Ich behandelte ihn wie einen Verbrecher, dann verschwand meine kleine Tochter

Ich hatte ihm Handschellen angelegt, obwohl er nichts getan hatte. Achtzehn Monate später stand er vor mir, während meine kleine Tochter seit Stunden verschwunden war.

„Nehmen Sie die Hände vom Wagen.“

Der Mann drehte sich langsam zu mir um. Er trug eine ausgebleichte Arbeitsjacke, unter seinen Fingernägeln saß dunkles Fett, und sein grauer Bart war ungleichmäßig geschnitten. Einer dieser kräftigen älteren Männer, die auch dann streng aussehen, wenn sie nur nach dem Weg fragen.

„Ich wollte Ihnen bloß den Fahrzeugschein geben“, sagte er.

„Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen die Hände vom Wagen nehmen.“

Das hatte ich nicht gesagt. Bis zu diesem Augenblick hatte ich seine Papiere verlangt.

Er sah mich einen Moment lang an. Dann legte er den Fahrzeugschein auf die Motorhaube seines alten Transporters und hob beide Hände.

Ich hätte ihn kontrollieren und weiterfahren lassen können.

Stattdessen packte ich seinen Arm.

„Was soll denn das?“

Ich drückte ihn gegen meinen Streifenwagen. Zu fest. Als er vor Schmerz die Schulter hochzog, verdrehte ich ihm den Arm und legte ihm Handschellen an.

„Jetzt bleiben Sie ruhig.“

Er war ruhig. Ich war derjenige, der die Kontrolle verloren hatte.

Meine Kollegin kam um den Transporter herum. Sie hatte das Warndreieck geprüft und sah jetzt seinen blutenden Mund.

„Was ist passiert?“

„Er hat sich widersetzt“, sagte ich.

Der Mann hob den Kopf ein Stück.

„Das stimmt nicht.“

Ich drückte ihn wieder nach unten.

Sein Name war Hartmut Seidel. Er war vierundsechzig, seit wenigen Monaten Rentner und vorher fast vierzig Jahre Fernfahrer gewesen. An diesem Morgen hatte er Holz für einen Bekannten abgeholt.

Die Ladung war ordentlich gesichert. Seine Papiere waren vollständig. Er hatte weder getrunken noch jemanden gefährdet.

Ich hatte ihn angehalten, weil mir sein Transporter aufgefallen war. Und weil ich, als ich seine Arbeitsjacke und seine breiten Hände sah, längst beschlossen hatte, was für ein Mensch da vor mir stand.

Mein jüngerer Bruder war mit neunzehn gestorben. Ein übermüdeter Lastwagenfahrer hatte vor einer Baustelle zu spät gebremst und sein Auto zwischen zwei Fahrzeugen eingeklemmt.

Ich hatte damals die Nachricht zu meinen Eltern gebracht.

Seitdem hielt ich Bilder im Kopf fest, die niemand festhalten sollte. Die Einkaufstasche meiner Mutter auf dem Küchenboden. Mein Vater, der immer wieder fragte, ob ich sicher sei. Der unberührte Teller meines Bruders.

Der Fahrer war verurteilt worden. Aber meine Wut hatte damit keinen Ort gefunden, an dem sie enden konnte.

Jahrelang war ich besonders scharf geworden, sobald ein älterer Mann mit rauer Stimme hinter dem Steuer eines Lastwagens oder Transporters saß. Aus Kontrollen wurden Belehrungen. Aus kleinen Fehlern Grundsatzfragen.

Ich nannte es Gründlichkeit.

An diesem Vormittag wurde daraus etwas, das ich auch vor mir selbst nicht mehr hätte rechtfertigen dürfen.

Hartmut musste mit zur Wache. Sein Transporter blieb stehen, bis sein Schwager ihn abholen konnte. Wegen seiner verletzten Schulter wurde er untersucht.

Er erstattete Anzeige gegen mich.

