Als die siebenjährige Leni kurz vor Mitternacht barfuß in unserer alten Werkstatt stand, verstummten vierundzwanzig Männer. Ihr rechtes Auge war blau. Und sie zitterte am ganzen Körper.
„Er tut Mama wieder weh“, flüsterte sie.
Dann sah sie Heinrich an, den größten und grimmigsten Mann in unserem Verein.
„Bitte, Onkel Heiner. Diesmal bringt er sie um.“
Niemand sagte ein Wort.
Nicht der alte Dieter, der sonst über alles einen Spruch machte. Nicht Wolfgang, der nach drei Bier grundsätzlich anfing, von früher zu erzählen. Und auch nicht ich.
Wir waren Männer, die ihr Leben lang gearbeitet hatten. Schlosser, Maurer, Elektriker, ehemalige Fernfahrer. Männer mit kaputten Knien, rauen Händen und Rücken, die morgens länger brauchten als früher.
Aber auf das, was in dieser Nacht geschah, hatte uns kein einziges Arbeitsjahr vorbereitet.
Heinrich Wendt, 64 Jahre alt, früher Schlossermeister und freiwilliger Feuerwehrmann, stellte langsam sein Bierglas ab.
„Leni“, sagte er mit seiner tiefen, kratzigen Stimme. „Schau mich an, mein Mädchen.“
Die Kleine hob den Kopf.
„Wo ist deine Mama?“
„Zu Hause.“
„Und wo ist Thomas?“
Leni begann zu weinen.
„Er hat das Gewehr geholt.“
Heinrich wurde ganz still.
Ich kannte ihn seit fast vierzig Jahren. Ich hatte ihn wütend erlebt, traurig, betrunken nach der Beerdigung seiner Frau. Aber diesen Ausdruck in seinem Gesicht hatte ich noch nie gesehen.
Er kniete sich vor Leni.
Seine Hände waren so groß, dass sie beinahe ihren ganzen Oberkörper hätten umfassen können.
„Hör mir gut zu. Du bist jetzt hier. Hier tut dir niemand etwas.“
Dann drehte er sich um.
„Erwin, ruf sofort die Polizei. Sag, dass eine Waffe im Haus ist und eine Frau in Lebensgefahr schwebt.“
Er deutete auf Wolfgang.
„Du holst Gisela von nebenan. Und Dieter, du bleibst bei dem Kind.“
Niemand widersprach.
Dabei war Heinrich nicht einmal unser Vereinsvorsitzender.
Er war einfach Heinrich.
Ein Mann, vor dem manche Leute im Ort die Straßenseite wechselten, weil er immer finster dreinschaute und selten grüßte.
Und ausgerechnet dieser Mann war in jener Nacht derjenige, dem ein siebenjähriges Mädchen sein Leben anvertraute.
Unsere Werkstatt lag am Rand von Birkhausen, einer kleinen Stadt im westlichen Ruhrgebiet.
Früher wurden dort landwirtschaftliche Maschinen repariert. Später hatte Heinrich das heruntergekommene Gebäude mit ein paar Freunden übernommen.
Es war kein vornehmer Verein.
Wir hatten einen alten Billardtisch, einen Kühlschrank, eine Kaffeemaschine, die ständig tropfte, und eine Werkbank, auf der immer irgendetwas auseinandergebaut herumlag.
Einmal im Monat trafen wir uns zum Stammtisch. Wer Hilfe beim Renovieren brauchte, bekam Hilfe. Wer nach einer Operation nicht einkaufen konnte, bekam einen vollen Kühlschrank.
Wir hatten keine großen Regeln.
Eigentlich nur eine.
Wer zu uns gehörte, wurde nicht allein gelassen.
An diesem Freitag hatten wir Wolfgangs sechzigsten Geburtstag nachgefeiert. Deshalb waren wir um kurz vor Mitternacht überhaupt noch dort.
Die meisten Frauen waren schon nach Hause gegangen.
Nur wir alten Kerle saßen noch zusammen, tranken ein letztes Bier und erzählten Geschichten, die jeder längst auswendig kannte.
Leni wohnte mit ihrer Mutter Nina und deren Lebensgefährten Thomas keine hundert Meter entfernt.
Ein kleines Reihenhaus mit hellgrauem Putz, einem schmalen Vorgarten und einem Gartentor, das schon seit Jahren schief hing.
Wir kannten Leni seit ihrem vierten Lebensjahr.
