Als der alte Kater weiter am Fenster wartete, begann für uns beide ein neues Zuhause

Am Abend saßen wir alle am Tisch.

Es war laut. Es war eng. Es fiel Besteck runter. Jemand verschüttete Apfelsaft. Irgendwer lachte zu laut.

Und mitten in diesem Durcheinander lag Adal unter Klaras Stuhl, die Pfoten ordentlich untergeschlagen, und schlief.

Ich weiß nicht, warum mir gerade das so naheging.

Vielleicht weil er dort nicht mehr wirkte wie ein Tier, das nur noch aushielt.

Sondern wie jemand, der beschlossen hatte, dass dieses Leben vielleicht auch für ihn noch einen Platz frei hatte.

Später, als die Kinder im Bett waren, stand Klara mit mir in der Küche.

Sie trocknete Teller ab, ich stellte sie in den Schrank.

So nebeneinander hatten wir lange nicht gestanden.

„Du klingst anders in letzter Zeit“, sagte sie irgendwann.

„Besser oder schlimmer?“

„Besser“, sagte sie sofort. „Weniger, als würdest du dich selbst dauernd kleiner machen.“

Ich antwortete nicht gleich.

Dann sah ich durchs Küchenfenster in die kalte Nacht hinaus.

„Vielleicht“, sagte ich, „weil da wieder jemand ist, der auf mich wartet.“

Klara legte das Geschirrtuch hin.

„Dann hat dieser Kater dir mehr geholfen, als du ihm.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein. Andersrum. Oder vielleicht beides.“

Sie nickte nur, als verstünde sie das.

Und zum ersten Mal seit Langem fühlte sich Stille zwischen uns nicht leer an.

Nach Neujahr nahm das Leben seinen gewöhnlichen Lauf wieder auf.

Arbeit. Einkaufen. Wäsche. Der kleine tägliche Verschleiß.

Aber es war nicht mehr dasselbe Leben.

Ich begann sogar, manchmal bei der Nachbarin im Haus gegenüber stehen zu bleiben, wenn sie mit ihren Einkaufstaschen rang. Half ihr die Stufen hoch. Wechselte ein paar Worte.

Nicht aus Pflichtgefühl.

Eher, weil ich gemerkt hatte, wie wenig es manchmal braucht, damit ein Tag nicht ganz so eng wird.

Im Februar hing an unserem Schwarzen Brett im Hausflur ein Zettel.

Lesepaten für das Stadtteilcafé gesucht.

Früher wäre ich daran vorbeigelaufen. Zu müde. Zu bequem. Zu überzeugt davon, dass andere besser für so etwas geeignet seien.

Diesmal blieb ich stehen.

Am Abend saß ich mit dem Zettel in der Küche.

Adal kaute neben mir auf eine Weise auf seinem Futter, die erstaunlich wertend klang.

„Du meinst also, ich soll das machen?“

Er hob nicht mal den Kopf.

Ich rief trotzdem am nächsten Tag an.

Zwei Wochen später saß ich in einem kleinen Raum mit sechs Grundschulkindern und las aus einem Buch vor, in dem ein Hund klüger war als alle Erwachsenen zusammen.

Ich war furchtbar nervös.

Die Kinder nicht.

Die sagten direkt, wenn etwas langweilig war, und lachten laut, wenn etwas gut war. Das hatte auch etwas Befreiendes.

Nach der Stunde fragte mich ein Junge mit abstehenden Ohren: „Lesen Sie nächste Woche wieder?“

Ich hätte beinahe aus Reflex gesagt: „Mal sehen.“

Stattdessen sagte ich: „Ja. Wieder.“

Als ich nach Hause kam, saß Adal im Fenster und sah hinaus.

Ich stellte die Tasche ab, zog die Schuhe aus und sagte: „Du wirst es nicht glauben, aber ich glaube, ich hatte heute einen guten Tag.“

Er drehte sich um.

Und ich hätte schwören können, dass er zufrieden aussah.

Im März wurde es milder.

Die Luft roch an manchen Tagen schon nach nasser Erde statt nur nach Kälte.

Ich putzte die Fenster, was ich jahrelang nur halbherzig getan hatte. Adal saß daneben und beobachtete mich mit unverhohlener Kritik.

Als ich die Fensterbank abwischte, fiel hinter den alten Heizkörper ein kleines, vergilbtes Foto.

Ich hielt es erst für irgendeinen Werbezettel.

War es aber nicht.

Es war ein altes Bild, wahrscheinlich aus Herr Kanbachs Haus, irgendwie zwischen Adals Decke und meinen Dingen geraten, als ich ihn damals mitnahm.

Darauf saß Herr Kanbach im Garten auf einem Klappstuhl.

Jünger, als ich ihn kennengelernt hatte. Vielleicht Ende sechzig. Auf dem Schoß ein deutlich jüngerer, aber unverkennbar derselbe rote Kater mit diesem beleidigten Gesicht.

Auf der Rückseite stand in krakeliger Schrift:

Adal nach seinem ersten Frühling bei uns. Hält sich schon für den Hausherrn.

Ich setzte mich mit dem Foto an den Küchentisch.

Adal sprang auf den Stuhl neben mir, schnupperte kurz daran und setzte sich.

Wir saßen beide eine Weile still da.

„Na ja“, sagte ich irgendwann. „Warst du wohl schon immer.“

Am nächsten freien Tag ging ich mit dem Foto zum kleinen Friedhof am Stadtrand, auf dem Herr Kanbach lag.

