Das Mädchen legte siebenundvierzig Euro neben meinen Schraubstock und bat mich, die Spuren zu beseitigen, bevor jemand nach Hause kam. Dann sah ich ihre Arme.
„Bitte. Mehr habe ich nicht.“ Sie schob die zerknitterten Scheine näher zu mir. „Den Rest könnte ich nächsten Monat bringen.“
Vor ihr stand ein kleiner Motorroller mit einem zerbrochenen Scheinwerfer. An der rechten Seite hing ein Stück der Verkleidung lose herunter. Das Mädchen hielt den Lenker so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
„Erst mal langsam“, sagte ich. „Was ist passiert?“
„Umgekippt. Auf Schotter.“
Ich beugte mich zum Scheinwerfer. Das Glas war an einer Stelle nach innen gedrückt, die Halterung dahinter verbogen. Für einen gewöhnlichen Sturz sah das merkwürdig aus.
Als ich nach dem Schraubenschlüssel griff, zuckte sie zurück. Nicht ein bisschen. Sie riss den Arm vor ihr Gesicht.
Ich ließ die Hand sinken.
„Ich nehme nur das Werkzeug“, sagte ich ruhig. „Da links.“
Sie nickte und sah auf den Boden. Dabei rutschte ihr Ärmel hoch. Auf ihrem Unterarm lagen mehrere blaue Flecken dicht nebeneinander.
Ich war achtundsechzig und hatte fast mein ganzes Leben in Werkstätten verbracht. Ich wusste, wie Hände aussahen, die von einer Maschine abgerutscht waren. Und ich wusste inzwischen auch, welche Spuren andere Hände hinterlassen konnten.
„Bis fünf muss er fertig sein“, sagte sie. „Mein Vater kommt um halb sechs. Wenn er das sieht …“
Sie brach ab und zog den Ärmel herunter.
Ich schaute auf die Wanduhr. Kurz nach zwei.
„Wie heißt du?“, fragte ich.
„Jule.“ Sie schluckte. „Können Sie ihn reparieren oder nicht?“
„Den Scheinwerfer wahrscheinlich. Bei der Verkleidung muss ich schauen.“
Das war keine große Zusage. Trotzdem sackten ihre Schultern ein Stück nach unten, als hätte ich ihr gerade erlaubt, wieder Luft zu holen.
Ich heiße Werner Brandt. Meine Werkstatt liegt am Rand von Kassel, zwischen einem Getränkelager und einem Wohnhaus, dessen Bewohner sich seit dreißig Jahren über meinen Kompressor beschweren. Früher hatte ich zwei Gesellen und mehr Aufträge, als mir guttat.
Heute arbeite ich nur noch an drei Tagen in der Woche. Das Schild mit den Öffnungszeiten hängt draußen, aber die Leute klopfen trotzdem, wenn sie mich drinnen sehen. Meistens mache ich auf.
Auf den ersten Blick halten mich manche für einen unfreundlichen alten Kerl. Breite Schultern, eine schiefe Nase, graue Stoppeln und eine Stimme, die nach vierzig Jahren Werkstatt nicht mehr besonders sanft klingt. Meine Tochter hatte früher gesagt, ich könnte selbst eine Bestellung beim Bäcker wie eine Beschwerde klingen lassen.
Daran musste ich denken, als Jule wieder zur Tür sah.
„Du kannst dich setzen“, sagte ich. „Im Büro steht Wasser. Und unter dem Schreibtisch liegt Benno.“
Sie schaute mich misstrauisch an.
„Mein Hund“, ergänzte ich. „Alt, grau und meistens im Weg.“
Ich zeigte mit der offenen Hand zum Büro. Diesmal langsam. Jule schob den Roller vorsichtig auf den Ständer und ging hinüber, ohne mir den Rücken ganz zuzudrehen.
Ich blieb einen Moment stehen.
Vor sechsundzwanzig Jahren hatte ein anderes Mädchen hier gestanden und behauptet, gegen einen Türrahmen gelaufen zu sein. Meine Tochter Jana. Damals hatte ich den Schaden an ihrem Auto gründlicher betrachtet als den in ihrem Gesicht.
Ich löste die vordere Verkleidung des Rollers. Eine Halterung war gebrochen, ein Kabel aus dem Stecker gerissen. In meinem Ersatzteillager stand ein ausgeschlachteter Roller derselben Bauart; vielleicht würde der Scheinwerfereinsatz passen.
Aus dem Büro hörte ich ein leises Scharren. Dann Jules Stimme, zum ersten Mal ohne dieses gehetzte Zittern.
„Na, du hast aber auch schon ein paar Jahre hinter dir.“
Benno kam mit ihr zurück. Er war ein schwerer, brauner Mischling mit einem weißen Maul und einer Hüfte, die nicht mehr richtig mitmachte. Jule passte ihre Schritte seinem langsamen Gang an.
„Der mag dich“, sagte ich.
„Vielleicht rieche ich nach dem Käsebrot in meiner Tasche.“
„Dann mag er dein Käsebrot. Bei ihm muss man ehrlich bleiben.“
Sie lächelte kurz. Es verschwand schnell wieder, aber ich hatte es gesehen.
Neben der Werkbank stand ein alter Küchenstuhl. Ich rückte ihn mit dem Fuß ein Stück vor, und Jule setzte sich vorsichtig. Als sie sich nach Benno beugte, hielt sie eine Hand an ihre linke Seite.
„Tut dir da etwas weh?“, fragte ich.
„Geht schon.“
Ich legte den Schraubenzieher ab.
