Tagelang versuchte ein streunender Hund, einen angebundenen Rottweiler im Wald zu befreien. Als zwei Wanderer die beiden fanden, war einer bereits zusammengebrochen.
„Andreas, bitte komm her! Hier stimmt etwas nicht!“
Mein Mann stand ein paar Meter hinter mir auf dem schmalen Waldweg. Ich hatte gerade ein Geräusch gehört, so leise, dass ich zuerst dachte, es wäre ein Vogel gewesen.
Doch dann kam es wieder.
Ein schwaches, verzweifeltes Winseln.
Andreas blieb stehen und lauschte.
„Das kommt von dort drüben“, sagte er und zeigte zwischen die Bäume.
Wir verließen den Wanderweg und kämpften uns durch dichtes Gestrüpp. Nach wenigen Minuten erreichten wir eine kleine Lichtung.
Was wir dort sahen, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
An einer alten Buche saß ein großer Rottweiler. Um seinen Hals lag eine dicke Strickschlinge, deren anderes Ende fest um den Baum gebunden war.
Der Hund war erschreckend abgemagert. Seine Rippen zeichneten sich unter dem Fell ab, und seine kräftigen Beine zitterten bei jeder Bewegung.
Aber das war nicht das Schlimmste.
Direkt neben ihm lag ein zweiter Hund.
Ein mittelgroßer Mischling mit struppigem, hellbraunem Fell, schmutzigen Pfoten und einem schmalen Gesicht. Er war so erschöpft, dass er kaum noch den Kopf heben konnte.
Vor seiner Schnauze lag ein Stück ausgefranster Strick.
Andreas ging langsam näher.
Dann blieb er plötzlich stehen.
„Gabriele“, flüsterte er. „Sieh dir das Seil an.“
Ich folgte seinem Blick.
Der dicke Strick war an einer Stelle völlig zerfasert. Einzelne Fasern hingen herunter. Auf dem Boden lagen kleine, feuchte Seilstücke.
Und erst jetzt bemerkte ich die Schnauze des Mischlings.
Seine Lefzen waren aufgescheuert. An mehreren Stellen fehlten Haare. Seine Zähne hatten deutliche Spuren hinterlassen, als hätte er immer wieder auf etwas Hartem herumgekaut.
Andreas kniete sich hin.
„Der Kleine hat versucht, das Seil durchzubeißen.“
Ich sah ihn ungläubig an.
„Was?“
„Schau doch. Die ganzen Fasern. Und sein Maul.“
Er schluckte.
„Ich glaube, er hat versucht, den anderen Hund zu befreien.“
In diesem Moment hob der Mischling mühsam den Kopf.
Ein tiefes, kaum hörbares Knurren kam aus seiner Kehle.
Er hatte nicht einmal mehr die Kraft aufzustehen.
Aber er versuchte trotzdem, sich zwischen uns und den Rottweiler zu schieben.
Als wollte er sagen, dass wir seinem Freund nichts antun durften.
Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.
„Du lieber Himmel“, flüsterte ich. „Wie lange seid ihr schon hier?“
Natürlich antwortete niemand.
Nur das schwere Atmen der beiden Hunde war zu hören.
Wir waren für ein verlängertes Wochenende in den Harz gefahren. Andreas war 52, ich 49, und nach Monaten voller Arbeit hatten wir uns ein paar ruhige Tage gewünscht.
Stattdessen standen wir nun vor zwei Tieren, die dringend Hilfe brauchten.
Andreas bewegte sich ganz langsam.
„Ganz ruhig, mein Großer“, sagte er zum Rottweiler. „Wir tun dir nichts.“
Der schwarze Hund öffnete kurz die Augen.
Dann schloss er sie wieder.
Sein Kopf sank gegen den Baumstamm.
Ich holte mein Telefon heraus. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich mich zweimal verwählte, bevor ich die örtliche Tierrettung erreichte.
Ich beschrieb die Situation und unseren ungefähren Standort.
