Drei Wochen nachdem Rudi das erste Mal an meinem Knöchel eingeschlafen war, kratzte er nachts nicht an meiner Tür, sondern an der von jemandem, den ich bis dahin kaum wahrgenommen hatte.
Bis dahin hatte ich angefangen zu glauben, dass sich mein Leben vielleicht wirklich in diesen kleinen, unspektakulären Dingen verschieben konnte.
Nicht mit einem großen Knall.
Nicht mit irgendeinem Satz, der alles wieder gut macht.
Sondern damit, dass morgens jetzt noch ein zweiter Atem im Zimmer zu hören war.
Rudi war kein einfacher Mitbewohner.
Er tat immer noch so, als wäre alles hier nur geliehen. Der Wassernapf wurde akzeptiert, solange ich nicht zusah. Das Futter wurde gefressen, als hätte er es aus reiner Herablassung nicht völlig verschmäht. Und sein Kartonbett neben der Heizung stand noch genauso unbenutzt da wie in der ersten Nacht.
Aber mein Bett, das hatte er sehr schnell zu seinem erklärt.
Er lag mal an meinen Füßen, mal quer über der Decke, als hätte er sich vorgenommen, genau die Stelle zu finden, an der man am schlechtesten schlafen konnte. Und trotzdem schlief ich besser als seit Monaten nicht mehr.
Ich fing an, früher aufzustehen.
Nicht aus Disziplin. Sondern weil er morgens mit dieser stillen Selbstverständlichkeit auf meiner Brust saß und mich ansah, bis ich begriff, dass die Welt offenbar schon wieder angefangen hatte und ich jetzt besser mitmachen sollte.
Ich packte zuerst nur Kleinigkeiten aus.
Eine Tasse. Ein altes Geschirrtuch. Zwei Pullover, die noch in einer Kiste lagen, weil ich bisher keinen Grund gesehen hatte, sie in den Schrank zu legen. Rudi setzte sich jedes Mal daneben, als würde er kontrollieren, ob ich das ordentlich machte.
Einmal sprang er mitten in eine Kiste mit Büchern und blieb darin sitzen, als hätte ich sie nur für ihn geöffnet.
Ich stand da, sah ihn an und musste zum ersten Mal seit langem lachen, ohne dass es sich angestrengt anfühlte.
Die Wohnung war immer noch klein.
Die Heizung war immer noch launisch. Die Lampe in der Küche summte weiterhin, als hätte sie eine persönliche Beschwerde gegen mich. Und auf der Arbeit hatte sich an meinen Stunden noch nichts geändert.
Aber wenn ich abends heimkam, war da nicht mehr nur diese abgestandene Stille.
Da war ein Tier, das manchmal schon auf der Fensterbank saß und so tat, als hätte es mich gar nicht erwartet.
Und genau das machte einen Unterschied, den ich nicht gut erklären kann.
Frau von gegenüber sah uns ein paar Tage später im Hausflur.
Rudi strich an meiner Hose entlang, was er sonst nur machte, wenn er Hunger hatte oder etwas von mir wollte. Sie blieb stehen, stemmte eine Hand in die Hüfte und sagte: „Na, der hat sich ja doch entschieden.“
Ich sagte: „Sieht fast so aus.“
Sie nickte, als hätte sie das längst gewusst.
„Hilde Mertens“, sagte sie dann, und das war das erste Mal, dass wir einander Namen nannten.
Ich stellte mich auch vor.
Danach grüßten wir uns nicht mehr nur mit diesem kurzen, höflichen Nicken von Leuten, die Tür an Tür wohnen und trotzdem nichts voneinander wissen wollen. Manchmal fragte sie, ob „der Rote“ wieder da sei. Manchmal sagte ich, dass er inzwischen so tue, als zahle er Miete.
Einmal lachte sie sogar.
Es war seltsam, wie schnell sich kleine Gewohnheiten bilden.
Ich kaufte Katzenfutter, obwohl ich mich dabei zuerst fühlte wie jemand, der etwas zugibt, was er noch gar nicht aussprechen will. Ich stellte einen zweiten Napf auf. Ich legte ein altes Handtuch ans Fußende meines Bettes, in der naiven Hoffnung, er würde vielleicht darauf schlafen.
Er ignorierte das Handtuch.
Natürlich tat er das.
Abends schlüpfte er immer noch manchmal hinaus.
Er saß dann vor der Tür, wartete, bis ich öffnete, und verschwand mit einer Würde in die Dämmerung, als hätte er dort draußen wichtige Termine. Ich redete mir ein, dass mich das nicht mehr nervös machte.
Das stimmte nicht.
An besonders kalten Abenden stand ich trotzdem öfter am Fenster, als vernünftig gewesen wäre.
Ich sah auf den Hof, auf das kaputte Geländer, auf die nasse Mauer am Müllplatz und dachte jedes Mal denselben Satz: Er weiß schon, was er tut.
Als würde das helfen.
Dann kam dieser Dienstag.
Ein grauer, dünner Tag, an dem es schon am Nachmittag wirkte, als hätte der Abend den Rest einfach zu früh verschluckt. Auf der Arbeit war alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte. Ich hatte Kopfschmerzen, kalte Hände und einen Brief in der Jackentasche, den ich noch nicht öffnen wollte, weil ich ahnte, dass nichts Gutes darin stand.
Rudi fraß früher als sonst und wollte dann raus.
„Nur kurz“, sagte ich, als hätte ich mitzureden.
Er blinzelte mich an, wie immer. Dann war er weg.
Um neun war er noch nicht zurück.
Um halb zehn sagte ich mir, dass das nichts bedeutet. Um zehn machte ich das Licht im Flur an, obwohl ich genau wusste, dass er keinen Schalter brauchte, um die Tür zu finden.
