Als Adal an meinem Fenster auf mich wartete, merkte ich zum ersten Mal, dass dies keine Geschichte über einen alten Kater war.
Es war die Fortsetzung von etwas, das ich zu lange für beendet gehalten hatte.
Am Anfang waren es nur Kleinigkeiten.
Adal fraß morgens erst, wenn ich in der Küche stand. Nicht unbedingt direkt neben ihm. Aber sichtbar. Als müsse jemand bezeugen, dass dieser Tag wirklich angefangen hatte.
Wenn ich zu spät von der Arbeit kam, saß er schon im Fenster und sah auf die Straße, als würde er persönlich Beschwerde einreichen wollen.
Und ich, ein Mann weit über fünfzig mit zu empfindlichen Knien und einer Vorliebe für zu starken Filterkaffee, begann auf einmal, mich zu beeilen, um rechtzeitig zu Hause zu sein.
Früher hatte ich meine Jacke irgendwo hingeworfen, den Fernseher angemacht und den Abend irgendwie totgeschlagen.
Jetzt öffnete ich die Tür, und da war schon jemand.
Ein Kater, gewiss.
Aber eben nicht nur das.
Adal war keiner von diesen verschmusten Tieren, die einem dauernd auf den Schoß wollen. Dafür war er zu stolz. Zu eigen. Zu sehr Herr seiner Meinung.
Er hatte seine Regeln.
Der Sessel am Fenster gehörte ihm.
Die rechte Seite des Sofas in den Abendstunden ebenfalls.
Und wenn ich nachts aufstand, weil ich mal wieder vergessen hatte, das Küchenfenster richtig zu schließen, stand er im Flur wie ein schlecht gelaunter Hausmeister und kontrollierte, was ich da trieb.
Trotzdem wurde aus uns nach und nach etwas, das ich lange nicht mehr gehabt hatte.
Nicht bloß Gewohnheit.
Verlässlichkeit.
Manchmal erzählte ich ihm beim Abendessen von meinem Tag.
Nicht, weil ich glaubte, dass ihn der Inhalt interessierte. Das tat er vermutlich nicht.
Aber er hörte zu auf eine Art, wie es nur Wesen können, die einen nicht unterbrechen, nicht korrigieren und nicht so tun, als hätten sie es eilig.
„Schmidt aus Hausnummer 14 hat wieder behauptet, sein Brief wäre zerknittert angekommen“, sagte ich dann.
Adal blinzelte langsam.
„War er auch“, gab ich zu.
Er drehte den Kopf weg, als wolle er sagen: Dann jammer nicht rum.
So ging das eine ganze Weile.
Und je normaler alles wurde, desto mehr merkte ich, wie unnormal mein Leben vorher gewesen war.
Meine Wohnung hatte früher nie nach etwas gerochen, das mit Leben zu tun hatte. Eher nach Staub, Kaffee und diesem stillen Nichts, das sich in Räume legt, in denen niemand wartet.
Jetzt roch sie nach Katzenfutter, nach gewaschener Decke auf der Fensterbank und manchmal nach diesen seltsamen Leckerchen, die nach Huhn aussahen, aber chemisch genug rochen, um auch einen Heizkörper entkalken zu können.
Es war nicht besser im ordentlichen Sinn.
Es war echter.
An einem Dienstag im November blieb ich im Flur stehen und bemerkte plötzlich, dass ich summte.
Ich kann nicht einmal sagen, was es war. Irgendein altes Lied aus dem Radio.
Adal saß auf der Kommode und sah mich an, als wäre auch das eine Verhaltensänderung, die geprüft werden müsse.
„Ja, ja“, sagte ich. „Ich hör schon auf.“
Tat ich aber nicht.
Es gab Tage, da sprach ich mehr mit ihm als mit irgendeinem Menschen.
Das klang in meinem Kopf zunächst traurig.
Dann irgendwann nicht mehr.
Denn Einsamkeit ist nicht nur die Abwesenheit von Stimmen. Einsamkeit ist, wenn niemand merkt, ob man da ist oder nicht.
Adal merkte es.
Er merkte, ob ich später kam.
Ob ich müde war.
Ob ich nachts unruhig durch die Wohnung lief.
Einmal, an einem Sonntag, hatte ich einen dieser grauen Tage, an denen einen schon das Wetter beleidigt.
Nieselregen. Kalter Wind. Der Himmel wie schmutzige Watte.
Ich saß am Küchentisch und starrte auf mein Handy. Meine Tochter Klara hatte seit fünf Tagen nicht zurückgerufen. Nichts Dramatisches. Sie hatte ihr eigenes Leben, ihren Beruf, ihre Familie.
Ich wusste das.
Und doch gibt es solche Tage, an denen Wissen nichts gegen das alte Gefühl ausrichtet, nicht mehr wirklich vorzukommen.
Adal sprang auf den freien Stuhl neben mir.
Nicht auf meinen Schoß. Das wäre zu viel Gefühl auf einmal gewesen für uns beide.
Nur auf den Stuhl.
Dann legte er eine Pfote auf den Tisch.
Einfach so.
Als würde er sagen: Nun sitz nicht da wie ein vergessener Mantel. Mach was.
Ich musste lachen.
Und genau in diesem Moment klingelte mein Handy.
Klara.
„Papa, es tut mir leid“, sagte sie, noch bevor ich Hallo sagen konnte. „Die Woche war völlig verrückt.“
Ich lehnte mich zurück und sah Adal an.
Er zog die Pfote ein, geschniegelt und unbeteiligt, als hätte das alles nichts mit ihm zu tun.
„Schon gut“, sagte ich. „Ich bin da.“
Von da an rief Klara öfter an.