Jeden Samstag im Sommer stellte sie einen kleinen Tisch vor den Gartenzaun.
Darauf standen Plastikbecher, ein Krug selbst gemachter Zitronenlimonade und ein handgeschriebenes Schild:
„LIMO – 50 CENT“.
Wenn wir vorbeikamen, rief sie immer:
„Hallo, ihr Werkstatt-Opas!“
Beim ersten Mal hatte Wolfgang beinahe sein künstliches Gebiss verschluckt.
„Werkstatt-Opas?“, hatte er empört gefragt. „Ich bin doch erst 58!“
Leni hatte ihn ernst angesehen.
„Mein Opa ist 56. Also bist du schon ziemlich alt.“
Seitdem waren wir die Werkstatt-Opas.
Heinrich bekam seinen eigenen Namen.
Onkel Heiner.
Dabei hatte er anfangs nicht besonders freundlich auf sie gewirkt.
Er war fast 1,90 Meter groß, hatte breite Schultern, einen grauen Vollbart und eine tiefe Narbe über der linken Augenbraue.
Seine Arbeitsjacke war meistens schmutzig. Seine Sprache war kurz. Und sein Gesicht sah selbst dann streng aus, wenn er gute Laune hatte.
Doch eines Tages war Leni mit ihrem Fahrrad gestürzt.
Heinrich hatte die blutende Wunde an ihrem Knie versorgt, das verbogene Schutzblech geradegebogen und ihr anschließend ein Eis gekauft.
Seitdem durfte nur noch Onkel Heiner ihren Fahrradreifen aufpumpen.
Wir fanden das lustig.
Heute denke ich oft daran, wie viel Vertrauen ein Kind manchmal in einem einzigen Nachmittag gewinnen kann.
Und wie lange Erwachsene brauchen, um zu begreifen, was dieses Vertrauen bedeutet.
Natürlich wussten wir, dass bei Leni zu Hause nicht alles in Ordnung war.
Vielleicht wussten wir sogar mehr, als wir uns eingestehen wollten.
Vor etwa drei Jahren war Thomas bei Nina eingezogen.
Am Anfang wirkte er ganz normal.
Er fuhr einen älteren Kombi, arbeitete in einem Lagerbetrieb und grüßte uns freundlich, wenn er morgens zur Arbeit ging.
Dann hörten wir die ersten Streitereien.
Erst selten.
Später beinahe jede Woche.
Einmal stand Nina im Supermarkt vor mir an der Kasse.
Sie trug im Juli einen langärmeligen Pullover.
Als sie nach ihrem Geldbeutel griff, rutschte der Ärmel nach oben.
Auf ihrem Unterarm waren dunkle Flecken.
Sie zog den Ärmel sofort herunter.
„Alles in Ordnung?“, hatte ich gefragt.
Sie lächelte angestrengt.
„Ja, natürlich. Bin nur gegen die Kellertür gelaufen.“
Ich hatte genickt.
Was hätte ich sonst sagen sollen?
Heute weiß ich, dass ich wenigstens hätte sagen können, dass sie jederzeit zu uns kommen durfte.
Aber damals wollte ich mich nicht einmischen.
So nannten wir das.
Nicht einmischen.
Ein Ausdruck, hinter dem man sich wunderbar verstecken kann.
Heinrich hatte weniger Geduld mit solchen Ausreden.
Eines Abends kam er in die Werkstatt und schlug so fest auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirrten.
„Ich hab das Mädchen eben im Garten gesehen. Sie hat geheult, weil drinnen wieder geschrien wurde.“
„Vielleicht ist es nur ein Streit“, sagte Dieter.
Heinrich sah ihn an.
„Ein Streit ist, wenn zwei Leute verschiedener Meinung sind. Aber wenn ein Kind Angst hat, nach Hause zu gehen, ist das etwas anderes.“
Noch am selben Abend riefen wir die Polizei.
Ein Streifenwagen kam.
Zwei Beamte klingelten an der Haustür.
Thomas öffnete freundlich.
Nina erschien im Hintergrund und erklärte, es sei alles in Ordnung.
Nach einer Weile fuhren die Beamten wieder.
Einige Wochen später passierte Ähnliches.
Wir meldeten unsere Sorgen auch beim Jugendamt.
Eine Mitarbeiterin besuchte die Familie. Später erfuhren wir, dass weitere Gespräche geführt wurden.
Doch nach außen änderte sich nichts.
