Alle fürchteten den alten Schlosser, bis ein Junge auf dem Parkplatz zusammenbrach

„Als hätte ich mich mit einem Fahrrad angelegt und verloren.“

Ich lachte zu laut. Er verzog kurz den Mund, und ich wusste nicht, ob es ein Lächeln oder Schmerz gewesen war.

Eine Weile sprachen wir über belanglose Dinge. Über das Krankenhausessen. Über sein Fahrrad. Über den Sohn, der seine Urlaubspläne geändert hatte.

Dann sagte ich: „Ich habe Ihnen gar nicht richtig geholfen.“

Kurt sah mich an.

„Sie haben die Zufahrt frei gehalten.“

„Erst nachdem Sie mich zweimal anschreien mussten.“

„Dann hat es ja beim zweiten Mal geklappt.“

Ich senkte den Blick.

„Ich habe Sie früher manchmal gesehen und gedacht …“

Ich brachte den Satz nicht zu Ende.

„Dass ich ein alter Stinkstiefel bin?“

„So ungefähr.“

„Bin ich gelegentlich.“

Er zog die Decke ein Stück höher.

„Aber das hat doch mit dem Jungen nichts zu tun.“

Für ihn war das offenbar ein einfacher Satz. Für mich war es der Satz, an dem ich noch lange zu arbeiten hatte.

Jonas wachte erst einige Tage später richtig auf.

Seine Mutter, Miriam, hatte meine Nummer von der Pflegekraft bekommen, nachdem ich sie gebeten hatte, mir eine Nachricht auszurichten. Als mein Telefon klingelte, stand ich gerade im Keller vor der Waschmaschine.

„Er hat nach seinen Schuhen gefragt“, sagte sie.

Ich verstand nicht.

Dann begann sie zu lachen und zu weinen.

„Er wollte wissen, wo seine Schuhe sind.“

Es war der erste Satz gewesen, bei dem sie sicher wusste, dass ihr Sohn wieder bei ihr war. Nicht einfach nur wach, sondern Jonas, der selbst in diesem Zustand irgendeine praktische Frage stellte.

Seine Genesung verlief trotzdem nicht gerade.

Er hatte Verletzungen, brauchte Therapien und war nach kurzen Gesprächen erschöpft. An den Unfall erinnerte er sich nicht. Zunächst konnte niemand sagen, ob er seine Ausbildung im Herbst wie geplant fortsetzen würde.

Als Kurt davon hörte, fragte er nur: „Kann man ihm irgendwas bringen?“

„Seine Mutter sagt, er hat alles.“

„Das sagen Mütter.“

Am nächsten Tag gab er mir ein kleines batteriebetriebenes Radio mit.

„Krankenhausfernsehen macht einen mürbe.“

Am Gehäuse war eine Ecke sauber geklebt. Auf der Rückseite klebte ein vergilbter Zettel mit einer handgeschriebenen Frequenzliste.

„Das ist doch Ihres.“

„Dann will ich es irgendwann wiederhaben.“

Es wurde die erste Vereinbarung zwischen den beiden.

Jonas hörte damit abends leise Musik. Als er auf eine andere Station verlegt wurde, bestand er darauf, das Radio selbst in seiner Tasche zu tragen.

Kurt blieb länger im Krankenhaus, als er gehofft hatte.

Nach der Operation bekam er eine Lungenentzündung. Danach fehlte ihm die Kraft, um allein zu Hause zurechtzukommen. Er schimpfte über die anschließende Reha, packte aber seine Tasche, als es so weit war.

In dieser Zeit lernte ich seinen Sohn Andreas kennen.

Er war Mitte vierzig, trug einen ordentlichen Mantel und hatte die müden Augen eines Menschen, der zwischen Arbeit, Kindern und Sorge ständig irgendwo zu spät kam.

„Mein Vater lässt sich ungern helfen“, sagte er vor dem Krankenhaus.

„Das ist mir aufgefallen.“

Andreas lächelte nicht.

