Als die Katze elf Tage wartete, verstand ich endlich, was Zuhause bedeutet

Ich dachte, mit Sonne sei Wolkes Warten endlich vorbei. Doch drei Wochen später saßen beide wieder vor meiner Wohnungstür.

Diesmal starrten sie nicht hinaus.

Diesmal lauschten sie.

Es war ein Donnerstagabend. Ich hatte gerade die kleine Lampe im Wohnzimmer eingeschaltet und den Wasserkocher in der Küche angemacht. Wolke lag wie immer halb auf Sonne, als würde er überprüfen, ob er noch da war.

Sonne schnurrte leise.

Dann hörten beide gleichzeitig auf.

Es war fast unheimlich.

Keine Pfote bewegte sich. Kein Schwanz zuckte. Nur ihre Köpfe hoben sich langsam in Richtung Flur.

Ich dachte zuerst, jemand sei im Treppenhaus.

In einem Mehrfamilienhaus hört man immer irgendetwas. Schritte. Schlüssel. Türen. Stimmen, die zu laut sind, obwohl sie nur flüstern wollen.

Aber diesmal war da nichts.

Trotzdem standen Wolke und Sonne auf.

Nicht hastig. Nicht ängstlich.

Sie gingen nebeneinander in den Flur und setzten sich vor die Wohnungstür.

Genau an dieselbe Stelle, an der Wolke elf Tage lang gewartet hatte.

Mir zog sich der Magen zusammen.

„Nein“, sagte ich leise. „Bitte nicht schon wieder.“

Wolke sah mich kurz an.

Sonne nicht.

Der rote Kater legte den Kopf schief und starrte auf den Türspalt.

Dann machte er einen Laut, den ich noch nie von ihm gehört hatte.

Kein Miauen.

Eher ein kleiner, fragender Ton.

Ich ging zur Tür und blieb einen Moment mit der Hand auf der Klinke stehen.

Vielleicht war es albern.

Vielleicht war draußen wirklich nur jemand vorbeigegangen.

Aber ich hatte bei diesen beiden Katzen gelernt, dass Tiere manchmal Dinge merken, bevor Menschen bereit sind, hinzusehen.

Also öffnete ich.

Im Treppenhaus war es still.

Das Licht war angegangen, vermutlich durch meine Bewegung. Die Stufen lagen leer da. Unten im Hausflur stand ein Paar Schuhe vor einer Tür, daneben eine Einkaufstasche. Sonst nichts.

Wolke schob sich sofort an meinen Beinen vorbei.

„Wolke“, flüsterte ich erschrocken.

Aber er lief nicht zur Treppe.

Er ging zur Wohnung gegenüber.

Zu Herrn Brandt.

Herr Brandt wohnte schon dort, als ich eingezogen war. Ein schlanker Mann Anfang siebzig, immer ordentlich gekleidet, immer höflich, aber nie warm. Wenn man ihn grüßte, nickte er. Wenn man ihn fragte, wie es ihm gehe, sagte er: „Muss ja.“

Mehr sagte er selten.

Seine Frau war vor ungefähr einem Jahr gestorben.

Seitdem stand sein Briefkasten oft länger voll.

Manchmal hörte ich seinen Fernseher durch die Wand, viel zu laut. Nicht, weil er schlecht hörte, glaube ich. Sondern weil ein lautes Zimmer weniger leer klingt.

Wolke setzte sich vor seine Tür.

Sonne setzte sich daneben.

Dann miaute Sonne wieder.

Leise.

Dringlich.

Ich stand barfuß im Treppenhaus und wusste nicht, was ich tun sollte.

Man mischt sich nicht gern ein. So sind viele von uns. Man will niemandem zu nahe treten. Man will nicht neugierig wirken. Man sagt sich, dass jeder sein eigenes Leben hat.

Aber dann kratzte Wolke ganz vorsichtig an Herrn Brandts Tür.

Nicht wild.

Nicht störend.

Nur dreimal.

Als würde er anklopfen.

Ich klopfte auch.

„Herr Brandt? Alles in Ordnung?“

Keine Antwort.

Ich wartete.

Wolke sah mich an.