Nina sagte, alles sei gut.
Leni sagte kaum etwas.
Und Thomas lächelte weiterhin über den Gartenzaun, als wäre er der freundlichste Nachbar der Welt.
Manchmal fragten wir uns, ob wir übertrieben.
Manchmal waren wir sogar erleichtert, wenn ein paar Tage Ruhe herrschte.
Wir redeten uns ein, dass die zuständigen Leute schon wussten, was sie taten.
Aber vor allem wollten wir glauben, dass es nicht so schlimm war.
Bis zu jener Nacht.
Als ich den Notruf wählte, zitterten meine Finger derart, dass ich mich zweimal vertippte.
Ich war damals 67 und hatte vierzig Jahre lang als Schlosser gearbeitet.
Mir waren Maschinen auf die Füße gefallen. Ich hatte meinen besten Freund auf dem Friedhof verabschiedet und meine Frau durch eine schwere Krankheit begleitet.
Ich dachte, ich könnte mit schlimmen Situationen umgehen.
Doch am Telefon brachte ich kaum einen geraden Satz heraus.
„Ein Kind ist zu uns geflüchtet“, sagte ich. „Sieben Jahre alt. Ihre Mutter wird bedroht. Der Mann hat eine Schusswaffe.“
Die Frau am anderen Ende stellte ruhige, genaue Fragen.
Ich beantwortete sie so gut ich konnte.
Währenddessen zog Heinrich seine schwere Arbeitsjacke an.
Wolfgang war bereits unterwegs, um Gisela zu holen, unsere Nachbarin, eine pensionierte Krankenschwester.
„Heiner“, rief ich. „Die Polizei ist unterwegs. Wir sollen Abstand halten und nicht ins Haus gehen.“
„Weiß ich.“
Er nahm seine Taschenlampe.
„Ich gehe bis zur Straße. Mehr nicht.“
„Und was willst du dort?“
Er blieb an der Tür stehen.
„Damit sie weiß, dass sie nicht allein ist.“
Dann ging er hinaus.
Dieter setzte sich neben Leni auf die alte Holzbank.
Die Kleine hatte ihre nackten Füße hochgezogen.
Ihre rosa Schlafanzughose war am Knie zerrissen. Unter dem rechten Auge schwoll ein dunkler Fleck an.
„Tut dir etwas weh?“, fragte er.
Sie nickte.
„Hier.“
Sie deutete auf ihre Wange.
Dieter schluckte.
„Hat Thomas das gemacht?“
Leni schaute auf ihre Hände.
„Ich wollte Mama helfen.“
Niemand sprach.
„Er hat sie geschubst“, erzählte sie leise. „Dann bin ich dazwischengegangen. Und dann hat er mich auch gehauen.“
Dieter legte vorsichtig eine Decke um ihre Schultern.
„Du hast nichts falsch gemacht.“
Leni sah ihn plötzlich an.
„Aber ich bin weggelaufen.“
„Das war richtig.“
„Mama ist jetzt allein.“
Dieter suchte nach Worten.
Er fand keine.
Also nahm er einfach ihre kleine Hand.
Auf der Straße vor Ninas Haus standen inzwischen Heinrich, Wolfgang und zwei weitere Männer aus der Werkstatt.
Die anderen blieben zurück.
Heinrich hatte sie ausdrücklich angewiesen, keinen Auflauf vor dem Haus zu veranstalten.
„Wenn der uns aus dem Fenster sieht und durchdreht, helfen wir niemandem“, hatte er gesagt.
Ich ging bis zur Werkstatttür und konnte von dort aus das Reihenhaus sehen.
Im Schlafzimmer im Obergeschoss brannte Licht.
Ein Schatten bewegte sich hinter den Vorhängen.
Dann hörten wir einen Schrei.
Eine Frau.
Nina.
Heinrich stand an der gegenüberliegenden Straßenseite.
Er hob langsam den Kopf.
„Nina!“, rief er.
Keine Antwort.
„Nina, hier ist Heinrich! Die Polizei kommt!“
Für einen Augenblick war es vollkommen still.
Dann wurde oben ein Fenster geöffnet.
Thomas erschien.
Sein Gesicht war rot. Er hielt etwas Dunkles in der Hand.
Ich konnte nicht erkennen, was es war.
Heinrich offenbar schon.
Er hob beide Hände und trat zurück.
„Thomas, leg das Ding weg.“
„Verschwindet!“, brüllte der Mann.