Ich schrieb einen Bericht, in dem er plötzlich aggressiv geworden war. Meine Kollegin konnte den Beginn nicht beurteilen. Die Verletzungen belegten, dass ich Gewalt angewendet hatte, aber nicht, wie die Situation angefangen hatte.

Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Das gegen mich später ebenfalls.

Ich las das Schreiben und war erleichtert.

Nicht, weil die Wahrheit geklärt war. Sondern weil ich davongekommen war.

Achtzehn Monate später rief meine Frau mich an.

„Martin, du musst kommen.“

Ich hörte sofort, dass etwas nicht stimmte. Anja sprach sonst ruhig, selbst wenn sie sich ärgerte.

Jetzt bekam sie kaum Luft.

„Jonte ist weg.“

Unsere Tochter war fünf. Sie hieß eigentlich Johanna, aber seit sie sprechen konnte, nannte sie sich Jonte, und irgendwann hatten wir alle aufgehört, sie zu verbessern.

„Was heißt weg?“

„Vom Spielplatz. Ich finde sie nicht.“

Der Spielplatz lag am Rand unserer Kleinstadt im Sauerland. Dahinter begannen Waldwege, ein Bachlauf und ein großes Gebiet aus alten Forstflächen, kleinen Schluchten und aufgegebenen Rückegassen.

Ich war in wenigen Minuten dort.

Anja stand neben der Rutsche. Ihre Handtasche lag offen auf einer Bank. Zwei andere Mütter suchten zwischen den Büschen, während ein Vater zum Parkplatz lief.

„Sie wollte noch einmal schaukeln“, sagte Anja. „Ich habe ihre Trinkflasche eingepackt. Dann war sie nicht mehr da.“

Ich rief ihren Namen.

Zuerst so, wie man nach einem Kind ruft, das hinter einem Baum kichert. Dann lauter.

Schließlich schrie ich.

Wir fanden sie nicht hinter dem Toilettenhäuschen, nicht am Parkplatz und nicht bei den anderen Kindern.

Am Zugang zum Wald lag ein zerdrücktes Papierschiffchen. Anja hatte es am Nachmittag mit ihr gefaltet.

Jonte hatte es im Bach schwimmen lassen wollen.

Ich gab die Vermisstenmeldung durch.

Von diesem Augenblick an übernahmen andere die Leitung. Meine Vorgesetzte sagte mir ausdrücklich, dass ich jetzt Vater sei und kein Teil der Einsatzführung.

Ich nickte. Dann lief ich trotzdem wieder zum Bach, bis ein Kollege mich zurückholte.

Noch am Abend suchten zahlreiche Einsatzkräfte und freiwillige Helfer. Hunde wurden eingesetzt, Wege abgesucht, Anwohner befragt und die benachbarten Straßen kontrolliert.

Niemand ging einfach davon aus, dass sie nur im Wald sein konnte.

Wir prüften jede Möglichkeit.

Ein Hund folgte ihrer Spur bis zu einer flachen Stelle am Wasser. Dahinter wurde es unklar. Auf dem Hauptweg fand sich nichts, das uns sicher weiterhalf.

Ich kannte solche Einsätze.

Ich wusste, wie sorgfältig gearbeitet wurde. Ich wusste auch, weshalb niemand einem Vater versprach, dass alles gut ausgehen würde.

Anja saß später im provisorischen Aufenthaltsraum neben der Fahrzeughalle. Vor ihr stand ein Becher Tee, den sie mit beiden Händen festhielt.

„Sie kann ihren Reißverschluss noch nicht richtig zumachen“, sagte sie.

Ich setzte mich neben sie.

„Wenn der Stoff unten hängen bleibt, wird sie wütend. Dann zieht sie einfach.“

Ich wollte etwas sagen, aber mir fiel nichts ein, das nicht gelogen gewesen wäre.

„Heute Morgen wollte sie, dass ich ihre Jacke zumache. Ich habe gesagt, sie soll es endlich allein versuchen.“

Anja stellte den Becher hin, als wäre er plötzlich zu schwer geworden.