„Bei Fremden kann er das alles. Da weiß er sofort, was zu tun ist.“

Er schaute auf die Glastür.

„Wenn ich frage, wie es ihm geht, sagt er seit Jahren nur: Muss.“

Ich wusste darauf keine Antwort.

Später begriff ich, dass zu unserer schönen Geschichte vom alten Mann mit dem großen Herzen noch eine andere gehörte. Die von einem Sohn, der seinen Vater liebte und trotzdem oft nicht an ihn herankam.

Kurt war nicht plötzlich ein einfacher Mensch geworden, weil er etwas Mutiges getan hatte.

Aber etwas geriet in Bewegung.

Andreas blieb nach dem ersten Besuch noch zwei Tage länger. Er räumte den Kühlschrank aus, brachte frische Wäsche und schrieb eine Liste mit Dingen, die im Haus erledigt werden mussten.

Kurt beschwerte sich, dass sein Sohn seine Werkstatt betreten hatte.

Am nächsten Tag fragte er, ob Andreas die klemmende Seitentür bemerkt hätte.

Es war, auf seine Art, eine Einladung.

Von der Melodie erzählte Kurt erst viel später.

Ich besuchte ihn in der Reha. Wir saßen auf einer Bank vor dem Gebäude, beide mit einem Pappbecher Kaffee in der Hand. Er hatte gerade über den Kaffee geschimpft und trank ihn trotzdem.

„Was haben Sie da gesummt?“, fragte ich.

Er wusste sofort, was ich meinte.

„Nichts Bekanntes.“

„Es klang wie ein Schlaflied.“

Er strich mit dem Daumen über den Becherrand.

„War es wohl auch.“

Dann erzählte er von seiner Tochter Lena.

Ich hatte nicht gewusst, dass er eine Tochter gehabt hatte.

Sie war vier Jahre alt geworden. Ein dunkler Lockenkopf, sagte er, und furchtbar eigensinnig. Wenn sie abends nicht einschlafen wollte, durfte niemand richtig singen.

„Zu laut, Papa“, habe sie dann gesagt.

Also hatte er diese kleine Melodie erfunden. Ein paar Töne, immer dieselben. Lena hatte seine Hand festgehalten, bis sie eingeschlafen war.

Zwei Jahre später ertrank sie bei einem Ausflug an einen See.

Kurt war dabei gewesen.

Er erzählte keine Einzelheiten. Nur, dass es sehr schnell gegangen war und dass er bis heute nicht gern an offenen Gewässern stand.

„Danach habe ich Erste-Hilfe-Kurse gemacht“, sagte er. „Immer wieder. Später war ich Ersthelfer im Betrieb.“

Ich hielt meinen kalten Kaffee mit beiden Händen fest.

„Hat Ihnen das geholfen?“

Er überlegte lange.

„Im Betrieb schon.“

Dann sah er auf den Weg vor uns.

„Zu Hause wusste ich trotzdem nicht, wohin mit mir.“

Seine Frau hatte irgendwann wieder über Lena sprechen können. Er kaum. Andreas war damals noch klein gewesen und hatte gelernt, bestimmte Fragen nicht zu stellen.

Ich dachte an den Mann vor der Krankenhaustür.

„Weiß Ihr Sohn von dem Lied?“

Kurt nickte.

„Er hat es früher auch bekommen.“

„Und weiß er, dass Sie auf dem Parkplatz daran gedacht haben?“

Er schüttelte den Kopf.

Mehr sagte ich nicht. Aber als ich ging, bat er mich um sein Telefon, das im Zimmer am Ladekabel hing.

Jonas besuchte ihn zum ersten Mal elf Wochen nach dem Unfall.

Miriam brachte ihn mit dem Auto. Er war schmaler geworden, ging vorsichtig und hatte einen Zettel dabei, auf dem ein paar Sätze standen.

„Damit ich nichts vergesse“, erklärte er verlegen.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen

Nach oben scrollen