Ich klopfte noch einmal, diesmal etwas fester.

„Herr Brandt? Hier ist Frau Meier von gegenüber.“

Wieder nichts.

Gerade wollte ich zurück in meine Wohnung gehen, da hörte ich es.

Ein leises Geräusch von drinnen.

Kein Ruf.

Eher ein Schaben.

Dann eine Stimme, sehr schwach.

„Einen Moment.“

Die Tür öffnete sich nicht sofort.

Ich hörte langsame Schritte. Einen schweren Atemzug. Dann drehte sich der Schlüssel.

Herr Brandt stand in der Tür.

Er trug eine graue Strickjacke über einem Hemd, das falsch zugeknöpft war. Sein Gesicht sah müde aus. Nicht krank im dramatischen Sinn. Einfach erschöpft. So müde, wie Menschen aussehen, wenn sie zu lange alles allein machen.

„Entschuldigen Sie“, sagte ich sofort. „Die Katzen haben so reagiert, und ich dachte…“

Ich brach ab.

Denn Sonne war schon an mir vorbeigegangen.

Direkt in Herrn Brandts Wohnung.

„Sonne“, sagte ich erschrocken. „Komm zurück.“

Aber Herr Brandt hob nur die Hand.

„Lassen Sie ihn.“

Seine Stimme war rau.

Wolke folgte Sonne, als wäre das ganz selbstverständlich.

Ich blieb unsicher im Türrahmen stehen.

„Darf ich?“, fragte ich.

Herr Brandt nickte.

Seine Wohnung roch nach altem Kaffee, Möbelpolitur und diesem stillen Staub, der sich sammelt, wenn man nichts mehr umstellt, weil alles an einen Menschen erinnert, der nicht wiederkommt.

Auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer standen zwei Tassen.

Eine benutzt.

Eine leer.

Vor der leeren Tasse lag eine Zeitung.

Sonne sprang auf einen Stuhl und setzte sich davor.

Wolke blieb auf dem Teppich und schaute Herrn Brandt an.

Lange sagte niemand etwas.

Dann räusperte sich Herr Brandt.

„Meine Frau mochte rote Katzen.“

Ich sah ihn an.

Er schaute nicht zu mir. Er schaute zu Sonne.

„Wir hatten früher einen“, sagte er. „Vor vielen Jahren. Er hieß Paulchen. Ein frecher Kerl. Hat immer meine Socken aus dem Wäschekorb gezogen.“

Ein kleines Lächeln ging über sein Gesicht.

Es verschwand sofort wieder, als hätte er sich dabei ertappt.

Sonne blinzelte langsam.

Dann legte er seine Pfote auf die Zeitung.

Herr Brandt presste die Lippen zusammen.

„Heute wäre ihr Geburtstag gewesen“, sagte er.

Da verstand ich.

Nicht alles.

Aber genug.

Ich sagte nichts Schlaues. Es gibt Momente, in denen jeder gut gemeinte Satz zu groß klingt.

Also sagte ich nur: „Das tut mir leid.“

Er nickte.

Dann setzte er sich schwer in seinen Sessel.

„Ich habe die zweite Tasse hingestellt“, murmelte er. „Dumm, nicht wahr?“

„Nein“, sagte ich.

Und ich meinte es.

Sonne sprang von dem Stuhl auf seinen Schoß.

Ich hielt den Atem an.

Herr Brandt auch.

Der rote Kater stellte sich erst vorsichtig mit den Vorderpfoten auf seine Knie. Dann drehte er sich einmal im Kreis und legte sich hin, als hätte er diesen Platz schon immer gekannt.

Herr Brandts Hände blieben in der Luft hängen.

„Ich weiß nicht, ob er das mag“, sagte er unsicher.

„Er sagt Ihnen schon Bescheid“, antwortete ich.

Ganz langsam legte Herr Brandt eine Hand auf Sonnes Rücken.

Sonne schnurrte.

Nicht leise.

Nicht zaghaft.

Er schnurrte so laut, dass sogar Wolke näherkam.

Und dann passierte etwas, das mir mehr wehtat und gleichzeitig mehr guttat als alles, was ich an diesem Abend erwartet hatte.