„Wir bleiben auf Abstand.“
„Das geht euch einen Dreck an!“
Heinrich antwortete nicht sofort.
Dann sagte er ruhig:
„Da drin ist eine Frau. Und draußen wartet ihre Tochter auf sie.“
Thomas schlug das Fenster zu.
Heinrich zog sich hinter einen geparkten Wagen zurück.
Ich hörte Wolfgang fluchen.
Und dann fiel der erste Schuss.
Ein trockener, harter Knall.
Nicht wie im Fernsehen.
Viel lauter.
Viel wirklicher.
Ich zuckte zusammen und stolperte rückwärts gegen die Werkstatttür.
Oben im Haus zerbrach Glas.
Jemand schrie.
Dann kam ein zweiter Knall.
Und danach nichts mehr.
Keine Stimme.
Kein Weinen.
Nur die Stille einer Wohnstraße, in der plötzlich niemand mehr wusste, was er tun sollte.
Ich wollte loslaufen.
Das war mein erster Gedanke.
Einfach über die Straße, zur Haustür, hinein.
Heinrich hielt mich zurück, noch bevor ich den Gehweg erreicht hatte.
„Erwin! Zurück!“
„Da drin liegt vielleicht Nina!“
„Ich weiß!“
„Dann müssen wir doch—“
„Du gehst jetzt zu Leni.“
Seine Stimme war hart.
Ich starrte ihn an.
„Du kannst nicht einfach hier stehen bleiben!“
Heinrich kam einen Schritt näher.
„Und wenn er dich erschießt? Was soll ich dann dem Kind sagen? Dass zwei alte Männer heldenhaft waren und trotzdem niemandem geholfen haben?“
Ich sagte nichts.
Er legte mir eine schwere Hand auf die Schulter.
„Die Polizei weiß Bescheid. Wir machen es jetzt nicht noch schlimmer.“
In diesem Moment hörten wir endlich die Sirenen.
Zwei Streifenwagen kamen die Straße herunter.
Heinrich ging den Beamten entgegen, zeigte ihnen das Haus und berichtete knapp, was er gesehen und gehört hatte.
Die Polizisten übernahmen sofort.
Einer hielt uns auf Abstand. Die anderen sicherten den Bereich und forderten Unterstützung an.
Hinter den Gardinen der Nachbarhäuser erschienen Gesichter.
Überall gingen Lichter an.
Auf einem Balkon stand ein Mann im Unterhemd und fragte, was passiert sei.
Niemand antwortete ihm.
Wir starrten nur auf dieses verdammte Haus.
Dann öffnete sich plötzlich die Haustür.
Eine Frau stolperte heraus.
Barfuß.
Im Nachthemd.
Sie hielt sich mit einer Hand am Türrahmen fest.
Nina.
Sie machte zwei Schritte.
Dann brach sie auf dem Gehweg zusammen.
Heinrich setzte sich instinktiv in Bewegung, blieb aber stehen, als ein Beamter ihn zurückrief.
Die Einsatzkräfte erreichten Nina zuerst.
Eine Polizistin kniete sich neben sie, während ihre Kollegen den Eingang sicherten.
Ich sah Blut an Ninas Schulter.
Ihr Kopf hing zur Seite.
Und in diesem Augenblick war ich sicher, dass wir zu spät gekommen waren.
Gisela war inzwischen in der Werkstatt angekommen.
Sie saß bei Leni und kühlte vorsichtig ihre geschwollene Wange.
Als ich zurückkam, schaute das Mädchen sofort auf.
„Ist Mama da?“
Ich blieb stehen.
Was sagt man einem Kind, wenn man selbst nicht weiß, ob seine Mutter noch lebt?
„Sie ist aus dem Haus gekommen“, antwortete ich.
Lenis Gesicht hellte sich auf.
„Dann kommt sie jetzt?“
Ich musste schlucken.
„Der Rettungsdienst kümmert sich um sie.“
„Aber sie lebt?“
Ich nickte.
Obwohl ich es noch nicht mit Sicherheit wusste.
Gisela sah mich kurz an.
Dann zog sie Leni an sich.
„Deine Mama bekommt jetzt Hilfe, mein Schatz.“
Leni begann wieder zu weinen.
Aber diesmal war es ein anderes Weinen.
Nicht mehr dieses lautlose, erschrockene Zittern.
Sie schluchzte richtig.
So, wie ein siebenjähriges Kind weinen sollte, wenn es nicht länger stark sein musste.