„Das war das Letzte, worüber ich mit ihr geschimpft habe.“

In dieser Nacht ging niemand von uns nach Hause.

Immer wieder öffnete sich die Tür. Jedes Mal richteten wir uns auf. Jedes Mal kam jemand herein, der eine Rückfrage hatte, eine neue Karte brachte oder uns drängte, wenigstens etwas zu essen.

Irgendwann legte mir ein Kollege eine Decke um die Schultern.

Ich hatte nicht bemerkt, dass ich zitterte.

Am folgenden Vormittag hingen am Eingang der Fahrzeughalle ausgedruckte Fotos von Jonte. Auf einem fehlte ihr ein Milchzahn. Auf einem anderen hielt sie einen viel zu großen Kürbis im Arm.

Menschen kamen, die wir nie zuvor gesehen hatten.

Eine Bäckereiverkäuferin brachte belegte Brötchen. Zwei Rentner boten an, Straßen abzufahren. Junge Leute meldeten sich nach der Arbeit zum Suchen.

Nicht jeder konnte in den Wald geschickt werden. Die Helfer mussten eingeteilt werden, damit niemand selbst verloren ging und keine Bereiche planlos mehrfach abgesucht wurden.

Ich stand gerade vor einer Karte, als ich ihn durch die offene Tür sah.

Hartmut Seidel.

Die gleiche breite Gestalt. Eine andere Arbeitsjacke. Neben ihm standen mehrere Männer, einer mit Wanderstock, ein anderer mit einer alten Ledertasche.

Mein erster Gedanke war so beschämend, dass ich ihn lange niemandem erzählen konnte.

Ich dachte, er sei gekommen, um mich leiden zu sehen.

Hartmut bemerkte mich. Seine rechte Hand blieb einen Augenblick am Reißverschluss seiner Jacke liegen.

Dann ließ er sie sinken.

„Herr Berger.“

Ich brachte keinen Gruß heraus.

„Was machen Sie hier?“

Er sah kurz auf das Foto meiner Tochter neben der Tür.

„Wir haben gehört, dass ein Kind fehlt.“

„Sie wissen, wessen Kind.“

„Ja.“

Ich wartete auf einen Satz, den ich verdient hätte. Auf Spott. Auf die Frage, wie es sich anfühle, hilflos zu sein.

Hartmut zog eine gefaltete Karte aus seiner Tasche.

„Ich habe früher Holz aus dem Revier gefahren. Einer von uns war dort Forstwirt. Wir kennen ein paar alte Zugänge.“

Meine Vorgesetzte kam dazu. Hartmut erklärte sachlich, wo früher eine Verladestelle gewesen war und welcher zugewachsene Weg zu einem stillgelegten Pumpenhäuschen führte.

Der Weg war auf der aktuellen Übersicht nur noch teilweise zu erkennen.

„Das Häuschen steht noch?“, fragte sie.

„Vor zwei Jahren stand es noch. Mein Schwager und ich waren dort wegen einer umgestürzten Buche.“

Sie holte den zuständigen Abschnittsleiter.

Niemand übergab Hartmut die Suche. Niemand schickte seine Bekannten einfach irgendwohin. Ihre Hinweise wurden aufgenommen, mit den bisherigen Suchflächen abgeglichen und in die Einteilung übernommen.

Ich stand daneben und verstand kaum, was ich hörte.

Als die anderen sich über die Karte beugten, fragte ich leise: „Warum helfen Sie mir?“

Hartmut sah auf.

„Ihre Tochter kann nichts dafür.“

Dann wandte er sich wieder der Karte zu.

Dieser eine Satz traf mich härter als jede Beschimpfung.

Am Nachmittag zog eine weitere Suchgruppe los. Hartmut ging mit einem ortskundigen Bekannten und zwei eingeteilten Helfern in einen Bereich oberhalb des Bachlaufs.

Bevor er ging, prüfte er seine Taschen. Wasser, Telefon, Taschenlampe.

Seine Bewegungen waren langsam und geübt. An der rechten Schulter zog er die Jacke vorsichtig zurecht.

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