Als ich zum ersten Mal ihre Wohnung betrat, blieb ich überrascht stehen.

Alles war ordentlich und sauber. Aber nicht kalt.

Auf einer Kommode standen alte Familienfotos. Ein Ehepaar vor einem kleinen Ferienhaus. Ein junger Mann in Arbeitskleidung. Frau Hartmann als junge Mutter mit einem lachenden Jungen auf dem Arm.

Neben dem Fenster stand ein abgewetzter Ohrensessel.

Darauf lag eine sorgfältig gefaltete Wolldecke.

Direkt daneben befand sich ein zweites, kleines Kissen, dessen Stoff voller roter Katzenhaare war.

Auf dem Wohnzimmertisch standen eine Medikamentenschachtel und ein Bilderrahmen.

Das Foto zeigte Frau Hartmann neben einem älteren Mann. Beide lachten. Zwischen ihnen saß ein deutlich jüngerer, aber schon damals ziemlich rundlicher Willi.

Ich nahm den Bilderrahmen vorsichtig in die Hand.

Darunter lag ein Zettel.

In derselben sauberen Handschrift wie die Fütterungsanleitung standen dort nur zwei Sätze.

„Willi hat Angst, wenn Menschen plötzlich verschwinden. Bitte setzen Sie sich nach dem Abendessen eine Weile zu ihm. Das beruhigt ihn.“

Ich las die Worte zweimal.

Dann setzte ich mich in den Sessel.

Auf der Armlehne lag eine Männerstrickjacke, sorgfältig zusammengelegt. In der Tasche steckte ein altes, mehrfach benutztes Taschentuch.

Plötzlich konnte ich mir vorstellen, wie Frau Hartmann hier jeden Abend gesessen hatte.

Wie Willi auf seinem Kissen lag.

Und wie sie manchmal beide auf den leeren Platz schauten, an dem früher ihr Mann gesessen hatte.

Ich wusste nicht, wann er gestorben war. Aber ich verstand auf einmal, dass diese Katze mehr war als ein Haustier.

Sie war das letzte Stück eines gemeinsamen Alltags.

Als ich zurück in meine Wohnung kam, wartete Willi an der Tür.

„Na, alter Junge“, sagte ich und stellte die Einkaufstasche ab. „Ich glaube, wir zwei haben einiges gemeinsam.“

Er miaute.

Am Abend gab ich ihm sein Futter.

Danach setzte ich mich wie gewöhnlich auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein.

Willi sprang neben mich.

Doch statt sich zusammenzurollen, blieb er sitzen und starrte auf den freien Platz neben seinem Kissen.

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