Als der streunende Kater blieb, fand auch ich langsam wieder nach Hause

Als der Streuner das erste Mal in meinem Bett schlief, habe ich gemerkt, dass in meiner Wohnung etwas noch einsamer war als ich.

Ich wohnte da seit sechs Wochen und hatte immer noch nicht mal die Hälfte meiner Kisten ausgepackt.

Nicht, weil ich keine Zeit hatte.

Eher, weil ich keinen richtigen Grund gesehen habe.

Die Wohnung war klein, zugig und abends immer ein bisschen zu still. Ein Schlafzimmer, alter Teppich, eine schwache Heizung und diese Lampe in der Küche, die ständig summte, als wollte sie sich beschweren.

Ich war dort eingezogen, nachdem meine Ehe kaputtgegangen war. Kurz danach wurden mir auf der Arbeit auch noch die Stunden gekürzt.

So etwas macht einen schneller klein, als man denkt.

Die meisten Abende aß ich Suppe aus derselben angeschlagenen Schüssel und sah fern, bis mir die Augen zufielen.

Danach ging ich zu früh ins Bett, einfach damit der Tag endlich vorbei war.

Ungefähr in dieser Zeit tauchte der Kater auf.

Er war rot, aber nicht so schön und leuchtend wie auf irgendwelchen Kalenderbildern. Eher stumpf. Ein eingerissenes Ohr. Dreckige Pfoten. Viel zu dünn.

Er sah aus wie einer, der schon lange gelernt hatte, von nichts auszugehen und genau deshalb noch am Leben war.

Am ersten Abend saß er unter dem kaputten Geländer vor meiner Tür und sah mir zu, wie ich aufschloss, als würde er prüfen, ob ich hier überhaupt hingehöre.

Ich sagte: „Du wohnst hier aber nicht.“

Er blinzelte einmal. Langsam. Als wäre ich ihm völlig egal.

Am nächsten Abend war er wieder da.

Ich stellte ihm eine Schale mit Wasser raus.

Am Abend danach legte ich ihm etwas Thunfisch hin, den ich noch im Kühlschrank hatte. Er fraß alles in wenigen Sekunden und war verschwunden, bevor ich die Tür wieder ganz zu hatte.

So fing das an.

Er kam in der Dämmerung.

Fraß.

Und ging wieder.

Nie blieb er länger als nötig. Nie ließ er mich nah genug an sich ran.

Ich redete mir ein, dass es mir egal war. Dass ich einfach nur ein hungriges Tier fütterte. Mehr nicht.

Aber nach einer Woche merkte ich, dass ich schon auf ihn wartete.

Nach zwei Wochen fing ich an, mit ihm zu reden.

Nichts Besonderes. Nur diese müden kleinen Sätze, die man sonst niemandem sagt.

„War ein langer Tag.“

„Heute Nacht gibt’s bestimmt Regen.“

„Früher hab ich mal richtig gekocht, glaub’s oder nicht.“

Dann saß er ein paar Meter entfernt und sah mich an, als wäre er sich noch nicht sicher, ob ich harmlos oder bloß ein Trottel bin.

Eines Nachmittags sah mich meine ältere Nachbarin von gegenüber, wie ich ihm Futter rausstellte.

Sie sagte: „Gewöhn dich nicht zu sehr an den. Solche Katzen gehören niemandem.“

Ich lachte, als würde ich ihr zustimmen.

Aber der Satz blieb mir im Kopf.

Vielleicht, weil ich genau wusste, was sie meinte.

Manche kommen nur nah, wenn sie etwas brauchen.

Und manche verschwinden genau in dem Moment, in dem man anfängt zu hoffen, dass sie vielleicht doch bleiben.

Ein paar Tage später kam er nicht.

In der ersten Nacht stand ich länger am Fenster, als ich zugeben möchte.

In der zweiten Nacht ging ich zweimal vor die Tür und rief leise nach ihm. Dabei kam ich mir ziemlich dumm vor.

Am dritten Tag kam ich nach Hause an so einem Abend, an dem einfach alles zu viel ist.

Im Briefkasten lag schon wieder Post, auf die ich gut hätte verzichten können. Mein Rücken tat weh. Und die Stille in der Wohnung war so schwer, dass sie fast beleidigend wirkte.

