Jeden Samstag saß ein Fremder an ihrem Grab, bis ihr Mann ihn ansprach

Sechs Monate lang saß jeden Samstag ein fremder Mann am Grab meiner Frau, und ich wurde immer wütender, bis ich ihn endlich nach seinem Namen fragte.

„Nehmen Sie bitte die Hand da weg.“

Der Mann kniete vor Hannes Grabstein. Seine Finger lagen auf ihrem eingemeißelten Namen, als könnte er dort etwas festhalten. Als er mich hörte, zog er die Hand zurück und stemmte sich langsam hoch.

Er war einen Kopf größer als ich. Breite Schultern unter einer ausgeblichenen Arbeitsjacke, graue Bartstoppeln, eine alte Narbe quer über dem Kinn. An seinen Hosenbeinen klebte heller Schleifstaub.

„Entschuldigung“, sagte er.

„Ich bin ihr Mann.“

Er nickte, als hätte er diesen Satz erwartet.

„Dann sollten Sie mir vielleicht erklären, was Sie hier jeden Samstag machen.“

Hinter uns klapperte irgendwo eine Gießkanne auf den Kies. Der Mann sah kurz zum Weg, dann wieder zu mir. Seine Augen waren rot.

Darauf war ich nicht vorbereitet.

Hanne war seit vierzehn Monaten tot. Brustkrebs, zwei Jahre Behandlungen, dazwischen immer wieder Hoffnung, die wir vorsichtig genug aussprachen, als könnte ein zu lautes Wort sie vertreiben.

Sie war zweiundsechzig geworden. Wir waren zweiundvierzig Jahre verheiratet gewesen.

Unsere Tochter Britta wohnte mit ihrer Familie bei Hannover. Unser Sohn Malte lebte eine knappe Autostunde entfernt. Beide riefen an, beide kamen, so oft sie konnten. Trotzdem gab es Tage, an denen ich bis abends kein einziges Wort sagte.

Ich war früher Straßenbahnfahrer gewesen. Mein Leben hatte aus Fahrplänen, Schichtwechseln und Menschen bestanden. Jetzt hörte ich manchmal dem Kühlschrank zu, nur weil er das Einzige in der Küche war, das ein Geräusch machte.

Zum Friedhof ging ich meistens unter der Woche. Samstags hatte Hanne früher frei gehabt, jedenfalls oft genug, dass dieser Tag noch immer wehtat.

Dann hatte ich den Fremden gesehen.

Er war mit einem alten grauen Kastenwagen gekommen. Hinten lagen Werkzeugkisten, an der Seitentür war eine Delle. Er hatte einen kleinen Klapphocker aus dem Wagen genommen und war ohne Zögern zu Hannes Grab gegangen.

Beim ersten Mal dachte ich, er verwechsle etwas.

Beim zweiten Mal blieb ich im Auto sitzen.

Beim dritten Mal wartete ich, bis er ging.

Er kam immer kurz vor zwei. Er stellte seinen Hocker auf, zog die Mütze ab und blieb ungefähr eine Stunde. Keine Blumen, keine Kerze. Manchmal bewegten sich seine Lippen.

Einmal beugte er sich so weit nach vorn, dass sein Gesicht in seinen Händen verschwand.

Ich hatte versucht, mir vernünftige Erklärungen zu geben. Ein ehemaliger Kollege. Ein Angehöriger aus dem Krankenhaus. Jemand, dem Hanne einmal geholfen hatte.

Aber sechs Monate sind lang, wenn man sich jede Woche dieselbe Frage stellt.

Und irgendwann war aus meiner Frage etwas Hässlicheres geworden.

Hatte es in ihrem Leben einen Menschen gegeben, von dem ich nichts wusste?

Ich schämte mich für diesen Gedanken. Das hielt mich nicht davon ab, ihn immer wieder zu denken.

Nun stand der Mann vor mir und knetete seine Mütze.

„Rüdiger Voss“, sagte er. „Ich bin Schlosser. Aus dem Nachbarort.“

„Das erklärt mir noch nicht, warum Sie hier sind.“

Er blickte auf den Stein.

„Ihre Frau hat meiner Tochter geholfen, als ich nicht mehr weiterwusste. Ich wollte ihr sagen, dass die Merle noch da ist.“

Ich verstand zunächst nur den Namen.

„Welche Merle?“

„Meine Tochter. Sechzehn ist sie jetzt.“

Er schluckte, und ich sah, wie viel Mühe ihn die nächsten Worte kosteten.

„Ich hab Ihre Frau nur einmal richtig gesprochen. Vielleicht zehn Minuten. Aber ohne diese zehn Minuten weiß ich nicht, was aus uns geworden wäre.“

Ich setzte mich auf die schmale Bank gegenüber. Meine Knie fühlten sich plötzlich unsicher an.

Rüdiger blieb stehen.

„Darf ich?“, fragte er und deutete auf seinen Hocker.

Ich nickte.

Er setzte sich vorsichtig hin, als müsse er darauf achten, auch jetzt noch möglichst wenig Platz einzunehmen.

„Vor sieben Jahren hat unsere Tochter Leukämie bekommen.“

Hanne hatte auf einer Kinderstation gearbeitet. Fast ihr ganzes Berufsleben lang. Sie war mit kleinen Aufklebern in den Kitteltaschen nach Hause gekommen und hatte Namen im Schlaf gemurmelt, die ich nicht kannte.

