Als der alte Schlosser sich neben meinem schreienden Sohn auf den Praxisboden legte, wollte ich ihn wegschicken. Heute weiß ich, was ich beinahe verhindert hätte.
„Können Sie mit dem Kind nicht irgendwo anders hingehen?“
Die Frau am Fenster sagte es nicht laut. Sie sagte es so, dass alle es hören konnten und hinterher niemand hätte behaupten müssen, sie habe sich beschwert.
Mein Sohn lag zwischen zwei Stuhlreihen auf den Fliesen. Seine Hände pressten sich gegen die Ohren. Als er den Kopf zurückwarf, schob ich meine gefaltete Strickjacke darunter.
„Jonte, ich bin hier“, sagte ich. „Mama ist da.“
Er schrie weiter. Ich wusste nicht, ob meine Stimme ihn überhaupt erreichte.
Seit dreiundzwanzig Jahren arbeitete ich als Kinderkrankenschwester, inzwischen in einer Gemeinschaftspraxis am Rand einer hessischen Kleinstadt. Ich hatte verletzte Kinder versorgt und verängstigten Eltern erklärt, was als Nächstes passieren würde. An diesem Vormittag bekam ich selbst kaum einen klaren Gedanken zu fassen.
Meine Kollegin räumte einen kleinen Tisch zur Seite. Jemand zog geräuschvoll seinen Stuhl zurück. Eine Mutter nahm ihr Kleinkind auf den Schoß, und ich konnte ihr nicht einmal böse sein.
Jonte war sechs und autistisch. Er sprach wenige Wörter, manchmal tagelang keines, und verständigte sich häufig mit Bildern, Gesten oder indem er meine Hand zu etwas führte. Wenn zu viele Geräusche, Menschen und Veränderungen zusammenkamen, konnte er uns nicht mehr zeigen, was er brauchte.
An diesem Morgen war seine Schulbegleitung krank geworden. Mein Mann hatte Frühschicht und konnte erst gegen zehn kommen. Meine Praxisleitung hatte erlaubt, dass Jonte bis dahin im kleinen Aufenthaltsraum blieb, wo er schon öfter mit mir gewesen war.
Eine Stunde lang ging alles gut. Er hatte seine vertraute Decke, sein Bilderbuch und die Kopfhörer dabei. Ich schaute zwischen zwei Patienten nach ihm und fand ihn auf dem Sofa, vertieft in die Zeichnung einer alten Lokomotive.
Dann ging im Gebäude der Alarm los.
Später stellte sich heraus, dass es keinen Brand gab. In diesem Moment mussten jedoch alle hinaus. Türen schlugen, Menschen riefen durcheinander, und als wir wieder hinein durften, war Jonte nicht mehr in der Lage, bis zum Aufenthaltsraum zu gehen.
Nun kniete ich neben ihm und hielt die Jacke unter seinem Kopf. Die Kopfhörer hatte er weggeschoben. Auch seine Decke wollte er nicht.
„Soll ich deinen Mann noch einmal anrufen?“, fragte meine Kollegin.
Ich nickte, ohne aufzusehen. Dabei merkte ich, dass ich weinte, und das machte mich noch hilfloser. Ich wollte ruhig sein für mein Kind und hörte mich stattdessen immer schneller auf ihn einreden.
Da öffnete sich die Eingangstür.
Der Mann, der hereinkam, füllte sie beinahe aus. Er trug eine ausgebleichte Arbeitsjacke, schwere Schuhe und eine dunkelblaue Hose mit sorgfältig geflicktem Knie. Seine grauen Haare waren kurz geschnitten, der Bart wirkte, als hätte er morgens mit der Schere das Nötigste erledigt.
Ich kannte ihn vom Sehen. Ein Patient, der meistens nur nickte, seine Karte abgab und wartete. Mit seiner tiefen Stirnfalte sah er auch dann verärgert aus, wenn er bloß die Zeitung las.