Ich setzte mich auf die andere Seite der Bank.
Nach einer Weile flüsterte sie:
„Onkel Erwin?“
„Ja?“
„Ist Thomas jetzt böse auf mich?“
Diese Frage traf mich härter als die beiden Schüsse.
„Warum sollte er?“
„Weil ich euch geholt habe.“
Ich sah auf ihre kleinen Hände.
„Leni, hör mal. Was Thomas gemacht hat, war falsch. Nicht das, was du gemacht hast.“
Sie dachte lange darüber nach.
Dann fragte sie:
„Aber Mama hat gesagt, ich darf niemandem erzählen, wenn er schimpft.“
Gisela strich ihr über den Kopf.
„Vielleicht hatte deine Mama große Angst.“
Leni nickte.
„Ja. Sie hat immer Angst, wenn er getrunken hat.“
Wieder entstand Stille.
Dann sagte das Mädchen etwas, das ich nie vergessen werde.
„Ich hab gedacht, wenn ich ganz lieb bin, hört er irgendwann auf.“
Gegen halb zwei in der Nacht bekamen wir endlich Nachricht.
Thomas war festgenommen worden.
Die Beamten hatten ihn im Haus überwältigt und seine Waffe sichergestellt.
Später erfuhren wir, dass es sich um ein Jagdgewehr gehandelt hatte.
Die Schüsse hatten die Wand und ein Fenster beschädigt.
Nina war nicht von einer Kugel getroffen worden.
Aber Thomas hatte sie so schwer verletzt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden musste.
Eine Platzwunde am Kopf. Prellungen am ganzen Körper. Eine verletzte Schulter.
Vor allem war sie vollkommen erschöpft.
Als die Polizistin uns sagte, dass Nina außer Lebensgefahr sei, setzte sich Heinrich auf einen umgedrehten Getränkekasten.
Zum ersten Mal in dieser Nacht sah ich, wie seine Hände zitterten.
Er presste sie zwischen die Knie.
„Gut“, murmelte er.
Nur dieses eine Wort.
Gut.
Wolfgang stellte ihm eine Tasse Kaffee hin.
Heinrich rührte sie nicht an.
Er schaute zur Werkstatttür.
Dort saß Leni inzwischen eingeschlafen zwischen Gisela und Dieter, den Kopf gegen Giselas Schulter gelehnt.
„Sie hätte heute Nacht auch im Bett liegen können“, sagte Heinrich.
Ich wusste, was er meinte.
Wenn Leni nicht fortgelaufen wäre.
Wenn sie unsere Werkstatt nicht gefunden hätte.
Wenn wir ihren Hilferuf nicht ernst genommen hätten.
Wir hätten am nächsten Morgen vielleicht in der Zeitung von einer Tragödie gelesen.
Mit einem dieser Sätze, die immer gleich klingen.
Die Nachbarn zeigen sich erschüttert.
Ich sah Heinrich an.
„Du hast alles richtig gemacht.“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Was soll das heißen?“
Er schaute mich an.
„Wir hätten früher etwas tun müssen.“
„Wir haben doch die Polizei gerufen. Das Jugendamt informiert.“
„Ich weiß.“
Er rieb sich über das Gesicht.
„Aber weißt du, was wir nie gemacht haben?“
Ich wartete.
„Wir haben Nina nie gefragt, was sie braucht. Wir haben immer nur von außen versucht, etwas zu regeln.“
Damit hatte er recht.
Wir hatten uns Sorgen gemacht.
Wir hatten angerufen.
Wir hatten darüber gesprochen.
Aber mit Nina selbst hatten wir kaum gesprochen.
Vielleicht, weil wir Angst hatten, aufdringlich zu sein.
Vielleicht, weil ihre Antworten immer so freundlich und ausweichend waren.
Vielleicht auch, weil es einfacher gewesen war, hinterher zu sagen, man habe ja etwas unternommen.
Am nächsten Morgen saßen Heinrich und ich noch immer in der Werkstatt.
Die anderen waren nach Hause gegangen.
Gisela hatte Leni in ihr Gästezimmer gebracht.
Die Polizei wusste, wo das Kind war, und hatte mit der zuständigen Stelle geklärt, dass sie vorläufig dort bleiben konnte, bis ihre Familie erreicht war.
Lenis großer Bruder Ben, zehn Jahre alt, war bei seiner Großmutter.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen






