39 Jahre lang wurde ich jeden Tag gebraucht. Doch nach meiner Rente wartete niemand mehr auf mich, bis ich eine vergessene Katze traf.
„Und was machen Sie jetzt mit Ihrer ganzen Freizeit, Herr Schulz?“
Diese Frage hatte ich an meinem letzten Arbeitstag bestimmt zwanzigmal gehört.
Ich hatte jedes Mal gelächelt und irgendetwas von Ausschlafen, Gartenarbeit und kleinen Ausflügen erzählt.
Dabei hatte ich keine Ahnung.
Am ersten Montag nach meiner Pensionierung saß ich 47 Minuten in meinem Auto vor der Garage. Der Motor war längst aus. Ich hielt noch immer das Lenkrad fest und konnte mich nicht dazu bringen, auszusteigen.
Ich wusste einfach nicht, wofür.
Ich trug sogar noch mein altes Arbeitshemd. Das hellblaue mit den leicht abgewetzten Manschetten.
An meinem Handgelenk saß die Uhr, die mich fast vier Jahrzehnte lang durch den Tag begleitet hatte.
Es war 7.35 Uhr.
Normalerweise hätte ich jetzt meinen zweiten Kaffee getrunken und die ersten Aufträge besprochen.
Aber niemand wartete mehr auf mich.
Mein Name ist Manfred Schulz. Ich bin 66 Jahre alt und lebe in einem kleinen Reihenhaus am Rand von Kassel.
Fast 39 Jahre hatte ich in einem mittelständischen Betrieb gearbeitet, zuletzt als Leiter der technischen Abteilung.
Ich war keiner von den Männern, die ständig große Reden hielten.
Ich war derjenige, den man anrief, wenn eine Maschine streikte, ein Mitarbeiter nicht weiterwusste oder ein Auftrag dringend fertig werden musste.
„Frag mal den Manfred. Der findet schon eine Lösung.“
Diesen Satz hatte ich unzählige Male gehört.
Und ich hatte nie darüber nachgedacht, wie viel er mir bedeutete.
Bis er plötzlich niemandem mehr über die Lippen kam.
An meinem letzten Freitag hatten die Kollegen einen Kuchen besorgt. Der Chef hielt eine kleine Rede, und jemand überreichte mir einen Geschenkkorb.
Wir machten ein Gruppenfoto.
Ein junger Kollege klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Jetzt genießen Sie erst mal Ihr Leben, Manfred. Sie haben es sich verdient.“
Ich nickte.
Dann räumte ich meinen Spind aus, gab meinen Schlüssel ab und ging.
Das war alles.
39 Jahre passten plötzlich in einen Karton, den ich auf den Rücksitz meines Autos stellte.
Am Montag danach klingelte kein Telefon.
Am Dienstag auch nicht.
Und am Mittwoch merkte ich, dass ich seit Stunden kein einziges Wort laut ausgesprochen hatte.
Meine Frau Brigitte war sechs Jahre zuvor gestorben.
Wir hatten uns immer ausgemalt, was wir alles machen würden, wenn ich endlich in Rente wäre.
Mit dem Zug an die Nordsee fahren. Den Garten neu anlegen. Vielleicht einmal eine kleine Reise nach Österreich.
Sie hatte dafür sogar einen Ordner angelegt.
Auf dem Umschlag stand in ihrer krakeligen Handschrift: „Wenn Manfred endlich Zeit hat.“
Der Ordner lag noch immer in unserer Wohnzimmerschublade.
Ich brachte es nicht fertig, ihn zu öffnen.
Unsere Tochter Andrea lebte mit ihrem Mann und den Kindern in der Nähe von Hamburg.
Sie rief regelmäßig an. Meistens sonntags.
„Papa, wie geht es dir?“
„Gut, mein Mädchen. Alles bestens.“
Ich sagte das so überzeugend, dass sie es glaubte.
Was hätte ich ihr auch erzählen sollen?
Dass ich morgens aufstand und nicht wusste, warum?
Dass ich manchmal drei Stunden vor dem Fernseher saß, ohne später sagen zu können, was gelaufen war?
Oder dass ich den Kühlschrank fünfmal hintereinander öffnete, nur weil ich nicht wusste, wohin mit meinen Händen?
Früher hatte mein Tag einen festen Ablauf.
Um 5.45 Uhr aufstehen. Kaffee kochen. Zeitung durchblättern. Um 6.30 Uhr das Haus verlassen.
Jetzt konnte ich schlafen, solange ich wollte.
Nur wollte ich das gar nicht.
Ich wachte weiterhin um Viertel vor sechs auf.
Dann blieb ich liegen und starrte an die Decke.
Manche Menschen erzählen vom Ruhestand, als beginne damit das schönste Kapitel ihres Lebens.
Für mich fühlte es sich an, als hätte jemand mein Leben zugeschlagen, bevor ich die letzte Seite gelesen hatte.
Besonders schlimm waren die Nachmittage.
