Sie brachte 47 Euro und einen kaputten Roller – doch ihre Arme verrieten mehr

In diesem Moment verstand ich, warum sie mit blauen Flecken und Schmerzen vor meiner Werkbank saß und trotzdem nur um den Scheinwerfer kämpfte. Es ging nicht um ein Fahrzeug. Es ging um etwas, das noch nicht aus ihrem Leben verschwunden war.

„Weiß dein Vater, dass Sven dir wehtut?“

„Ich habe versucht, es ihm zu sagen. Er meinte, wir müssten uns zusammenraufen.“

Sie sah mich zum ersten Mal richtig an.

„In fünf Monaten bin ich mit der Schule fertig. Dann mache ich meine Ausbildung. Ich muss nur noch bis dahin durchhalten.“

Ich wollte sofort widersprechen. Stattdessen atmete ich einmal tief durch.

„Fünf Monate können sehr lang sein, wenn man jeden Tag Angst hat.“

„Wenn jemand etwas sagt, wird es schlimmer.“

„Deshalb sollten wir überlegen, wie du heute einen sicheren Platz bekommst. Nicht bloß, wer mit Sven schimpft.“

Ich erzählte ihr von Ruth. Sie arbeitete bei einer Beratungsstelle und hatte mich vor Jahren angesprochen, weil eine Frau für ihren Arbeitsweg ein günstiges Fahrrad brauchte. Seitdem reparierte ich gelegentlich Räder für Menschen, deren Leben gerade ohnehin schwierig genug war.

„Ich könnte sie anrufen“, sagte ich. „Sie kann zuhören und mit dir überlegen, was möglich ist.“

Jule rieb sich über die Finger.

„Muss ich dann sofort alles entscheiden?“

„Nein. Wir können sie erst mal bitten, herzukommen.“

Nach einer Weile nickte sie. Ich rief Ruth vor ihr an, sagte nur so viel wie nötig und reichte Jule anschließend das Telefon.

„Hallo“, flüsterte sie. Dann hörte sie lange zu.

Als sie mir das Handy zurückgab, sagte sie: „Sie kommt.“

Ich arbeitete weiter. Jule blieb neben Benno sitzen und beantwortete schließlich eine Nachricht ihres Vaters: Sie sei in einer Werkstatt, der Roller werde repariert.

Zehn Minuten später wurde die Tür aufgestoßen.

Ein junger Mann trat herein, die Jacke offen, das Handy noch in der Hand. Sein Blick ging über mich hinweg direkt zu Jule.

„War ja klar, dass du hier bist. Was erzählst du dem denn?“

Jule stand so schnell auf, dass der Stuhl über den Boden scharrte. Benno hob mühsam den Kopf.

Ich legte das Werkzeug hin.

„Der Roller ist noch nicht fertig“, sagte ich.

„Ich rede mit meiner Schwester.“

„Ich habe Sie trotzdem gehört.“

Er musterte mich. Dann setzte er ein Lächeln auf, das nicht zu seinem Ton von eben passte.

„Sie macht gern ein bisschen Theater. Wir klären das zu Hause.“

Er ging einen Schritt auf Jule zu. Sie wich hinter den Stuhl zurück.

„Ich will noch nicht mit“, sagte sie.

Es war kaum mehr als ein Hauch. Sven tat, als hätte er nichts gehört.

„Komm jetzt. Deine Sachen kannst du später holen.“

Ich blieb neben der Werkbank stehen und hielt meine Stimme ruhig.

„Sie hat gesagt, dass sie bleiben möchte.“

Sein Gesicht wurde hart.

„Das ist eine Familienangelegenheit.“

„Sie stehen in meiner Werkstatt und setzen ein Mädchen unter Druck, das gerade Angst vor Ihnen hat. Damit habe ich auch etwas zu tun.“

Ich war weder stärker noch schneller als früher. Meine Knie taten weh, und seit einer Schulteroperation konnte ich den rechten Arm nicht mehr richtig heben. Wenn Sven handgreiflich geworden wäre, hätte ich wenig ausrichten können.

Also griff ich zum Telefon und rief die Polizei.

Ich sagte, wo wir waren und weshalb ich Hilfe brauchte. Dabei blieb ich im Raum. Jule sollte nicht hören müssen, wie ich hinter einer geschlossenen Tür darüber entschied, was mit ihr geschah.

Sven fluchte leise. Dann erklärte er laut, wir seien alle verrückt.

Als kurz darauf Ruth hereinkam, schien er sie zunächst für eine Kundin zu halten. Sie war Anfang sechzig, trug eine abgewetzte Stofftasche und hatte nichts an sich, das besonders eindrucksvoll wirkte.

Sie blieb neben Jule stehen.

„Ich bin Ruth. Wir haben telefoniert.“

Jule nickte.

„Möchtest du mit mir ins Büro gehen? Die Tür kann offen bleiben.“

Die beiden gingen hinüber. Sven rief etwas hinterher, doch Ruth drehte sich nur einmal um.

„Jetzt spricht Jule erst mit mir.“

Ich hatte in meinem Leben viele laute Männer erlebt. An diesem Nachmittag war ich froh über eine Frau, die nicht laut werden musste.

Sven ging nach draußen und telefonierte aufgebracht. Ich blieb an der Werkbank, von wo aus ich sowohl die Einfahrt als auch die Bürotür sehen konnte.

Als die Polizeistreife eintraf, behauptete er zunächst, er wolle lediglich seine minderjährige Stiefschwester nach Hause bringen. Die Beamten sprachen getrennt mit ihm und mit Jule. Ruth blieb bei ihr.

Ich beantwortete die Fragen, die mir gestellt wurden. Was ich gesehen hatte. Was Jule mir erzählt hatte. Mehr wusste ich nicht, und mehr behauptete ich auch nicht.

Sven musste schließlich draußen warten. Niemand schlug ihn, niemand hielt eine große Rede. Trotzdem war zum ersten Mal an diesem Nachmittag etwas anders: Er bestimmte nicht mehr, wann Jule aufstand und wohin sie ging.

Ihr Vater kam noch in seiner Arbeitsjacke. Er war vielleicht Mitte vierzig, hatte ein müdes Gesicht und wirkte zunächst vor allem verärgert.

„Was ist denn hier los?“, fragte er. „Birgit sagt, Jule hätte wegen eines kaputten Rollers die Polizei gerufen.“

Aus dem Büro kam keine Antwort.

Ich zeigte auf den Stuhl an der Werkbank.

„Vielleicht setzen Sie sich erst mal.“

„Ich möchte mit meiner Tochter reden.“

„Dann hören Sie ihr bitte auch zu.“

Er sah mich scharf an. Einen Moment dachte ich, jetzt müsste ich mich auch noch mit ihm streiten.

Dann trat Jule aus dem Büro. Ruth blieb einen halben Schritt hinter ihr.

„Papa, ich gehe heute nicht nach Hause.“

Sein Gesicht veränderte sich.

„Nun mach doch nicht gleich—“

Er hörte auf, weil Jule zusammenzuckte. Es war dieselbe kleine Bewegung, die sie vorhin bei meinem Griff zum Werkzeug gemacht hatte.

Sie zog den Ärmel hoch.

„Das ist nicht vom Roller.“

Er sah auf ihren Arm. Dann auf die andere Hand, die sie noch immer vorsichtig an ihre Seite hielt.

„Warum hast du denn nichts gesagt?“

Jule begann wieder zu weinen. Diesmal hörte man es.

„Ich habe es gesagt. In der Küche. Und im Auto, als du mich von Nele abgeholt hast. Du hast gesagt, ich soll nicht wegen jeder Kleinigkeit gegen Sven schießen.“

Der Vater öffnete den Mund, aber es kam nichts heraus.

„Und als Mama ihr Foto weg war, hast du auch gesagt, ich soll es Birgit nicht so schwer machen.“

Er setzte sich auf den Stuhl. Langsam, als hätten seine Beine nachgegeben.

Ruth ließ die Stille stehen. Ich war ihr dafür dankbar, denn ich hätte nicht gewusst, was ich mit ihr anfangen sollte.

Schließlich sagte er: „Ich dachte, ihr kommt nicht miteinander aus.“

„Ich auch“, antwortete Jule. „Am Anfang.“

Er nahm sein Handy heraus, als könnte er damit sofort etwas in Ordnung bringen. Dann legte er es unbenutzt wieder auf die Werkbank.

„Du musst heute nicht mit mir kommen“, sagte er.

Es war der erste Satz von ihm, bei dem Jule nicht angespannter wurde.

Noch am selben Nachmittag organisierte Ruth zusammen mit den zuständigen Leuten einen sicheren Platz für sie. Zuerst sollte sie wegen ihrer Schmerzen ärztlich untersucht werden. Wohin sie anschließend fahren würde, besprachen sie in Ruhe im Büro.

Ihr Vater wollte mit. Jule bat darum, zunächst allein mit Ruth zu gehen.

Es tat sichtbar weh, das zu hören. Aber er widersprach nicht.

Als Ruth draußen telefonierte, blieb Jule bei meinem Schreibtisch stehen. Dort stand ein kleines gerahmtes Foto von Jana, aufgenommen vor der Werkstatt. Sie hielt einen viel zu großen Schraubenschlüssel und lachte.

„Ist das Ihre Tochter?“, fragte Jule.

Ich nickte.

„Arbeitet sie auch hier?“

Ich setzte mich auf die Schreibtischkante. Die Antwort war nach all den Jahren nicht leichter geworden.

„Nein. Sie ist gestorben.“

Jule sah sofort weg.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen

Nach oben scrollen