Rüdiger rieb mit dem Daumen über die Naht seiner Mütze.

„Merle war neun. Vorher hat sie geturnt, überall hochgeklettert. Dann kamen die blauen Flecken. Sie war dauernd müde. Wir dachten, sie braucht Eisen oder so.“

Er schüttelte den Kopf.

„Man denkt ja erst mal alles, bloß das nicht.“

Seine Frau Anke arbeitete damals in einer kleinen Bäckerei. Er selbst war in einem Metallbaubetrieb beschäftigt gewesen. Ein Reihenhaus, noch nicht abbezahlt. Ein gebrauchtes Auto. Ein bisschen Geld für Reparaturen.

„Wir waren keine armen Leute“, sagte er. „Bis dahin jedenfalls nicht.“

Merle musste in eine größere Klinik, weit genug entfernt, dass man nicht jeden Abend einfach nach Hause fahren konnte. Anke blieb bei ihr. Rüdiger arbeitete und fuhr nach Feierabend hinterher, bis er eines Morgens vor einer Maschine stand und nicht mehr wusste, welchen Auftrag er gerade bearbeitete.

„Mein Chef hat mich nach Hause geschickt. Nicht böse. Der hat gesagt, irgendwann passiert sonst was.“

Später nahm er unbezahlten Urlaub. Anke konnte ebenfalls immer weniger arbeiten. Geld kam unregelmäßig, manches musste beantragt und geklärt werden, und während sie warteten, liefen die Rechnungen weiter.

„Die Behandlung hat die Kasse bezahlt“, sagte er. „Da gab es keine Rechnung, die wir erst begleichen mussten, damit jemand unser Kind behandelt. Aber zu Hause hat keiner auf Pause gedrückt.“

Die Hausrate blieb. Die Stromrechnung blieb. Dazu kamen Fahrten, Übernachtungen und Dinge, über die sie früher nicht einmal nachgedacht hatten.

Sie verkauften das zweite Auto. Dann sein Werkzeug aus der Garage, soweit er es entbehren konnte. Kollegen sammelten. Nachbarn brachten Essen.

„Irgendwann hat einer im Betrieb zweihundert Euro in meine Brotdose gelegt“, sagte Rüdiger. „Ich wusste nicht mal, bei wem ich mich bedanken sollte.“

Trotzdem reichte es nicht.

Das Haus stand kurz vor dem Verkauf. Anke bekam kaum noch Schlaf, nahm stark ab und schaffte es an manchen Tagen nicht einmal, ein Formular auszufüllen. Rüdiger sagte ihr, er werde wieder voll arbeiten gehen.

„Sie hat gefragt, wer dann bei ihr ist, wenn der Arzt kommt. Ich hab gesagt, andere schaffen das auch irgendwie.“

Er sah mich an.

„Das war ein schlimmer Satz. Sie hat danach gar nichts mehr gesagt.“

An dem Tag, an dem Hanne ihn fand, hatte er auf einem Treppenabsatz im Krankenhaus gesessen. In der Hand einen Brief von der Bank, auf den Knien eine Tüte mit frischen Schlafanzügen für Merle.

Er hatte geweint, möglichst leise.

„Ihre Frau kam mit einem Becher Wasser. Hat ihn neben mich gestellt und gefragt, ob sie jemanden holen soll.“

„Und?“

„Da hab ich sie angefahren. Sie soll mich in Ruhe lassen.“

Das konnte ich mir vorstellen. Seine Stimme war tief und rau, selbst jetzt, da er leise sprach.

„Hanne ist geblieben“, sagte ich.

Zum ersten Mal zeigte sich etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht.

„Ja. Sie hat sich einfach auf die unterste Stufe gesetzt.“

Das war so sehr meine Frau, dass ich die Augen schließen musste.

Hanne hatte nie viel Aufhebens um jemanden gemacht, der sich schämte. Sie setzte sich daneben und wartete, bis er wieder sprechen konnte.

„Ich hab ihr alles erzählt“, sagte Rüdiger. „Viel zu viel wahrscheinlich. Dass meine Frau zusammenklappt. Dass ich das Haus verkaufe. Dass ich zurück an die Arbeit muss und mir vorkomme, als würde ich mein Kind im Stich lassen.“

Er zog ein sauberes, sorgfältig gefaltetes Stofftaschentuch aus der Jackentasche.

„Wissen Sie, was sie gesagt hat?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Sie hat gesagt: Ihre Tochter braucht jetzt keinen Vater, der alles allein schafft.“

Ich starrte auf Hannes Namen.

Diesen Satz hätte sie auch zu mir sagen können. Sie hatte ihn mir in verschiedenen Fassungen über vierzig Jahre lang gesagt. Meistens hatte ich erst begriffen, was sie meinte, wenn ich längst etwas kaputtgemacht hatte.

Zwei Tage später bekam Rüdiger einen Anruf von einer Frau aus der sozialen Beratung der Klinik. Jemand wolle der Familie helfen. Anonym. Es gehe um eine größere Summe.

Achtzehntausend Euro.

Bei dieser Zahl wurde mir kalt.

„Wie viel?“, fragte ich.

Er wiederholte es.

Ich sah nicht mehr den Friedhof. Ich sah unsere alte Küche.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen

Nach oben scrollen