„Herr Martens“, sagte meine Kollegin. „Wegen Ihrer Kontrolle, es dauert heute vielleicht etwas.“
Er antwortete nicht sofort. Sein Blick fiel auf Jonte, dann auf meine Hand unter dessen Kopf.
„Brauchen Sie Hilfe?“
„Es geht schon“, sagte ich automatisch.
Er betrachtete mich einen Augenblick. Ich saß auf dem Boden, meine Bluse war verrutscht, und mir liefen Tränen übers Gesicht. Es musste offensichtlich sein, dass gar nichts ging.
„Mein Enkel ist auch autistisch“, sagte er leise. „Darf ich mich hier hinsetzen? Mit ein bisschen Abstand?“
Ich sah hoch.
„Bitte nicht anfassen“, brachte ich hervor.
„Mach ich nicht.“
Er zog langsam den Reißverschluss seiner Jacke auf, ging um den verschobenen Tisch herum und ließ sich mit sichtlicher Mühe auf den Boden sinken. Ein Knie knackte. Er verzog kurz das Gesicht, legte sich dann seitlich hin und stützte den Kopf auf seinen Unterarm.
Zwischen ihm und Jonte blieb mehr als ein Meter Platz.
Er sagte nichts. Er streckte keine Hand aus und versuchte auch nicht, meinen Sohn anzuschauen. Er lag einfach da, ein breiter alter Mann in Arbeitssachen, mitten im Wartezimmer.
Ich war so überrascht, dass ich für einen Moment ebenfalls schwieg.
„Könnten wir hier etwas Ruhe haben?“, fragte meine Kollegin in den Raum. Sie bat zwei Patienten, im hinteren Wartebereich Platz zu nehmen, und schloss die Tür zum Flur.
Jonte schrie noch immer. Herr Martens blieb liegen.
Es dauerte länger, als ich später erzählen konnte, ohne ungeduldig zu klingen. Mehrere Minuten jedenfalls. Niemand vollbrachte etwas, niemand fand plötzlich das richtige Wort.
Doch irgendwann wurden die Pausen zwischen Jontes Schreien länger.
Seine Hände lösten sich ein wenig von den Ohren. Er drehte den Kopf und bemerkte die schweren Schuhe auf den Fliesen. Dann wanderte sein Blick an der Arbeitshose entlang bis zu dem Mann, der sich nicht rührte.
Herr Martens wartete.
Jonte zog die Beine an und schob sich ein kleines Stück vorwärts. Danach lag er wieder still. Ich hielt die Luft an, bis ich merkte, dass mir schwindelig wurde.
Der alte Mann begann ganz leise zu summen. Ein tiefer, gleichmäßiger Ton, kaum lauter als die Lüftung im Flur.
Ich kannte Jonte gut genug, um zu sehen, dass er zuhörte.
Er hob den Kopf. Aus seinem Hals kam ein kurzer Laut, rau vom Schreien. Herr Martens verstummte, und nach einer Weile summte Jonte noch einmal.
„Ja“, sagte der Mann leise. „Ich hab dich gehört.“
Mehr nicht.
Mein Sohn legte den Kopf wieder ab. Seine Finger öffneten sich auf den Fliesen.
Ich hatte bis dahin nicht bemerkt, wie verkrampft ich selbst dasaß. Meine Schultern taten weh. Als ich sie sinken ließ, sah Herr Martens kurz zu mir.
„Sie können auch erst mal durchatmen“, sagte er.
Ich nickte und fing noch stärker an zu weinen. Diesmal machte es mir weniger aus, dass andere es sahen.
Nach einer Weile setzte Jonte sich auf. Er schwankte etwas, und ich rückte näher, ohne nach ihm zu greifen. Herr Martens blieb liegen, bis Jonte mit zwei Fingern den Ärmel seiner Jacke berührte.
Der Stoff war dick und an den Ellenbogen glatt gescheuert. Jonte strich über eine Naht, zog die Hand zurück und legte sie wieder darauf.
„Die hat schon was mitgemacht“, sagte der Mann.