Die Frau am Telefon stellte mehrere Fragen.
Ob die Hunde verletzt seien. Ob sie aggressiv wirkten. Ob wir einen Wanderweg in der Nähe hätten.
„Der große Hund kann kaum noch stehen“, sagte ich. „Und der andere liegt völlig erschöpft daneben.“
Sie versprach, sofort Hilfe zu organisieren.
Allerdings könne es dauern, bis die Helfer uns erreichten.
„Bitte bleiben Sie bei den Tieren. Gehen Sie vorsichtig vor und bedrängen Sie die Hunde nicht.“
Ich legte auf.
Andreas betrachtete inzwischen den Strick.
„Der sitzt viel zu fest“, murmelte er.
Er zog sein kleines Taschenmesser aus dem Rucksack, hielt jedoch zunächst Abstand und beobachtete die Reaktion der Hunde.
Der Mischling hob erneut den Kopf.
Andreas setzte sich langsam auf den Boden.
„Hör zu, Kleiner“, sagte er leise. „Ich weiß, dass du auf ihn aufpasst. Aber jetzt musst du mich lassen.“
Der Hund starrte ihn an.
Seine Brust hob und senkte sich schnell.
Dann legte er seinen Kopf wieder auf die Erde.
Andreas wartete noch einen Moment.
Erst als beide Hunde ruhig blieben, näherte er sich vorsichtig dem Baum und löste den Strick, der um den Stamm gewickelt war.
Die Schlinge am Hals des Rottweilers ließ er zunächst unangetastet, um dem geschwächten Tier keine zusätzlichen Schmerzen zu bereiten.
„Geschafft“, sagte er schließlich.
Doch niemand von uns freute sich.
Denn der Rottweiler bewegte sich nicht.
Ich kniete mich neben Andreas.
„Atmet er noch?“
Andreas beobachtete den Brustkorb.
„Ja. Aber wir müssen vorsichtig sein.“
Wir hatten zwei kleine Wasserflaschen dabei. Andreas goss etwas Wasser in seine Hand und hielt sie dem Rottweiler hin.
Zunächst geschah nichts.
Dann bewegte sich die Zunge des Hundes.
Ganz langsam nahm er ein paar Tropfen auf.
Andreas lächelte erschöpft.
„So ist es gut. Ganz langsam.“
Der Mischling verfolgte jede Bewegung.
Als Andreas dem großen Hund erneut Wasser anbot, hob er seinen Kopf etwas höher.
Er schien sich erst zu entspannen, als er sah, dass sein Freund trank.
Ich stellte eine kleine Menge Wasser in einer sauberen Schale neben den Mischling.
Auch er trank vorsichtig.
Danach ließ er den Kopf wieder sinken.
Seine Pfoten waren wund. Die Krallen auffallend abgenutzt. Sein Fell war voller Blätter, trockener Erde und kleiner Zweige.
Ich betrachtete den zerfaserten Strick.
Wie oft musste dieser Hund daran gezogen haben?
Wie viele Stunden hatte er versucht, mit seinen Zähnen etwas zu schaffen, das selbst für einen gesunden Hund beinahe unmöglich war?
Wir wussten nicht, wie die beiden hierhergekommen waren.
Vielleicht kannten sie sich schon lange. Vielleicht hatte der Mischling den angebundenen Hund zufällig entdeckt.
Aber eines war offensichtlich.
Er war bei ihm geblieben.
Obwohl er selbst dringend Wasser, Nahrung und Ruhe gebraucht hätte.
Ich strich mir die Tränen von den Wangen.
„Du hättest doch einfach gehen können“, sagte ich leise zu ihm.
Der kleine Hund öffnete ein Auge.
„Aber du bist geblieben.“
Fast eine Stunde später hörten wir Stimmen zwischen den Bäumen.
Drei Helfer der Tierrettung kamen mit Ausrüstung und zwei speziellen Tragen auf die Lichtung.
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