„Du musst mir nichts erzählen. Aber wenn du Schmerzen hast, sollten wir jemanden draufschauen lassen.“
„Ich will nur den Roller repariert haben.“
„Gut“, sagte ich. „Dann fangen wir damit an.“
Eine Weile sprach keiner von uns. Im Radio erklärte jemand, wie man Obstbäume schneiden sollte. Jule streichelte Benno mit einer Hand und hielt mit der anderen ihr Handy fest.
Ihr Blick wanderte durch die Werkstatt, über die alten Mopeds an der Wand und das Foto meiner beiden früheren Gesellen neben dem Kalender.
„Haben Sie die alle wieder hingekriegt?“
„Die meisten. Bei manchen suche ich länger nach einem Ersatzteil, als die Reparatur dauert.“
„Meine Mutter hätte das gefallen.“ Sie sah auf ihren Roller. „Die hat immer gesagt, Sachen müssen nicht neu sein. Sie müssen nur noch können, wofür sie gemacht wurden.“
„Eine vernünftige Frau.“
Jule nickte, ohne mich anzusehen.
„Der Roller war von ihr. Zum Sechzehnten. Wir haben ihn zusammen abgeholt, bei einem Mann in einem Dorf hinter Hofgeismar.“
Sie fuhr mit dem Daumen über die Naht ihrer Jacke. „Mama hatte keine Ahnung von Motoren. Sie hat trotzdem eine ganze Liste mit Fragen mitgebracht.“
„So macht man das.“
„Drei Monate später war sie tot.“
Ich schob die kleine Schale mit den Schrauben zur Seite. Auf so einen Satz gab es keine gute Antwort, schon gar keine schnelle.
„Das tut mir leid, Jule.“
Sie zuckte mit den Schultern, aber ihre Augen wurden feucht.
„Alle sagen das. Ist auch nicht böse gemeint. Ich weiß nur nie, was ich darauf sagen soll.“
„Hier musst du darauf nichts sagen.“
Benno legte seinen Kopf auf ihren Schuh. Sie betrachtete ihn lange, bevor sie weitersprach.
„Papa hat dann Birgit kennengelernt. Irgendwann sind sie zusammengezogen. Im letzten Herbst haben sie geheiratet.“
Ich prüfte den Ersatzscheinwerfer. Er passte, zumindest an den Befestigungen.
„Und seitdem ist es schwierig?“
„Birgit sagt, ich hätte etwas dagegen, dass Papa wieder glücklich ist.“
„Hast du?“
Jule schüttelte sofort den Kopf.
„Ich wollte nur, dass noch ein paar Sachen von Mama im Wohnzimmer bleiben. Nicht alles. Das Foto auf dem Schrank hätte gereicht.“
Ihr Handy vibrierte. Sie sah auf das Display und drückte es sofort dunkel.
„Ist das dein Vater?“, fragte ich.
„Nein.“
Ihre Hand begann wieder zu zittern. Ich setzte mich auf den niedrigen Werkstatthocker, damit ich nicht länger vor ihr stand wie ein Lehrer vor einem Kind, das etwas ausgefressen hatte.
„Jule, ich frage dich jetzt etwas. Wenn du nicht antworten willst, lässt du es.“
Sie sah mich an.
„Hat jemand absichtlich deinen Roller kaputtgemacht?“
Sie presste die Lippen zusammen. Dann liefen ihr Tränen über die Wangen, ohne dass sich sonst etwas in ihrem Gesicht bewegte.
Ich zog die Schachtel mit den Papiertüchern vom Regal und stellte sie zwischen uns. Eine Weile hörte man nur das Radio und Bennos schweres Atmen.
„Sven“, sagte sie schließlich. „Birgits Sohn.“
Er war dreiundzwanzig und wohnte seit einigen Monaten ebenfalls bei ihnen. Ihr Vater arbeitete im Schichtdienst in einem Lager. Birgit war tagsüber häufig außer Haus, und Sven bestimmte zunehmend, was Jule durfte.
Zuerst waren es Bemerkungen über ihre Kleidung gewesen. Dann wollte er wissen, mit wem sie schrieb. Wenn sie sich wehrte, nahm er ihr das Handy oder stellte sich vor die Tür.
„Birgit sagt, er meint es gut“, flüsterte Jule. „Er wäre eben wie ein großer Bruder.“
Ich sah auf die Flecken an ihrem Arm.
„Und das?“
Sie zog den Stoff darüber, obwohl ich sie längst gesehen hatte.
„Wenn ich nicht mache, was er sagt, hält er mich fest. Manchmal schubst er mich. Hinterher sagt er, ich hätte ihn dazu gebracht.“
Ich spürte, wie ich die Hände zu Fäusten ballte, und öffnete sie wieder. Meine Wut konnte sie gerade nicht gebrauchen.
„Heute hat er mich vor der Schule mit einem Jungen aus meinem Kurs gesehen“, sagte sie. „Wir haben über eine Präsentation gesprochen. Mehr war da nicht.“
Zu Hause hatte Sven ihr den Schlüssel weggenommen. Als sie ihn zurückverlangte und nach draußen wollte, packte er sie am Arm. Sie war gegen den Roller gestoßen.
Danach hatte er mit einer schweren Metalllampe auf den Scheinwerfer geschlagen.
Jule sprach jetzt schnell, als müsste sie alles loswerden, bevor ihr der Mut ausging.
„Dann hat er gesagt, ich soll zusehen, dass das wieder heil ist, bevor Papa kommt. Sonst würde er ihm erzählen, ich wäre schon wieder leichtsinnig gefahren. Und Papa würde den Roller verkaufen.“
„Schon wieder?“
„Im Sommer war ein Kratzer dran. Sven hatte ihn beim Umräumen gegen die Garagenwand gedrückt. Aber Papa hat ihm geglaubt.“
Sie wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht.
„Er gehört doch mir. Mama hat ihn mir geschenkt.“
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