Ich adoptierte eine zwölfjährige Katze nach meiner Scheidung doch warum sie jede Nacht das halbe Bett freiließ, brach mir das Herz

Im Tierheim nannten sie die alte Katze ein Scheidungsopfer. Ich musste lachen, bis ich nachts begriff, warum sie immer die Hälfte meines Bettes freiließ.

„Die ist doch viel zu alt“, sagte der Mann neben mir und zeigte auf den grauen Katerkäfig.

„Zwölf Jahre. So ein Tier nimmt doch keiner mehr.“

Ich stand vor dem Gitter und sah in zwei gelbgrüne Augen. Die Katze rührte sich nicht. Sie lag auf einer dünnen Decke, die Pfoten eng unter den Körper gezogen.

„Sie heißt Frieda“, sagte die Tierheimmitarbeiterin hinter mir. „Und sie hat gerade ihr Zuhause verloren.“

Ich war damals 54 Jahre alt und seit elf Tagen geschieden.

Elf Tage, seit ich die Schlüssel zu meiner neuen Wohnung bekommen hatte. Elf Tage, seit meine Frau Sabine und ich nach 27 Ehejahren endgültig getrennte Wege gingen.

Ich hatte nicht vorgehabt, ein Tier aufzunehmen.

Eigentlich wusste ich nicht einmal, warum ich an diesem Dienstag im Tierheim am Stadtrand von Kassel gelandet war.

Vielleicht, weil ich das Schweigen in meiner Wohnung nicht mehr aushielt.

Meine neue Bleibe hatte zwei kleine Zimmer, eine winzige Küche und ein Badezimmer, in dem man sich kaum umdrehen konnte. Sie lag über einer alten Wäscherei. Wenn unten die Maschinen liefen, vibrierte manchmal der Fußboden.

In der Küche stand ein Klapptisch. Darauf lagen unbezahlte Rechnungen, eine angebrochene Packung Toastbrot und ein Glas löslicher Kaffee.

Die meisten meiner Sachen steckten noch in Umzugskartons.

Ich hatte einfach keine Kraft, sie auszupacken.

„Was ist denn mit ihr passiert?“, fragte ich.

Die Mitarbeiterin, eine Frau Anfang sechzig mit kurzen grauen Haaren, seufzte.

„Ihre Besitzer haben sich scheiden lassen.“

Ich musste kurz lachen.

„Eine Katze als Scheidungsopfer? Das gibt es auch?“

Die Frau lachte nicht mit.

„Frieda hat elf Jahre bei einem Ehepaar gelebt. Dann ist der Mann ausgezogen. Die Frau musste in eine kleinere Wohnung, in der keine Tiere erlaubt waren.“

Sie deutete auf die alte Wolldecke.

„Das und ein Futternapf waren alles, was man ihr mitgegeben hat.“

Plötzlich fand ich meinen Witz nicht mehr lustig.

Frieda sah mich an.

Nicht neugierig. Nicht freundlich.

Eher so, als hätte sie längst verstanden, dass Menschen manchmal einfach verschwinden.

„Kommt sie denn mit anderen Katzen zurecht?“, fragte ich.

„Sie zieht sich zurück. Frisst wenig. Und abends sitzt sie immer an der Tür.“

Die Mitarbeiterin machte eine Pause.

„Vielleicht wartet sie noch auf jemanden.“

Ich schluckte.

Denn genau das tat ich auch.

Zwei Tage später holte ich Frieda ab.

Ich kaufte einen Transportkorb, zwei Näpfe, Katzenfutter und ein kleines Katzenklo. Viel mehr konnte ich mir damals nicht leisten.

Als ich mit ihr nach Hause kam, stellte ich den Korb im Wohnzimmer ab und öffnete vorsichtig die Tür.

Frieda blieb sitzen.

„Na komm, Mädchen“, sagte ich. „Hier ist es zwar nicht besonders schön. Aber wir kriegen das schon hin.“

Sie schaute mich lange an.

Dann schlüpfte sie unter meinen gebrauchten Sessel.

Dort blieb sie sechs Stunden.

Ich setzte mich mit einer Zeitung auf den Boden. Nicht, weil ich unbedingt lesen wollte. Ich wollte nur nicht, dass sie sich allein fühlte.

Gegen Mitternacht hörte ich leise Schritte.

Frieda kam heraus, fraß ein paar Bissen und trank etwas Wasser.

Dann sprang sie überraschend auf mein Bett.

Ich lag bereits unter der Decke und wagte kaum, mich zu bewegen.

Sie drehte sich zweimal um die eigene Achse.

Und legte sich ganz an den äußeren Rand der Matratze.

Zwischen uns blieb eine große freie Fläche.

Ich dachte mir zunächst nichts dabei.

Aber in der zweiten Nacht machte sie es genauso.

Und in der dritten.

Immer derselbe Platz. Immer dieselbe leere Hälfte.

Als würde dort noch jemand hingehören.

Zuerst sagte ich mir, dass ich mir das einbildete.

Nach einer Scheidung sieht man überall Zeichen. Ein altes Lied im Radio kann einen zum Weinen bringen. Ein zweiter Kaffeebecher im Schrank kann plötzlich wehtun.