Nicht jeden Tag.
Das wäre auch zu viel verlangt.
Aber regelmäßiger. Ehrlicher. Weniger pflichtschuldig.
Vielleicht, weil ich anders sprach.
Weniger wie jemand, der versucht, niemandem zur Last zu fallen.
Mehr wie jemand, der wieder ein eigenes Leben hatte, von dem er erzählen konnte.
Sie lachte zum ersten Mal seit Jahren wirklich, als ich ihr beschrieb, wie Adal jeden Lieferkarton behandelte, als sei er eine persönliche Beleidigung.
„Er klingt wie Opa“, sagte sie.
Ich schwieg kurz.
„Ein bisschen, ja“, sagte ich dann.
Es war das erste Mal, dass jemand Herr Kanbach wieder in einen Satz holte, ohne dass es mir im Brustkorb weh tat.
Im Dezember fing Adal an zu husten.
Nur leicht erst.
Ein raues, kurzes Geräusch, das er danach mit gekränktem Gesichtsausdruck kommentierte, als wäre sein eigener Körper taktlos geworden.
Ich redete mir ein, es sei nichts. Ein Haar. Trockene Heizungsluft. Irgendetwas Harmloses.
Aber nach drei Tagen fuhr ich doch mit ihm in eine Tierarztpraxis am Stadtrand.
Adal hasste die Transportbox mit einer Würde, die fast bewundernswert war.
Er sagte keinen Laut.
Er sah mich nur die ganze Fahrt über an, als speichere er diese Kränkung für spätere Vergeltung.
Im Wartezimmer saßen ein junger Mann mit einem nervösen Dackel und eine ältere Dame mit Wellensittichkäfig.
Adal saß in seiner Box wie ein ehemaliger General in Gefangenschaft.
Als wir dran waren, hörte die Tierärztin Herz und Lunge ab, hob ihn vorsichtig hoch, tastete ihn ab und sagte schließlich, es sei nichts Akutes. Altersbedingt. Empfindliche Bronchien. Wir sollten es im Blick behalten.
Sie sprach ruhig, freundlich, ohne diese falsche Fröhlichkeit, die manche Leute alten Tieren gegenüber haben.
Dann fragte sie: „Haben Sie ihn schon lange?“
Ich sah zu Adal hinunter.
„Noch nicht so lange“, sagte ich. „Aber irgendwie doch.“
Sie lächelte nur und schrieb etwas auf.
Auf dem Rückweg kaufte ich eine weichere Decke für die Fensterbank und einen kleinen Luftbefeuchter, von dem ich früher überzeugt gewesen wäre, dass ihn nur Menschen kaufen, die zu viel Zeit haben.
Am Abend saß Adal auf seiner neuen Decke, hustete nicht ein einziges Mal und sah mich an, als wolle er sagen: Endlich einmal eine sinnvolle Anschaffung.
Im Januar kam der erste richtige Schnee.
Nicht viel.
Aber genug, dass die Straße morgens heller wirkte und die Geräusche gedämpfter.
Adal saß am Fenster und sah hinaus, während kleine Flocken gegen die Scheibe trieben. Seine Haltung war so aufrecht, dass ich plötzlich wieder das alte Bild vor mir hatte. Herr Kanbach im Wohnzimmer. Ein warmer Pullover. Ein müdes Lächeln. Und dieser Kater als kleiner roter Wachposten.
„Er würde dich so sehen wollen“, sagte ich leise.
Adal reagierte nicht.
Aber er blieb sitzen.
Und ich hatte auf einmal nicht mehr das Gefühl, etwas Verräterisches zu tun, indem ich diesen Kater bei mir hatte.
Früher hatte ich manchmal gedacht, ich hätte jemanden ersetzt.
Doch so war es nicht.
Ein Herz ist kein Wartezimmer, in dem immer nur einer Platz hat.
Es kann trauern und trotzdem wieder jemanden hineinlassen.
Vielleicht gilt das für Menschen.
Vielleicht auch für Kater.
Kurz vor Weihnachten fragte Klara, ob ich an den Feiertagen zu ihr kommen wolle.
Früher hätte ich vermutlich sofort abgesagt, um niemandem Umstände zu machen.
Stattdessen fragte ich: „Und was ist mit Adal?“
Sie lachte. „Den bringst du mit. Die Kinder drehen durch, wenn sie hören, dass du jetzt mit einem Kater reist.“
Ich war mir nicht sicher, was von uns beiden die größere Herausforderung war.
Die zweistündige Fahrt zu meiner Tochter verlief unerquicklich, aber überlebbar.
Adal verbrachte die erste halbe Stunde damit, mir jede Entscheidung meines Lebens vorwurfsvoll vor Augen zu führen.
Danach ergab er sich seinem Schicksal und schlief.
Klara wohnte mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer kleinen Stadt mit viel zu neuen Gehwegen und zu wenig schiefen Häusern.
Als wir ankamen, riss mein Enkel Jonas die Tür auf und rief: „Opa ist da! Und die Katze!“
„Kater“, sagte ich automatisch.
„Ist mir egal“, rief er und grinste.
Adal wurde in den ersten zwanzig Minuten behandelt wie ein Staatsgast.
Es gab Vorschläge für Futter, Schlafplätze, Spielzeug, Namenserweiterungen und völlig unsinnige Speisepläne.
Adal fand alles unerquicklich.
Er verzog sich unter das Gästebett, kam erst nach zwei Stunden wieder hervor und spazierte dann mit der Miene eines strengen Prüfers durchs Wohnzimmer, als wolle er den baulichen Zustand des gesamten Hauses bewerten.
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