Herr Brandt fing an zu weinen.

Still.

Ohne sein Gesicht zu verziehen.

Die Tränen liefen einfach los.

Ein alter Mann in einer ordentlichen Wohnung, mit falsch zugeknöpftem Hemd und einer unbenutzten Tasse auf dem Tisch, saß da und streichelte einen Kater, den er vor fünf Minuten noch nicht kannte.

Wolke sprang auf die Armlehne.

Er drückte seine Stirn gegen Herrn Brandts Schulter.

Da legte der Mann die freie Hand vor die Augen.

„Entschuldigen Sie“, flüsterte er.

„Müssen Sie nicht“, sagte ich.

Ich setzte mich auf den Rand des Sofas.

Eine Weile hörte man nur Sonnes Schnurren und die alte Wanduhr.

Nach ein paar Minuten sagte Herr Brandt: „Ich rede manchmal noch mit ihr.“

„Ich auch“, sagte ich, bevor ich darüber nachdenken konnte.

Er sah mich an.

Zum ersten Mal richtig.

„Mit Ihrem Mann?“

„Mit meiner alten Wohnung“, sagte ich. „Mit den Stühlen. Mit dem leeren Platz am Tisch. Manchmal mit dem Fernseher, wenn er mich fragt, ob ich noch da bin.“

Herr Brandt atmete kurz aus.

Fast ein Lachen.

„Dann sind wir wohl beide nicht ganz normal.“

„Vielleicht sind wir nur nicht so allein, wie wir tun.“

Das war der erste Abend.

Nicht der letzte.

Von da an saßen Wolke und Sonne nicht mehr nur vor meiner Tür.

Manchmal saßen sie davor, weil sie hineinwollten.

Manchmal, weil sie hinauswollten.

Und manchmal, weil sie zu Herrn Brandt wollten.

Ich kaufte keine besonderen Dinge dafür. Keine großen Pläne. Keine Regeln. Es ergab sich einfach.

Wenn ich abends Tee machte, klopfte es manchmal leise an der Wand. Dann wusste ich, Herr Brandt hatte die Nachrichten ausgeschaltet und wollte nicht allein sein.

Ich nahm zwei Tassen mit hinüber.

Sonne ging meistens zuerst.

Wolke wartete immer, bis ich kam.

Als müsste er sicher sein, dass auch ich nicht zurückblieb.

Herr Brandt erzählte nach und nach von seiner Frau.

Sie hieß Liesel.

Sie hatte gern gebacken, aber nie nach Rezept. Sie hatte jedes Jahr zu viele Balkonblumen gekauft. Sie hatte mit fremden Hunden auf der Straße gesprochen, als wären sie Nachbarn.

„Sie hätte Ihre beiden sofort geliebt“, sagte er einmal.

„Wahrscheinlich hätte sie mich dafür geschimpft, dass ich erst nur einen genommen habe“, sagte ich.

Herr Brandt sah zu Wolke und Sonne, die zusammen auf seinem alten Teppich lagen.

„Dann hätte sie recht gehabt.“

Ich musste lachen.

Nicht laut.

Aber echt.

Es war lange her, dass ich in Gegenwart eines anderen Menschen einfach gelacht hatte, ohne mich danach seltsam zu fühlen.

Die Katzen veränderten den Rhythmus des Hauses.

Nicht schnell.

Nicht wie in einem Film.

Eher wie Wasser, das langsam einen trockenen Boden wieder weich macht.

Herr Brandt fing an, seinen Briefkasten jeden Morgen zu leeren.

Ich stellte manchmal einen Teller Suppe vor seine Tür, wenn ich zu viel gekocht hatte.

Er brachte mir dafür Äpfel vom Markt mit, weil er meinte, ich würde immer die falschen kaufen.

Einmal reparierte er den wackelnden Griff an meinem Küchenschrank.

Ich sagte, das hätte nicht sein müssen.

Er sagte: „Doch. Der hat mich schon lange gestört.“

Wolke und Sonne überwachten alles.

Wolke saß auf dem Flurschrank wie ein kleiner Hausmeister.

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