Wenn früher die Kollegen nach Hause gingen, hatte ich noch etwas zu erledigen. Einen Bericht, einen Anruf, eine Entscheidung.
Jetzt hörte ich nur die Küchenuhr.
Tick.
Tack.
Tick.
Tack.
Ich begann, das Radio laufen zu lassen, selbst wenn ich im Garten war.
Nicht wegen der Musik.
Ich wollte einfach eine menschliche Stimme hören.
Ungefähr drei Wochen nach meinem letzten Arbeitstag passierte etwas, das ich heute noch kaum erklären kann.
Es war ein Dienstag.
Ich hatte gerade zum zweiten Mal den Küchenboden gewischt, obwohl er sauber gewesen war.
Dann nahm ich meinen Autoschlüssel und fuhr los.
Ohne richtiges Ziel.
An einer Kreuzung sah ich ein kleines Schild.
„Tierheim – Besucher willkommen.“
Ich war schon oft daran vorbeigefahren.
Diesmal bog ich ab.
Eigentlich hatte ich nie vorgehabt, mir ein Haustier anzuschaffen.
Brigitte und ich hatten früher einen alten Dackel gehabt. Seit seinem Tod waren viele Jahre vergangen.
Ich sagte mir, ich wolle nur ein bisschen schauen.
Vielleicht mit jemandem sprechen.
Vielleicht einfach eine Stunde verbringen, in der ich nicht allein in meiner Küche stand.
Im Tierheim begrüßte mich eine freundliche Mitarbeiterin. Sie hieß Frau Seidel und war ungefähr in meinem Alter.
„Suchen Sie einen Hund oder eine Katze?“, fragte sie.
„Eigentlich suche ich gar nichts“, antwortete ich. „Ich wollte nur mal vorbeischauen.“
Sie lächelte.
„Das sagen hier viele.“
Zuerst zeigte sie mir die Hunde.
Es war laut. Überall wurde gebellt, gesprungen und mit dem Schwanz gewedelt.
Ein brauner Mischling stellte sich sofort auf die Hinterbeine, als er mich sah.
Ein anderer schleppte ein Spielzeug an das Gitter.
Sie wirkten alle so voller Hoffnung.
Ich fühlte mich davon beinahe überfordert.
„Darf ich mir auch die Katzen anschauen?“, fragte ich schließlich.
Frau Seidel führte mich in einen ruhigeren Bereich.
Dort standen mehrere große Gehege mit Kletterbäumen, Decken und kleinen Schlafhöhlen.
Ein rot getigerter Kater drückte seine Nase neugierig an die Scheibe.
Eine schwarze Katze rollte sich auf den Rücken.
Zwei junge Katzen jagten einander über einen Kratzbaum.
Und dann sah ich sie.
Ganz hinten saß eine kleine grau-weiße Katze auf einer schmalen Fensterbank.
Sie hatte gelbliche Augen, ein etwas zerzaustes Fell und eine winzige Kerbe am linken Ohr.
Sie schaute hinaus auf den Parkplatz.
Nicht zu den Besuchern.
Nicht zu den anderen Katzen.
Nur auf die Autos.
„Die dort“, sagte ich. „Warum kommt sie nicht her?“
Frau Seidel folgte meinem Blick.
Ihr Gesicht wurde ernst.
„Ach, das ist unsere Lilli.“
„Wie alt ist sie?“
„Ungefähr elf.“
Ich betrachtete die kleine Katze.
„Und wie lange ist sie schon hier?“
Frau Seidel zögerte.
„Fast drei Jahre.“
Ich drehte mich zu ihr um.
„Drei Jahre?“
Sie nickte langsam.
„Ihr früherer Besitzer ist damals weggezogen. Die Katze konnte nicht mit. So wurde es uns jedenfalls erzählt.“
„Und seitdem wartet sie hier?“
„Ja. Leider.“
Frau Seidel verschränkte die Hände.
„Am Anfang war Lilli sehr zutraulich. Sie kam sofort zu jedem Besucher. Hat sich an die Beine geschmiegt und wollte gestreichelt werden.“
Sie machte eine Pause.
„Aber niemand hat sie genommen.“
„Warum nicht?“
„Zu alt, sagen die meisten. Manche möchten lieber ein junges Tier. Andere finden sie nicht verspielt genug.“
Ich schaute wieder zu Lilli.
„Und irgendwann hat sie aufgehört, zu den Leuten zu kommen?“
„Genau.“
Frau Seidel zeigte zum Fenster.
„Jetzt sitzt sie jeden Tag dort. Stundenlang. Sobald draußen ein Auto hält, schaut sie ganz aufmerksam hin.“
Ich schluckte.
„Glauben Sie, sie wartet auf ihren alten Besitzer?“
„Das können wir nicht wissen“, sagte Frau Seidel leise. „Aber manchmal sieht es wirklich so aus.“
Ich weiß nicht, warum mich diese Antwort so traf.
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