Um kurz nach zehn hörte ich das Kratzen.
Ich stand sofort auf.
Aber es kam nicht von meiner Tür.
Es kam von der Tür gegenüber.
Erst verstand ich gar nicht, was ich da sah. Rudi saß auf der Fußmatte von Frau Mertens und kratzte nicht hektisch, sondern mit einer seltsamen Beharrlichkeit an der unteren Holzkante. Dann drehte er sich zu mir um, stieß einen kurzen, rauen Laut aus, den ich von ihm noch nie gehört hatte, und kratzte wieder.
„Rudi?“
In dem Moment hörte ich von drinnen etwas.
Kein richtiger Ruf. Mehr so ein dumpfes Schlagen. Als hätte etwas leicht gegen Holz gestoßen.
Mir wurde sofort heiß.
Ich klingelte. Einmal. Zweimal. Dann klopfte ich mit der flachen Hand.
„Frau Mertens?“
Keine Antwort.
Nur wieder dieses matte Geräusch.
Rudi lief ein paar Schritte zur Seite, drehte sich wieder um und sah mich an. Ich weiß, wie verrückt das klingt, aber in dem Moment hatte ich das Gefühl, dass er nicht nervös war.
Er war einfach nur sicher, dass ich endlich kapieren würde.
Ich rief Hilfe.
Es ging dann alles schneller, als solche Dinge sich im Kopf später anfühlen. Stimmen im Hausflur. Schritte. Die Tür wurde geöffnet. Frau Mertens lag in der Küche auf dem Boden, halb seitlich, blass vor Schreck und Wut über sich selbst.
Sie war gestürzt, sagte man später.
Nichts Lebensgefährliches. Aber sie hatte nicht mehr richtig hochgekonnt, und ihr Telefon lag im Wohnzimmer auf dem Tisch, viel zu weit weg. Sie hatte wohl eine ganze Weile versucht, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen.
Rudi saß die ganze Zeit im Flur.
Als hätte er seinen Teil längst erledigt.
Später, als wieder Ruhe eingekehrt war und das Haus nach kalter Luft, nassem Mantelstoff und diesem undefinierbaren Geruch roch, der immer bleibt, wenn Aufregung durch Treppenhäuser gegangen ist, nahm ich ihn mit in meine Wohnung.
Er fraß.
Dann sprang er auf mein Bett und schlief ein.
Als wäre auch das nur ein weiterer gewöhnlicher Abend gewesen.
Frau Mertens war ein paar Tage nicht da.
Es war plötzlich stiller im Flur, und ich merkte zu meiner eigenen Überraschung, dass mich das beschäftigte. Ich stellte ihr einmal eine kleine Karte in den Briefkastenschlitz, nur zwei Sätze. Dass ich hoffe, es gehe ihr bald besser. Und dass der rote Kater seine Runde weiterhin gewissenhaft mache.
Drei Tage später klopfte es.
Sie stand vor meiner Tür, mit einem vorsichtigen Schritt und einem Verband am Handgelenk, als wäre sie hauptsächlich beleidigt darüber, dass ihr Körper sich angemaßt hatte, sie zu verraten.
„Ich wollte nur sagen“, sagte sie, noch bevor ich etwas sagen konnte, „dass ich wohl Glück hatte.“
Ich nickte.
Sie sah an mir vorbei in die Wohnung. Rudi saß auf der Fensterbank und putzte sich, ohne uns eines Blickes zu würdigen.
„Und dass ich Ihnen danke“, sagte sie dann.
Ich sagte: „Eigentlich eher ihm.“
Da sah sie zum ersten Mal seit Langem richtig weich aus.
„Ja“, sagte sie leise. „Eigentlich schon.“
Ich bot ihr Kaffee an.
Sie zögerte kurz, so wie Menschen zögern, die lange allein gelebt haben und sich erst wieder daran erinnern müssen, wie das geht. Dann trat sie ein.
Sie setzte sich an meinen kleinen Küchentisch, sah auf die halb ausgepackten Kisten und auf die summende Lampe über uns und sagte: „Sie leben hier noch nicht richtig.“
Es war nicht böse gemeint.
Nur wahr.
Ich sagte: „Bin wohl noch nicht ganz angekommen.“
Sie nickte, als wäre das etwas, das sie gut kannte.
Dann sah sie zu Rudi. „Wissen Sie“, sagte sie, „ich habe Ihnen damals nicht wegen der Katze geraten, sich nicht zu sehr an ihn zu gewöhnen.“
Ich sagte nichts.
Sie strich mit zwei Fingern über den Tassenrand. „Mein Mann ist vor drei Jahren gestorben. Danach saß dieser Kater eine Zeit lang oft vor meiner Tür. Nie lange. Nie jeden Tag. Aber oft genug, dass ich irgendwann auf seine Schritte gehofft habe.“
Ich sah sie an.
„Dann blieb er weg“, sagte sie. „Wochenlang. Und ich habe gemerkt, wie albern es ist, jemanden zu vermissen, der einem nie gehört hat. Deshalb habe ich das zu Ihnen gesagt.“
Da war auf einmal dieser Satz von damals wieder in der Küche.
Gewöhn dich nicht zu sehr an den.
Und zum ersten Mal klang er nicht hart.
Sondern müde.
„Vielleicht“, sagte ich langsam, „gehören manche eben niemandem ganz.“
Sie lächelte ein bisschen. „Oder sie gehören immer kurz den Richtigen.“
Von da an änderte sich noch etwas.
Nicht nur zwischen mir und Rudi.
Sondern auch zwischen den Türen in diesem Flur.
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