Und manchmal macht man aus dem Verhalten einer Katze mehr, als tatsächlich dahintersteckt.

Doch Frieda hatte noch andere seltsame Angewohnheiten.

Jeden Abend, ungefähr um halb sieben, ging sie zur Wohnungstür.

Sie setzte sich davor und starrte auf den schmalen Spalt unter dem Türblatt.

Zehn Minuten lang.

Manchmal länger.

Wenn im Treppenhaus Schritte zu hören waren, hob sie den Kopf.

Wenn die Schritte vorbeigingen, senkte sie ihn wieder.

Ich beobachtete das anfangs schweigend.

Irgendwann fing ich an, mit ihr zu reden.

„Sie kommt nicht, Frieda.“

Die Katze bewegte nur ein Ohr.

„Meine auch nicht.“

Ich weiß, wie albern das klingt.

Ein geschiedener Mann, Mitte fünfzig, sitzt abends in einer kleinen Mietwohnung und redet mit einer alten Katze über Menschen, die nicht mehr zurückkommen.

Aber genau so war es.

Und irgendwie half es.

Meine Ehe mit Sabine war nicht an einem einzigen großen Streit zerbrochen.

Es gab keinen dramatischen Abschied, keine zugeschlagene Tür und keinen anderen Menschen.

Wir hatten uns über Jahre voneinander entfernt.

Erst redeten wir weniger. Dann machten wir kaum noch etwas gemeinsam. Schließlich lebten wir unter einem Dach, als wären wir freundliche Bekannte.

Als Sabine sagte, dass sie nicht mehr könne, hatte ich keine Antwort.

Vielleicht, weil ich es selbst schon lange gespürt hatte.

Trotzdem tat die Trennung weh.

Besonders die kleinen Dinge.

Morgens kochte ich immer noch Kaffee für zwei Personen.

Beim Einkaufen griff ich automatisch nach ihrem Lieblingsjoghurt.

Abends wollte ich manchmal etwas erzählen und drehte mich zur Seite.

Aber da war niemand.

Mit 54 fängt man nicht einfach neu an, wie die Leute gern behaupten.

Man steht in einer fremden Küche und überlegt, welche Tasse man behalten darf, ohne dass die Erinnerung daran wehtut.

Frieda schien das zu verstehen.

Natürlich nicht auf menschliche Weise.

Aber sie war da.

Und das machte einen Unterschied.

Nach drei Wochen kam sie zum ersten Mal freiwillig auf meinen Schoß.

Es war ein Sonntagabend. Ich saß im Sessel und schaute eine alte Fernsehsendung.

Sie sprang hoch, schnupperte an meiner Hand und rollte sich vorsichtig zusammen.

Ich traute mich kaum zu atmen.

„Na sieh mal einer an“, flüsterte ich.

Sie blieb ganze sieben Minuten.

Für mich fühlte es sich an wie ein Geschenk.

Mit der Zeit lernte ich ihre Eigenheiten kennen.

Sie mochte ihr Nassfutter nur, wenn ich es mit einer Gabel zerdrückte.

Sie hasste geschlossene Türen.

Sie schlief am liebsten auf einer alten Strickjacke, die ich eigentlich hatte wegwerfen wollen.

Und wenn ich in der Küche stand und weinte, kam sie manchmal dazu.

Sie setzte sich einfach neben meine Füße.

Ohne etwas zu verlangen.

Es waren solche Momente, in denen die Wohnung ein kleines bisschen weniger fremd wurde.

Doch eine Sache machte Frieda regelrecht panisch.

Das Geräusch von Paketklebeband.

Ich bemerkte es zum ersten Mal, als ich einen der Umzugskartons wieder verschließen wollte.

Kaum zog ich das Band von der Rolle, schoss Frieda unter dem Tisch hervor.

Sie rannte gegen einen Stuhl, warf eine Stehlampe um und verschwand unter dem Bett.

Ich erschrak furchtbar.

„Frieda! Was ist denn los?“

Sie antwortete nicht.

Als ich vorsichtig ins Schlafzimmer schaute, kauerte sie in der hintersten Ecke.

Ihre Augen waren weit aufgerissen.

Der ganze kleine Körper zitterte.

Ich ließ das Klebeband liegen.

Erst Stunden später kam sie wieder heraus.

Danach vermied ich das Geräusch.

Aber ich verstand nicht, warum es ihr solche Angst machte.

Bis zu jenem Freitag im November.

An diesem Tag rief mich mein Vorgesetzter kurz vor Feierabend ins Büro.

Ich arbeitete seit fast zwanzig Jahren in einem mittelständischen Betrieb für Lagertechnik.

Früher hatte ich Überstunden gemacht, wann immer man mich brauchte. An manchen Wochenenden war ich sogar freiwillig eingesprungen.

Doch die Auftragslage war schlechter geworden.

„Thomas“, sagte mein Chef, „wir müssen deine Stunden vorerst reduzieren.“

Ich fragte, wie lange.

Er zuckte mit den Schultern.

„Das kann ich dir leider nicht sagen.“

Auf der Heimfahrt rechnete ich im Kopf.

Miete. Strom. Lebensmittel. Versicherungen.

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