Ich war vorher nie dort gewesen.

Nicht aus Gleichgültigkeit. Eher aus dieser unbeholfenen Scheu, die manche Menschen vor Gräbern haben, wenn sie glauben, kein richtiges Recht darauf zu besitzen.

Ich stellte keine Blumen hin.

Das hätte gekünstelt gewirkt.

Ich stand einfach da, mit dem Foto in der Jackentasche und kaltem Wind im Gesicht, und sagte leise: „Er ist in Ordnung. Nur damit Sie’s wissen.“

Mehr brauchte es nicht.

Manche Sätze müssen nicht groß sein, um wahr zu sein.

Als ich nach Hause kam, saß Adal wieder am Fenster.

Das tat er oft.

Aber an diesem Tag sah es für mich anders aus.

Nicht mehr wie Warten auf etwas, das nie zurückkehren würde.

Sondern wie ein stilles Einverständnis mit dem, was gewesen war.

Und mit dem, was jetzt war.

Im April, fast genau ein Jahr nachdem Herr Kanbach gestorben war, klingelte es an einem Samstagvormittag.

Vor der Tür stand die Frau von zwei Häusern weiter.

Die Nachbarin, die mir damals gesagt hatte, was passiert war.

Sie hielt einen flachen Karton in den Händen.

„Ich habe beim Aufräumen noch etwas gefunden“, sagte sie. „Ich dachte, vielleicht gehört das zu Ihrem roten Herrn.“

Im Karton lag eine alte, weiche Wolldecke und ein Keramiknapf mit abgesplittertem Rand.

Auf der Unterseite stand mit Filzstift: Adal.

Mir verschlug es kurz die Sprache.

„Herr Kanbach hatte mich vor Jahren mal gebeten, ein paar Sachen aufzuheben, falls bei ihm irgendwann… na ja.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe es ehrlich gesagt vergessen. Tut mir leid.“

„Nein“, sagte ich. „Schon gut. Danke.“

Sie zögerte.

„Geht es ihm denn gut? Dem Kater?“

Ich trat einen Schritt zur Seite, damit sie hereinsehen konnte.

Adal saß im Flur, geschniegelt, wach und mit genug Würde, um einen ganzen Gemeinderat einzuschüchtern.

Die Frau lächelte richtig.

„Ach“, sagte sie. „So sah er früher immer aus.“

Nachdem sie gegangen war, legte ich die Decke auf den Sessel am Fenster.

Adal sprang ohne Zögern hinauf, drehte sich zweimal im Kreis und ließ sich nieder, als wäre ein Teil seines alten Lebens leise an den richtigen Platz zurückgekehrt.

Er schlief fast den ganzen Nachmittag.

Zum ersten Mal empfand ich dabei keinen Stich mehr.

Nur Wärme.

Am Abend setzte ich mich mit einer Tasse Tee daneben.

Die Sonne lag flach über den Dächern, und im Glas spiegelten sich Straße, Himmel und ein alter Kater, der schon mehr Verlust erlebt hatte, als gut für ein einziges Herz ist.

Und trotzdem war er noch hier.

Noch offen genug, um am Fenster zu sitzen.

Noch mutig genug, um einem Menschen wieder zu vertrauen.

Ich dachte an Herrn Kanbach.

An meine stummen Abende nach der Scheidung.

An die Jahre, in denen ich glaubte, man müsse sich mit einer kleineren Version seines Lebens zufriedengeben, sobald genug verloren gegangen sei.

Vielleicht stimmt das für manche Dinge.

Für Liebe nicht.

Liebe wird im Alter nicht kleiner.

Sie wird vorsichtiger vielleicht.

Leiser.

Weniger verschwenderisch.

Aber wenn sie zurückkommt, dann oft in einer Form, die man vorher gar nicht erkannt hätte.

Als ein Anruf der Tochter.

Als eine offene Tür zu Weihnachten.

Als sechs Kinder in einem kleinen Raum, die wollen, dass man nächste Woche wiederkommt.

Oder als ein alter roter Kater mit eingerissenem Ohr, der jeden Nachmittag am Fenster sitzt, bis man heimkehrt.

Heute, wenn ich die Treppe hochkomme, sehe ich ihn schon von draußen.

Manchmal tut er so, als wäre ihm mein Kommen völlig egal.

Dann dreht er nur ein Ohr in meine Richtung.

Aber sobald der Schlüssel im Schloss ist, steht er auf.

Langsam, alterswürdig, mit dieser leicht beleidigten Miene, die wohl nie verschwinden wird.

Und wenn ich eintrete, läuft er mir entgegen.

Nicht hastig.

Nicht dramatisch.

Einfach sicher.

Als hätte er schon vor langer Zeit beschlossen, dass ich dazugehöre.

Und ich glaube, genau darum geht es am Ende.

Nicht darum, wen wir zuerst geliebt haben.

Nicht darum, wen wir verloren haben.

Sondern darum, ob wir nach all dem Kummer noch den Mut finden, die Tür wieder aufzumachen.

Für einen anderen Menschen.

Für ein Tier.

Für einen weiteren Frühling.

Adal sitzt noch immer am Fenster.

Aber er wartet nicht mehr auf das, was fort ist.

Er wartet auf das, was jetzt sein Zuhause ist.

Und drinnen wartet inzwischen auch jemand auf ihn.

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