Noch vor dem Abendessen zog der Himmel zu.

Dann kam das Unwetter.

Nicht so ein bisschen Regen.

Ein richtiges.

Der Wind drückte gegen die Fenster. Der Regen prasselte so hart gegen die Hauswand, dass es klang, als würde jemand Kies dagegenwerfen. Zweimal flackerte das Licht, dann blieb es an.

Ich stand an der Spüle und sah hinaus auf die Lampe über der Tür, die nur noch schwach durch den Regen schimmerte.

Und da war plötzlich dieser dumme Schmerz in meiner Brust. Wegen eines Katers, der sich nicht ein einziges Mal von mir hatte anfassen lassen.

Ich sagte mir, dass er schon irgendwo untergekommen sein würde. Unter einem Vordach. In einem Schuppen. Unter einem Auto. Irgendwo eben.

Er schuldete mir nichts.

Trotzdem legte ich das alte Handtuch neben die Tür.

Gegen zehn hörte ich etwas.

Nicht laut.

Nur ein leises Kratzen, kaum zu hören unter dem Lärm des Sturms.

Ich machte die Tür auf.

Und da war er.

Ganz hinten in die Ecke gedrückt, klatschnass, schnell atmend, die Augen groß und fest auf mich gerichtet.

Er lief nicht weg.

Daran erinnere ich mich bis heute am meisten.

Nicht an den Donner. Nicht an den Regen.

Sondern daran, dass er einfach sitzen blieb und mich ansah, als hätte er keine andere Möglichkeit mehr und müsste jetzt entscheiden, ob ich eine davon bin.

Ich machte einen Schritt zurück und sagte nur:

„Na komm. Du kannst rein.“

Mehr nicht.

Ich griff nicht nach ihm. Ich machte keine hektischen Bewegungen.

Er blieb noch einen Moment sitzen.

Dann lief er einfach an mir vorbei in die Wohnung, als hätte er schon länger darüber nachgedacht.

Ich schloss die Tür hinter ihm, und auf einmal fühlte sich alles anders an.

Ich trocknete ihn mit dem alten Handtuch ab, so gut es eben ging, wobei er sehr deutlich zeigte, dass er das alles für unter seiner Würde hielt.

Ich baute ihm aus einem Karton und einem alten Pullover einen Schlafplatz neben der Heizung.

Er schnupperte kurz daran, drehte eine Runde und ignorierte das Ganze dann vollständig.

Ich dachte nur: Na gut, dann eben nicht.

Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil meine Füße warm waren.

Er lag da.

Zusammengerollt an meinem Knöchel, als hätte er schon immer dorthin gehört. Ganz ruhig. Tief schlafend. Und auf diese stille, selbstverständliche Art vertraute er mir einfach.

Ich lag im Dunkeln und weinte so leise, dass man es kaum hören konnte.

Nicht, weil es traurig war.

Sondern weil es so lange her war, dass sich irgendetwas Lebendiges entschieden hatte, bei mir zu bleiben.

Am Morgen war der Sturm vorbei.

Durch die Jalousien fiel schmales gelbes Licht.

Für einen Moment dachte ich, ich hätte mir das alles nur eingebildet.

Dann sah ich nach unten.

Er war noch da.

Jetzt lang ausgestreckt, eine Pfote auf meinem Bein, als wollte er sichergehen, dass nicht ich zuerst verschwinde.

Ich nannte ihn Rudi.

Es war so ein Name, der zu jemandem passt, der harte Jahre hinter sich hat und trotzdem noch da ist.

Abends schleicht er immer noch manchmal raus.

Und manchmal tut er immer noch so, als wäre diese Wohnung nur ein Ort, den er gerade so duldet.

Aber jede Nacht kommt er zurück in mein Bett.

Und ich glaube, genau so sieht Heilung bei manchen Menschen aus.

Nicht auf einmal.

Nicht mit großen Worten.

Nicht mit irgendeinem besonderen Moment.

Manchmal passiert sie einfach so, dass ein verletztes Wesen ein anderes ansieht und sich, trotz allem, dafür entscheidet:

Vielleicht ist das hier ein Zuhause.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen