Die fast blinde Hündin verlor ihren letzten Welpen doch ihre Reaktion im Tierheim brach allen das Herz

Die fast blinde Hündin sah zu, wie ihr letzter Welpe das Tierheim verließ. Doch als sie ihre Pfote unter die Tür schob, geschah etwas, das niemand vergessen würde.

„Komm, kleiner Mann. Jetzt fahren wir nach Hause.“

Renate Fischer zog die Decke etwas höher über den zehn Wochen alten Welpen auf ihrem Arm. Der Kleine hieß Paul. Er hatte hellbraunes Fell, vier cremefarbene Pfoten und diesen unbeholfenen Blick, den nur ganz junge Hunde haben.

Es war Samstag, kurz vor zwölf, im Tierheim einer kleinen Stadt bei Kassel.

Renate war 58 Jahre alt und seit drei Jahren allein. Ihr Mann war nach langer Krankheit gestorben. Die beiden erwachsenen Kinder lebten längst in anderen Städten.

Sie hatte lange überlegt, ob sie wieder einen Hund aufnehmen sollte.

Heute hatte sie sich endlich getraut.

Doch als sie mit Paul auf dem Arm zur Ausgangstür ging, hörte sie hinter sich ein leises Winseln.

Es kam nicht von ihrem Welpen.

Es kam von seiner Mutter.

Die Hündin stand hinter einem niedrigen Gitter am Ende des Flurs. Sie hieß Alma, war ungefähr fünf Jahre alt und hatte braun-weißes Fell. Ein breiter weißer Streifen verlief über ihre Stirn bis zur Nase.

Ihre Augen waren milchig grau.

Alma konnte kaum noch sehen.

Sie erkannte hell und dunkel, aber keine Gesichter. Menschen fand sie hauptsächlich durch ihre Stimmen und ihren Geruch.

Vor sieben Wochen hatte man sie mit fünf Welpen in einem verlassenen Geräteschuppen entdeckt.

Die Tiere waren erschöpft und unterernährt gewesen. Trotzdem hatte Alma ihre Jungen versorgt, so gut sie konnte.

Im Tierheim bekamen alle ausreichend Futter, medizinische Versorgung und einen warmen Platz zum Schlafen.

Langsam erholten sie sich.

Vier ihrer Welpen hatten bereits neue Familien gefunden.

Paul war der letzte.

„Die Mutter ist wirklich eine ganz Liebe“, sagte die Tierpflegerin Melanie. „Sie braucht nur etwas Geduld, weil sie sich schlecht orientieren kann.“

Renate drehte sich um.

Alma stand vollkommen still.

Nur ihre Nase bewegte sich.

Paul hob plötzlich den Kopf. Er streckte seinen kleinen Hals in Richtung des Gitters und gab einen kurzen, hohen Laut von sich.

Sofort richteten sich Almas Ohren auf.

„Sie erkennt ihn noch“, flüsterte Renate.

„Natürlich“, antwortete Melanie. „Sie kennt seinen Geruch besser als alles andere.“

Renate blickte auf den Welpen in ihren Armen.

„Ist es denn wirklich richtig, ihn schon mitzunehmen?“

Melanie nickte.

„Er ist alt genug, frisst selbstständig und wurde untersucht. Die anderen vier sind auch schon ausgezogen. Für Alma suchen wir jetzt ebenfalls ein schönes Zuhause.“

Das klang vernünftig.

Und doch fühlte sich Renate plötzlich nicht mehr ganz wohl.

Sie ging noch einmal zum Gitter.

„Na, Alma“, sagte sie leise. „Dein kleiner Junge bekommt es gut bei mir. Das verspreche ich dir.“

Alma streckte ihre Nase zwischen den Gitterstäben hindurch.

Renate hielt Paul vorsichtig etwas näher.

Der Welpe schnupperte an der Nase seiner Mutter.

Alma leckte ihm einmal über die Schnauze.

Dann zog Renate ihn wieder an ihre Brust.

„Wir müssen jetzt wirklich los“, sagte Melanie freundlich. „Die nächsten Besucher kommen gleich.“

Renate nickte.

Sie öffnete die Tür.

Und ging.

Was danach geschah, bemerkte zunächst niemand.

Alma folgte dem vertrauten Geruch ihres Welpen bis zum Gitter.

Dann blieb sie stehen.

Die Tür fiel ins Schloss.

Das Klacken des Schlosses hallte durch den Flur.

Alma zuckte kurz zusammen.

Dann drückte sie ihre Nase gegen den unteren Metallriegel.

Sie wartete.

Melanie stellte sich neben sie.

„Komm, meine Große. Wir gehen zurück.“

Alma bewegte sich nicht.

Melanie holte ein kleines Stück Hundewurst.

Normalerweise liebte Alma diese Belohnung. Sobald sie die Verpackung hörte, kam sie vorsichtig näher.

Diesmal nicht.

Sie schnupperte kurz und senkte den Kopf.

„Ach, Mädchen“, murmelte Melanie.

Ein anderer Mitarbeiter kam vorbei.

„Sie wird sich schon daran gewöhnen.“

Melanie wollte etwas erwidern.

Doch in diesem Moment machte Alma etwas Seltsames.

