Als meine Frau zwischen den Sitzreihen zusammenbrach, gingen Menschen einfach weiter. Ausgerechnet der Mann, vor dem ich sie kurz zuvor gewarnt hatte, blieb bei uns.
„Gehen Sie bitte zur Seite. Ich muss hier durch.“
Die Frau mit dem Getränkebecher sah mich an, als hätte ich meinen Einkaufswagen quer im Supermarkt abgestellt.
Auf dem Betonboden lag meine Helga.
Ihre Augen waren geschlossen. Ihr Mund stand ein wenig offen. Die Hand, die eben noch meinen Unterarm umklammert hatte, war schlaff geworden.
„Meine Frau bekommt keine Luft“, sagte ich.
Die Frau blickte nach unten. Dann zog sie ihren Becher an die Brust, drängte sich an uns vorbei und verschwand im Gedränge.
Ich weiß bis heute nicht, was mich mehr erschreckt hat. Dass Helga plötzlich so still war. Oder dass die Welt um uns herum einfach weiterging.
Ich bin kein Mann, der schnell laut wird. Vierundvierzig Jahre habe ich als Werkzeugmacher gearbeitet, später die Lehrlinge betreut. Wenn eine Maschine streikte, wurde sie von meinem Gebrüll auch nicht wieder heil.
Aber in dieser Eishalle schrie ich, bis mir der Hals wehtat.
„Hilfe! Rufen Sie einen Rettungswagen!“
Zwei Reihen über uns jubelte jemand. Unten auf dem Eis lief das Spiel weiter. Eine Durchsage ging im Lärm unter.
Helga war an diesem Abend achtundsechzig geworden. Die Eintrittskarten hatte ich ihr in einen alten Briefumschlag gesteckt, auf den ich mit meinem Werkstattbleistift geschrieben hatte: Für meine lauteste Frau.
Sie hatte gelacht.
„Warte nur, bis der Schiedsrichter wieder Unsinn pfeift.“
Seit dreiundvierzig Jahren waren wir verheiratet. Ich kannte ihren Gang auf unserer Treppe, ihr Räuspern vor einer Beschwerde und die Art, wie sie im Schlaf nach meiner Hand suchte.
Doch dieses Gesicht auf dem Boden kannte ich nicht.
Kurz nach Beginn des zweiten Drittels hatte sie gesagt: „Dieter, mir ist irgendwie komisch.“
Ich hatte mich noch über eine verpasste Torchance geärgert.
„Sollen wir kurz raus?“
Da war sie schon gegen mich gesackt. Ich hatte sie unter den Armen erwischt und verhindert, dass sie die Stufen hinunterfiel.
Ein älterer Mann half mir, sie auf den Boden zu legen. Dann stand er neben uns, die Hände halb angehoben, als wüsste er nicht, wohin damit.
„Ich kann so etwas nicht“, sagte er.
„Dann holen Sie jemanden!“
Er nickte, drehte sich um und verschwand zwischen den Menschen.
Helga reagierte nicht. Ich beugte mich zu ihr hinunter. Da war kein normaler Atemzug, nur einmal ein seltsames Geräusch, das mich für einen Moment hoffen ließ.
Dann wieder nichts.
Unser letzter Erstehilfekurs lag sieben Jahre zurück. Helga hatte uns damals angemeldet, weil unser Sohn gesagt hatte, irgendwann könnten wir Großeltern werden.
„Da will ich wenigstens wissen, was ich tue“, hatte sie gesagt.
Jetzt kniete ich neben ihr und versuchte mich an die Stimme der Kursleiterin zu erinnern.
Ich legte meine Hände auf ihre Brust und begann zu drücken.
„Bitte“, sagte ich. „Helga. Bitte.“
Meine Knie schmerzten auf dem Beton. Ich zählte laut, verlor die Zahl und fing von vorn an.
Neben mir blieben Schuhe stehen. Andere gingen weiter. Ich sah keine Gesichter mehr, nur Hosenbeine, Taschen, den Rand eines Schals.
Dann entdeckte ich das Handy.
Ein Junge stand wenige Schritte entfernt und hielt es in unsere Richtung. Vielleicht sechzehn, vielleicht siebzehn. Auf seinem Display konnte ich uns erkennen.
„Ruf Hilfe!“, schrie ich ihn an.
Er sagte nichts. Das Telefon blieb oben.
