Denn Markus hatte damals nicht nur gearbeitet.
Er hatte auch seinen Neffen Tim großgezogen.
Seine jüngere Schwester war nach Jahren mit schweren persönlichen Problemen verschwunden. Die Mutter war krank, der Vater längst tot.
Also hatte Markus sein Maschinenbaustudium abgebrochen.
„Ich hatte ein Stipendium“, sagte er eines Abends. „Mein Professor meinte, ich hätte Talent.“
„Bereuen Sie es?“
Markus sah auf seine Hände.
„Manchmal.“
Dann lächelte er.
„Aber Tim ist heute Krankenpfleger. Hat eine kleine Tochter. Wenn ich ihn mit ihr sehe, denke ich, vielleicht war es doch kein verlorenes Leben.“
Katharina legte ihre Hand auf seinen Unterarm.
Es war das erste Mal, dass sie ihn von sich aus berührte.
„Es war kein verlorenes Leben.“
Markus blickte zu ihr.
„Woher wissen Sie das?“
„Weil Sie anderen Menschen geholfen haben, ihres zu führen.“
An diesem Abend öffnete Katharina zu Hause eine Schublade, die sie seit Jahren nicht mehr angerührt hatte.
Darin lag ein Skizzenbuch.
Vor dem Unfall hatte sie gezeichnet.
Nicht besonders gut, wie sie selbst fand. Aber gern.
Nach dem Unfall hatte sie aufgehört. Jeder Strich erinnerte sie an das frühere Leben, in dem sie durch Museen gegangen, auf Bergen gewandert und am Meer barfuß durch den Sand gelaufen war.
Nun nahm sie einen Bleistift.
Sie zeichnete Markus vor seiner Werkstatt.
Die Ärmel hochgekrempelt, den Kopf über einen alten Motor gebeugt. Im Hintergrund ein Kunde, der ratlos danebenstand.
Als sie Markus die Zeichnung zeigte, sagte er lange nichts.
„Gefällt sie Ihnen nicht?“
„Doch.“
Seine Stimme war rau.
„Es hat nur noch nie jemand ein Bild von mir gemacht.“
Katharina hatte Pressefotografen erlebt, Porträts, Ehrungen und Titelbilder.
Markus hingegen hatte Jahrzehnte im Hintergrund gestanden.
Er hatte Motoren repariert, Rechnungen gestundet, ältere Kunden nach Hause gefahren und morgens um sechs Pannenhilfe geleistet.
Niemand hatte ihn dafür gefeiert.
„Dann bin ich froh, dass ich die Erste war“, sagte sie.
Markus nahm die Zeichnung vorsichtig, als könne sie zerbrechen.
Wenige Tage später brachte er ihr einen kleinen Strauß Margeriten.
Keine Rosen. Keine teure Verpackung.
Die Stiele waren unterschiedlich lang, einige Blüten schon leicht geknickt.
Zwischen ihnen steckte ein gefalteter Zettel.
Katharina öffnete ihn.
In ungelenker Handschrift stand dort:
Du bist nicht der Rollstuhl. Du bist die Frau, die darin sitzt. Und die ist stärker, als sie selbst glaubt.
Katharina las den Satz zweimal.
Dann ein drittes Mal.
„Das ist das Schönste, was mir seit Jahren jemand gesagt hat.“
Markus wurde rot.
„Ich bin nicht gut mit Worten.“
„Gerade deshalb glaube ich Ihnen.“
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter.
Zum ersten Mal seit dem Unfall fühlte sie sich nicht nur respektiert.
Sie fühlte sich begehrt, ohne betrachtet zu werden wie ein seltenes Ausstellungsstück.
Eines Abends fuhren sie zu einer alten Steinbrücke außerhalb der Stadt.
Katharina hatte Markus einmal erzählt, dass sie dort als Jugendliche mit ihrer Mutter spazieren gegangen war.
Ihre Mutter hatte oft gesungen. Beim Kochen, beim Wäscheaufhängen, selbst beim Fensterputzen.
Als Katharina fünfzehn war, hatte sie ihr gesagt, sie wolle keine Musik studieren. Sie wolle etwas Sicheres. Etwas Großes.
Ihre Mutter hatte nur geantwortet:
„Was immer du tust, tu es mit ganzem Herzen.“
Zwei Jahre später starb sie.
Katharina baute später das Unternehmen ihres Vaters aus, führte es durch Krisen und machte es erfolgreicher, als es je gewesen war.
Doch ihre Mutter erlebte nichts davon.
Auf der Brücke blieb Katharina stehen.
Der Fluss lag dunkel unter ihnen.
„Ich dachte früher, wenn ich erfolgreich genug werde, hört die Sehnsucht irgendwann auf.“
Markus nahm ihre Hand.
„Hat sie nicht, oder?“
„Nein.“
„Vielleicht sollte sie das auch nicht.“
Katharina sah ihn an.
„Warum?“
„Weil Sehnsucht bedeutet, dass jemand wichtig war.“
Sie schloss die Augen.
Niemand hatte ihr das je so gesagt.
Am Ende der Brücke drückte Markus ihre Hand.
„Sie hätte sich nicht für Ihre Zahlen interessiert“, sagte er. „Sie hätte gesehen, dass Sie noch immer versuchen, mit ganzem Herzen zu leben.“
Katharina weinte leise.
Nicht aus Trauer allein.
Sondern weil ein Mann, der in einer kleinen Werkstatt alte Autos reparierte, etwas in ihr heilte, das kein Therapeut, kein Vorstandskollege und kein Familienmitglied hatte erreichen können.
Doch dann verschwand Markus.
Zuerst antwortete er einen Tag lang nicht.
Dann zwei.
Katharina schrieb ihm.
Ist alles in Ordnung?
Keine Reaktion.
Am vierten Tag rief sie an.
Die Mailbox ging sofort an.
Eine Woche später erschien eine Nachricht.
Ich habe jemand anderen kennengelernt. Du verdienst etwas Besseres.
Katharina starrte auf die Worte.
Sie passten nicht zu ihm.
Keine Anrede. Kein Abschied. Nicht einmal ein Punkt.
Trotzdem trafen sie sie wie ein Schlag.
Sie stellte das Telefon auf den Tisch und rollte ins Wohnzimmer.
Draußen ging das Leben weiter.
Ein Bus hielt an der Haltestelle. Jemand lachte auf dem Gehweg. Im Nachbarhaus klapperte Geschirr.
Katharina saß im Dunkeln.
Ihr Vater hatte nach dem Unfall gesagt:
„Du musst dich damit abfinden, dass nicht jeder Mann diese Verantwortung übernehmen will.“
Damals hatte sie geschwiegen.
Jetzt hörte sie seine Stimme wieder.
Vielleicht hatte er recht gehabt.
Vielleicht war Markus nur freundlicher gewesen als die anderen.
Vielleicht hatte sie Dankbarkeit mit Liebe verwechselt.
In der Werkstatt, am anderen Ende der Stadt, saß Markus unter einer flackernden Neonröhre.
Seine Unterlippe war aufgeplatzt. An der Wange bildete sich ein dunkler Bluterguss.
Zwei Männer hatten ihn nach Feierabend hinter der Werkstatt abgefangen.
Sie trugen Mäntel, sprachen ruhig und wussten genau, wer Katharina war.
„Sie passen nicht in ihr Leben“, hatte einer gesagt.
Markus hatte gefragt, wer sie geschickt hatte.
Die Antwort kam mit einem Schlag gegen den Kiefer.
„Ihr Vater lässt ausrichten, dass Sie verschwinden sollen.“
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