Mein Sohn fand den rechteckigen Flicken über der Brusttasche. Er fuhr den Rand entlang, immer wieder dieselbe Strecke.
„Meine Frau hat den draufgenäht. Bestimmt zwanzig Jahre her.“
Er sagte das beiläufig. Trotzdem sah ich, wie er mit der freien Hand kurz über den Stoff strich.
Erst als Jonte sich zurücklehnte, setzte er sich langsam auf.
„Ich bin Konrad“, sagte er. „Die meisten sagen Kalle.“
„Jonte“, antwortete ich. „Er heißt Jonte.“
Kalle nickte meinem Sohn zu, ohne eine Antwort zu erwarten. Dann saßen wir drei auf dem Boden, während meine Kollegin uns ein Glas Wasser hinstellte.
„Sie müssen doch zu Ihrer Untersuchung“, sagte ich.
„Mein Zucker läuft nicht weg.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen musste ich lächeln.
Aus der Nähe sah Kalle älter aus als von der Anmeldung. Vielleicht Ende sechzig. Seine Hände waren breit, die Finger an mehreren Stellen krumm, und in den Hautfalten saßen dunkle Spuren, die auch gründliches Waschen offenbar nicht mehr herausbekam.
Jonte hatte sie ebenfalls bemerkt. Er betrachtete Kalles rechte Hand, besonders den dicken Knöchel am Zeigefinger.
„Vierzig Jahre Werkstatt“, erklärte Kalle mir. „Erst Landmaschinen, später alles, was die Leute sonst nirgendwo mehr hinbringen wollten.“
„Arbeiten Sie noch?“
„Offiziell nicht.“
Er sagte es so trocken, dass meine Kollegin hinter uns lachte.
Kalle zog sein Handy hervor, hielt es aber zunächst bei sich. „Mein Enkel guckt gern Bilder von meinen alten Sachen an. Darf ich ihm eins zeigen? Ohne Ton.“
Ich nickte.
Auf dem Bildschirm war ein kleiner roter Traktor zu sehen. Auf dem Sitz saß ein Junge mit einer viel zu großen Schirmmütze. Er hielt beide Hände auf dem Lenkrad und blickte ernst in die Kamera.
Jonte beugte sich vor.
„Das ist Emil“, sagte Kalle. „Sieben ist er. Und der Schlepper gehört mir.“
Mein Sohn berührte den Bildschirm. Nicht das Gesicht des Jungen, sondern das große Hinterrad.
„Ja“, sagte Kalle. „Ordentliche Räder.“
Er zeigte das nächste Bild, eine Nahaufnahme des Motors während einer Reparatur. Jonte rückte näher. Seine Schulter berührte nun fast Kalles Ärmel.
Ich musste mich zusammennehmen, um nicht sofort zu erklären, wie ungewöhnlich das war. Wie selten er bei einem Fremden sitzen blieb. Wie sehr ich diesen kleinen Augenblick festhalten wollte.
Kalle schien das nicht zu brauchen.
„Der steht draußen“, sagte er. „Bin heute damit gekommen. Muss nachher noch zum Garten.“
Ich hatte den Traktor bei meiner Ankunft neben dem hinteren Parkplatz gesehen. Ein kleines, altes Fahrzeug mit verblichenem Lack und einer hölzernen Kiste auf dem Anhänger. Damals hatte ich mich nur gefragt, wer damit zur Arztpraxis fuhr.
Jonte tippte wieder auf das Rad.
„Wenn seine Mutter einverstanden ist, können wir nachher gucken“, sagte Kalle. „Der Motor bleibt aus.“
Meine Kollegin sah mich an. „Geh ruhig. Ich übernehme hier.“
Ich wartete, bis Jonte seine Kopfhörer wieder annahm. Dann zeigte ich ihm auf seinem kleinen Bildstreifen das Zeichen für draußen. Er stand auf und hielt sich an meiner Hand fest.
Kalle brauchte etwas länger.
„Mit dem Runterkommen geht’s noch“, murmelte er, während er sich am Stuhl hochzog. „Zurück wird langsam schwierig.“
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