Ich konnte nicht zu ihm gehen. Ich konnte nicht einmal den Arm heben. Alles, was ich noch hatte, steckte in dieser Bewegung, immer wieder hinunter, während Helga unter meinen Händen fremd und reglos blieb.
„Weiterdrücken. Ich bin da.“
Die Stimme kam direkt von meiner rechten Seite.
Ein kräftiger Mann ließ sich neben uns auf die Knie fallen. Grauer Bart, breiter Nacken, eine verblichene Arbeitsjacke mit dunklen Flecken an den Ärmeln.
Ich erkannte ihn sofort.
Vor dem Spiel hatte er am Eingang vor uns gestanden. Mit schweren Schuhen, einer alten Stofftasche und einer Narbe, die vom Kinn bis unter seinen Bart verlief.
Ich hatte Helga leise zugeflüstert: „Hoffentlich sitzt der nicht direkt neben uns.“
Sie hatte mich mit dem Ellenbogen angestoßen.
„Du hast auch schon sauberer ausgesehen.“
Jetzt kniete genau dieser Mann neben meiner Frau.
„Ich heiße Rolf. Ich war bei der Berufsfeuerwehr, auch im Rettungsdienst. Was ist passiert?“
„Sie konnte nicht atmen. Dann ist sie umgefallen.“
Er beugte sich kurz zu ihr, sah mich an und sagte: „Sie haben richtig angefangen. Machen Sie weiter.“
Kein großes Versprechen. Nur dieser ruhige Satz.
Dann zeigte er auf den Jungen.
„Du mit dem Telefon. Aufnahme aus. Ruf die 112 an. Sag Eishalle, Block neun, obere Treppe. Eine Frau ist bewusstlos und atmet nicht normal.“
Der Junge senkte das Handy.
„Jetzt“, sagte Rolf.
Es war nicht besonders laut. Aber es ließ keinen Raum für eine Ausrede.
Dann wandte er sich an eine Frau am Gang.
„Holen Sie den Ordnungsdienst. Die sollen den Sanitätsdienst und einen Defibrillator bringen.“
Sie nickte sofort und lief los.
Einen Mann mit zwei Bierbechern bat er, den Zugang freizuhalten. Der stellte die Becher ab und breitete die Arme aus.
Auf einmal bewegten sich Menschen für Helga, statt nur an ihr vorbei.
„Wie heißt Ihre Frau?“, fragte Rolf.
„Helga.“
„Und Sie?“
„Dieter.“
„Gut, Dieter. Wir wechseln gleich. Ihre Arme werden müde.“
Ich wollte widersprechen. Als müsste ich beweisen, dass ich für meine Frau noch Kraft hatte.
Aber meine Schultern brannten bereits. Meine Hände zitterten.
Rolf wartete auf den passenden Moment, dann übernahm er. Ohne Hast, ohne eine unnötige Bewegung.
Ich saß neben Helgas Kopf und hörte mich keuchen.
„Ich bin hier“, flüsterte ich. „Helga, ich bin hier.“
Zwei Mitarbeiter kamen mit einer Tasche und dem Defibrillator. Einer kniete sich auf ihre andere Seite. Der andere schirmte uns so gut ab, wie es in diesem engen Gang möglich war.
Rolf gab knapp weiter, was er wusste.
Ich musste Helgas Bluse öffnen sehen. Die Bluse mit den kleinen blauen Blüten, die sie nur anzog, wenn wir ausgingen.
So etwas bleibt hängen.
Nicht die Durchsagen. Nicht der Spielstand. Die kleinen blauen Blüten.
Das Gerät sprach mit einer gleichgültigen Stimme. Alle mussten zurück.
Ich starrte auf Helgas Gesicht.
Nach dem Stromstoß ging die Wiederbelebung weiter.
„Warum wacht sie nicht auf?“, fragte ich.
Niemand antwortete sofort.
Dann sagte Rolf: „Der Rettungsdienst ist unterwegs. Wir machen weiter.“
Ich wollte mehr hören. Ich wollte hören, dass alles gut würde.
Er versprach es mir nicht.
Als die Rettungskräfte kamen, rückten wir zur Seite. Eine Frau stellte Fragen, ihr Kollege bereitete Geräte vor. Rolf antwortete so klar, als läge vor ihm ein Einsatzbericht und kein Mensch, um den ich mein halbes Leben gebaut hatte.
Dann stand er auf.
Erst jetzt sah ich, dass seine Hände ebenfalls zitterten.
Er legte mir eine auf die Schulter.
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