Sie drehte sich langsam im Kreis, tastete mit der Nase den Boden ab und legte sich direkt neben die Tür.

Dann schob sie eine Vorderpfote über die Schwelle.

Dort blieb sie liegen.

Melanie runzelte die Stirn.

Denn Alma hatte sich in den vergangenen sieben Wochen niemals freiwillig neben eine Tür gelegt.

Unbekannte Durchgänge machten ihr Angst.

Wenn jemand einen Futternapf zu nah an eine Tür stellte, fraß sie manchmal erst, nachdem man ihn an die Wand geschoben hatte.

Sie brauchte feste Orientierungspunkte.

Wände.

Ecken.

Vertraute Gerüche.

Doch jetzt lag sie mitten im unruhigsten Bereich des Tierheims.

Jedes Mal, wenn die Tür aufging, hob sie den Kopf.

Jedes Mal, wenn jemand hereinkam, schnupperte sie aufgeregt.

Und jedes Mal senkte sie den Kopf wieder.

Paul kam nicht zurück.

Nach zwanzig Minuten begannen ihre Hinterbeine zu zittern, wenn sie versuchte aufzustehen.

Melanie brachte eine weiche Decke.

Alma wollte nicht darauf liegen.

Sie ließ ihre Pfote auf der Schwelle.

Als wäre genau dieser kleine Streifen Boden der einzige Ort, an dem sie noch warten konnte.

Zur selben Zeit befestigte Renate die Transportbox auf dem Rücksitz ihres Kombis.

Paul hatte während der Fahrt zunächst unruhig an seiner grünen Decke gezupft.

Dann wurde er still.

Renate schaute in den Rückspiegel.

Der kleine Hund lag zusammengerollt in der Ecke seiner Box.

Seine Nase steckte tief in der Decke.

Renate musste wieder an Alma denken.

An ihre trüben Augen.

An die vorsichtig ausgestreckte Nase.

Und an den Moment, als sie ihren Welpen zum Abschied abgeleckt hatte.

„Du hast es gut bei mir“, sagte Renate leise.

Paul hob den Kopf.

„Das verspreche ich.“

Zu Hause stellte sie die Transportbox in der Küche ab.

Paul erkundete neugierig den Raum. Er schnupperte an den Stuhlbeinen, trank Wasser und entdeckte seinen neuen Schlafplatz.

Alles war vorbereitet.

Ein Körbchen neben der Heizung.

Ein Napf.

Eine kleine Leine.

Spielzeug.

Sogar eine weiche Hundedecke hatte Renate gekauft.

Doch Paul interessierte sich vor allem für die alte grüne Decke aus dem Tierheim.

Er zog sie aus seiner Box, schleppte sie unter den Küchentisch und legte sich darauf.

Renate setzte sich auf einen Stuhl.

Sie hätte glücklich sein müssen.

Nach drei stillen Jahren war endlich wieder Leben im Haus.

Aber irgendetwas ließ sie nicht los.

Sie sah ständig dieselbe Szene vor sich.

Eine Hündin hinter einem Gitter.

Eine weiße Pfote an einer Tür.

Und zwei milchige Augen, die nichts mehr richtig erkennen konnten.

Um 15:17 Uhr griff Renate zum Telefon.

Melanie meldete sich.

„Tierheim, guten Tag.“

„Hier ist Renate Fischer. Ich habe heute Mittag Paul abgeholt.“

„Ach, Frau Fischer! Wie geht es dem Kleinen?“

„Gut. Er hat schon gefressen und schläft gerade.“

„Das freut mich.“

Renate schwieg einen Moment.

Dann stellte sie die Frage, die sie seit Stunden beschäftigte.

„Liegt seine Mutter immer noch an dieser Tür?“

Am anderen Ende wurde es still.

„Frau Fischer?“

„Ja?“

„Einen Augenblick bitte.“

Renate hörte Schritte.

Eine Tür wurde geöffnet.

Dann sprach Melanie wieder.

Diesmal klang ihre Stimme anders.

„Ja“, sagte sie leise. „Sie liegt noch dort.“

Renate presste die Lippen zusammen.

„Seit heute Mittag?“

„Fast die ganze Zeit.“

„Hat sie wenigstens etwas gefressen?“

„Nur ein paar Bissen.“

Renate schaute zum Küchentisch.

Paul schlief mit seiner Nase tief in der grünen Decke.

„Melanie, darf ich etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Was passiert eigentlich mit Alma, wenn niemand sie haben möchte?“

Melanie atmete hörbar aus.

„Dann bleibt sie erst einmal bei uns. Wir suchen weiter nach einem passenden Zuhause.“

„Aber mit ihren Augen wird das schwierig, oder?“

„Ein bisschen schwieriger, ja. Erwachsene Hunde werden ohnehin seltener vermittelt. Und Alma braucht Menschen, die mit ihrer Sehschwäche umgehen können.“

Renate strich sich über die Stirn.

„Ich verstehe.“

Sie legte auf.

Dann blieb sie lange in der Küche sitzen.

Nach einer Weile stand sie auf, holte die zweite Tasse aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch.

Aus Gewohnheit.

Früher hatte ihr Mann dort gesessen.

Er hatte immer gesagt, dass ein Haus erst dann richtig lebendig sei, wenn irgendwo ein Hund schnarche.

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